Samothrake-Bericht 10 : Drei Landschaften

Die wilde, gewaltige Natur ist es, was die meisten Besucher nach Samothrake zieht. Das Inselgebirge war früher ganz von Eichenwäldern bedeckt, und auch heute gibt es noch schöne Wälder, wenngleich Raubbau und wilde Ziegen ihnen kräftig zugesetzt haben.  Bäche stürzen in mächtigen Wasserfällen herab und schieben dabei gewaltige Felsbrocken vor ich her. In den Schluchten und Tälern stehen uralte Riesenplatanen und Maronen und blüht rosa der Oleander. Schwefelhaltige heiße und klare eiskalte Quellen existieren fast nebeneinander.

A Ich habe kaum angemessene Fotos vom Zauberwald im Südosten der Insel, den viele junge Besucher zum freien Campen benutzen.

Die Mächtigkeit dieser Bäume wird am ehesten im Kontrast zur menschlichen Gestalt erkennbar. Das folgende Foto (Platanen in Therma, Samothrake) habe ich Karens website entnommen (Karen bei der Arbeit).

B In starkem Gegensatz zum üppigen Südosten der Insel steht die Westseite, mit breiterem Vorland, das für Landwirtschaft (Weizen, Viehfutter) und Viehhaltung (Ziegen, Schafe) genutzt wird.

Ich liebe diese karge, offene Landschaft fast noch mehr als die dschungelartige Vegetation der anderen Seite, die die meisten Besucher anzieht. Hier bin ich allein mit der Sonne, dem Wind und den Ziegen.

Diese Straße wanderte ich am letzten Tag hinunter.

C. Das schöne Zentraldorf Chora liegt im Inneren der Insel. Die kahle Bergflanke hat man schon vor vielen Jahren mit Pinien aufgeforstet, die eigentlich nicht auf der Insel heimisch sind.

Denselben Blick (von der alten Genueserburg herab) habe ich in frühen Jahren mal gezeichnet.

IMG_7649

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Meine Kunst, Natur, Reisen, Tiere, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 14 Kommentare

Natur- und Menschengeschichte (Samothrake-Bericht 9, mit Dora)

Schwer fand ich es an jenem Tag, so schrieb ich, mit dem genius loci des Tempelbezirks Kontakt aufzunehmen. Da fiel mein müdes Auge auf ein Stück Erde, beschattet von einer Mauer, frisches Grün spross daraus hervor. Auf die Erde musste ich mich legen, und schlafen musste ich! Denn so erschöpft und von Gedanken geplagt, wie ich war, würde ich nie und nimmer verstehen, was ich hier zu finden hoffte.

„Und?“ fragt Dora, „hat es was gebracht?“ – „Ja, freilich, kleine Dora! Ich bin sofort eingeschlafen, und als ich aufwachte, war ich angekommen.“ – „Angekommen? bist du denn im Schlaf gereist?“ – „Vielleicht. Ich weiß es nicht. Jedenfalls war die Welt im Moment des Erwachens eine andere. Mir schien, dass alles, was zuvor falsch war, nun an seinen Platz gefallen war, und ich verstand.“  – „Was hast du verstanden, wenn ich fragen darf?“ – „Ach, Dora. Das ist so schwer zu beschreiben. Kennst du das: dass alles richtig und genau so ist wie es sein muss?“ – „Na klar kenne ich das!  Ist das was Besonderes bei dir?“

Ich überlege, ob Dora und ich dasselbe meinen. Dora steht ja immer im Hier und Jetzt, ihr Zeit-Horizont geht nicht über den Moment hinaus.  Und da ist eben immer alles, wie es sein muss. Keine Frage. es kann nicht anders sein, als es ist. Mir aber ist in diesem hellen Moment des Aufwachens, als sei auch die ganze grausame Menschheitsgeschichte seit Urzeiten kein sinnloses Stückwerk, sondern eine grandiose Entfaltung und Verwandlung vergleichbar der Pflanze, die aus dem Samen sich entwickelt und verwandelt bis zur höchsten Entfaltung in der Blüte, oder wie der Schmetterling, der nach so und so vielen Verwandlungen ans Licht tritt…. und ich schaue zu und bin zugleich Teil und Mitschöpfer dieser Entfaltung und Verwandlung.

Es beginnt irgendwie mit den fürchterlichen Beben und Vulkanausbrüchen, die das Inselgebirge aus dem Erdinneren hervorschleudern. Rundum nichts als das wilde Meer und Proteus, der „Erste“, der „Alte des Meeres“, der jede Form annehmen kann. Er ist Urvater der Kabiren und offenbar so etwas wie eine Stammzelle, die noch nicht definiert ist und alles werden kann. Unendlich sind die möglichen Entwickungsreihen, und die tatsächlich realisierten sind zahlreich wie Sand am Meer. Wieviele Mineralien, Pflanzenarten, Tiergestalten! Wieviele Gestirne jeder Art und Größenordnung! Und doch zieht Ordnung ins Chaos ein. Die schier unendlich vielen Einzelphänomene setzen sich teils feindlich, teils kooperativ zueinander in Beziehung, sie ordnen sich zu einem komplexen Ganzen, das uns mit großem Staunen erfüllen kann.

Und der Menschenkosmos? Wie ist es damit?

