Tagebuch der Lustbarkeiten: Zyklische Ökonomie

 

Vor Jahr und Tag haben wir in Kalamata eine Selbsthilfegruppe gebildet, die sich als Zeichen die „Blume des Lebens“ gewählt hat. Ineinander greifende Kreise von Menschen, die für sich und für einander sorgen,  die ihr Wissen und Können teilen, die Gemeinsames zum Blühen bringen, bilden ein lebendiges Netzwerk, ohne Statuten und Hierarchie. Verbindlichkeit gibt es nicht, jeder ist frei zu kommen und zu gehen, oft oder manchmal teilzunehmen. Einmal in der Woche treffen wir uns nun, um verschiedene Ansätze zu Therapien und Lebenskonzepten und -techniken auszutauschen. Die Idee dahinter ist: Wir alle sind Experten in irgendetwas. Wenn wir unser Wissen, unsere Erfahrungen in verständlicher Form einbringen und zuhören, was andere uns lehren können, haben wir alle Expertise, die wir auch in schwierigen Zeiten brauchen, um angenehm zu leben.

Gestern ist Christina, Expertin für alte Samen und natürliche Landwirtschaft,  unsere Gastgeberin. Das Thema ist „zyklische Ökonomie“. Nach einer theoretischen Einführung (nichts wird weggeworfen, alles kehrt in den Lebensprozess zurück) zeigt sie uns praktisch, wie wir Salben aus Bienenwachs und diversen Ölen herstellen können, durch die Wunden schneller heilen. 20 Salbengläschen füllen sich und gehen als Gastgeschenk an die Besucher.

Christinas Wohnraum in einem hässlichen Wohnhaus ist so anders als alles ringsum: warm, lebendig. Fast wirkt er wie ein Museum mit den alten Werkzeugen, Puppen, Stapeln alter Bücher, Kräuterbündeln, keimenden Pflänzchen in Reagenzgläsern …, doch hat er nichts Museales und Verstaubtes, alles ist belebt, wird benutzt und umgewandelt, etwa zu Schmuck aus recycelten CDs, Schals aus alten T-Shirts, Gewebe, gefertigt auf einem einfachen Rahmen, Essenzen, Ölen, Salben, Tees, Setzlingen… Jedesmal, wenn ich dort bin, gehe ich herum wie in einer Wunderwelt, staune, frage.

Warm und lebendig ist auch die Gesellschaft, die sich gegen Abend einfindet, sich austauscht, Anteil nimmt. Die meisten sind Frauen, ein paar Männer sind auch gekommen und zeigen Interesse. Man kennt sich oder lernt sich kennen. Ich halte mich am Rande, denn meine Schwerhörigkeit ist in von vielen Stimmen belebten Räumen ein Problem. Ich lasse mein Auge über das Naheliegende schweifen, nehme das eine und andere in die Hand,  fotografiere es. Die Hände am Ende der Fotogalerie sind die, die all dies und vieles vieles mehr hervorgebracht haben und unermüdlich weiter hervorbringen. 

 

 

 

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Welttheater, 4. Akt, 3. Szene: Wilhelm wird ins Lager transportiert. Die Gruppe trennt sich

Was zuletzt geschah: Wilhelm ist abgestürzt, als er einem Hasen hinterhersprang. Hera lässt Hilfe herbeirufen. Die Helferinnen ergehen sich in Vermutungen und Vorschlägen. Erst als Hawi und Abud erscheinen, kann der Abtransport beginnen.

Danai:

Wir müssen alle mit anheben

und wirklich unser Bestes geben

dann wird es uns bestimmt gelingen

in sicher von hier fortzubringen.

 

Trud:

Doch wohin, an welchen Ort

tragen wir den Armen fort?

 

Jenny:

In sein Lager, denk ich mal,

oder gleich ins Hospital?

Danai:

Ins Lager erst, dann schauen wir

zuerst muss er mal fort von hier.

