Besucher im Gartencafe (tägliches Zeichnen)

Bequem im schönen Gartenlokal in Kalamata sitzend, beobachte und skizzziere ich andere Besucher. Natürlich bewegen sie sich, sitzen mal so mal anders, setzen sich gelegentlich ganz um, und dann muss ich von Neuem beginnen. Da kann es dann schon mal passieren, dass dieselbe Person doppelt und dreifach auf einem Blatt erscheint.

Der ein wenig abwesend-resigniert wirkende Mann mit dem weißen Lockenhaar und dem runden Rücken blüht nur kurz auf, wenn er sich mit der kleinen Enkelin in der Kinderkarre abgeben darf. Seine Frau ist überaktiv, mal am Telefon, dann wieder aufspringend, hin und her stolzierend und das scheue Mädchen zum Ballspiel animierend. Die jungen Frauen im Hintergrund setzen sich ebenfalls um: die mir den Rücken zuwandte, sitzt nun rechterhand, die andere ist von rechts nach en face weitergerückt. Der Mann ist verschwunden. Eine andere Gruppe hat weiter hinten Platz gnommen.

Hier noch einmal das ungleiche ältere Paar.

Neben mich setzt sich ein junges Paar. Sie scheinen Puppenspieler zu sein, jedenfalls haben siee Plaate dabei, die eine Aufführung des Karagiosis (Schattentheater) anzeigt. Auch bearbeitet der Mann ein Plakat mit einer Schere, schneidet den Text aus.

Das schmale edle Profil des jungen Mannes schaut nur kurz zwischen dem gewaltigen dunklen Lockenschopf hervor. Das Gesicht der jungen Frau unter dem Helm des glatten dunklen Haares, das sie löst, als sie allein bleibt, rührt mich an. Ihr zarter Körperbau steht in Kontrast zum ernst gesammelten und willensstarken Ausdruck ihres Gesichts.

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Dora zum ZehntenAchten: Schmetterling

„Die halben Besucher sind schon weg“, stellt Dora bedauernd fest. – „Nicht ‚die halben‘, es muss heißen: ‚die Hälfte‘ der Besucher“, korrigiere ich sie. Aber in der Sache hat sie leider recht. Außerdem war es heute sehr heiß, und ich war zu unmotiviert, um mich auf den Weg zum Meer zu machen. „Morgen wieder“, verspreche ich mir und Dora. „Morgen früh gehe ich als erstes ans Meer, versprochen!“.

„Und heute?“ fragt Dora. „Hab ich dir denn heute nix geschenkt?“ – „Doch, sicher, meine Kleine“ sage ich und versuche, mich zu erinnern. Die zwei sind abgefahren, dann waren wir essen, dann habe ich wie ein Stein geschlafen. In den wachen Momenten habe ich einen Blogbeitrag über „die Documenta und den Krieg“ verfasst. Sonst war nix. Oder doch?

„Und der Schmetterling? War der nix?“ fragt mich Dora ein wenig traurig. Na klar! Der Schmetterling am Zitronenbäumchen! Wie konnte ich den vergessen!

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Documenta und Krieg in Kassel (und tägliches Zeichnen)

Die Skizze mache ich in Kassel, als ich im Garten der Alten Brüderkirche sitze, leicht erschöpft von meinem fruchtlosen Documenta-Rundgang. Um mich herum herrscht heiteres Leben: Eine fein gekleidete, lässige Hochzeitsgesellschaft, Kinder, Kaffeetanten. Ein Kleinstkind besteht darauf, wieder und wieder dieselbe Stufe zu erklimmen, ein anderes rennt auf schwankenden Beinchen rund durch den Garten vor der ihr nacheilenden Mama her,..

Im Inneren der Kirche habe ich zuvor riesige Tapisserien angeschaut: nette Bömbchen fallen aus gestickten Flugzeugen, ein plüschiges Kriegsschiff geht in Flammen auf, Krieger und Flüchtlinge eilen durch fein gewebte Nächte…

Auch eine Familie aus Origon gibt es zu bestaunen – aus tausenden Stichen fein zusammengefügt die lächelnde Hausfrau, das schüchterne Töchterchen, die Katze unter dem Couchtisch, das Stickbild über dem Sofa und das Kriegsspielzeug in der Hand des behäbigen Hausherrn.

Aus dem Altarraum grüßt eine kriegerische Mickymaus.

