Skizzen von Unterwegs 1: Im Zugabteil

Das hellgrüne Skizzenbuch hat sich auf der Deutschland-Reise wieder mit ein paar Skizzen gefüllt. Nach und nach werde ich sie zeigen.

1. Im Zugabteil:

Mitreisende zu zeichnen, ist schwierig, zu schnell zieht man die Aufmerksamkeit auf sich.  Aber das reizende gelockte Kind mit seiner leider maskierten Mama musste ich unbedingt festhalten, um es nicht zu vergessen. Die anderen sind zwei beliebige Mitreisende.

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Dora zum FünftenAchten: Ankunft in der fremden Heimat (Frankfurt am Main)

Als ich, den alten Rucksack, der mir schon bei jugendlichen Trampereien diente, auf dem Rücken, den blauen Strohhut auf dem Kopf und die Eulentasche mit dem Skizzenbuch und den Reisepapieren über der Schulter, den Zug verlasse, stehe ich auf dem Frankfurter Südbahnhof. Es ist unbekanntes Terrain. „Zu meiner Zeit“ gab es hier keinen Bahnhof, durch den die IC- und ICE- und wie-sie-alle- heißen-Züge rauschen. Ich wollte hier auch gar nicht landen, aber mein in Düsseldorf aus Amsterdam erwarteter Zug erschien nicht, und so nahm ich einen anderen.

Dora hüpft um mich herum und schreit und fuchtelt: Hier gehts lang! Aber was weiß meine arme Dora schon von dieser Welt aus Hinweisschildern und Apparaten! Ist denn niemand zum Befragen da? Amtspersonen gibt es anscheinend nicht, und so folge ich einfach dem vielsprachigen Menschenstrom, der sich vom Bahnsteig in die Schächte der Städtischen Verkehrsbetriebe verliert.

An der Hauptwache tauche ich wieder auf, erkenne aber nichts wieder. Doch ja, die altehrwürdige Hauptwache, die kenne ich schon noch, aber dieses versenkte Zement-Rondell mit dem elektonischen Museum und allerlei anderen Diensten überquere ich zum ersten Mal. Auch verstellen gläserne Türme den Horizont. Mir fällt der Bauer aus Samothrake ein, der mir von seiner Verwirrung in Athen erzählte: wie sollte er sich orientieren, wenn er keinen Horizont sah?

Auch ich versuche vergebens, mich zu orientieren: Wo gehts lang zur Bockenheimer Warte? Ein Mann mit Fahrrad gibt mir Bescheid: „Da drüben der Turm!“ Neun Jahre Frankfurt sind zum Glück nicht spurlos an mir vorbei gegangen – der gewiesene Turm ist durchaus nicht der Bockenheimer, sondern der Eschenheimer Turm.  So verzichte ich weise darauf, dem Ortskundigen zu folgen, und tauche ein weiteres Mal hinab in den Untergrund, in dem sich schmuddelige Plätze und Gänge wie in einem schlecht gewarteten Kaninchenbau in alle Richtungen ausbreiten.

Um es kurz zu machen: Ich finde die richtige U-Bahn („Ich sagte es dir, nimm die U Vier!“ reimt Dora), finde auch mein kleines freundliches Hotel, gleich gegenüber von meinem ehemaligen Arbeitspatz: dem Pädagogenturm. „Wo issn der?“ fragt mich Dora. Ich hab ihr öfter mal von diesem einst höchsten Turm Frankfurts erzählt (alles Wissenswerte hier), und wie ich dort neun Jahre als Lehr- und Forschungsassistentin malocht habe. Na schön, nicht eigentlich malocht, es waren privilegierte Arbeitsbedingungen, ich konnte meine Arbeitszeit weitgehend selbst regeln, konnte promovieren, und gut bezahlt war der Job sowieso. Aber der Turm war ein Graus.  Unter dem Sturm ruht der Sturm oder Im Turm lebt ein Wurm – derlei Graffiti-Sprüche zierten den schmutzigen Treppennotaufgang  aus Rohbeton, den ich oft anstelle der stets von Studenten umlagerten und oft ausfallenden Aufzüge benutzte, um ins 13. Stockwerk zu gelangen.  Die Fenster der Büros ließen sich nicht öffnen – wegen Selbstmordgefahr. Sich von einem dieser anonymen Stockwerke hinabzustürzen – die Versuchung war groß.

„Den Turm gibt es nicht mehr“, gebe ich Dora Bescheid. „In einem erleuchteten Moment hat der Magistrat beschlossen, ihn zu sprengen“. Ich versuche gar nicht, meine Genugtuung zu verbergen. Dora schaut mich fragend an. Dass ich Turmsprengungen begrüße, ist ihr neu.