Alle zusammen heben Wilhelm vorsichtig auf die Kufe (es ist Truds Scherbe, später der Erzähltisch, dann Zudecke für Clara, jetzt Bahre für Wilhelm). Das Licht auf der Bühne erlischt.

Die blinde Domna spricht in das Dunkel hinein ein Gedicht (Rilke, aus dem Nachlass)

„Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens…. „

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Als das Licht wieder angeht, ist die Gesellschaft wohlbehalten in Wilhelms Lager angekommen. Ein Teil des großen Raumes wurde provisorisch für den Kranken abgeteilt.

Domna

Geborgen haben wir den Mann nun gemeinsam.

aus dem nackten Gestein des Gebirges, wir tatens behutsam.

Noch atmet die Brust, noch keimt ein süßes Verlangen

im Grunde des Herzens, noch zittert ein leiseres Bangen

durchs Blut, durch die Glieder, die warmen,

Es möge ein Gott sich des Armen erbarmen!

 

Was wars, das ihn zwang, sich selbst auszusetzen

ins einsame Feld, auf die Berge aus Stein

und hier,  fern der Menschen, zu leben allein?

Du bist es, Danai, die die Kräuter wohl kennet

und uns auch den Grund für den Absturz benennet?

Danai:

Den Grund für den Absturz, denn kann ich nicht wissen.

Er selbst wird ihn kennen, wenn er hört sein Gewissen.

Doch Kräuter will ich gern ihm bereiten

und ihn auf dem Weg der Genesung begleiten.

Euch beiden, Hawi und Abud, möchte ich fragen

ob ihr mir wohl helft in den kommenden Tagen?

Ihr kennt, will mir scheinen, die Gegend recht gut,

Ich sah auch, dass es euch nicht mangelt an Mut. 

Gemeinsam, so denk ich, wird es uns gelingen

den Mann erneut auf die Füße zu bringen.

Abud

Wir können hier bleiben, das ist kein Problem

für uns, vielleicht ein Problem ist für den?

(weist auf Wilhelm)

Jenny:

Ich bleibe auch hier, es muss ja wer sorgen

fürs Essen, das kann ich am besten besorgen.

Trud

Und ich? Soll ich bleiben, soll ich gehn?

werd ich das End des Dramas sehn?

Clara: 

Ich mag hier nicht bleiben, ich möchte ins Tal!

Die Berge sind dunkel, die Erde ist kahl.

(zu Jenny)

Kommst du mit mir runter, allein kann ichs nicht

auch wenn ich von Dora noch habe das Licht.

Domna

Auch ich brauche Hilfe, weil ja meine Augen

für die äußeren Wege leider nichts taugen.

Mir ist es nicht möglich, das Kind heimzubringen.

Kannst du, liebe Jenny, dich vielleicht durchringen

uns zu begleiten, den Weg uns zu zeigen

wie wir am besten den Berg runtersteigen?

 

Jenny:

Na gut, ich begleit΄ euch und schau später dann

ob ich hier oben was helfen kann.

Jenny, Clara, Domna und Trud gehen ab.  Bei Wilhelm bleiben Danai, Hawi und Abud.

Danai:

So ihr Lieben, ihr werdet hungrig sein!

Schaut mal da drüben, seht ihr den Stein?

Daneben die struppigen Stengel? ja, dort!

Nachtkerze oder Schinkenwurz ist das Wort.

Die Wurzeln sind köstlich, ihr könnt sie ausgraben.

Wir werden sie kochen und uns dann dran laben.

Kartoffeln dazu wärn auch nicht verkehrt.  

Füllt schon mal das Wasser in΄n Topf auf dem Herd.

(Vorhang)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Hände

Hände – diese wunderbaren Organe des Menschen, mit denen er die Welt ergreift und umgestaltet, mit denen er liebkost und tötet, schreibt und zeichnet, Teig knetet und Kartoffeln schält, Schattentiere an die Wand wirft, auf andere zeigt, zugreift, abwehrt, betet, sich die Haare rauft …. – , wie unterschiedlich sie doch sind! Wie viel ihre Form, ihre Bewegungen, ihr Gebrauch über die Persönlichkeit aussagen, der sie zugehören! Sie zu beobachten, werde ich nicht müde (zB hier und hier und hier).

