Dora zum SechzehntenAchten: eine Tischgesellschaft (tägliches Zeichnen)

„Deine Zeichnung stimmt nicht!“ sagt Dora, nachdem sie einen Blick auf mein Gekritzel geworfen hat. – „Ich weiß,“  wehre ich ab, „der Junge sitzt zu weit vorn und der Arm des anderen …“  – „Das meine ich nicht,“ flüstert mir Dora ins Ohr. – „Was denn?“ – „Du hast Miesepeter gezeichnet, dabei sind es nette Leute, die lachen und sich mögen.“

„Jetzt, wo du΄s sagst, Dora, sehe ich es auch,“ gebe ich leise zur Antwort. Tatsächlich sitzt da eine angenehme Tischgesellschaft. Zwei hübsche Frauen gehören noch dazu, die befinden sich dem Jungen gegenüber, der auf seinem Stuhl rumhängt. Ich habe sie weggelassen, weil ich sie kaum sehen konnte.

Die Leute haben schon zuende gegessen. Zwischen den Erwachsenen gehen Reden hin und her. Verstehen kann ich sie nicht, aber ich sehe sie lachen, auf eine Weise, die mir gefällt. Die beiden Jugendlichen, ich schätze sie auf 13 bis 15, hören nun zu, wenden sich auch einander zu, mischen sich aber nicht ins Gespräch, das vor allem von dem lässig auf dem Stuhl hängenden Mann in gestreiftem Polohemd, in Rückenansicht, bestritten wird.  Er scheint nicht zur Familie zu gehören, dürfte ein Freund sein, dessen Geschichten und Ansichten die anderen interessieren.

All das bemerke ich jetzt.  Vorher, als ich zeichnete, sah es für mich ganz anders aus: Mich reizte die Figur in Rückenansicht, dann fiel mir der Junge auf, der gelangweilt auf seinem Stuhl hing, den Arm hinter der Lehne herunterhängend. Der Junge daneben hob seinen Arm, streckte sich und gähnte. Mir schien, sie saßen nur da, weil sie mussten, während die Erwachsenen ihr Ding abzogen.

Nun ist die Skizze, wie sie ist. Ich versuche sie durch digitale Hilfsmittel zu interpretieren. Da sind die beiden Heranwachsenden in ihrer eigenen Welt, zum Rest der Szene haben sie keinen Bezug.

Da ist der ältere Mann im Polohemd, der nicht zur Familie gehört, ein „Niemand“ a la Odysseus vielleicht, der durch seine Erzählungen die Szene lässig beherrscht.

Da ist eine unsichtbare Beziehung zwischen diesem Mann und dem Jungen. Der Junge saugt auf, was er für sich und sein Leben brauchen kann.

Da ist das Gespräch zweier Menschen, das sich ernst bedeutsam heraushebt aus dem Klappern und Klirren, dem Getriebe und dem Stimmengewirr der Taverne.

Und da ist schließlich ein gleichförmig-gleichzeitiges Sichbefinden von Figuren im Raum; deren Text ich nicht kenne.

„Das, was wirklich interessant ist, hast du weggelassen,“ mault Dora. – „Und das wäre?“ frage ich neugierig. – „Na, ich und das Baby.- „Welches Baby?“ – „Hast du uns wirklich nicht gesehen? Die Mama ist hinter den Pfeilern ständig hin und her getanzt und hat ihr Baby gewiegt. Da dachte ich mir: die wird sicher müde sein, ich helf ihr ein bisschen beim Babywiegen.“

Veröffentlicht unter Allgemein | 7 Kommentare

Dora zum FünfzehntenAchten: Reife Feigen im August

„Ein paar Feigen sind jetzt reif“, verkündet Dora. „So? Ja?“ gebe ich zurück. Eigentlich möchte ich nicht gestört werden, denn ich habe mich grad an die Lektüre einer dicken Biographie über den Kaiser Augustus gemacht (Werner Dahlheim, „Augustus – Aufrührer – Herrscher – Heiland“). Da brauche ich meine ganze Aufmerksamkeit, zumal die Schrift für meine alten Augen zu klein und das Tageslicht schon etwas schwach ist.