Da sitze ich nun zwischen Schlafen und Aufwachen auf dem steinigen Boden, den junges Grün wie ein sanfter Hauch bedeckt. Und fühle in mir, sehe es auch mit dem inneren Blick, wie die Geschichte der Menschheit – durch alle Zerstörungen und Verwandlungen hindurch und allen mörderischen Zusammenstößen zum Trotz – sich ebenfalls einem inneren Gesetz folgend entfaltet. Damit das geschieht, treten gelegentlich besondere Persönlichkeiten ans Licht. Alexander der Große ist so einer. Hier wurde er bei einer Heiligen Hochzeit gezeugt. Durch seine Taten – man mag sie moralisch beurteilen wie man will – wird Griechisch im gesamten östlichen Mittelmeer mit Ausstrahlungen nach Afrika und Asien zur Gemeinsprache, der Hellenismus zur herrschenden Kultur, das aristotelische Denken und damit die Anfänge des modernen naturwissenschaftlichen Denkens verbreiten sich.  Die griechisch-sprachigen Herrscher Ägyptens, die das alte Wissen in der Bibliothek von Alexandria sammeln und behüten, bezeugen seine Bedeutung hier, am Ort, wo er gezeugt wurde, mit großen Tempelbauten….. Dreihundert Jahre später wird Rom das Erbe antreten und zugleich zerstören. Die Bibliothek von Alexandria geht in Flammen auf. Nicht Caesars Sohn, den er mit Kleopatra, der letzten Ptolemäerin, zeugte, sondern der adoptierte Oktavian, genannt Augustus (der Erhabene) wird das Erbe antreten und den Raum ordnen und unbewusst vorbereiten für den Auftritt eines noch größeren Umgestalters: Jesus wird in Bethlehem geboren. Von diesem Impuls setzt sich die Bewegung in wachsenden Kreisen fort und fort, ergreift den gesamten Erdball…

Voll erwacht, werden die spitzen Steine am Boden fühlbar. Schmerzhaft fällt mir ein, dass sich wieder einmal zwei sogenannte christliche Nationen ineinander verbissen haben und sich gegenseitig Tod und Verderben bringen. Auch die östliche Ägäis ist mal wieder gesteckt voll mit Flugzeugträgern, U-Booten und Fregatten, die herumkreuzen in Erwartung ihres Einsatzes. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, sagt der Epheser Heraklitos. Ist es so?

„Vielleicht wächst die Menschheit ja durch Krisen und Krieg schlussendlich zusammen, es sei denn, dass sie sich endgültig auslöscht“, murmele ich, mühsam aufstehend und mir den schmerzenden Rücken reibend.

Und hier noch ein paar Illustrationen des Gesagten (eigene Fotos)

a) Ost und West, Europa und Asien immer schon im Kampf gegeneinander

„Alexanderschlacht“. Mosaik, Pompeji, ca. 150–100 v. Chr., vermutlich nach einer Vorlage aus dem 4. Jahrhundert. Aufgenommen im Archäologischen Nationalmuseum Neapel, 2019.

b) Die Utopie des ewigen Friedens  (Augustus‘ Neue Weltordnung)

Relief im Ara Pacis Augustae (Friedenstempel des Augustus) in Rom, aufgenommen im Juli 2022.

c) Christi Tod und Auferstehung: das Versprechen ewigen Lebens im himmlischen Jerusalem.

Auferstehungs-Fresko im Kloster Chora in Istanbul, aufgenommen vor etwa 25 Jahren

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Dora, Geschichte, griechische Helden, Katastrophe, Krieg, Leben, Natur, Philosophie, Psyche, Trnsformation, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 6 Kommentare

Dora zum ElftenNeunten: Im Tempelbezirk (Samothrake-Bericht 7 mit täglichem Zeichnen)

Seit zwei Tagen bin ich wieder in der Mani, vorher auch in Athen. Der Mond wurde voll, nimmt nun wieder ab. Er wird jeden Tag etwa eine Stunde später erscheinen, wird Beulen bekommen, als blasser Schemen am Tageshimmel treiben und schließlich ganz verschwinden.

Die Bilder von Samothrake nehmen auch in mir ab, verblassen unaufhaltsam. Und doch, wie der Mond, der auch unsichtbar seine Wirkung ausübt, wirkt etwas, über das Sichtbare hinaus, in mir fort.

—–

Nicht das Sichtbare, das Materielle suche ich im Tempelbezirk der Kabiren, sondern die Verbindung mit einer geistigen Kraft, die man früher den spiritus loci oder auch genius loci, den Geist des Ortes nannte.

Als ich in glühender Mittagshitze durch das weitläufige Ausgrabungsgelände wandere, sehe ich einige meditierende Menschen, die offenbar Gleiches suchen. Mir gelingt es nicht.  Der Ort scheint mir wie von seinem Genius verlassen zu sein. Das macht mich traurig. Bin ich es, die den Kontakt nicht herstellen kann? Oder hat der Ort seine Kraft eingebüßt?

Ich versuche, mich zeichnend zu verbinden, setze mich auf einen Marmorblock und zeichne die aufgerichteten Säulen,  die so charakteristisch für den Bezirk sind.