Gesichter darf man nicht mehr so ohne weiteres veröffentlichen (ich finde das durchaus richtig, aber für einen Fotografen bedauerlich), Hände aber wohl. Und so nahm ich beim Treffen unserer Gruppe die sprechenden Hände einiger Teilnehmerinnen auf. Dass es auf dem Tisch auch Kekse und Obst gibt und die Hände zugreifen, versteht sich. Denn eine Teilnehmerin ist Bäckerin, eine andere Bäuerin. Und die anderen? Nun, es sind Griechinnen, und selbstverständlich bringen sie immer irgendetwas zu den Treffen mit. Wie ich sie liebe, diese Hände!

Ob wohl die eine und der andere Fotografien der eigenen Hände hier verlinken mag? Es würde mich freuen.

Was die Rechte schreibt, radiert die Linke aus

 

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Welttheater, 4, Akt, 2. Szene: Wilhelms Absturz und Hilfe

Was zuletzt geschah: Noch leicht benebelt von dem Wein der Hera und einem libidinösen Traum, begibt sich Wilhelm auf die Jagd, entschlossen, seine Vorräte aufzustocken und möglichst schnell die Besucher und den Traum zu vergessen.

Wilhelm

Ein freies Jägerleben,

das ists, was Freude macht,

Ich werd es nicht hergeben

fürs Liebchen einer Nacht.

 

Und doch, und doch

ich fühl sie noch.

 

Ihr Leib war wie von Golde

und schwarz das wilde Haar

als ich dich hielt, Isolde,

ward mir ganz sonderbar.

 

Es war ein Traum

und Traum ist Schaum.

 

Wach auf, sei Mann! die Hasen

und Füchse warten schon

Am Waldrand Rehe grasen!

Sie sind des Jägers Lohn.

 

Da schau, ein Kanickel

das pack ich am Wickel!

Wilhelm springt, um das Kaninchen zu fassen – und stürzt ab.

Hera erscheint. Über Wilhelm schwebt seine Seele.

Hera:

Da liegt er nun, der Jägersmann

der keinen Hasen fangen kann

Wo hat er denn nur hingeschaut?

Erblickte er die feine Braut?

 

Wir werden Hilfe schicken müssen

die ihn zwar nicht mit Frauenküssen

doch mit ner Trage und Verband

befördert in das flache Land.

 

Die schöne Feder ist zerbrochen

Vermutlich auch so mancher Knochen.

So lauf, gehorche meinem Wink

und schnelle Hilf‘ dem Manne bring!

Das Kaninchen hoppelt davon, Hera folgt nach. Wenig später erscheinen Danai, Domna, Trud, Clara und Jenny.

Trud: 

Was ist geschehn? Ist er gefallen?

Die Feder, wie sie wohl zerbrach?

Jenny 

Mit war, als hörte ich es knallen

es war ein ziemlich lauter Krach.

Vielleicht hat wer auf ihn geschossen?

Danai.

Ich halte das für ausgeschlossen.

Er ist gestürzt, als er von oben

heruntersteigt und auf dem groben

Geröll sich nicht mehr halten kann.

Da liegt er nun, der gute Mann.

Clara:

Ist er nun tot? Muss ich nun weinen?

Danai:

Er ist lebendig, will mir scheinen.

Eine Bahre brauchen wir

dann tragen wir ihn fort von hier.

Domna (für sich)

„Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.“*

(*Ilse Aichinger, Gebirgsrand, 1978)

Trud:

Was murmelst du, Domna? hat er geträumt?

Hat er daher den Abstieg versäumt?

Wird er nun nicht mehr auf grünenden Matten

jagen, sondern im Reiche der Schatten?