Ich bin am Morgen ohne Programm losgezogen, in der irrigen Annahme, dass ich unterwegs Info-Material und Hinweisschilder auf die documenta finden würde. Und die Besucherströme würden mich zu den Attaktionen führen. Weit gefehlt. Kassel will seine documenta offenbar nicht mehr kennen.

Ich stieg am Rathaus aus der Straßenbahn, doch weder drinnen noch draußen findet sich irgendein Hinweis auf die documenta. Nur dass Kassel eine „Kulturstadt“ sei, wird mir plakativ angezeigt. Im Rathaus überraschen mich die Boukephaloi (bekränzte Stierköpfe) –  Symbol aus hellenistischer Zeit, das mir schon an Augustus‘ Grabmal in Rom auffiel, das hier aber völlig deplaziert wirkt – dazu Schmuckmotive unbekannter Provenienz (indianisch?), ein Basrelief mit einem wohlgeformten nackten Reiter und vor dem Eingang eine rüstige Frau, die zwei Kleinkinder hinter sich herzieht – vermutlich eine Erinnerung an einen der vielen Kriege, die Kassel zugesetzt haben. Falls du es nicht weißt: Alliierte Fliegerbomben haben die Stadt und einen Großteil seiner Bevölkerung in einer Nacht, am 22. Oktober 1943, ausgelöscht.  Es sind mühsam aus denTrümmern zusammengeklaubte Erinnerungsstücke aus einer anderen Zeit, die das Rathaus schmücken.

Da niemand die documenta zu kennen scheint, wandere ich auf gut Glück los. Und gerate als erstes an das Denkmal, das die Stadt den toten Kriegern der beiden Weltkriege errichtet hat. Schön ist es nicht, dafür aber riesig. Es dominiert die weitläufige, unter der Sommerhitze verdorrende Wiesenfläche vor der Orangerie. Die Stadt entschuldigt sich dafür, die Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit Tafeln ihrer Wehrmachtseinheiten zu ehren, man habe, da ja auch die Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen habe, jedenfalls darauf verzichtet, diese Tafeln zu reinigen…… O weh!

Kriegerdenkmal, darüber Neubebauung, davor einsamer Papierkorb

Kontinuität ist dennoch gefragt, und so prangen die Daten der beiden Kriege in denselben martialischen Lettern rechts und links am symmetrischen Bau. Man beachte auch die streng symmetrische Anordnung der Jahreszahlen.

Der tote Krieger des 1. Weltkriegs; den die Nazis nicht heldenhaft genug gefunden und daher mit Erde bedeckt hatten, wurde inzwischen wieder ausgegraben.

Ich bin allein. Niemand ist auf der weiten verdorrenden Wiese zu sehen. Nur am Bächlein weit unten sehe ich ein paar Figuren – dazwischen ein einsamer überquellender Papierkorb (s.o.) . Ich mache mich auf den Weg hinunter und treffe auf einen aus Altkleiderballen gefertigten Unterstand. Elegant gekleidete, in bestem Oxford-Englisch parlierende Schwarzafrikaner informieren mich im Inneren, wo ich auf einer der bereitstehenden Holzbänke Platz nehme, per Video darüber, was es mit dem Altkleiderhandel in Afrika auf sich hat. Dass er die lokale Textilindustrie zerstöre, dass es eine Frage der Würde sei, originale Kleidung zu tragen, dass eine mächtige US-Altkleider-Lobby die Versuche der Afrikaner, sich von der Pest des Handels mit gebrauchter Kleidung  zu befreien, konterkariert habe, indem sie bei Trump vorstellig wurde … Nun, mag ja sein, doch ist das nun ein zeitgenössischer Beitrag afrikanischer Künstler? Wurden diese Videos womöglich in London oder Los Angeles gedreht? Und die großen Altkleiderballen und der Plastikschrott – wie kamen die auf die Kasseler Wiese?

Altkleider-Infobox und verpackter Plastikschrott, im Hintergrund die Orangerie

Immerhin weiß ich nun, dass der Altkleiderhandel in Afrika ein Thema zu sein scheint, und damit bin ich informierter als zuvor. So bereichert wandere ich weiter zur Orangerie. Aber die ist geschlossen – im Umbau. Die elegante Dame, die den Eingang hütet, weiß nicht, wo es Ausstellungsräume der documenta gibt. Infomaterial hat sie keins. Zum Glück bin ich nahe an der  Fulda, und so wandere ich an ihrem Ufer dahin, zwischen leeren roten Liegestühlen, die von Kassel schwärmen (Wow!), vielsprachigen Toilettenhinweisen, im Auf- oder Abbau befindlichen Zelten und Imbissbuden …

Ein feiner Spaziergang, denn die Fulda ist schön, und schattende Bäume gibt es auch.