Doch nichts Geistiges  will ich sich mir mitteilen, die Säulen rutschen aus dem Zentrum, während die groben Steine der Umrandung und der Baumbewuchs an Bedeutung gewinnen. Die erste Natur spricht zu mir, während der Geist der vormals angebeteten Götter stumm bleibt. Anders ist die Zeichnung desselben Motivs, die ich vor vielen Jahren, 1984, gemacht habe, mit Bleistift damals,  mit Kugelschreiber jetzt. Die Steine sind dieselben.

IMG_7651

Damals zeichnete ich auch das Theater (Kohle), dessen offene Schale den Himmel einfängt, während der Rand bereits in den Abgrund stürzen will. Jetzt ist das Gelände abgesperrt.

IMG_6379

Auch der Weg durch die Pforte des Todes, den die Frommen in alten Zeiten gingen, um in die Geheimnisse der Wiedergeburt eingeweiht zu werden, ist nun überwuchert und nicht mehr zugänglich. Und so fällt, was einst Bedeutung und höheren Sinn versprach, zurück in den Naturzustand.

In mein Raisonieren hinein höre ich Doras Stimmchen:  „Wer waren denn eigentlich diese ominösen Kabiren?“ Hm. Ja. Also. „Eigentlich waren sie Meergötter“, versuche ich eine Erklärung. „Man nannte sie die Großen Götter, aber sie waren eher Zwerge, im Vergleich zur Großen Mutter, der Kabeiro. Die wiederum hatte Proteus (der Erste), den „Alten des Meeres“ zum Vater. Proteus kann jede erdenkliche Form annehmen – und tut das auch ständig. Eben denkst du noch, er sei eine Robbe, da ist er ein Löwe, ist ein Baum, eine Flamme, ist Wasser, ist Schlange, ist Ratte. Immerzu metamorphosiert er.“

„? Was bedeutet metamor… also das Ding da?“  „Eben kein Ding, liebe Dora. Das Gegenteil von einem Ding ist Metamorphose. Es ist Verwandlung. Und die kann man eben nicht fassen, noch weniger als das Wasser oder die Luft. Alles verwandelt sich ja ständig, aber bei Proteus ist es schon sehr verwirrend, denn man weiß nie, was man grad vor sich hat.“ –

„Moment mal!“, kräht Dora. „Wie war das? Die Kabiren sind die Enkelkinder von diesem Verwandlungskünstler?“ – „Ja, so kann man es wohl sagen.“ – „Und die können sich auch verwandeln?“  – „So sieht es aus. Oder vielmehr, sie stellen die Kräfte der Verwandlung dar. Samothrake war, als diese Mythen entstanden, ein sehr wilder Ort, Erdbeben türmten sie auf und warfen alles über- und durcheinander, Stürme umbrausten sie, alles war zerklüftet, von Wald überwuchert. Das war ein mächtiges geradezu tobendes Umgestalten, das im Kabirenkult wohl ein bisschen geordnet wurde. Die Kabiren stellte man nämlich in Form von Krügen dar, in denen man Weihrauch und andere Kräuter verbrannte. In den Rauch sprach der Priester dann hinein und verband sich so mit den Göttern. All das ist nur sehr ungefähr bekannt, stammt ja aus uralten Zeiten, als noch nichts aufgeschrieben wurde. Die Tempel, von denen wir die Reste sehen, sind aus sehr viel späterer Zeit. Gebaut haben sie die Ptolemäer, also die Nachfolger von Alexander in Ägypten. Den großen Rundtempel hat Arsenoi II gebaut, und ihr Mann, der zugleich ihr Bruder war, hat …“ – „Ihr Mann war ihr Bruder?“ – Ja, Dora. Das war so unter den Pharaonen üblich, und diese griechischen Herrscher übernahmen die Sitten und Gebräuche des Landes, das sie regierten.“ – „Und warum haben diese Leute hier Tempel gebaut?“ – Ich seufze. Soll ich das wirklich noch einmal erklären? Und wenn ich erzähle, es war wegen Alexander und seiner Empfängnis hier auf der Insel … was habe ich erklärt? Wer war Alexander? Ein Gott mit göttlichem Auftrag, wie er selbst und viele der Späteren meinten, oder doch eher ein Raufbold, der den Osten mit Krieg überzog? Und was verband seine Erben, die Ptolemäer, tatsächlich mit dieser sturmgepeitschten abgelegenen Insel?

Dunkel bleiben alle Erklärungen. Und was den spiritus loci anbetrifft: Der spricht sich für mich am deutlichsten aus in den Flechten auf den alten behauenen Steinen mit Vertiefungen, in denen sich Blätter und der Kot von Ziegen sammelt.

„Hauptsache, es macht Spaß!“ tönt Dora in meine Grübelei hinein. Nun, so kann man es natürlich auch sehen.

