Quartiermachen in Kamariotissa (Samothrake-Bericht 3, tägliches Zeichnen)

Aus praktischen Gründen miete ich mich diesmal im Hafenort Kamariotissa (ca 1000 Einwohner) ein. Von hier gehen die Busse in drei Richtungen ab, hier gibt es Geschäfte mit lokalen Produkten, Kafeterien, einfache Esslokale und andere Dienstleistungen wie Taxis, Banken, Notare, Ingenieure, Makler … also die ganze Latte. Mein Vermieter – Jahrgang 1942 wie ich – und seine jüngere Frau haben dreißig Jahre als Gastarbeiter in Deutschland gelebt und dort das Geld für den Bau ihres doppelstöckigen Hauses verdient. Jetzt sind sie schon seit zwanzig Jahren zurück, leben meist auf dem Festland und führen das Haus zwei Sommermonate lang als Pension. Sie sind zufrieden, haben ihr Auskommen. Für sie war Deutschland eine Lösung ihres Armutsproblems.

Vielen Samothrakern ging es ebenso. Die meisten heuerten bei Mercedes in Stuttgart an. In Stuttgart-Cannstadt haben sie sich angesiedelt. Eine Broschüre „Samothrake am Ufer des Neckar“ erzählt davon. Ob die Herren auf dem Schiff, die ich bei der Abfahrt aus Alexandroupolis mit aufs Bild bekam, „Deutschland-Rückkehrer“ sind, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, vermute es aber.

Viele Samothraker kommen, nun angegraut oder weißhaarig, in den Sommerferien mit ihren deutschsprachigen Kindern und Enkeln und dem neuesten Mercedes-Modell auf die Heimatinsel, die jetzt auch eine für feine Limousinen brauchbare Infrastruktur aufweist. „In meiner Zeit“  – also vor 30-40 Jahren – gab es nur drei kurze asphaltierte Strecken, der Rest war bestenfalls für landwirtschaftliche Fahrzeuge befahrbar. Ein wenig bedaure ich diese Entwicklung, denn anstatt der vielen Parkplätze und Tavernen gab es unberührte Küsten, die nur zu Fuß zu erreichen waren. Nun, das ist der Preis des Fortschritts, der den Einheimischen das Bleiben auf der kargen, sturmgepeitschten Insel erleichtert.

Das Leben dort ist eh schwierig genug, denn nur solange der Sommer-Tourismus anhält. gibt es  täglich eine Fährverbindung;  im Winter wird der Fahrplan ausgedünnt, und es kann dir  passieren, dass du tagelang auf der Insel festsitzt. Dann ist „Autonomie“ angesagt. Die ist heute tatsächlich auf ganz gutem Niveau möglich. Es gibt Haushalte, die mit Bienenzucht, Weinanbau, Gemüse- und Kräutergärten, Getreidefeldern, Geflügel, Schafen und Ziegen, Fischerei und Holzöfen aus Gusseisen, nun auch vermehrt mit Fotovoltaik-Anlagen fast autark leben.  Die meisten Bewohner aber sind auf die Verbindung zum Festland angewiesen. Und so verlassen sie, sobald die Sommersaison vorbei ist, die Insel.

Nun aber ist noch Sommer. Vom Balkon meines Quartiers aus blicke ich hinaus aufs Meer, auf ein paar Häuser und die große Hauptkirche des Ortes…

… die ich dann auch in mein Skizzenbch eintrage.

Die gesamte Wasserfront wird von kleinen Lokalen begleitet, so wie hier ein Cafe, unter dessen schützendem Blätterdach ich gerne sitze und wie der abgebildete Mensch lässig auf den Hafenvorplatz mit seinen Automobilen, seinem Schutzhäuschen und seinem kleinen Leuchtturm schaue, wartend, beobachtend und genießend.

Hier werden Knoblauchzöpfe aus dem Auto heraus verkauft. Ein paar Menschen kommen die weit ins Meer hinausgebaute Hafenmole heruntergeschritten.

Auf einem gut verschnürten Sack mit Fischernetzen sitzend, schaue ich von dieser Mole zurück auf das Dorf. Am Kai jenseits der Fischerboote hat ein graues Schiff der Küstenwache festgemacht. Im Hintergrund hat die Adamantis Korais angelegt. Seit der Hafenerweiterung in den 80er Jahren ist Kamariotissa ein sicherer Ankerplatz geworden.

Nun, wegen solcher Hafenszenen, so sehr ich sie auch mag, hätte ich nicht nach Samothrake reisen müssen, denn die gibt es an jedem Hafen. Andere Sehnsüchte brachten mich her.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Quartiermachen in Kamariotissa (Samothrake-Bericht 3, tägliches Zeichnen)

  1. Mitzi Irsaj schreibt:

    Liebe Gerda, schöne Hafenbilder. Heute aber hoffe ich, dass der Hafen nebensächlich bleibt und du für dich all das findest was du auf dieser Reise suchst. Liebe Grüße

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  2. Peter Klopp schreibt:

    Wie gut, dass du Zeichenblock und Stift immer bei dir hast. Die Skizzen der kleinen Stadt sind dir vortrefflich gelungen. Liebe Grüße vom selben Jahrgang!

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  3. Ingrid Spieker schreibt:

    Liebe Gerda *
    In mir reift der Gedanke * nächstes Jahr auf deinen Spuren in Samothrake zu wandern *
    Gruß Ingrid

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  4. Es ist schön, nun auch Deine Zeichnungen wieder zu sehen, liebe Gerda!

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