Warum ausgerechnet Augustus? fragst du vielleicht. Weil jetzt sein Monat ist?

Nun, pega mund erzählte mir (im Kommentarstrang zu Stadt mit Widmung) folgendes:  im jahr vor dem abitur verfasste ich im rahmen eines auswahlverfahrens für ein stipendium einen essay, einen vergleich zwischen dem parthenonfries und der ara pacis augustae.

Sehr interessant fand ich das, zumal ich beide Monumente kenne. Den Friedensaltar des Augustus habe ich erst kürzlich erneut besucht.

Den Parthenonfries kenne ich natürlich länger, habe mich sogar zeichnend an ihm abgemüht.

Mit der mythischen Vorgeschichte Athens, die am Parthenonfries verewigt ist, kenne ich mich ganz gut aus. Was aber weiß ich eigentlich über den durchaus historischen Augustus, außer  „Es begab sich zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde….“ (Lukas-Evangelium)?

Octavian bzw Gaius Octavius, wie er eigentlich hieß, bevor er den Namen Augustus (der Erhabene) annahm, war der Goßneffe und Adoptivsohn von Caesar, hat in den Caesars Tod folgenden Bürgerkriegswirren seinen Partner und Rivalen Marc Aurel ausgetrickst, Kleopatra in den Selbstmord getrieben, Caesars und Kleopatras gemeinsamen Sohn ermorden lassen (das weiß ich, weil ich mich für die ägyptische Stadt Alexandria interessiere), hat die Alleinherrschaft errungen, den Janustempel als Zeichen des Friedens gleich dreimal schließen lassen, hat ein halbes Jahrhundert lang ununterbrochen regiert, den achten Kalendermonat nach sich benannt und starb eines natürlichen Todes. Obgleich er einen Haufen Kriege geführt hat, ging er als Friedenskaiser in die Geschichtsbücher ein (pax augusta).

So ungfähr. Ziemlich dürftig, das Ganze. Und da mein Mann das Buch über Augustus grad ausgelesen hat und ich es immer klug finde, nicht ahnungslos zu bleiben, wenn der andere sich bildet, nahm ich mir vorhin den Wälzer vor, begann auch zu lesen …. und da kommt Dora daher und erzählt mir von reifen Feigen.

„Schnell, nimm! Es ist die schönste, die ich gefunden habe!“ kräht sie, eine perfekte Frucht auf ihrer Geschenk-Latüchte balancierend.  Da greife ich natürlich zu.

Und schaue nach, ob sich am Baum noch mehr reife Feigen finden lassen. Augustus hat zweitausend Jahre gewartet, dass ich ihn zur Kenntnis nehme, da machen ein paar Stunden den Kohl auch nicht mehr fett…

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Architektur, Dora, Erziehung, Fotocollage, Geschichte, Leben, Meine Kunst, Mythologie, Natur, Skulptur, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 5 Kommentare

Montag ist Fototermin: Vexierbilder (konvex, konkav)

Beim Malen ist mir oft aufgefallen, wie anders Bilder aufs Auge wirken, wenn man sie umdreht. Einer Legende nach wurde auf diese Weise sogar die abstrakte Malerei geboren: Wassily Kandisky (1866-1944) sei eines Abends bei Dämmerlicht in sein Atelier getreten und ganz bezaubert von einem Gemälde gewesen, das er dort erblickte. Erst langsam ging ihm auf, dass er selbst es gemalt hatte. Es stand auf dem Kopf.

Das Aufdenkopfstellen von Bildern ist unter Malern eine übliche Handlung, denn so kann man am besten erkennen, ob die Komposition ausgewogen ist.  Ein anderer Maler machte es dann zu seinem Erkennungszeichen – oder zu seiner Marotte, oder zu seiner persönlichen Antwort auf eine kopfstehende Welt*  –  und hat so manchen Betrachter seiner Werke dazu gebracht, unwillkürlich den Hals zu verrenken, da er das Bild ja nicht vom Nagel nehmen und „richtig herum“ hängen darf.