Und so lustwandelnd gelange ich schließlich zur Alten Brüderkirche – wo ich, nachdem ich mich an den kriegerischen Tapisserien sattgesehen habe, neben einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft sitzend eine etwas erschöpfte Skizze von meiner Espressotasse samt Zubehör mache.

Documenta war einmal.

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Dora zum NeuntenAchten: Stadt mit Widmung

„Und hier hast du gelebt?“ Dora ist fasziniert von der Frankfurter Skyline, die sich eindrucksvoll gegen den verdüsterten Himmel abhebt.

„Ja und nein“, antworte ich nachdenklich „Die Stadt, in der ich lebte, sah anders aus, genauso wie der Körper, in dem ich damals lebte, anders aussah. Wahrscheinlich hat sich die Stadt sogar noch viel mehr verändert als mein Körper. Sie trug damals denselben Namen, und einiges ist ja auch noch wie damals. Der Fluss Main floss auch damals schon, und da drüben das bewaldete Inselchen gab es auch, und Ausflugsschiffe legten am Kai an, wie auch jetzt. Der Eiserne Steg, über den du vorhin gehüpft bist, den gabs auch. Der war für mich wichtig, besonders seit ich die griechische Inschrift oben am Brückenkopf entdeckte. Sie kam mir vor wie ein Autogramm, eine persönliche Widmung für meinen Mann und meinen kleinen Sohn.“

Dora sieht mich fragend an. „Welche Widmung?“ – Ich lächle. „Klar, du hast sie nicht bemerkt, wie vermutlich fast alle, die hier täglich rübergehen. Dabei ist sie ja recht groß. Aber man muss den Kopf heben, um sie zu sehen. Das tut fast niemand. Die meisten schauen entweder auf ihr Füße oder auf den Fluss oder aufs Geländer, um ein Schloss dranzuhängen, oder auf die Skyline oder…“ – „Und? wo ist sie nun? ich seh nix“ kräht Dora. –  „Na, da oben!“

Πλέων επί οίνοπα πόντον επ αλλόθροους ανθρώπους lese ich vor. „Das ist von Homer, also bald schon dreitausend Jahre alt,  und bedeutet: Segelnd auf weinfarbenem Meer hin zu Menschen anderer Sprachen.“

„Dreitausend Jahre?“ staunt Dora. „Dreitausend Doras?“ -„Hm, ja“, sage ich. Und auf einmal scheinen mir die dreitausend Jahre gar nicht mal so viele  zu sein. Über den Eisernen Steg gehen täglich weit mehr Menschen, die gewiss genauso unterschiedlich sind wie die Jahre, die seit Homer vergangen sind.

Und ich denke an die Schicksale der Stadt, und wie die gesamte berühmte Altstadt durch Fliegerbomben ausgelöscht wurde und wie sich die Politiker im Magistrat dann stritten  angesichts des Trümmerfeldes und einen schlechten Kompromiss aushandelten; sie schlugen neue Straßenzüge brutal durch das zertrümmerte Altstadtgewebe und garnierten das Ganze mit einem Gemisch aus wieder hergestellten historischen Bauten, gesichtslosen Neubauten, kuscheligen Fachwerkhäusern und Tiefgaragen. Zugleich und ganz passend wucherten die ersten Glas-Beton-Türme in einen Himmel, den sie spiegeln aber nicht kennen. Unten durch die Straßenschluchten wimmeln Menschen jeder Sprache, ahnungslos, auf welchem historischen Boden sie gehen. Es dürfte ihnen auch egal sein. Den Touristen gefällts.  Auch Dora findet die Pseudo-Fachwerkhäuser lieb, und so mache ich ein Foto davon. Und auch von der ollen Paulskirche.

„Komm!“ sage ich zu Dora. „Schauen wir mal an Goethes Geburtshaus vorbei. Goethe ist für die deutsche Literatur so was Ähnliches wie Homer für die griechische.“ – „Ist der auch so alt?“ fragt Dora. „Nicht ganz“, antworte ich, überquere mit ihr eine grässliche Autostraße, biege in eine engere Straße mit gemischter Bebauung ein…

Das Haus wurde zwar korrekt wieder aufgebaut, aber es steht fremd und beziehungslos in einem völlig desinteressierten Umfeld. Wozu steht es da so biedermeierlich breit mit seinen schmiedeeisernen Blumengittern und Geranien? Ach, nichts als postmoderne Geschichtsklitterung mit musealem Touch.

