Alexandroupolis (Samothrake-Bericht)

Alexandroupolis – nordöstlichste griechische Hafenstadt – erreiche ich am Dienstag, den 30.8.  Die Fähre nach Samothrake wird erst am nächsten Morgen gehen, also muss ich die Zeit an diesem wenig attraktiven Ort totschlagen. Das gebuchte Hotel mit dem schönen Namen „Lighthouse“ finde ich leicht. „Lichthaus“ heißt es nach dem Leuchtturm, der das Wahrzeichen der Stadt bildet. Der Turm steht auf einem Platz an der Strandpromenade und leuchtet schon lange keinem Schiffe mehr.

Die endlose Küste dehnt sich nach Westen mit wenig gepflegten Sport- und Grünanlagen, nach Osten wird sie vom Fischerei- und Industriehafen unterbrochen, um sich dann im Dschungel kleiner und mittlerer Betriebe zu verlieren. Insbesondere seit dem Ukrainekrieg ist der Industriehafen zum wichtigen Anladepatz für verflüssigtes Schiefergas aus den USA geworden. Ein hochmodernes ING- Terminal ist im Bau befindlich.  Und so hat die Stadt durch den laufenden Krieg erneut strategische Bedeutung und starke Wachstumsimpulse erhalten. ….

Schon ihre Gründung im Jahr 1871 als Dedeağaç (türkisch: Uralt-Baum) verdankt sie den Handelsinteressen ausländischer Mächte: Das Osmanische Reich ließ hier einen von Briten finanzierten Streckenabschnitt des Orientexpresses und einen Hafen bauen. Während des russisch-osmanischen Kriegs 1877-78 besetzte die zaristische Armee, die den bulgarischen Aufständischen gegen die Türken zur Hilfe kam, zeitweilig die Ansiedlung rund um den Hafen, baute sie mithilfe eines ordentlichen Stadtplans mit rechtwinkligem Straßenverlauf aus und errichtete auch den Leuchtturm, der immer noch an seinem Platz steht.

1884 führte eine weitere Eisenbahnlinie – die Verbindung der damals noch osmanischen Stadt Saloniki über Edirne (gr. Adrianopolis) mit Bulgarien – diesmal von Franzosen finanziert, zu einem Wachstumsschub. Die Stadt wurde mehrheitlich bulgarisch. ….

Nun, lassen wir die Geschichte mit ihrem Blutvergießen, ihren Vertreibungen, ihren Interessenkonflikten und Herrschaftshäusern ein wenig ruhen. Seit 1920 ist die Stadt griechisch, und griechisch ist, abgesehen von kleineren Minderheiten, auch die Bevölkerung. Jetzt sind es nicht mehr Briten und Franzosen, Bulgaren, Russen und Türken, sondern die Amis, die ihre Interessen in dieser Region mit Investitionen und Militäranlagen festigen.

Ihren Namen erhielt die Stadt übrigens vom griechischen König Alexander I (1893-1920, der noch sehr jung am Biss eines Affen starb, als er seine Frau im königlichen Sommergarten gegen einen wütenden Affen verteidigte) – aber ebenso hießen auch russische Zaren sowie Alexander I von Bulgarien (eigentlich Prinz Alexander Josef von Battenberg), der von 1879 bis 1886 herrschte. Sie alle waren ins Geschick der Stadt verwickelt.  Der „große“ Alexander, den ich für den Gründungsvater hielt, bevor ich eines besseren belehrt wurde, war es jedenfalls nicht.

Natürlich hat auch diese Stadt ihre charmanten Ecken, etwa den baumbestandenen Platz mit Tavernen, an den ich mich von früheren Aufenthalten her erinnerte und  wo ich auch dieses Mal gut speiste….

… aber ich war doch froh, als ich ihr am frühen Morgen des nächsten Tages den Rücken kehren und mich in die Schlange der anderen Samothrake-Süchtigen vor der Verkaufsbude der Reederei einreihen konnte.

Und noch froher war ich, als sich die große Fähre namens Adamantios Korais mit Getöse und unter Ausstoßung schwarzer Rauchwolken von der Stadt verabschiedete.

Ich war an Bord und konnte zuschauen, wie sich die Stadt entfernte.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Architektur, Ökonomie, Fotografie, Krieg, Leben, Politik, Psyche, Reisen, Zwischen Himmel und Meer abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Alexandroupolis (Samothrake-Bericht)

  1. afrikafrau schreibt:

    wie schön, du bist wieder wohlbehalten zurück , lesse gerne von deinen Erlebnissen

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Gerda,
    warst Du dann eigentlich nur kurz in der Stadt und dann wieder zurück?

    Wenn die Amis auf der Insel sind, dann wird es Erdogan wenigstens nicht wagen die Insel einzunehmen.
    Ich habe gelesen, daß er damit gedroht hat sich griechische Inseln wieder zurück zuholen, die zu vermeintlichen türkischen Territorium gehörten.
    In wie weit daß zutrifft könnt wahrscheinlich nur ihr sicher wissen. Ich finde diesen Gedanke jedenfalls schrecklich, irgendwie drehen die Diktatoren gerade alle durch!🤔🙈

    Gefällt 1 Person

  3. Peter Klopp schreibt:

    Dein Post heute ist eine hoch interessante Lektion mit Bildern von dem Wandel der Zeit in deiner Wahlheimat Griechenland, wo die Amerikaner nun auch aus strategischer Absicht intensiv mitmischen.

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Ja, sie mischen kräftig mit. Und Griechenland kann im „wohlverstandenen Eigeninteresse“ gar nicht anders als mitzumachen. Auf der anderen Seite der Grenze haben wir mit der Türkei einen schwierigen Nachbarn, und mit der EU einen nicht minder schwierigen Partner. Ein Schrittchen von der verordneten Linie – und wir liegen im Schlamm.

      Gefällt 1 Person

  4. Brisante Lage, geht mir gerade durch den Kopf, als ich eben Deinen Kommentar zu Peter Klopp las.
    Hochinteressant sind die geschichtlichen Daten, die ich bei Dir lese, liebe Gerda. Leider kann ich sie mir nicht alle merken… hüstel
    Auf jeden Fall bist Du endlich auf der Fähre gelandet, die Dich zur Insel Deiner Träume fährt

    Gefällt 1 Person

  5. Leider kann ich mal wieder kein Sternchen setzen. Irgend etwas stimmt mit meinen Zugangsdaten nicht…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..