Jenny:

Ich fürchte, der Wilhelm kann nicht mehr gehn.

Ich glaub, ich zieh los und hole noch wen.

Am besten wär es, wir hätten nen Wagen.

Ihr seid viel zu schwach, um ihn runterzutragen.

Das Kaninchen erscheint wieder, zusammen mit  Hawi und Abud.

Hawi:

Wir kommen wie gerufen.

Abud:

und bringen auch ein Kufen.

Der ist beweglich und sehr schmal

So schaffen wir ihn hinunter ins Tal

Trud:

Ein Kufen? mir scheint, es heißt ‚die Kufe‘,

genauso wie es heißt ‚die Stufe‘?

Abud:

Wollt ihr nun Hilfe, oder wollt ihr uns belehren?

Am Ende werdet ihr euch noch beschweren.

Wir können auch wieder gehen

dann könnt ihr alleine sehen

wie ihr den schweren Mann bugsiert.

Wir haben ja nicht Deutsch studiert.

Domna:

Seht es uns nach! Wir sind nun mal

ein wenig anders als normal.

Die Trud muss immer Fragen stellen,

Für jedes Ding ein Urteil fällen,

 

das leicht das Praktische vergisst.

Ich selbst bin blind, wie ihr schon wisst.

Ich  lebe nur in den Gedichten

mag über Welt und Mensch nicht richten.

 

Das Unsichtbare zu  erspüren

mit Worten Herzen zu berühren

dass Milde einzieht ins Gemüt

bin ich, als Dichter, stets bemüht.

Hawi:

Ich kann auch schon ein Gedicht…

Jenny:

Das interessiert uns grade nicht!

Kommt her und helft ihn hochzuheben

ihr schwätzt und er kämpft um sein Leben!

 

Domna (zu Hawi)

Du musst dich nicht an Jenny stören

Ich will es später gern anhören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ILSE AICHINGER

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Blaue Blumen* suchen

Es fällt mir nicht leicht, zu all dem, was an Grässlichem über unsere Erde hinrollt, den Mund zu halten und so zu tun, als ob es mich nichts anginge. Ist es lächerlich, in diesen Zeiten blaue Blumen* zu suchen und Welttheater-Verse zu schmieden? Oder ist es jetzt mehr denn je nötig?

In diesem Blog bleibe ich beim „Tagebuch der Lustbarkeiten“ und dem gereimten und illustrierten „Welttheater“. Manchmal gelingt mir das nur mit zusammengebissenen Zähnen. Aber am Ende schaffe ich es doch zu lächeln, etwa dann, wenn ich den feinen blauvioletten Schimmer wahrnehme, der über dem Hang, dort wo er schattig und feucht ist, schwebt. Es ist die wilde Iris, die jetzt wieder blüht. Der Regen hat hat ihre empfindlichen Blüten ein wenig gezaust ..

aber die Binnenzeichnung hat nicht gelitten: ein goldener Dreizack, umspielt von Engels-Gefieder.

So versuche auch ich mein Herz zu wahren und standzuhalten.

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*Blaue Blume:

„Zusammengefasst könnte man sagen, dass sich in der blauen Blume nicht nur Natur, Mensch und Geist verbinden, sie symbolisiert das Streben nach der Erkenntnis der Natur und – daraus folgend – des Selbst.“ (Wikipedia).

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Fritzi und die Kater

Fritzi ist rollig. Sie rollt wollüstig auf dem Rücken herum, zeigt ihr hübsches Bäuchlein, putzt sich inständig… Und schon stehen die Kater bereit. Bisher hatte ich immer zwei gezählt, die versuchten, den Katzen das Futter wegzufressen. Nun stelle ich fest. es sind drei: zwei sind golden-weiß, der eine deutlich jünger als der andere. Der dritte ist ein schwerer grauweißer Kerl.

Theo (eine junge Dame) und Witch (eine Jungkatze) spielen ihr eigenes Spiel: sie wandeln kokett mit verschränkten Schwänzen zwischen dem liebessüchtigen Goldenen und der rolligen Schwester umher, setzen sich auch gelegentlich dazwischen, als wollten sie das Unvermeidliche hinauszögern.

