Dora zum NeuntenAchten: Stadt mit Widmung

„Und hier hast du gelebt?“ Dora ist fasziniert von der Frankfurter Skyline, die sich eindrucksvoll gegen den verdüsterten Himmel abhebt.

„Ja und nein“, antworte ich nachdenklich „Die Stadt, in der ich lebte, sah anders aus, genauso wie der Körper, in dem ich damals lebte, anders aussah. Wahrscheinlich hat sich die Stadt sogar noch viel mehr verändert als mein Körper. Sie trug damals denselben Namen, und einiges ist ja auch noch wie damals. Der Fluss Main floss auch damals schon, und da drüben das bewaldete Inselchen gab es auch, und Ausflugsschiffe legten am Kai an, wie auch jetzt. Der Eiserne Steg, über den du vorhin gehüpft bist, den gabs auch. Der war für mich wichtig, besonders seit ich die griechische Inschrift oben am Brückenkopf entdeckte. Sie kam mir vor wie ein Autogramm, eine persönliche Widmung für meinen Mann und meinen kleinen Sohn.“

Dora sieht mich fragend an. „Welche Widmung?“ – Ich lächle. „Klar, du hast sie nicht bemerkt, wie vermutlich fast alle, die hier täglich rübergehen. Dabei ist sie ja recht groß. Aber man muss den Kopf heben, um sie zu sehen. Das tut fast niemand. Die meisten schauen entweder auf ihr Füße oder auf den Fluss oder aufs Geländer, um ein Schloss dranzuhängen, oder auf die Skyline oder…“ – „Und? wo ist sie nun? ich seh nix“ kräht Dora. –  „Na, da oben!“

Πλέων επί οίνοπα πόντον επ αλλόθροους ανθρώπους lese ich vor. „Das ist von Homer, also bald schon dreitausend Jahre alt,  und bedeutet: Segelnd auf weinfarbenem Meer hin zu Menschen anderer Sprachen.“

„Dreitausend Jahre?“ staunt Dora. „Dreitausend Doras?“ -„Hm, ja“, sage ich. Und auf einmal scheinen mir die dreitausend Jahre gar nicht mal so viele  zu sein. Über den Eisernen Steg gehen täglich weit mehr Menschen, die gewiss genauso unterschiedlich sind wie die Jahre, die seit Homer vergangen sind.

Und ich denke an die Schicksale der Stadt, und wie die gesamte berühmte Altstadt durch Fliegerbomben ausgelöscht wurde und wie sich die Politiker im Magistrat dann stritten  angesichts des Trümmerfeldes und einen schlechten Kompromiss aushandelten; sie schlugen neue Straßenzüge brutal durch das zertrümmerte Altstadtgewebe und garnierten das Ganze mit einem Gemisch aus wieder hergestellten historischen Bauten, gesichtslosen Neubauten, kuscheligen Fachwerkhäusern und Tiefgaragen. Zugleich und ganz passend wucherten die ersten Glas-Beton-Türme in einen Himmel, den sie spiegeln aber nicht kennen. Unten durch die Straßenschluchten wimmeln Menschen jeder Sprache, ahnungslos, auf welchem historischen Boden sie gehen. Es dürfte ihnen auch egal sein. Den Touristen gefällts.  Auch Dora findet die Pseudo-Fachwerkhäuser lieb, und so mache ich ein Foto davon. Und auch von der ollen Paulskirche.

„Komm!“ sage ich zu Dora. „Schauen wir mal an Goethes Geburtshaus vorbei. Goethe ist für die deutsche Literatur so was Ähnliches wie Homer für die griechische.“ – „Ist der auch so alt?“ fragt Dora. „Nicht ganz“, antworte ich, überquere mit ihr eine grässliche Autostraße, biege in eine engere Straße mit gemischter Bebauung ein…

Das Haus wurde zwar korrekt wieder aufgebaut, aber es steht fremd und beziehungslos in einem völlig desinteressierten Umfeld. Wozu steht es da so biedermeierlich breit mit seinen schmiedeeisernen Blumengittern und Geranien? Ach, nichts als postmoderne Geschichtsklitterung mit musealem Touch.

Ein sinnloses Unterfangen wäre es, der kleinen Dora hier etwas von Goethe zu erzählen. Das wäre dann schon eher in seiner geistigen Heimat möglich, an den Hängen des Pelion vielleicht…. Also sage ich: „Komm, trinken wir lieber was, da drüben in dem Cafe gibts freie Plätze!“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Dora zum NeuntenAchten: Stadt mit Widmung

  1. Zum Abend las ich just Deinen wunderbaren Text, der so gedankenvoll diese merkwürdige
    Metropole beschreibt. Danke für diese , Deine Sicht auf die Stadt, die auch ich noch in anderen
    Zeiten erlebt habe…

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  2. Verwandlerin schreibt:

    Danke für diesen Blick auf Frankfurt, liebe Gerda!

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  3. Mitzi Irsaj schreibt:

    Am Abend ein Spaziergang durch eine mir fremde Stadt. 3000 Doras…bei dieser Zeitrechnung fühlen die Jahre sich anders an.

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  4. Pega Mund schreibt:

    liebe gerda, danke für diesen vielschichtigen frankfurt-text, dank auch für das wunderbare zitat und das schöne foto von dir (und dora) im café!

