Pausenzeichen (Samothrake und alte Bilder)

Noch einmal – nach 23 Jahren Pause – kehre ich für ein paar Tage nach Samothrake zurück. Die Reise reiht sich ein in die anderen Reisen dieses Jahres: ein letztes Wiedersehen und bewusstes Abschiednehmen soll es werden.

Wenn du wissen möchstest, was Samothrake mir bedeutet hat: hier und hier und noch an etlichen anderen Stellen dieses Blogs wirst du einiges dazu finden.

Auf meiner Reise nach Kassel Ende Juli stieg die Insel aus der Versunkenheit mir erneut auf, erschien am Horizont als liebliche oder gewittrige Wolke, ein heiliger Ort. So hatte ich sie vor vielen Jahren als Aquarell gemalt. So hoffe ich sie jetzt noch einmal begrüßen zu dürfen, wenn ich, mit der Fähre aus Alexandroupolis im Nordosten Griechenlands kommend, mich der Insel nähere. Ob wohl wie damals Delphine das Schiff begleiten werden?

Zwei weitere Bilder aus jenen Zeiten sah ich in Kassel wieder:

Ein Ölkreidepastell

Ein Aquarell mit Feder-Tuschlinien und eingeklebten Pergamentpapieren:

 

In acht Tagen melde ich mich zurück, Θεός θέλοντας (theos thelontas, so Gott will).

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Montag ist Fototermin: Raum- und Zeitperspektive (mit Dora)

Das Motiv zeigte ich bereits: zweimal derselbe Weg – einmal Richtung Berg, einmal Richtung Hafen fotografiert. Ich habe das eine Foto spiegelbildlich zum anderen montiert – um das Buridan-Dilemma zu illustrieren.

 

Dabei entdeckte ich eine merwürdige perspektivische Täuschung: Auf dem oberen Abschnitt der Collage sieht die Straßenführung normal aus, denn sie entspricht unseren Sehgewohnheiten. Es scheint, als liefe sie auf einer Ebene auf einen fernen Punkt zu, wobei sie sich leicht anhebt. Der untere spiegelbildliche Abschnitt scheint senkrecht abzustürzen.

Dora, dieses Wesen des Hier und Jetzt, balanziert vorsichtig auf der Trennungslinie. „Hier gehts scharf runter!“ ruft sie, „da kann man leicht abstürzen!“  Ja, denke ich, wenn man zu tief in den Abgrund der Vergangenheit schaut, kann einem schon schwindlig werden.

Als ich die Fotomontage auf den Kopf stelle, schreit Dora empört: „Hej, spinnst du?“ Sie hängt jetzt tatsächlich senkrecht am Abgrund.

Wie im Raum, ordnen sich uns die Dinge auch in der Zeit perspektivisch. Was vorbei ist, verschwindet im Abgrund des Vergessens. Es sinkt ab ins Unbewusste. Das Künftige ist entfernt und kaum zu erkennen. Auf der Linie dazwischen, im Hier und Jetzt, findet unser Leben statt.

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Dora zum AchtundzwanzigstenAchten: rote Dächer (tägliches Zeichnen)

Dora betrachtet meine gestrige Zeichnung stirnrunzelnd. „Du hast“, befindet sie,

„mal wieder das gezeichnet, was keinen Menschen interessiert.“ – „Und das wäre?“ frage ich leichthin. – „Den Sonnenkollektor für Heißwasser und den hohen Schornstein mit dem komischen Vogel drauf und die Antenne und die Stromleitung und … “ – „Schon gut, hab verstanden“, unterbreche ich sie. „Du bist halt auch eine von den modernen Romantikern, die Heißwasser und Strom und TV und Zentralheizung wollen, aber auf den Bildern soll nicht vorkommen, was dazu nötig ist“. – „Genau!“ kräht Dora. „Die Leitungen und all das Zeugs stören das Bild! Die roten Dachziegeln hättest du ruhig ordentlich zeichnen können, die sind hübsch. Gib mal her, ich klebe sie dir drauf! …

und das Meer hast du viel zu dunkel gemacht. Das gehört blau.  Und das Bananenblatt ist grün. So!“

„Na schön“, seufze ich. „Wenn du meinst? Das nächste Mal mache ich gleich ein Foto. Ich kann aber nicht garantieren, dass dann all das Zeugs, wie du es nennst, nicht draufkommt. Es ist ja nun mal da.“

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Dora zum SiebenundzwanzigstenAchten: Eierlichtgestöber

„Kommst du grad mal?“ höre ich Dora krähen. – „Sofort“, rufe ich zurück. „Aber wo steckst du?“  Ich kann sie nicht entdecken. Wegen meiner Hörgeräte erkenne ich nämlich schwer die Richtung, aus der eine Stimme kommt.