 

Die Kater trauen sich nicht, näher zu kommen, solange ich Wache halte. Dann aber… Der anscheinend noch unerfahrene kleine Goldweiße springt herzu, bemüht sich auch redlich, doch unter dem wachsamen Blick des stärkeren Konkurrenten lässt er kurz seine Beute fahren, die ihrerseits davonstiebt. Der Kleine rast hinterher …. seither wurden sie nicht mehr gesehen. Ach, diese Katzen!

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Unbekannten Blüten begegnen

An einem Hang begegneten mir gleich zwei Exemplare einer mir unbekannten Pflanze. Ich nehme an, es handelt sich um eine fleischfressende Art. Weiß jemand den Namen?

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Impulswerkstatt: Bild 4. Mit autobiografischem Touch.

Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

Als ich das Bild sah, liebe Myriade, dachte ich: so etwa saß auch meine Mutter da, mich in ihrem Bauch, zwei andere Kleinkinder an ihrem Rockzipfel, aus den Resten alter Kleider neue schneidernd, die Fenster abgedunkelt, während draußen der Krieg wütete. Aber es gab da einen Unterschied: diese Frau ist schwarz und die Szene spielt in Afrika.

Ich bin nie in Afrika gewesen,  doch ich bin in meinen Gedanken viel mit diesem Kontinent beschäftigt (zB hier und hier). Es stellte sich sogar einmal die Frage, ob wir, anstatt nach Griechenland nach Sambia auswanderten, wo meinem Mann eine gute Position angeboten worden war. Ich wandte mich damals heftig gegen diese Perspektive: Reichte es nicht, mit dem deutschen Erbe zu leben? Musste ich mich auch noch mit dem Kolonialerbe des Weißen Mannes befassen? Wie würde ich mich als Weiße in einem Kontinent fühlen, der von Weißen verwüstet und versklavt worden ist? Nein danke! sagte ich. Und so zog ich nach Griechenland, wo mich die Verbrechen der deutschen Wehrmacht und SS schon genug maltraitierten.

Ist es möglich, aus dem Gefängnis der Identifikation mit Volk, Nation, Rasse auszubrechen? Ich habe es als Jugendliche versucht, gab mich abwechselnd als Holländerin, Dänin oder Polin aus. Aber ich konnte nicht entkommen. Das wurde mir klargemacht, als ich mit 16 das erste Mal über die deutsche Grenze ins Ausland fuhr: „Das habt ihr getan“, sagte der Mann, der mich in seinem Auto mitgenommen hatte, und wies mit großer Gebärde über einen Friedhof, der mir bis an den Horizont zu reichen schien. Es war ein Franzose. Später waren es Holländer, Dänen, Belgier, Norweger, Griechen, Serben… Wohin ich kam: man zeigte mir die Verbrechen, die im „Namen des Volkes“, dem ich angehörte,  an Angehörigen anderer Völker begangen worden waren. Ich musste mich damit abfinden, Deutsche zu sein.

Als ich erwachsen wurde, fand ich mich ab, und nun sage ich: Ja, ich bin weiblich, ich bin Deutsche, ich bin christlich getauft und ich bin weiß. Das ist gut, das ist schlimm, das ist wunderbar, das ist fürchterlich. Das sind meine Ausgangsbedingungen, das ist mein Erbe.

Wie aber ergeht es den jungen Männern, die aus dem „schwarzen Kontinent“ ins weiße Europa kommen? Können sie der Zuschreibung entkommen, Kinder und Enkel von Unterworfenen, Beraubten, Versklavten zu sein? Wohl kaum. Haben sie eine große Kultur, auf die sie sich berufen können, die sie tröstet? Nein, ihre alte Kultur wurde ausradiert. Schlimmer: Ihnen hallt (als Projektion) entgegen, was die Weißen an ihnen verbrochen haben: ihr seid Räuber und Vergewaltiger, ihr habt das Tierstadium noch kaum hinter euch gelassen, seid nicht richtig zum Menschen geworden, ihr vermehrt euch zu schnell, euch kann man getrost totschlagen. 