Georg Baselitz, Sammlung „Zeitgenössische Kunst“, im Städel, Frankfurt am Main

Beim Fotografieren kommen die Bilder gelegentlich auch „auf dem Kopf stehend oder auf der Seite liegend“ zum Vorschein. Dann dreht man sie um – und fertig.

Gestern fotografierte ich meinen Fußabdruck im nassen Sand, in der Absicht, ein von Joachim Schlichting kürzlich gezeigtes Phänomen einmal selbst zu erzeugen. Daraus wurde freilich nichts, denn eine Welle ebnete meine Fußabdrucke ein, bevor sie trocknen konnten.

Aber etwas andere erregte meine Aufmerksamkeit, als ich die Fotos betrachtete: mal schien es sich um eine konkave in den Sand eingedrückte Form zu handeln, mal um ein flaches konvexes Relief, das sich aus der sandigen Grundfläche abhob. Ich drehte und wendete die Fotos in alle Richtungen – es war  wie ein Vexierspiel. Auch die Tropfen im Sand schienen mal kreisrunde Höhlungen, mal aufliegende Sandknöpfchen zu sein.

              

Ich fotografierte dann auch noch Wasserblasen, die die Wellen hinterließen, und verglich sie mit vom tropfenden Badeanzug hinterlassenen Höhlungen. Die beiden oberen Bilder scheinen mir konvexe, die unteren konkave Gebilde zu zeigen. Einbildung? Ausbildung? Wer weiß das schon.**


*Georg Baselitz (*1938): “ „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen….“[1][2] (zitiert nach Wikipedia)

**Auch beim Betrachten gesellslchaftlicher Vorgänge gibt es diesen Effekt. Manches wölbt sich vor, man meint, es greifen zu können, und dann weicht es zurück und ist nur eine Höhlung, ein Nichts.

Veröffentlicht unter Allgemein, ausstellungen, Kunst, Leben, Methode, Natur | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 16 Kommentare

Dora zum VierzehntenAchten: Lichtwellensurfen

Einige Bücher, die deutsche Besucherinnen zurückließen und die nun hier herumliegen, haben meine Leselust geweckt. Es ist wie mit herumliegender Schokoade: man greift zu. Drei Bücher habe ich schon runtergefressen. Heute war ein Roman von Veronika Peters mit dem fürchterlichen Titel „Das Herz von Paris“ dran.  Zeit und Milieu passen zu meinem letzten Eintrag über Ottilie Röderstein: Paris zu Beginn der Zwanziger Jahre, in dem eine gelangweilte junge Berlinerin aus besserem Hause die Versprechungen der  Frauenemazipation entdeckt, als sie zufällig auf die berühmt-berüchtigte Buchhandlung Shakespeare & Company stößt.

Ich schaffe die ersten 40 Seiten, wenn auch mit wachsendem Widerwillen. „Saublöde Dialoge“, schimpfe ich vor mich hin oder auch „Hör bloß auf, mir jedes Möbelstück im Laden und jeden Rock der Ladies zu beschreiben!“

„Wenn dir das Buch nicht gefällt, warum liest du es dann?“ fragt Dora, die meiner neuen Lesewut nicht hold ist.

„Weil gegessen wird, was auf den Tisch kommt“, bin ich versucht zu antworten. Eine alte Verhaltensregel, nicht auszutilgen. Die Autorin hat sich ja bemüht, sie hat sicher gründlich recherchiert, um alles richtig zu machen, sie möchte mich unterhalten und mich mit einer für die Frauenemanzipation wichtigen Epoche vertraut machen. Das Thema interessiert mich. Ich kann doch nicht einfach aufstehen und sagen: Tut mir leid, aber es schmeckt mir nicht.