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Architektur, Dora, Erziehung, Fotografie, Geschichte, Natur, Philosophie, Reisen, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 9 Kommentare

Dora zum ZehntenNeunten: Ruhm (Samothrake-Bericht 6, mit täglichem Zeichnen)

„Berühmt unter den Menschen weltweit ist Samothrake nicht wegen seiner goldäugigen Ziegen, seiner Eichenwälder, seiner unerschöpflichen Wasserfälle und seines Bergmassivs, das sich unvermittelt zu anderthalb tausend Metern aus dem Meer auftürmt, nicht wegen seiner berüchtigten Stürme, seiner heillenden Schwefelquellen  und seiner gewaltigen Platanen, durch die die Bäche auch im heißesten Sommer ihr Wasser spielen lassen, berühmt ist es nicht wegen der Quarzadern und der anderen bunten Gesteine, die bei seiner Entstehung aus dem Inneren der Erde hochgeschleudert wurden. Es ist nicht berühmt wegen seiner Geschichte – obgleich hier der große Alexander in Heiliger Hochzeit von Olympias empfangen wurde, und obgleich hier der Apostel Paulus erstmals europäischen Boden betrat und unter einer Eiche predigte, die ich vor ein paar Jahren noch sah, sofern es die richtige war und nicht nur eine Legende….“

IMG_7646

Eiche des Paulus, Zeichnung von 1984

„Hör schon auf!“ unterbricht mich Dora. „Ich will wissen, warum Samothrake berühmt ist, und nicht, warum es nicht berühmt ist!“ – „Ich weiß“, gebe ich zur Antwort. „mit dem, was etwas nicht ist, zu beginnen, ist ein rhetorischer Trick. Damit wird das, was etwas ist, erst ins rechte Licht gerückt.“  –  „Und das wäre dieses etwas?“ –

„Geduld! Hab Geduld, kleine Dora!  Und hör zu! Berühmt ist Samothrake unter den Menschen also nicht wegen seiner Natur und wegen seiner Geschichte, obgleich es natürlich Menschen gibt, die die Insel gerade deshalb für etwas ganz Besonderes halten. Es ist auch nicht extra-berühmt wegen der großartigen Tempel, die die Ptolemäer, aus Ägypten kommend,  hier zu Ehren der großen Götter und natürlich vor allem zu ihren eigenen Ehren bauen ließen. Kaum jemand weiß etwas von den damals verehrten Kabiren und den Mysterien, die hier zu Urzeiten eingerichtet wurden … oder weißt du etwas davon?“ – „Nee, was ist das? Mysterien, Kabiren, nie gehört!“  – „Ach, lass man, Dora, vielleicht erklär ich es dir später.  …. Haben große Dichter Samothrake berühmt gemacht? fragst du vielleicht? Schon gut, du fragst nicht, aber ich antworte trotzdem: Ja und nein. Denn tatsächlich spielt die zentrale Szene von Goethes Faust II, als es um die Menschwerdung des Homunculus geht, hier auf dieser Insel, aber wer interessiert sich schon für Faust II? “ Und ich deklamiere:

     Fort sind sie im Nu!

     Nach Samothrace grade zu,
     Verschwunden mit günstigem Wind.
     Was denken sie zu vollführen
     Im Reiche der hohen Kabiren?

     Sind Götter! wundersam eigen,

     Die sich immerfort selbst erzeugen,
     Und niemals wissen was sie sind.“

Nike von Samothrake

Nike, Zeichnung von 1984

„Götter, die niemals wissen, was sie sind?“ fragt Dora erstaunt. „Gibts sowas?“ – „Ja, meine Liebe. Alles ist im Werden. Warum sollten die Götter da eine Ausnahme machen? Und eigentlich wäre es gerecht, wenn Samothrake wegen dem Goethe und den Werdegöttern berühmt wäre. Ist es aber nicht. Berühmt ist sowieso nicht die Insel, sondern nur das Wort Samothrake, weil … so, pass auf, jetzt verrate ich dir etwas!  Es gibt eine berühmte Statue, die Nike von Samothrake, und die steht im Louvre in Paris.“ – „Nicht hier?“ fragt Dora enttäuscht. – „Nein, Dora. Die meisten Kunstwerke stehen nicht dort, wo sie ursprünglich hingehören. Im Fall der Nike kam das so:  Der französische Vizekonsul im Osmanischen Reich Charles Champoiseau, fand 1863 die Fragmente der Nike-Statue, die vor Ort zusammengesetzt und nach Paris gebracht wurden (Wikipedia). Später fand man noch zwei Finger und einen Handteller. Kopf und Arme blieben unauffindbar. Die wurden vermutlich zu christlichen Zeiten in einem der Kalköfen verbrannt, die es zu Hauf auf der Insel gab. Den Kalk brauchte man für den Anstrich der Häuser und der Olivenbäume. Samothrake hatte wegen der Tempel soviel Marmor, dass es sogar Kalk in flachen Schaluppen ausführte. Die Nike hat vermutlich nur überlebt, weil sie bei einem Erdbeben begraben wurde.“ -„Na, besten Dank! begraben, überlebt ohne Kopf und Arme, zusammengebastelt, nee, und so was ist berühmt? Da bin ich ja besser dran! Zusammengebastelt bin ich ja auch, aber nicht kopflos!“

„Wahr!“ gebe ich zu. „Du hast Köpfchen, kleine Dora. Die Nike hingegen ist kopflos, und das ist ganz passend. Sie stellt den Sieg in einem Krieg dar, den die Menschen längst vergessen haben. Die Toten sind vergessen und auch die Überlebenden, keiner weiß, waren es die Leute aus Rhodos oder die aus ich weiß nicht von wo, die da gesiegt haben und die da besiegt wurden. Komm, lass uns die Nike mal anschauen.“ – „Ich denke, die ist in Paris? fliegen wir dahin?“  – „Nee, nee, Dora. Wir bleiben noch ein paar Tage hier auf der Insel. Hier gibt es eine getreue Kopie, die ist zwar aus Thassos-Marmor, der grobkörniger und glänzender ist als der von Paros, aus dem das Original ist, und sie sieht auch schrecklich neu aus, aber Wind und Wetter werden ihr hoffentlich bald ein bisschen Patina verleihen.“

Ich setze mich hin und versuche, die Nike zu zeichnen, wie sie auf hohem  Sockel vor dem Museum von Samothrake dem Himmel entgegen stürmt, begleitet von den Silhouetten der Bäume.