Du hast solche Vorurteile nicht? Sehr schön, ich auch nicht. Aber du weißt wie ich: sie sind da, sie können jederzeit geweckt und auf die Gesamtheit der Menschen ausgedehnt werden, die der „falschen“ Rasse und Religion, dem falschen Geschlecht und der falschen Altersgruppe angehören. Und das stimmt sogar in beide Richtungen.

Meine letzte „Welttheater“-Szene leite ich damit ein, dass das Kind Clara die beiden jungen Afrikaner nach ihren Namen fragt. Nach dem Namen und dem persönlichen Werdegang zu fragen, ist der erste Schritt, um sie und uns aus dem Gefängnis der Stereotype zu befreien. Jeder ist zwar eingebettet und durchdrungen vom Schicksal seines Volkes, seiner Rasse, seines Kontinents ……, aber er ist dadurch nicht vollkommen determiniert.  Jeder ist ein Individuum, ein Ich, das antwortet auf das, was es vorfindet. Es greift als Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung ins Räderwerk der Zuschreibungen ein.

Und so möchte ich diese Frau, die, ermattet und ein werdendes Leben im Bauch, in ihrem mit Brettern vernagelten Zimmerchen sitzt, fragen: Wie heißt du? Was denkst du? Was hoffst du? Was brauchst du? Wer bist du? Du, diese einmalige Person im fernen Afrika.

Mama Africa

Mama Afrika

 

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Welttheater. 4. Akt,1. Szene: Wilhelms Traum

Was zuletzt geschah: Die Schwarzafrikaner – von Jenny und Wilhelm als Diebe bezeichnet -, treten aus der Anonymität der „Illegalen“ heraus.  Sie haben jetzt dank der Nachfragen von Clara, Danai und Trud Namen: Hawi (der Kleine) und Abud (der Ältere), man fragt nach ihrer Geschichte, ihrem Charakter – sie werden zu individuellen Menschen.

Wie das Symposion verläuft, erfahren wir nur indirekt. Denn als der Vorhang wieder aufgeht, sehen wir Wilhelm allein in seinem Lager.

Wilhelm:

Nun sind sie fort und ich bin wieder allein

ein wenig benommen vom Reden und auch von dem Wein

den schließlich die, die Göttin sich nennt, noch brachte

so dass ein jeder schwätzte und sang und laut lachte.

Mein Schädel der brummt mir, und traurig scheint mir der Ort

den ich mir mit Mühe geschaffen, der zuvor war mein Hort.

Soll ich erneut die Uhren kontrollieren,

die zeigen, wann das Ende droht?

Soll ich die Restbestände archivieren

wenn alle Zeiger zeigen schon auf Rot?

Was nützt das Sammeln, wozu soll ich horten

wenn eh demnächst das Ende ist erreicht?

Trifft mich das Unheil nicht an allen Orten?

Kann ich allein ihm trotzen, wenn vielleicht

es mir gelingt, die Türen zu verrammeln

und einzuschließen mich in diesem Raum?

Die Nahrungsmittel werden doch vergammeln

und Überlebenschancen gibt es kaum.

Was soll ich tun? O weh, mein Kopf! Ich glaube

dass ich mir jetzt ein Stündchen Schlaf erlaube!

Luise, das Traumwesen, schwebt heran:

Luise

So komm, du armer Mann, der sich den Kopf zerbricht

es hilft ja nicht!

Komm, überlass dich freudig meiner Sicht

díe Lust verspricht.

Im Dunkeln harre nicht, komm mit ins Licht

Schluss mit Verzicht!

 

Ich führe dich in zauberhafte Auen

von Duft umfächelt

Dort wartet dein die Schönste aller Frauen

die dir zulächelt.