„Hier bin ich!“ schreit sie, „Bei den Eiern!“ – „Wie bitte? Ich seh dich nicht“ rufe ich zurück. „Wo gibt es hier Eier?“ – „Beeil dich!“ höre ich Doras Stimmchen. „Manche von den Dingern sind riesengroß! Ich komm hier grad nicht allein raus!“

Da seh ich sie.  Aber das sind doch keine Eier, das sind….

Egal, ich helfe Dora erstmal raus. Stolz balanciert sie eine große Menge von … , also wenn ich es nicht besser wüsste, ich würde es für Eiskugeln halten, Mir ist grad so heiß, da wäre ein großer Eisbecher sehr willkommen.

„Gefallen sie dir? Soll ich dir noch mehr holen? Es gibt da jede Menge Eier!“, erklärt Dora ein bisschen atemlos. „Jede Farbe. Und manche sind lang wie Würste!“

„Ja, hübsch sind sie, Dora!“ lobe ich sie, „und dankeschön! Aber es handelt sich nicht um Eier. In Wirklichkeit sind es….“ – „Wenn das keine Eier sind, bin ich keine Dora!“ kräht sie und taucht erneut ins Eierlichtgestöber.

 

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Heraklit und Buridans Dilemma

Οδός άνω κάτω μία και αυτή / (Der) Weg (nach) oben (und) unten (ist) ein und derselbe.

So sprach der weise Heraklitos von Ephesos (um 520 – 460 v.Chr.).

Ich aber, ich muss mich entscheiden.

Nehme ich den Weg hinauf zur Stadt, zu den Bergen und dem Wolkengebirge darüber? Oder lenke ich meine Schritte abwärts zum Hafen mit seinen Booten und dem Meer?

Da steh ich nun wie Buridans Esel zwischen zwei gleich attraktiven Möglichkeiten und kann mich nicht entscheiden.  Hinauf? Hinab? Nehme ich den einen Weg, versinkt der andere ins Unbetretene. Nehme ich den anderen Weg, versinkt der eine ins Nichtverwirklichte.

Gehe ich keinen der beiden Wege – lösen sich Raum und Zeit dann auf? Nein. Der Esel verhungert.

Ich gebe zu bedenken: Wer nicht aus freiem Willen wählt, für den wird gewählt.

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Die Frage, die Johannes Buridan (14. Jh) sich stellt (in seiner Auseinandersetzung mit der Nikomachischen Ethik des Aristoteles):

„Wäre der Wille, vor zwei vollständig identische Alternativen gestellt, in der Lage, eine Alternative der anderen vorzuziehen?“ (zitiert nach Wikipedia)

Auf eine andere Weise stellt sich das Buridan-Dilemma dem heimstrebenden Odysseus: Skylla oder Charybdis? Zweimal muss er durch die Meerenge. Das erste Mal entscheidet er sich für Skylla, das zweite Mal ist Charybdis dran. So verliert er Mannschaft und Schiff, rettet aber das nackte Leben. Und das auch nur, weil eine Göttin ihm half.

Hat das etwa etwas mit einer gewissen „alternativlosen Politik Richtung Katastrophe“ zu tun?

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Dora zum SechsundzwanzigstenAchten: Spiegelfischerei (Glasscherbenspiel)

„Was ist das?“ fragt mich Dora, als ich mal wieder ein Scherbenbild lege. –  „Ein Glasscherbenbild“, antworte ich. –  „Ja, klar, aber was ist das? Was stellt es dar?“ – „Eine Spiegelfischerin“, gebe ich zur Antwort. „Sieht man doch!“

„Sieht man doch! Sieht man doch!“ äfft mich Dora nach. „Was soll das denn sein, eine Spiegelfischerin? Nie gehört. Ich sehe jemanden mit Schild und Speer, der sich gegen anfliegende Waffen verteidigt.“ – „Na fein“, sage ich. „Dann siehst du ja was. Warum fragst du mich dann, was das ist?“ – „Weil…“ Dora stutzt und denkt nach. „Weil ich wissen wollte, was du mit deinem Bild sagen willst.“-  „Hab ich dir ja gesagt: eine Spiegelfischerin. Und als ich es dir sagte, passte es dir nicht.“ – „—-“

„Na gut“, sage ich, als ich Doras Verwirrung bemerke, „vielleicht sollte ich ein bisschen nachhelfen, damit du siehst, was ich sehe: Die Frau mit der hohen Mütze balanziert auf einem Boot. Eine Glascherbe in ihrer Hand wird zum Spiegel. Damit fängt sie Sonnenlicht ein, um Fische anzulocken. Die kommen auch gleich herbeigeschwommen. Sie möchten zu gern wissen, wie sie aussehen. Wenn sie nahe genug herangekommen sind, kann die Frau sie aufspießen.  Vielleicht genügt es ihr auch, ein wenig mit den Fischen zu spielen, indem sie den Spiegel in alle möglichen Richtungen dreht. Dann beginnen die Fische zu tanzen. Das nennt man dann ….“

„Schon gut“ kräht Dora. „Hab verstanden! Coole Erfindung! Probier ich gleich mal aus!“

Es scheint zu klappen. Aus dem feurigen Abendhimmel schwimmt ein Schwarm Fische herbei, kommt näher und näher, um sich im Spiegel zu betrachten….