Ein sinnloses Unterfangen wäre es, der kleinen Dora hier etwas von Goethe zu erzählen. Das wäre dann schon eher in seiner geistigen Heimat möglich, an den Hängen des Pelion vielleicht…. Also sage ich: „Komm, trinken wir lieber was, da drüben in dem Cafe gibts freie Plätze!“

 

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Dora zum AchtenAchten: Besucher

Ich überlege, von welcher Episode meiner Deutschland-Reise ich als nächstes berichten soll.  „Was soll das,“ kräht mir Dora ins Ohr. „Die Gegenwart ist doch viel spannender! Erzähl mal von den Besuchern! Schließlich sind sie hier und bald wieder weg.“

Nun denn! Am Tag meiner Rückkehr aus Deutschland trudelten zwei sehr junge liebe Menschen hier ein. Sie kamen per Fahrrad …. vom Nordkap. Ja, tatsächlich! 6000 km waren sie vom äußersten Norden Europas zu uns herunter in den äußersten Süden geradelt.  Statt des ursprünglich anvisierten Gibraltar wählten sie das Kap Tainaros als Zielort. Das ist der Eingang zur Unterwelt, 100 km von hier und der südlichste Punkt von Festland-Europa. Heute kam der eine zurück von diesem letzten Abstecher: sonnenverbrannt und glücklich. Die andere paukte derweil für anstehende Physik- und Chemie-Prüfungen. Erstaunliche Menschen sind das, so jung, so zielgerichtet und diszipliniert, so voller Lebensfreude und Unternehmungsgeist! Jetzt sitzen sie in der Wohnküche und spielen Schach.

Seit gestern haben wir full house, denn es trudelten noch zwei andere sehr sehr liebe Besucher ein. Mit denen war ich gleich schwimmen. Die Bucht hatte sich in die allerschönsten Farben gekleidet, ihnen zur Ehre, mir zur Freude.

„Ach, Dora“, seufze ich, „es geht nicht, ich kann darüber nicht schreiben. Menschen sind zwar das wichtigste überhaupt, aber sie sind mir zu kostbar, um ihre Geschichten und Bilder ins Internet zu stellen! Ich erzähle lieber von der Ausstellung Zeitgenössischer Kunst im Städele.“ – „Nein!“ schreit Dora. „Dann schon lieber von Fritzi!“

Gut, also von Fritzi, die immer zutraulicher wird. Sie hat schon gelernt, mit meinem Zeh zu spielen, ohne ihre Krallen auszufahren.

Ihre Mama aber, die Prinkipessa, guckt argwöhnischer denn je. Ob sie verstanden hat, dass ich sie sterilisieren lassen werde, sobald ich ihrer habhaft werde? Sie faucht mich an, wenn ich sie füttere. Manchmal haut sie auch nach mir. Ihre neue Brut hat sie uns noch nicht vorgestellt.

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Dora zum SiebtenAchten: Lebendiges und Totes (Palmengarten 2)

„Was hat dir im Palmengarten eigentlich am besten gefallen?“ frage ich Dora und schaue vom Computer auf.

Dora steht an der offenen Tür unseres Steinhauses in der Mani und freut sich.“Es regnet“, verkündet sie. „Ja, das auch!“ antworte ich und lausche dem Regen, der vom Dach herunterrauscht und auf die Steinfliesen des Hofes klatscht und plätschert. Am Morgen schwamm ich unter wolkenlosem Himmel im Meer.  Dann bauten sich Wolkenberge auf, es wurde unerträglich schwül. Und nun regnet es. Möge der Regen anhalten!

„Sag mal: Was hat dir im Palmengarten am besten gefallen?“ wiederhole ich meine Frage. Es interessiert mich wirklich. Was hat sie von all den Informationen aufgenommen? Hat sie neue Einsichten gewonnen?