„Nimm lieber das Foto“, rät mir Dora grinsend. „Da kann man mehr drauf erkennen…. Aber doch nicht das Foto! Da sieht man ja die Stützen zwischen den Flügeln!“  –

„Ich finde es passend,“ murmele ich. „Alles fake! Die Göttin, die Statue, der Sieg …, der Sieg vor allem. Schön ist die Nike freilich trotzdem! Besonders mit diesem Himmel, diesen Wolken und Bäumen lasse ich sie mir gefallen. Am Ende siegt die Schönheit über alles andere.“

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, Dora, Erziehung, Fotografie, Geschichte, Krieg, Kunst, Leben, Meine Kunst, Natur, Reisen, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 15 Kommentare

Dora zum NeuntenNeunten: Karen (Samothrake-Bericht 5)

„So geht das nicht!“ quäkt Dora. – „Was geht so nicht, meine Liebe?“ frage ich leicht irritiert und schaue von meinem Buch auf (das immer noch die Augustus-Biographie ist. Ich komme einfach nicht voran). – „Deine Leser und natürlich erst recht deine Leserinnen wollen wissen, wer Karen ist, der du das Land vermacht hast“.  –  „Meinst du?“

Ich zögere. Sicher, ich weiß inzwischen einiges über Karen, sie hat es mir ja erzählt, aber kenne ich sie deshalb auch schon? Und wenn ja, gehört das hierher? Andererseits: sie ist Künstlerin, und als solche ist sie eine quasi öffentliche Person, mit website und accounts bei FB und instagram. Was sie dort von sich zeigt, kann ich auch hier zeigen. Und damit auch ein klein bisschen für sie werben. (Hallo, Hamburger!)

Karen Backhus in Therma, Samothrake (instagram)

„Klar kannst du das!“ kräht Dora. „Brauchst du aber nicht. Die Leute können ja selbst nachgucken, wenn sie Lust drauf haben! Zeig lieber das, was du fotografiert hast, zum Beispiel den Kolobri-Stein, den sie dir geschenkt hat!“

Der Kolibri-Stein, ja. Den hat Karen mir geschenkt (danke Karen). Er ist ein wenig anders als die anderen höchst kunstvoll bemalten glatten Steine, die ich in ihrer Stube in Therma (heiße Quellen) in die Hand nehme. Die Bemalung zeigt kein Mandala wie die anderen, sondern …ja, was?  Wir einigen uns schnell: er zeigt einen Kolibri! In der Pension lege ich ihn auf mein Afrikakleid, um ihn abzulichten.

Du denkst vielleicht, das Bemalen von Steinen sei keine Kunst, sondern eine schlechte Angewohnheit von Menschen, die die Steine in ihrer Naturform nicht schön genug finden? Ich gebe zu, ich dachte bisher so. – Bis ich Karens Steine sehe und selbst versuche, einen zu bemalen. Pustekuchen! Schade um die Farben. Ich befördere den armen farbmisshandelten Stein schleunigst zurück in den Bach, der mir zu Füßen fließt.

Karen aber macht aus jedem ihrer Fundstücke echte Kunstwerke: Seien es Hölzer, Blätter, Steine oder wie auf dem abgebildeten Foto die Reste eines Schildkrötenpanzers – mit hoher Konzentration und Einfühlung fügt sie den Naturobjekten Bedeutung und Schönheit hinzu.

Innengewebe eines Schildkrötenpanzers, von Karen Backhaus gefunden und bemalt (ihr Foto)

Ihre unglaublich präzize, in sich schwingende Mandala-Malerei auf Leinwand kenne ich nur von Fotos. Ich kann mich nicht entschließen, eines von den vielen Gemälden auszusuchen. Viel besser ist es, du gehst auf ihre website – die ist nämlich in Zusammenstellung und Aufbau ein Augengenuss pur.  Da verstehst du auch den Geist, aus dem heraus Karen ihre Kunst schafft und ihr ganzes Leben als Kunstwerk gestaltet.

Sag selbst: Hätte ich eine bessere Hüterin meines Landes finden können?