    „Πλέων επί οίνοπα πόντον επ αλλόθροους ανθρώπους“ das gilt ja für jede/n von uns, im übertragenen sinn – wie schwierig ist es doch oft, miteinander zu sprechen, sich zu verständigen … über zu setzen zum ufer, an dem das DU wohnt … herzliche grüße in den tag!

    pega

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    • gkazakou schreibt:

      So schön deine erweiternden Gedanken, liebe Pega! Denn nicht so sehr um das Überwinden räumlicher Distanzen geht es ja beim „Segeln zu anderssprachlichen Menschen“, sondern ums Verstehen des Fremden. Homers Helden wissen meist nichts anderes, als sie auszutricksen oder totzuschlagen. Bis Odysseus endlich bei den Phäaken aufgenommen wird und die dortigen Menschen bereit sind, seine Geschichte anzuhören und ihm den Weg nach Haus zu bahnen.

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      • Pega Mund schreibt:

        ja, ich danke dir, liebe gerda, für das grandiose zitat: solche schönheit („weinfarben …“) und tiefe wahrheit!

        diese dimension des „segelns auf weinfarbenem meer“ anzusprechen, war mir sehr wichtig.

        als jugendliche konnte ich homer im original lesen, hab in der schule altgriechisch gelernt …

        herzliche grüße zu dir!
        (hier glänzt noch der morgen, die rosenfingrige eos ist längst erwacht …)

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    • gkazakou schreibt:

      O Pega, du lerntest in der Schule, Homer im Oiginal zu lesen? Du Gückliche! Ich wollte als Schülerin Atgriechisch lernen, aber es gab keinen Lehrer dafür. Nun kann ich Neugriechisch und lese Texte auf Neu- und Altgriechisch parallel.
      Zum „weinfarbenen Meer“ habe ich mich schon manchmal gäußert und auch einen sehr informativen link gesetzt. Schau mal hier: https://gerdakazakou.com/2022/03/17/sandwellen-lichtwellen-und-ein-weinfarbenes-meer-kleine-beobachtungen/

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      • Pega Mund schreibt:

        liebe gerda, ich war auf einem „humanistischen“ gymnasium. nach der ersten fremdsprache, englisch, folgte als zweite fremdsprache latein, und die dritte fremdsprache durften wir wählen: französisch oder altgriechisch. wir waren nur sechs „griechen“, der unterricht war luxuriös; unser lehrer, der uns bis zum abitur begleitete, war sehr engagiert und bemüht, uns weit mehr zu vermitteln als grammatik und wortschatz.
        im jahr vor dem abitur verfasste ich im rahmen eines auswahlverfahrens für ein stipendium einen essay, einen vergleich zwischen dem parthenonfries und der ara pacis augustae. war dann tatsächlich stipendiatin der „studienstiftung des deutschen volkes“ … und lernte bei einem ferienworkshop der stiftung meinen mann kennen … so haben die alten römer und griechen mein leben ganz wundersam beeinflusst … 😉🙂

        dass ich, als kind vom dorf, aus ärmlichsten, „bildungsfernen“ verhältnissen stammend, ein mädchen!!! obendrein, überhaupt das gymnasium besuchen konnte, verdanke ich dem wirken des lehrers der dörflichen zwergschule, den bemühungen des dorfpfarrers, der meine eltern zu überzeugen suchte, und schließlich dem klaren JA meiner mutter gegen die ganze kopfschüttelnde dorfgemeinschaft … jetzt aber genug erzählt!

        herzliche grüße zu dir ans meer, an deine gestade, liebe gerda, ich winke dir zu durch den (womöglich hier und da auch weinfarbenen) äther: pega!

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      • gkazakou schreibt:

        Wie gern ich deine Erzählungen lese! Automatisch gleiche ich sie mit meinen Erfahrungen ab. Da sind 7 Jahre Latein in der norddeutschen Provinz; Griechisch war nicht zu haben, dafür ein schlechter Französisch-Unterricht, der aber doch das eine und andere in mir einsäte. so Verse von Rimbaud und Verlaine. Etwas blieb, ein Impuls, und so beschloss ich, Französisch zu studieren, gerade weil ich nur eine rudimentäre Kenntnis der Sprache hatte. Das brachte mir einen Studienaufenthalt in Aix-en-Provence und eine größere Nähe zum französischen Denken ein. – Ich wurde keine Geförderte der Studienstiftung, sondern eine Kriegswaisenstipendiatin, obgleich die Schule mich für die Studienstiftung vorgeschlagen hatte. Aber da ich ja bereits ein Stipendium erhielt, ging es nicht. Aber ich wurde ins Leibniz-Kolleg aufgenommen – ein großes Privileg. Konnte ich es nutzen? Nein, nach 3 Monaten war ich wieder draußen. Nun, Stolpersteine gabs massenweise, es kommt drauf an, am Ende aufrecht zu stehen. Meinen Mann lernte ich in politischem Kontext kennen (Militär-Diktatur in Griechenland). Und so lernte ich Griechisch. 🙂

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      • Pega Mund schreibt:

        liebe gerda, danke dir für den blick auf deinen lebensfaden! da sind so viele stellen, aus denen sich gleich mannigfacher gesprächsstoff ergeben könnte – sieh es mir bitte nach, dass ich hier nun nur so kurz rückmelde!

        alles liebe zu dir in die ferne!
        pega

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  5. Wußt ich garnicht, liebe Gerda, dass Du auch eine Frankfurterin bist/warst😊

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  6. Gisela Benseler schreibt:

    Ein sehr schönes Portrait von Dir, Gerda!

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