Oder kann ich es doch? „Na schön, gehen wir lieber schwimmen!“ sage ich zu Dora und stehe auf, suche meinen Kram zusammen, und auf gehts. Das Meer ist wild und die tiefstehende Sonne so hell, dass ich auch mit zusammengekniffenen Augen kaum aufs überglänzte Meer blicken kann. Im Wasser und auf dem Lande tummeln sich noch etliche Menschen. Wind und Wellen lachen. Herrlich, nix wie rein!

Hier siehst du Dora bei ihrem neuesten Sport: Wellenreiten!

Sie nennt es Lichtwellensurfen und behauptet, es mache viel mehr Spaß als das Surfen im internet. Bravo, Dora! Für ein Kind der Zeit hast du wahrhaft fortgeschrittene Ansichten! Am Ende ist unsere Erde doch noch zu retten!

Veröffentlicht unter Allgemein, Dora, Erziehung, Fotocollage, Leben, Natur, schreiben, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 8 Kommentare

Kunst am Sonntag: Ottilie Röderstein (Malerinnen)

Soeben las ich Susanne Hauns heutigen Eintrag, besah mir auch das beigefügte Video. Susanne besuchte eine Sonderausstellung mit den Werken von 99 Künstlerinnen des Bröhan Museums in Berlin https://www.broehan-museum.de/ausstellung/ansehen-kunst-und-design-von-frauen-1880-1940/. Es handelt sich wohl um eine der vielen Bemühungen, weiblichen Künstlerinnen einen Platz in der Kunstgeschichte zu geben. „Wie brav, wie angepasst“, dachte ich, als ich die Bilder betrachtete. Käthe Kowitz sticht aus der Sammlung hervor wie eine seltene Distel in einem Blumenstrauß.

Solche Gedanken kamen mir auch, als ich die großen Plakate sah, die eine Sonderausstellung von Ottilie Röderstein im Frankfurter Städel anzeigten. Aha, sagte ich mir, da hat man wieder mal eine Malerin ausgegraben. Wer kennt schon Ottilie Röderstein? Ich jedenfalls nicht.

Nachdem ich durch die Ausstellung gewandert war, war mir auch klar, warum sie heute so gut wie unbekannt ist: Sie war eine ausgezeichnete Portraitistin für die „gehobenen Kreise“, daher zu Lebzeiten (1859-1934) erfolgreich und ökonomisch unabhängig, aber für die Kunstentwicklung völlig bedeutungslos.

O ja, sie ist begabt, willensstark und fleißig, Sie setzt sich gegen die Widerstände, die vor allem von der eigenen Mutter gegen die gewählte Lebensform vorgetragen werden, durch. Sie kämpft darum, eine gute Ausbildung als Malerin zu bekommen, geht von Zürich nach Berlin und dann nach Paris…. Sie schafft es, durch Auftragsarbeiten, Verkäufe und Unterrichtung anderer Frauen sich von der Bevormundung durch die konservativen wohlhabenden Eltern zu befreien. Was  sie erreicht, macht sie zum Programm auch für ihre Geschlechtsgenossinnen. Zusammen mit Mitkämpferinnen setzt sie es durch, dass 1911 die ersten Mädchen in Frankfurt zur Abitursprüfung zugelassen wurden. Sie lebt offen in einer Beziehung mit einer anderen Frau.

All das kann sie erreichen, weil sie beim Malen  „auf Experimente verzichtet“. Sie malt, wie man es von einer Frau aus besseren Verhältnissen erwartet.  Sie malt ausgezeichnet – im „klassischen Portraitstil“. Nur wenige Werke in dieser Sonderausstellung zeigen einen zaghafen Versuch, neuere Entwicklungen aufzunehmen: impressionistische oder Japonerien etwa,  die sich mit dem „gutbürgerlichen Geschmack“ ihrer Kunden durchaus vertragen.