Karen mit bemaltem Ahornblatt (instagram)

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dora, Erziehung, Fotografie, Kunst, Leben, Materialien, Natur | Verschlagwortet mit , , , , | 18 Kommentare

Dora* zum AchtenNeunten: Land verschenken (Samothrake-Bericht 4)

Wir sind unterwegs zu dem Land, das zu verschenken ich mir vorgenommen habe. Dora* ist in ihrem Element. „Schenken!“ kräht sie, „Dora zum Ersten, zum Zweiten! Aber wo ist das Land?“

„Noch ein bisschen, dann sind wir da!“ verspreche ich ihr. Zugegeben, es ist heiß und der Weg etwas mühsam. Aber wenn Karen und ich es aushalten können, wird Dora ja wohl kein Problem damit haben. „Noch ein bisschen!“, sage ich also. „Gleich steigen wir zum Bach runter, und dann sind wir schon da. …. Na also, da ist er ja schon, der Katsambas! Und Wasser führt er auch.“

„Der Katzenbach, der Katzenbach!“ jubelt Dora und springt mit beiden Füßen hinein.  Wir hüpfen über die dicken Flusssteine ans andere Ufer … und sind da.

Ja, dies ist das Stück Natur, das ich vor vielen Jahren kaufte, um es so zu erhalten wie es war. Vielleicht würde ich eine Hütte drauf stellen, es auch einzäunen, um die Ziegen wegzuhalten, eine Wasserleitung legen … Dies und das erträumte ich mir. Den Zaun ließ ich ziehen, die Wasserleitung über dreieinhalb Kilometer vom oberen Dorf verlegen – und dann war Schluss. Wir zogen auf die Peloponnes, Heimat meines Mannes, und bauten uns in der Mani ein Haus.

Was tun mit dem schönen Stück Natur? Ich beschloss, es an einen Menschen zu verschenken, der es zu schätzen wüsste. An jemanden, der die Insel so sehr liebte wie ich.  Manche Freundin reiste inzwischen nach Samothrake, aber keine fand das Land, das ich ihnen beschrieb. Doch eines Tages besuchte eine Freundin einen Hamburger Laden und kam mit der Frau ins Gespräch, die dort beschäftigt war. Karen hieß sie, und sie erzählte von Samothrake und dass sie seit 31 Jahren hinfuhr, zwei Monate lang dort blieb, manchmal auch drei. Da erinnerte sich die Freundin an mich, Karen schrieb mir, und wir kamen ins Gespräch. Das war vor ein paar Monaten….

Heute haben wir uns auch persönlich kennengelernt, denn Karen holte mich von der Fähre ab. Und nun krakseln wir den Hang hoch, gehen die alte Umzäunung ab, finden auch die Wasserleitung. Auf dem Foto seht ihr Karen und neben ihr einen hellen Punkt: Dora. Hinter ihnen das Wäldchen aus Oliven, Eichen, verwilderten Apfelbäumen, Platanen und Oleander. Dort plätschert auch der Bach. Und in der Ferne blaut das Meer.

O, es ist schön, mein Land. Und ich bin glücklich, dass es in liebende Hände kommt. Wie gut, Karen, dass sich unsere Wege kreuzten. Hier seht ihr Karen unter „unseren“ Platanen. Über ihr schwebt wie ein segnender kleiner Engel Dora, die endlich mal mit mir zufrieden ist. „Schenken!“ kräht sie. „Nix ist besser als schenken!“

——————

*Wer es nicht weiß: Dora ist die Personifizierung dieses Jahres 2022. Ihr Name bedeutet „Geschenke“. Sie erschien mir am Ersten Januar und beschenkt mich seither jeden Tag mit wunderbaren Schätzen. Einer davon ist, dass ich Karen kennenlernte, der ich mein Land schenken durfte. Ein anderer, dass ich aus diesem Anlass meine Insel nach so vielen Jahren noch einmal besuchen konnte.

Veröffentlicht unter Allgemein, Dora, Erziehung, Fotocollage, Fotografie, Leben, Natur, Projekt Alternativen, Psyche, Reisen, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , | 15 Kommentare

Quartiermachen in Kamariotissa (Samothrake-Bericht 3, tägliches Zeichnen)

Aus praktischen Gründen miete ich mich diesmal im Hafenort Kamariotissa (ca 1000 Einwohner) ein. Von hier gehen die Busse in drei Richtungen ab, hier gibt es Geschäfte mit lokalen Produkten, Kafeterien, einfache Esslokale und andere Dienstleistungen wie Taxis, Banken, Notare, Ingenieure, Makler … also die ganze Latte. Mein Vermieter – Jahrgang 1942 wie ich – und seine jüngere Frau haben dreißig Jahre als Gastarbeiter in Deutschland gelebt und dort das Geld für den Bau ihres doppelstöckigen Hauses verdient. Jetzt sind sie schon seit zwanzig Jahren zurück, leben meist auf dem Festland und führen das Haus zwei Sommermonate lang als Pension. Sie sind zufrieden, haben ihr Auskommen. Für sie war Deutschland eine Lösung ihres Armutsproblems.

Vielen Samothrakern ging es ebenso. Die meisten heuerten bei Mercedes in Stuttgart an. In Stuttgart-Cannstadt haben sie sich angesiedelt. Eine Broschüre „Samothrake am Ufer des Neckar“ erzählt davon. Ob die Herren auf dem Schiff, die ich bei der Abfahrt aus Alexandroupolis mit aufs Bild bekam, „Deutschland-Rückkehrer“ sind, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, vermute es aber.