Ach, alle wollen wir doch wissen, wie wir im Spiegel der anderen aussehen. Die Fische machen da keine Ausnahme. Und so lockt man uns herbei und lässt uns tanzen oder spießt uns auf, je nach gusto.

 

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Tägliches Zeichnen: Katzen und Cafegarten

Jungkatzen zu fotografieren, ist ja keine besondere Kunst. Aber sie zu zeichnen? Sie wimmeln durcheinander, sind kaum mal eine Sekunde ruhig. Mindestens das Köpfchen dreht sich, meist aber ändert sich die gesamte Haltung in kürzester Zeit. Ich machte ein paar hilfllose Versuche, sie in meinem Skizzenbuch festzuhalten.

In einem Gartencafe nahe beim Hafen machte ich eine Skizze von einer jungen Frau, die, angelehnt an eine Wand auf einer Ummauerung saß. Lauschte sie der aus dem Lokal dringenden Musik oder einer Stimme aus dem Handy? Ich konnte es aus der Entfernung nicht erkennen. Hörst du die Musik?

 

 

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Dora zum Fünfundzwanzigsten: Fritzi und das Lesen

Ich habe mich bei offener Tür ins kühlere Atelier zurückgezogen, um in der Augustus-Biographie weiterzukommen. Bald schon erscheint Fritzi, die immer häufiger meine Nähe sucht, und inspiziert den ihr noch unbekannten Raum. Als sie damit fertig ist, will sie spielen. Ich reiche ihr zu dem Zweck meine Hand, ohne meine Augen vom Buch zu nehmen.

 

Solche geteilte Aufmerksamkkeit passt Fritzi nicht. Also steigt sie mir auf den Schoß und setzt sich auf das aufgeschlagene Buch.

Dora steht dabei und lacht. „Sieh mal an!“ kräht sie. „Fritzi will das Lesen lernen!“

Ich weiß nicht, Ich habe eher den Eindruck, dass mich Fritzi am Lesen hindern will.

Wie soll ich jetzt erfahren, wie es mit Antonius, Kleopatra und ihren drei geinsamen Kindern zuende ging? Und was wurde aus Kleopatras Erstgeborenem, dem Caesarion, Sohn des großen Cäsar? Wurde er, wie sein Vater, ermordet?

„Geh mal runter, Fritzi“, sage ich und schubse sie ein bisschen. Sie springt leichtfüßig auf den Flokati und kommentiert schnippisch (in Zeichensprache): „Du kannst mich mal“…

Dora gesellt sich zu ihr und erklärt ihr mein seltsames Verhalten. „Die will lesen!“ sagt sie. „Verstaubte Geschichten von längst Verstorbenen zu lesen ist ihr wichtiger, als mit kleinen Katzen zu spielen.“

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Wetterwechsel

Plötzlich reißt die hohe Bewölkung auf, die seit Tagen kommt und geht.

Gleißendes Licht ergießt sich über die wenig bewegte Fläche des Meeres.

Ein Bootsmast betont die Senkrechte.

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Dora zum DreiundzwanzigstenAchten: Gespräch unter Tauben

Als ich heute nach dem Wetter schaue, bemerke ich drei Tauben auf der Stromleitung.  Erfreut über den seltenen Besuch hole ich mein Handy, um sie zu fotografieren.

Da erst fällt mir auf, dass sich Dora zu den Tauben gesellt hat. Bequem am Strommast lehnend, scheint sie ihnen einen Vortrag über die Funktion ihrer Latüchte zu halten. „Was machst du da oben!“ rufe ich erschrocken. „Komm sofort runter!“ – „Wieso?“ – „Es ist gefährlich, durch diese Leitungen läuft elektrischer Strom, Dora!“ – „Und wieso können die Tauben drauf rumspazieren, ohne dass ihnen was passiert?“ – „Das kann ich dir nicht auf die Entfernung erklären!“, schreie ich. „Komm erst mal runter, bitte! Und pass auf, dass du nicht in den Drähten hängenbleibst! Das ist unsere Verbindung mit der Zivilisation! Ohne die sind wir aufgeschmissen!“  – „Keine Sorge!“ schreit sie fröhlich zurück. „Ich hab doch meine Wunderlampe, die ist besser als euer oller Strom!“ und sie wippt auf dem Draht und schwenkt ihre Latüchte “ – „Nein“, schreie ich „hör sofort damit auf! Deine Wunderlampe kannst du dir sonstwo…“

Aber sie hat sich bereits wieder ihrem Gespräch mit den Tauben zugewandt und hört nicht mehr, was ich ihr und ihrer Latüchte wünsche, falls sie unsere Stromleitung kaputtmacht. Oder ist es die Telefonleitung? Egal, jedenfalls brauche ich sie.

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