„Netter Laden“, meint Dora anerkennend, als wir vor dem Hotel Beethoven stehen. Ich stimme gern zu, kenne „den Laden“ von einem früheren Aufenthalt. In dieser Gegend ehrt man deutsche Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts per Straßennamen : Schubert, Mendelssohn, Schumann, Beethoven, auch nicht mehr sehr bekannte romantische Dichter (Ernst Moritz Arndt, Moritz von Schwind) und der völlig in Vergessenheit geratene Maler Peter von Cornelius werden in Erinnerung gerufen. Das passt zu der gediegenen Vorkriegs-Architektur, finde ich. Der Angestellte am Empfang fragt mich sogleich, ob ich Griechisch spreche (Name und Ausweis signalisieren es) – nun ja, das tue ich, er auch, ja, er ist Grieche, und so ist es schon fast wie zu Hause. Ob ich noch zu speisen wünsche? Er könne ein Restaurant in der Nähe empfehlen.

„Ist das nöt’ge Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut“ (Brecht, 3-Groschenoper) – fällt mir ein, als ich in den Garten des italienischen Restaurants eintrete. Er ist gut besucht. Unter einer hübsch bemalten Sichtblende tafelt eine ethnisch durchmischte Gesellschaft., die ich von meinem Einzeltischchen an der Lagusterhecke aus beobachte, sofern ich nicht  die Speisekarte studiere. Ich wähle Reis mit Safran und winzigen Tintenfischen. Vorweg gegen den Durst ein Bier vom Fass, zum Essen ein gutes Glas Weißwein und zum Nachtisch Vanilleneis mit Erdberen? Ein Limoncello zur Abrundung und Verdauung wäre auch nicht schlecht.

Speisend denke ich an zuvor beobachtete Straßenszenen, und mir fällt ein anderes Brecht-Zitat ein:

Dann löst sich ganz von selbst das Glücksproblem: Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Wie im Traum wandere ich später  „heimwärts“ durch die stillen Straßen dieses gediegen-wohlhabenden Stadtbezirks. Direkt am Weg – hier braucht es wohl keine Zäune, um Vandalen abzuhalten –  plätschert Wasser über einen glatten Stein, fein beleuchtet inmitten von Kies und Pflanzen.

Die nun dunkle Kulisse der Christuskirche hebt sich scherenschnittartig gegen den Abendhimmel ab. Schon ist der kleine umgebende Park vom nächtlichen Dunkel verschluckt.  Den Himmel beherrschen die strahlenden Paläste als Glas und Beton, die anstelle des gestürzten Pädagogenturms nun die Kulisse des westlichen Frankfurt bilden.

„Welche Verschwendung an Ressoucen“, murmele ich und drücke auf den Klingelknopf am Eingang des Hotels, in dem ich abgestiegen bin und nun, hoffentlich, gut schlafen werde.

„War das was?“ wispert Dora, als ich die Treppe hinaufsteige. „Ja, Dora, das war was“, gebe ich zur Antwort und sperre die Zimmertür auf.  Am Morgen bin ich in Kalamata ins Flugzeug gestiegen, bin in Düsseldorf gelandet, habe die Schwebebahn zum Flughafen-Bahnhof kennengelernt, sah mich dann einem Chaos von Lautsprecher-Ansagen gegenüber, die ich nicht verstand, während ich auf einen Zug aus Amsterdam wartete, der nicht kam, stieg in einen anderen  Zug, der mich immer am Rhein entlang nach Frankfurt trug, wo ich mich verirrte, fand endlich den Weg zum Hotel, wo ich griechisch empfangen wurde, speiste italienisch,  um schließlich in einem bequemen Bett zu landen. Bevor ich einschlafe, fallen mir die bekannten Verse von Kavafis ein (Ithaka):

Wenn du aufbrichst nach Ithaka, / wünsche dir, dass der Weg lang sei, / voller Abenteuer, voller Erkenntnisse. / Die Laistrygonen und die Zyklopen, / den wütenden Poseidon fürchte nicht, /solche wirst du auf deinem Wege niemals finden, / wenn dein Denken hoch, wenn erlesene / Empfindung deinen Geist und Körper anrührt. / Den Laistrygonen und den Zyklopen, / dem wilden Poseidon wirst du nicht begegnen, / wenn du sie nicht in deiner Seele trägst, / wenn deine Seele sie nicht vor dich hinstellt….

Wünsche dir, dass der Weg lang sei. / Mögen der Sommermorgen viele sein, / an denen du, mit welcher Zufriedenheit, welcher Freude, / in nie zuvor erblickte Häfen einfährst. / …. in viele Städte Ägyptens geh, / zu lernen und zu lernen von den Wissenden.

Beschleunige deine Reise durchaus nicht. /Besser, sie dauert viele Jahre / und du gehst, ein Greis schon, an der Insel vor Anker, / reich an dem, was du auf dem Weg gewannst…

Nun bin ich alt und doch wünsche ich mir noch viele Jahre der Reise.  Ithaka darf gerne noch ein Weilchen warten!