Wirklich stark ist sie in den späten Zeichnungen. O ja, sie ist eine Kämpferin, man sieht es. Aber es reicht nicht dafür, aus dem konventionellen Milieu auszubrechen und neue Wege in der Kunst zu öffnen.

Zuvor war ich in der ständigen Sammlung „Zeitgenössische Kunst“, ebenfalls  im Städel. Es ist eine wirklich sehenswerte Sammlung – gut aufgebaut, mit repräsentativen Beispielen der Kunstentwicklung  in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wirklich „zeitgenössisch“ ist die Sammlung freilich nur für Menschen meiner Generation, jüngeren wird sie wohl schon „klassisch“ oder gar recht verstaubt vorkommen.

Waren Malerinnen präsent? Ich habe viele viele Werke, die für mich bedeutend waren, fotografiert, mein Sohn, der unabhängig von mir in der Sammlung unterwegs war, ebenfalls. Nur eine Künstlerin kam mir unter (ihm gar keine): Maria Lassnig (1919-2014), vertreten durch ihr „Selbstportrait mit Affen (geliebte Vorväter)“ von 2001.

Ich weiß nicht, ob noch andere weibliche Künstler vertreten waren. Als von männlichen Kollegen verwendetes Bildmotiv sind Frauen jedenfalls immer noch reichlicher vorhanden. Allerdings geht auch da ihre Präsenz zurück, will mir scheinen.

Veröffentlicht unter Allgemein, ausstellungen, Ökonomie, Erziehung, Geschichte, Kunst, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , , , | 7 Kommentare

Tägliches Zeichnen: Zwischen den Generationen (kleine Beobachtungen )

Am Tisch schräg hinter mir sitzt eine Kleinfamilie, vermutlich Großeltern mit dem Enkelkind. Ich zeichne unter dem Tisch: Der Mann ist ein freundlicher Riese, er isst mit gutem Appetit und zündet sich nach beendetem Mahl seine Pfeife an. Die Frau füttert das kleine Mädchen liebevoll mit einem Löffel, den sie ihm gefüllt ins Mündchen schiebt. Das Mädchen wird hinter Flaschen, Gläsern und Wasserkaraffe kaum sichtbar. Sie waren wohl unten am Strand, haben gespielt,  waren schwimmen im Meer, sind ganz informell angezogen. Und lassen es sich schmecken. Großeltern und Enkelkind – das ist ein Dreieck, in dem alle sonstwie noch existierende Probleme unbedeutend werden. Das winzige Kind harmonisiert die Menschen durch sein bloßes Dasein.

Ein Tisch mir gegenüber ist nun auch besetzt. Es handelt sich um eine ältere, um nicht zu sagen alte Frau in Begleitung eines noch jungen schweren Mannes mit dunklem Haar und Bart. Es ist ein sehr ungleiches Paar. Die Frau, deren hageres Gesicht von tiefen Mundfalten gezeichnet ist, redet selbstbewusst, lebhaft und gestenreich auf den Jüngeren ein. Ihre Art zu reden zeigt Professionalität. Aber merkt sie nicht, dass der junge Mann desinteressiert und abwehrend ist? Er schaut verschlossen vor sich hin oder in die Gegend. Als die Bedienung kommt, um die Bestellung aufzunehmen, skizziere ich sie schnell.

Mich interessiert dieses Paar, es berührt mich. Mutter und Sohn, oder Enkelsohn? Großneffe? Es gibt eine Intimität zwischen den beiden, die von dem Jüngeren zunächst abgewehrt wird, sich dann aber doch durchsetzt. Er wird im Laufe der Zeit zugewandter, hört hin, spricht seinerseits, wenn auch mit großer Zurückhaltung. Der Altersabstand wird weniger bestimmend. Etwas kommt ins Fließen. Wie schwer die Kommunikation zwischen den Generationen doch ist! denke ich und wünsche der alten Frau Glück. Ja, ich habe mich ein Stück weit mit ihr identifiziert.