Viele Samothraker kommen, nun angegraut oder weißhaarig, in den Sommerferien mit ihren deutschsprachigen Kindern und Enkeln und dem neuesten Mercedes-Modell auf die Heimatinsel, die jetzt auch eine für feine Limousinen brauchbare Infrastruktur aufweist. „In meiner Zeit“  – also vor 30-40 Jahren – gab es nur drei kurze asphaltierte Strecken, der Rest war bestenfalls für landwirtschaftliche Fahrzeuge befahrbar. Ein wenig bedaure ich diese Entwicklung, denn anstatt der vielen Parkplätze und Tavernen gab es unberührte Küsten, die nur zu Fuß zu erreichen waren. Nun, das ist der Preis des Fortschritts, der den Einheimischen das Bleiben auf der kargen, sturmgepeitschten Insel erleichtert.

Das Leben dort ist eh schwierig genug, denn nur solange der Sommer-Tourismus anhält. gibt es  täglich eine Fährverbindung;  im Winter wird der Fahrplan ausgedünnt, und es kann dir  passieren, dass du tagelang auf der Insel festsitzt. Dann ist „Autonomie“ angesagt. Die ist heute tatsächlich auf ganz gutem Niveau möglich. Es gibt Haushalte, die mit Bienenzucht, Weinanbau, Gemüse- und Kräutergärten, Getreidefeldern, Geflügel, Schafen und Ziegen, Fischerei und Holzöfen aus Gusseisen, nun auch vermehrt mit Fotovoltaik-Anlagen fast autark leben.  Die meisten Bewohner aber sind auf die Verbindung zum Festland angewiesen. Und so verlassen sie, sobald die Sommersaison vorbei ist, die Insel.

Nun aber ist noch Sommer. Vom Balkon meines Quartiers aus blicke ich hinaus aufs Meer, auf ein paar Häuser und die große Hauptkirche des Ortes…

… die ich dann auch in mein Skizzenbch eintrage.

Die gesamte Wasserfront wird von kleinen Lokalen begleitet, so wie hier ein Cafe, unter dessen schützendem Blätterdach ich gerne sitze und wie der abgebildete Mensch lässig auf den Hafenvorplatz mit seinen Automobilen, seinem Schutzhäuschen und seinem kleinen Leuchtturm schaue, wartend, beobachtend und genießend.

Hier werden Knoblauchzöpfe aus dem Auto heraus verkauft. Ein paar Menschen kommen die weit ins Meer hinausgebaute Hafenmole heruntergeschritten.

Auf einem gut verschnürten Sack mit Fischernetzen sitzend, schaue ich von dieser Mole zurück auf das Dorf. Am Kai jenseits der Fischerboote hat ein graues Schiff der Küstenwache festgemacht. Im Hintergrund hat die Adamantis Korais angelegt. Seit der Hafenerweiterung in den 80er Jahren ist Kamariotissa ein sicherer Ankerplatz geworden.

Nun, wegen solcher Hafenszenen, so sehr ich sie auch mag, hätte ich nicht nach Samothrake reisen müssen, denn die gibt es an jedem Hafen. Andere Sehnsüchte brachten mich her.

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Ökonomie, Fotografie, Geschichte, Leben, Meine Kunst, Reisen, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , | 8 Kommentare

Hinfahrt (Samothrake-Bericht, 2)

Da stehe ich nun an Bord der Fähre mit dem Namen Adamatios Korais (nach dem Gelehrten des 18. Jahrhunderts, der die griechische Sprache neu erfand) und grüße die Möwen, die eine Weile unserer Fahrt folgen. Das Meer ist fast schwarz.

Am Himmel wechseln die Farben, Wolkenwände bauen sich auf, reißen auf, Licht flutet in breiten Bahnen herab, in der Ferne Regenschleier. Die Wolken werden flockig und weiß, das finstere Meer lichtet sich. Ich spähe voraus, bis die Augen tränen. Ah, da ist sie! Oder ist es nur ein Schatten? Nein, unverkennbar, das ist Samothrake.

Mein Auge ertastet die Umrisslinien, als sei es die Fingerspitze einer Blinden. Jede Krümmung und Biegung will es nachvollziehen und sich für immer einprägen. Jetzt wird auch das Vorland sichtbar, deutlich hebt es sich vom Gebirgsmassiv ab. In  Kürze werden wir mit großem Getute in den Hafen einfahren und anlegen. Ich werde mir meinen Rucksack schnappen und von ungeduldigen Mitreisenden, vorbei an stinkenden Lastern und PKWs, die den Motor schon laufen lassen, hinausgeschoben werden. Auf dem Kai wird eine Frau mit Peruhut stehen und mich begrüßen. „Hallo Gerda!“ – „Hallo, Karen!“

Wegen Karen und wegen eines Stücks Natur, das ich dort im Vorland besitze und das ich ihr übertragen will, bin ich gekommen.  Und wegen Samothrake, natürlich.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Reisen, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , | 5 Kommentare

Alexandroupolis (Samothrake-Bericht)

Alexandroupolis – nordöstlichste griechische Hafenstadt – erreiche ich am Dienstag, den 30.8.  Die Fähre nach Samothrake wird erst am nächsten Morgen gehen, also muss ich die Zeit an diesem wenig attraktiven Ort totschlagen. Das gebuchte Hotel mit dem schönen Namen „Lighthouse“ finde ich leicht. „Lichthaus“ heißt es nach dem Leuchtturm, der das Wahrzeichen der Stadt bildet. Der Turm steht auf einem Platz an der Strandpromenade und leuchtet schon lange keinem Schiffe mehr.