„Die Knirpse!“ kräht Dora. „Die waren witzig!“ Die Kinder, so, ja. Recht hat sie. Die waren witzig. Winzlinge mit gelben Hüten trabten unter erwachsener Aufsicht durch das Tropenhaus. Ich konnte nicht feststellen, dass sie sich für die Pflanzen-Arrangements interessierten, Nur ein Wasser spritzender Arbeiter zog kurz die Aufmerksamkeit eines Knirpses auf sich. Die Betreuer, übrigens sehr fürsorglich und liebevoll, hatten ihre Mühe, das Häuflein der Gelbbemützten zusammenzuhalten und sicher über die Stege und Treppchen zu befördern.

Dora ist wie die Kinder. Für Schautafeln,  Pflanzennamen, historisch Bemerkenswertes interessiert sie sich einen Deut. Nur Lebendiges scheint für sie Bedeutung zu haben. Und Spielplätze mag sie, vorzugsweise die mit Wasserrutschen. Während ich, im Palmengarten unter Apfelbäumen stehend, ehrfürchtig nachlese, dass dies das Apfelgärtchen der Familie Goethe gewesen sei, und versucht bin, einen der grünen Äpfel der Sorte Malus domestica zu pflücken und anzubeißen, um mir den großen Dichter ein Stück weit einzuverleiben …

hampelt Dora auf einer der Stelen herum, die in einem der diversen Goethe-Jahre dort aufgestellt wurden.

Ich lese den Text und seufze. Wieso interessiert sich Dora nicht für Dichtung? Oder hat sie vielleicht Recht? Ehrt es den Poeten wirklich, wenn seine lebendigen Zeilen in Eisen gegossen zur Schau gestellt werden? Am Boden ein Feld eiserner Ginkgo-Blätter … So ehrt man Tote, nicht die Lebenden.

Still memoriere ich die unsterblichen Verse, die er einst für Marianne von Willemer oder doch wohl für sich selbst und für uns alle schrieb:

Ginkgo Biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn.
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin ?

Der Regen hat aufgehört. Ich glaube, ich gehe mal raus und schaue, wie es im Garten aussieht..

 

 

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Skizzen von unterwegs: Architektur und Kristall (kleine Beobachtungen)

a) Vergoldeter Säuleneingang im Palmengarten.

Da sitze ich nun also. Schatten und ein köstlich kühler Früchtetrunk, der so bio ist, dass sich sofort Wespen einfinden, um ihn mit mir zu teilen.

Gern hätte ich die beiden am Nachbartisch sitzenden Mamas mit ihren Kleinstkindern skizzziert, traue mich aber nicht. Stattdessen folge ich mit Blick und Stift den Bögen der Fenster, den eleganten Rundungen der dorischen Schnecken an den Säulenkapitelen und den Linien des mehrstufigen Simses des Schlösschens, das jetzt als Cafe dient. Nebenbei folge ich dem Gespräch der beiden Mamas, das sich um die schwierige Koordinierung von Studium, Geldjob und Mutterschaft dreht. Immerhin, denke ich bei mir, habt ihr Zeit, an einem Montagvormittag eure Kinder im Palmengarten herumzuschieben und eure Probleme zu beklönen. Es sei euch von Herzen gegönnt.

b) Elegant gewinkeltes Haus in Kassel.

Die Apfelbäume im hinteren Garten spenden wohltuenden Schatten. Ich sammle heruntergefallene Früchte aus dem feuchten Gras in einen Korb, später werden wir sie schälen, die wurmstichigen Teile herausschneiden und köstlichen Apfelmus bereiten.

Das Haus vor mir ist ein ungewöhnlicher Bau, innen wie außen. Ich versuche, die rosa Außenfront mit dem Schieferdach zu zeichnen, so weit sie über die blühenden Büsche hinausragt.

Die Blüten davor zeichne ich auf ein anderes Blatt.

c) Verwinkelter Innenraum (ausgebaute Dachmansarde) in Düsseldorf.

Hier schlafe ich in der letzten Nacht vor meinem Rückflug nach Kalamata. Um die Mansarde zu erreichen, muss ich zwei enge Treppen ersteigen. Mir gefällt der Raum mit seinen großen Klappfenstern zum Himmel. Sky View heißt er zu Recht.

Sogar den neuen Sichelmond erspähe ich, als ich, schlaflos, hinüberschaue zum blinkenden Kontrollturm des Flughafens. Um halb fünf in der Früh werde ich meinen Rucksack schultern, mich die Treppen hinunter tasten und durch den bleichen Morgen zum Flughafen hinüberwandern. Jetzt aber versuche ich, die Logik dieses spitzwinkligen Innenraums zu verstehen: die tragenden dunklen Holzpfeiler in der Mitte, die angeschnittenen Fenster und die eingebaute kleine Küche links, den Treppenaufgang mit dem Geländer, die dunkle Nische mit den Betten rechts.