Veröffentlicht unter Allgemein, Erziehung, kleine Beobachtungen, Leben, Meine Kunst, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , | 7 Kommentare

Dora zum DreizehntenAchten: Schade eigentlich

„Schade eigentlich“, kräht Dora, während sie sich am Geländer über der Küchenterrasse  entlanghangelt. Unter ihr steht der sechseckige Tisch, an dem wir meist zu zweit, aber gelegentlich auch zu viert oder sogar, wie zuletzt geschehen, zu sechst zu Mittag essen.

Jetzt ist es schon fast dunkel, es ist schwül. und die Fliesen sind feucht. In der Nacht hat es geregnet. Merkwürdiges Sommerwetter.

.

„Was ist schade, kleine Dora?“ rufe ich zurück.

„Dass sie nun alle weg sind. Dabei sind die Weintrauben jetzt richtig schön reif.“

Dora hat recht: es ist schade, aber nicht überraschend gekommen. Die „Kleinen“ haben gestern fachmännisch und fachfrauisch (fachfraulich?) ihre Fahrräder, mit denen sie Europa von Nord nach Süd durchquert hatten, in riesige Kartons gepackt. Heute morgen haben sie die Pakete in mein Auto geladen, dann zu zweit auf dem BeifahrerInnensitz Platz genommen, ich auf dem FahrerInnensitz … und so sind wir zum Flughafen gebraust, zum Glück, ohne einer Polizeipatrouille zu begegnen. Die „Großen“ sind schon vor drei Tagen im geliehenen Auto abgereist.

Zu Dora sage ich: „Wo du schon mal da oben bist, sei doch so lieb und bring ein paar Trauben mit runter, ja? Die Wespen liegen schon auf der Lauer, wir müssen ihnen zuvorkommen, wenn wir Trauben ernten wollen.“

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dora, Erziehung, Fotocollage, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , , | 7 Kommentare

Dora zum ZwölftenAchten: He, ich weiß deinen Namen!

He du, Schmetterling! ich weiß deinen Namen!! höre ich Doras Stimmchen im Garten. Neugierig schaue ich hinaus. Und da sehe ich zwei Schmetterlinge auf dem Zitronenbäumchen. Der eine ist offenbar Dora in perfektem Mimikri.

Der folgende Dialog hat sich genau so abgespielt, wie ich es hier berichte.

Schmetterling: Wenn Sie mit mir sprechen wollen, kommen Sie bitte auf meine andere Seite. Ich trage meine Tympanalorgane vorn und nicht am Hintern!

Dora: O, Verzeihung! Da bin ich schon! Ist es so recht? Ich wollte Ihnen nur sagen….

Schmetterling: … dass Sie meinen Namen kennen. Ich weiß, ich bin ja nicht taub.

Dora: Ich dachte…

Schmetterling: Sie denken zu viel!

Dora: Also, wollen Sie nun Ihren Namen hören oder nicht?

Schmetterling: – – –

Dora (triumphal): Sie heißen … Segelfalter!

Schmetterling: Iphiclides Podalirius

Dora: Wie bitte?

Schmetterling: Mein voller Name ist Iphiclides Podalirius. Vorname: Iphiklides, was ihr mit Segelfalter übersetzt,  Familienname: Podalirios. Diesen Namen trage ich mit großem Respekt vor dem heilkundigen Mann gleichen Namens, der schon die Krieger im Trojanischen Krieg medizinisch betreute. Der Dichter Homer weiß davon zu berichten.

Dora: Dann kennen Sie auch den Homer? Der hat einen Spruch an der Brücke von Frankfurt hinterlassen. Da war ich neulich, habe ich selbst gesehen. Er reist zu Leuten, die anders sprechen als er selbst. Welche Sprache sprechen Sie denn?

Iphiclides Podalirius: Klar kenne ich Homer. Dass er viel reiste, möchte ich bezweifeln. Er sprach Griechisch. Diese elegante Sprache benutze ich ebenfalls. Gelegentlich spreche ich auch Latein.