Die endlose Küste dehnt sich nach Westen mit wenig gepflegten Sport- und Grünanlagen, nach Osten wird sie vom Fischerei- und Industriehafen unterbrochen, um sich dann im Dschungel kleiner und mittlerer Betriebe zu verlieren. Insbesondere seit dem Ukrainekrieg ist der Industriehafen zum wichtigen Anladepatz für verflüssigtes Schiefergas aus den USA geworden. Ein hochmodernes ING- Terminal ist im Bau befindlich.  Und so hat die Stadt durch den laufenden Krieg erneut strategische Bedeutung und starke Wachstumsimpulse erhalten. ….

Schon ihre Gründung im Jahr 1871 als Dedeağaç (türkisch: Uralt-Baum) verdankt sie den Handelsinteressen ausländischer Mächte: Das Osmanische Reich ließ hier einen von Briten finanzierten Streckenabschnitt des Orientexpresses und einen Hafen bauen. Während des russisch-osmanischen Kriegs 1877-78 besetzte die zaristische Armee, die den bulgarischen Aufständischen gegen die Türken zur Hilfe kam, zeitweilig die Ansiedlung rund um den Hafen, baute sie mithilfe eines ordentlichen Stadtplans mit rechtwinkligem Straßenverlauf aus und errichtete auch den Leuchtturm, der immer noch an seinem Platz steht.

1884 führte eine weitere Eisenbahnlinie – die Verbindung der damals noch osmanischen Stadt Saloniki über Edirne (gr. Adrianopolis) mit Bulgarien – diesmal von Franzosen finanziert, zu einem Wachstumsschub. Die Stadt wurde mehrheitlich bulgarisch. ….

Nun, lassen wir die Geschichte mit ihrem Blutvergießen, ihren Vertreibungen, ihren Interessenkonflikten und Herrschaftshäusern ein wenig ruhen. Seit 1920 ist die Stadt griechisch, und griechisch ist, abgesehen von kleineren Minderheiten, auch die Bevölkerung. Jetzt sind es nicht mehr Briten und Franzosen, Bulgaren, Russen und Türken, sondern die Amis, die ihre Interessen in dieser Region mit Investitionen und Militäranlagen festigen.

Ihren Namen erhielt die Stadt übrigens vom griechischen König Alexander I (1893-1920, der noch sehr jung am Biss eines Affen starb, als er seine Frau im königlichen Sommergarten gegen einen wütenden Affen verteidigte) – aber ebenso hießen auch russische Zaren sowie Alexander I von Bulgarien (eigentlich Prinz Alexander Josef von Battenberg), der von 1879 bis 1886 herrschte. Sie alle waren ins Geschick der Stadt verwickelt.  Der „große“ Alexander, den ich für den Gründungsvater hielt, bevor ich eines besseren belehrt wurde, war es jedenfalls nicht.

Natürlich hat auch diese Stadt ihre charmanten Ecken, etwa den baumbestandenen Platz mit Tavernen, an den ich mich von früheren Aufenthalten her erinnerte und  wo ich auch dieses Mal gut speiste….

… aber ich war doch froh, als ich ihr am frühen Morgen des nächsten Tages den Rücken kehren und mich in die Schlange der anderen Samothrake-Süchtigen vor der Verkaufsbude der Reederei einreihen konnte.

Und noch froher war ich, als sich die große Fähre namens Adamantios Korais mit Getöse und unter Ausstoßung schwarzer Rauchwolken von der Stadt verabschiedete.

Ich war an Bord und konnte zuschauen, wie sich die Stadt entfernte.

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Ökonomie, Fotografie, Krieg, Leben, Politik, Psyche, Reisen, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , | 9 Kommentare

Samothrake – Ankunft/Abfahrt (tägliches Zeichnen)

Am letzten Morgen des August erscheint die Insel vor mir. In mir ist Erwartung und Leere. Wie wird sie mich nach 23 Jahren Abwesenheit empfangen?

Kontur: Als sich das Schiff nähert, arbeiten sich langsam die bekannten Konturen aus dem Dunst. Hoch und schroff ragt das Bergmassiv Fengari (Mond) mit seiner höchsten Erhebung (Saos, 1600 m) aus dem fast schwarzen Meer. Das Auge erfasst die gesamte Breite der Insel, dem Stift gelingt es nicht, auch die sanfteren Ausläufer der nördlichen und südlichen Küste aufs Blatt zu bringen. Zu viel Breite würde den beherrschenden Eindruck der Höhe mindern.

Relief: Eine Woche später, am gestrigen Nachmittag,  verschwindet die Insel wieder am Horizont, vom Meeresdunst aufgesogen. Zuvor zeigt sie mir noch einmal das Relief der wilden nordöstlichen Flanke. Wie das Schiff vorbei zieht, verschieben sich die tiefen Schatten der Klüfte und die hell beleuchteten Felsenriffe – eine Bewegung, die ich mit dem Stift nur ungefähr festhalten kann.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Leben, Meine Kunst, Psyche, Reisen, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , | 6 Kommentare