Komm mit, du Lieber, fass zu mir Vertrauen!

Nur nicht geschwächelt!

 

Das Lager verschwindet. Die uns wohlbekannte Bucht erscheint.

Luise

Komm her, du müder Mann, schau wer da ruht!

in Rosenrot und in Erwartungsglut!

Isolde ist’s, und Tristan, der bist du!

So ruf sie an, bei dir ist sie im Nu!

Schau nur, sie will sich schon erheben

siehst du denn nicht den weichen Leib erbeben?

Sie eilt dir zu, sie stürzt in deinen Arm!

und in dem kalten Herzen wird dirs warm!

 

So halt sie fest, drück sie an deine Brust!

Du glaubst mir nicht? du glaubst nicht an die Lust?

O Wilhelm! Armer Mann, sogar in Träumen

wirst du die holde Lust versäumen

ohn die das Leben eine Last

ein Ungetüm und Scheusal fast.

 

O Graus! Am Horizont erscheint

– hör doch, wie die Isolde weint! –

ein Schiff, mit wilden Männern voll,

 die Frauen rauben, liebestoll!

An ihren Bug sie heften deine Braut

ihr Liebesleib geschändet, dass mir graut!

und immer harren muss sie dort

du selbst bist es, du treibst sie fort.

Warum hast du sie nicht gehalten?

Du ließest sie den Wildgestalten

statt sie zu lieben und zu kosen

inmitten Sonnenschein und Rosen.

Die Liebeslust wurde gemein

Zurück bleibt trostlos Herzenspein.

Wilhelm erwacht, reibt sich die Augen, steht auf. 

Wilhelm

Bin ich allein? Was war das eben?

Ein Traum wars, kein Realerleben.

Der Wein tobt noch in meinem Kopf

er fühlt sich an wie’n leerer Topf.

 

Doch lieblich wars, mein Herz ist voller Bangen

Isolde hieß sie, kann ich sie erlangen?

Kann ich mit frischen Lebenskräften

mich an die Spur der Räuber heften?

 

Und sie gewinnen, meine Braut?

Sie hat so lieblich ausgeschaut.

Ach was, es war ein Traum

und Traum ist Schaum.

 

Ich mach mich besser jetzt ans Werk

Geh fort zum Jagen auf den Berg.

Wildgänse sind grade auf der Reise

dafür krieg ich jetzt gute Preise.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Anna Eulenschwinges Fotoprojekt: „steigen“

Ein interessantes Fotoprojekt wurde von Anna Eulenschwinge initiiert. Schon die Art, wie sie das Thema des Monats ermittelt, ist inspirierend. Im laufenden Monat bis Mitte Februar ist es das Wort „steigen“.

„Aufwärts und abwärts – derselbe Weg“ ist ein berühmter Satz des Philosophen Heraklit, der zwischen 520-460 v.u.Z. im kleinasiatischen Ephesos lebte. Ich kann keine Treppe, keinen Berg ersteigen, ohne an ihn zu denken. Auch im Lebensweg ist diese Struktur vorhanden. Ich habe dem Thema auch schon einen Eintrag gewidmet (hier), aus dem ich zitiere:

„Aufwärts und abwärts – derselbe Weg“

so sprach der Weise Heraklit. Und natürlich hat er recht.

Und doch: wie plagen sich die Menschen, weil sie nach oben wollen, obgleich ihr Abstieg ja schon vorgezeichnet ist. Beschwerlich ist der Aufstieg, Stufe um Stufe muss man erklimmen, der Hindernisse gibt es viele, das Atmen wird eng, wer weiß, ob mans schafft. Und wenn man dann oben ist: wie lässt sich der Abstieg ertragen? Er scheint so leicht, er geht sich fast von selbst. Und doch: wie trostlos das Gefühl.

Unsere Wendeltreppe wirft ihren Schatten aufs Pflaster. Hinaufsteigen – hinabsteigen –  derselbe Weg.

 

 

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