Dora: „?“

Iphiclides Podalirius: Ave! Ich muss jetzt weiter!

Dora: Warten Sie! Bitte! 

Aber da ist nichts zu machen.  Schon ist Iphiclides Podalirius auf und davon.

Als Dora zu mir hereinkommt, sieht sie nachdenklich aus. „Ich heiße nur Dora“, sagt sie mit bekümmerter Stimme. “ Warum habe ich keinen Familiennamen?“

Vielleicht gibt jemand von euch ihr einen Familiennamen?

———————

Den Hinweis auf den Namen des Schmetterlings hat mir feundlicherweise Ele gegeben . Danke!

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Dora, Erziehung, Fotocollage, Fotografie, Leben, Mythologie, Natur, Tiere, Umwelt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 11 Kommentare

Dora zum ElftenAchten: Erfrischungsbad

Der heutige Tag ist merkwürdig schwerflüssig und zugleich unruhig. Dunst und Gewölk wollen sich weder auflösen noch verdichten, sie wabern unschlüssig über Land und See. Mir geht es nicht anders: auch ich weiß nicht recht, was mit dem Tag anzufangen wäre.

Zu meinem Glück habe ich ja Dora, die es nicht zulässt, dass ich einfach dem Trägheitsgesetz folge, auf der Couch liegen bleibe und ein Buch lese.

Die Versuchung ist freilich groß, eben dies zu tun, zumal mir unsere letzte Besucherin ihre ausgelesene Reiselektüre hierließ –  den spannenden Schmöker „Neujahr“ von Juli Zeh. Ich lese mich denn auch fest und höre erst auf, als ich die letzte Seite umgewendet habe. Dann aber rappele ich mich auf und wandere zu meiner Bucht hinunter.

Zu meiner Überraschung ist sie noch von etlichen Grüppchen bevölkert. Darüber bin ich froh. Nicht immer mag ich Menschen am Strand, aber an solchen etwas düsteren Abenden wie heute sind sie mir sehr recht. Überall lagern sie. Wollen sie den Vollmond begrüßen? Ein dunkellockiger junger Mann lehnt an einer Geröllaufschüttung und liest im vergehenden Licht ein Buch, leider kann ich den Titel nicht erkennen. Unternehmungslustige Kinder springen von den Felsen ins Wasser und spaddeln in den Wellen. Dora tut es ihnen juchzend nach, und auch ich lasse mich, leise singend, von den unruhigen Wellen hier- und dorthin schaukeln und weit hinaus treiben.

„Na, siehste!“ kräht Dora, als ich zufrieden nach Hause trotte, „ich habs dir ja gesagt! Zuviel Lesen macht blöd im Kopf. Dagegen hilft nur ein erfrischendes Bad!“

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dora, Erziehung, Fotocollage, Leben, Psyche, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 14 Kommentare

Friedsel’ge Wolken ….

Heiß war der Tag. Wir schlafen draußen unter dem Moskitonetz. In der Nacht schrecke ich von Motorenlärm auf: Löschflugzeuge? Nein, alles ist still. Der glühende Mond steht bereits über dem Meer. Bald wird er untergehen.

Kurz vor Sonnenaufgang schrecke ich erneut auf. Die Feuerangst sitzt tief. Rötlicher Rauch treibt über das Haus. Nein ….

Friedsel’ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.*

 

Ich suche den Horizont ab. Über dem von der Sonne ausgedörrten Land steigt es auf wie Rauch. Aber das ist nichts, kein Feuer. Nur der Dunst, der sich über dem heißen Boden bildet, rötlich verfärbt von der aufgehenden Sonne. Möge uns das Feuer auch an diesem Tag verschonen.

——————————————

*Die Füße im Feuer, Ballade von C.F.Meyer, darin:

Er träumt….

Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt…

Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel’ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräft’gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug. 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, Fotografie, Katastrophe, Krieg, Leben, Natur, Psyche, Träumen, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 17 Kommentare