Während ich dies schreibe, vergleiche ich die beiden „Architekturen“:  das großzügig überdachte rosa Haus in Kassel und das verwinkelte Innenleben der Dachmansarde in Düsseldorf. Und mir kommt ein anderes Objekt in den Sinn, dass ich in dem rosa Haus zeichnete: ein Quarz-Kristall aus dem Inneren der Erde. Halb durchsichtig ist er, mit klaren Schnittlinien und ungleichmäßig gewachsenem getrübtem Innenleben.

Ich mache mehrere Anläufe, denn dies Ineinander von Innen und Außen, Transparenz und Opazität fasziniert mich. Auch versuche ich zu imaginieren, wie dies lichtvolle Gebilde im dunklen Schoß der Erde heranwuchs.  Woher wusste es vom Licht?

Ich nehme den Kristall in die Hand und beobachte, wie meine Finger sich beim Hindurchscheinen verbiegen.

Das geschliffene Glas mit dem Rotwein nimmt die Kristallstrukturen auf und öffnet, was geschlossen war, in elegantem rundem Schwung zu einem anderen Sky View – Himmelsblick.

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Palmengarten-Besuch (1): Wasserwelten, Schmetterlinge.

Ein freier Vormittag. Ich könnte Kontakt aufnehmen zu Menschen, denen ich vor Jahren freundschaftlich verbunden war. Manche leben ja noch hier. Ich mag aber nicht, mag keine Schicksale erfahren, mag auch nicht von mir selbst Mitteilung machen. Ich möchte lieber allein sein – eine x-beliebige Touristin auf Sight-Seeing-Tour in Frankfurt am Main. Auch zu längeren Fahrten mit Öffis habe ich keine Lust. Also wandere ich zum nahegelegenen Palmengarten.

Bin ich wirklich in den neun Jahren meines Aufenthalts in Frankfurt nie hineingegangen? Ich erinnere mich nicht. Mit meiner frisch erworbenen Eintrittskarte (7 E) öffne ich die elektronische Schranke des Drehkreuzes und darf hinein in das weitläufige grüne Areal.  Das erste, was mir auffällt: Wasser! Wasserfontänen springen in die stickige End-Juli-Atmosphäre, Gartenarbeiter sprengen große Mengen Wasser über die Pflanzungen, um sie vor dem Verdorren zu bewahren, künstliche Teiche bieten Enten und Gänsen (und auch mir) ein angenehmes Ambiente. Ein Jungvogel stakst durch das Ufergrün.

In den Pflanzhäusern sprudeln künstliche Bäche, kleine Wasserfälle stürzen in Tümpel mit Seerosen, Brückchen spiegeln sich in trüben Gewässern.

Die schöne Calla – diese aus nur einem Blütenblatt gewickelte Wunderblüte – wuchert in Weiß und Rot im sumpfigen Grund.

 

In die Wände einer Grotte sind kleine Aquarien eingelassen, in denen herrlich funkelnde Fische ziellos herumschwimmen. Ich bleibe lange bei ihnen stehen, schaue ihnen zu, fotografiere sie, so als müsse ich ihrem traurigen Aquarienleben ein wenig Extra-Sinn hinzufügen.

Wohltuend ist dieser Wasser-Überfluss, ich genieße ihn angesichts der städtischen Dürre  und verbiete mir die Frage: Wo kommt es her? Wo wird es abgezogen? Fehlt es womöglich an anderer Stelle? Ich bin Touristin, bin nicht verantwortlich, ich darf dies künstliche Paradies genießen.

Ich darf mich auch belehren lassen. Denn dafür ist der Palmengarten wohl vor allem geschaffen worden. Schautafeln, Schaukästen, wandgroße Fotos informieren mich beispielsweise über den Körperbau, die Lebensgewohnheiten  und die Verwandlung von Schmetterlingen. Schier Unglaubliches wird da berichtet. Fasziniert betrachte ich die übergroßen Fotos von Eiern, Raupen, Puppen (s. Foto) …

Schautafel Puppen

und natürlich von den Faltern selbst, lese mich in ihren Wander- und Verwandlungsgeschichten fest –  Geschichten, die nun in mir als Rohmaterial lagern und darauf warten, besser verstanden und selbst verwandelt zu werden.

Schautafel Flügel eines Schmetterlings (Detail)

Das Lied vom Schmetterlinge 

Liebes, leichtes, luft’ges Ding,

Schmetterling,

Das da über Blumen schwebet,

Nur von Thau und Blüthen lebet,

Blüthe selbst, ein fliegend Blatt,

Das, mit welchem Rosenfinger!

Wer bepurpurt hat?

J.G.Herder, (1744-1803), 1. Stophe

Hier mache ich erstmal einen Punkt und erzähle später noch ein bisschen weiter von meinem Palmengarten-Besuch.

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Skizzen von unterwegs: Vor dem Abflug aus Kalamata (kleine Beobachtungen)

2. Im Büro:

Ich warte bei einer Freundin im Büro. Sie hilft mir, meinen Flug zu buchen.  Man sieht ihre Konzentration am Zeigefinger, der sich in die Wange bohrt. Der andere Arm ruht entspannt auf den Tasten. Das zeigt: Sie hat Routine, aber dennoch ist höchste Aufmerksamkeit geboten, um keinen Fehler zu machen.

3. Abflughalle Kalamata

Die Abflughalle in Kalamata ist klein und intim. Hinter der undurchsichtigen Fensterfront liegt das Flugfeld. Die Wartenden haben nichts zu tun als zu warten. Alle schweigen, manche hören über Kopfhörer Musik oder machen sich an ihrem Handy zu schaffen. Die Bekleidung der Passagiere an diesem glühend heißen Vormittag zeigt: dieser Raum ist klimatisiert. Das Flugzeug wird auch klimatisiert sein. Also besser den Kragen hochstellen, den Pullover überziehen oder griffbereit um die Hüften schlingen.

Von meinem Platz aus sehe ich zwei Reihen von Wartenden – eine als dunkle Silhouetten en face, die andere als Rückenansicht.  Die Menschen sitzen also einander zugewandt, doch ist jeder mit sich selbst beschäftigt, ein Austausch findet nicht statt. Der Mann auf der ersten Skizze en face, auf der zweiten in Rückenansicht (er wechselte den Platz, weil er sich durch eine Hinzukommende offenbar gestört fühlte) hat seinen Laptop wie ein Baby in seinem Schoß (englisch: lap) oder genauer in der Beuge zwischen Unterbauch und Oberschenkel deponiert. Aha! So erklärt sich der Name „Laptop“! On top of the lap.

 

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Dora zum SechstenAchten: Frühstücken (Reisebericht)

Frankfurt, 25.7.2022. Mein Tag beginnt im leeren sonnigen Frühstücksraum des Hotels, nach freundlichster Begrüßung durch die… ja, wie nennt man denn die Frauen, die das Frühstücksbufett richten und beaufsichtigen und dich fragen, ob sie dir Kaffee und wenn ja, in welcher Form bringen sollen? Diese hier hat ein so warmes Lächeln und zeigt eine so herzliche Bereitschaft, mir alles und jedes Gewünschte zu servieren, dass auch mir ganz warm ums Herz wird. Aber mehr als ein Kännchen Kaffee brauche ich wirklich nicht, nein, auch keines der Eier, deren farbige Eierwärmer-Kokons meine Neugier wecken.  Ein bisschen Joghurt, eine Frucht vielleicht – denn ich bin später mit einer Frankfurteer Bloggerin zum Brunch verabredet.

Während ich die Stille im hellen eleganten Raum, den Kaffee, den Joghurt genieße, rollert Dora geschickt um die geschweiften Stuhlbeine herum und saust über den spiegelnden Boden.

Ich schaue aufs Handy. Gibt es Nachrichten? Ja, das Treffen zum Brunch muss wegen Kindes- und Selbsterkrankung leider ausfallen. „Macht doch nix!“, kräht Dora, als sie die Neuigkeit erfährt. „Wir machen was anderes Tolles!“ und zaubert ganz nebenbei den Bogen der Morgengöttin Iris auf die Fliesen.

Na dann! Und was machen wir mit dem freien Vormittag? (Kliffhänger)

Bevor ich aufbreche, werde ich nun doch noch ein Omelett auf meinen Teller häufen und auch eine Scheibe des köstlichen Bauernbrotes nehmen. Und einen Orangensaft trinken. Und vielleicht noch einen Kaffee? Und die friedliche Atmosphäre des durchlichteten Raumes genießen.

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