 

 

 

 

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Wie schön sich Bild an Bildchen reiht … (Am Rhein entlang)

Trakls Gedicht „Verklärter Herbst“ begleitet mich, als ich, immer dem Lauf des Rheins folgend, mit dem Zug von Düsseldorf nach Frankfurt fahre, mit der Zeile: „Wie schön sich Bild an Bildchen reiht….“. 1913, 26jährig, schreibt Georg Trakl das Gedicht. Ein Jahr später ist er tot (Grodek*).

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Wie schön sich Bild an Bildchen reiht… Kein Vogelzug freilich. Und nicht Herbst, sondern Hochsommer – jedenfalls der Jahreszeit nach. Ich klebe mit der Nase am Zugfenster. Vater Rhein! Nichts soll mir entgehen. Linkerhand der Fluss, Niedrigwasser,  ab und an die Andeutung einer Stromschnelle, dann und wann ein Lastkahn, breite Sandbänke, Vögel versammeln sich drauf, die Wälder auf den jenseitigen Hügeln wirken leicht verdorrt. Kirchen gleiten ins Blickfeld, Burgen, Siedlungen, Fabriken, ein Atomkraftwerk. Sagt ein Landmann: Es ist gut? Abendglocken tönen herüber. Über allem scheint mir eine tiefe Müdigkeit zu liegen. Schwer zu sagen, ob es meine Müdigkeit ist oder die des Landes, das ich nach so vielen Jahren wiedersehe.

Reisen. Eigenes Erinnern schiebt sich unter die Eindrücke der Gegenwart und färbt sie ein. Bilder des Heute und Jetzt schieben sich über liebliche früherer Jahrhunderte. Natur und menschlicher Eingriff, Geschichte und Gegenwart sind einen Moment lang im  Gleichgewicht. Die Seele wird ruhig im Anblick der Bilder, die aus dem Repertoire der Romantiker zu stammen scheinen.

Diese Landschaften sind nur mehr Kulissen für Dramen, die längst zu Ende gespielt wurden, sagt der Kopf. Doch was tut’s? Tief im Innern lösen sie Echos aus, die zu vibrieren beginnen und zu tönen.

Das Echo tönt, und ich lausche und höre:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten
Das kommt mir nicht aus dem Sinn….

                                                                                         (Heinrich Heine, Loreley, 1824)

 

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  • In und um Grodek fanden zu Beginn des Ersten Weltkriegs einige schreckliche Schlachten statt. Die kaiserliche österreich-ungarische Armee rang mit der zaristischen russischen Armee um Galizien, Hauptstadt Lemberg, heute das west-ukrainische Lwiw. Trakl schrieb dort das unsterbliche Gedicht Grodek. Er selbst starb, unfähig, das Grauen zu ertragen, an einer Überdosis Kokain.
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Dora zum DrittenAchten : Selbstreflexion

„Du bist doch schon seit gestern zurück aus Deutschland. Warum erzählst du nicht endlich, was wir alles erlebt haben?“ nörgelt Dora. „Deine Leserinnen und Leser wollen endlich mal wieder was von uns hören“.

Ich lächele nachsichtig. Wenn Dora wüsste, wie egal meinen Leserinnen und Lesern meine Geschichten sind! „Weniger ist mehr“, hallt es aus dem Internet zu mir herüber.

Mein Zögern hat freilich einen anderen Grund. „Ich weiß nicht, wie ich es erzählen kann. Es war ja vor allem eine Begegnung mit mir selbst.“

„Mit dir selbst?“ fragt Dora und runzelt die Stirn. „Wie meinst du das?“

Statt einer Erklärung krame ich eines der vielen Fotos heraus, die ich auf dieser Reise gemacht habe. „Schau mal“, sage ich. „Ich spiegele mich in der Fensterscheibe eines Hauses. Es ist ein schöner Raum, in den ich von Draußen reinschaue. Aber drinnen bin ich auch.“

„Du bist drinnen, wenn du draußen bist? Wie soll das gehen?“ fragt Dora begriffsstutzig. „Na, erstens weiß ich, wie es sich drinnen anfühlt, ich kenne den Raum ja lange genug. Da ist dann auch ein Stück von mir selbst drin hocken geblieben und unterhält sich weiter mit der Freundin, die da wohnt. Nicht erst jetzt, sondern schon viele viele Jahre unterhalten wir uns, und ich stehe da draußen und blicke hinein in ihre Welt, in der ich auch einen Platz habe.“

Dora schaut mich hilflos an. Sie weiß nicht, was sie aus meiner Rede machen soll. Von Philosophie hat sie keine Ahnung, und so fällt ihr auch der Satz nicht ein: „Wie drinnen, so draußen“ oder meinetwegen auch: „Erfülle deinen Geist mit Welt, auf dass du dein Selbst einst in der Welt findest“.

„Außerdem hängen da drinnen auch ein paar Bilder, die ich vor etlichen Jahren gemalt habe“, füge ich hinzu. – „Ach so meinst du das!“ ruft Dora erleichtert aus. „Welche Bilder denn?“

„Das eine hängt da hinten über dem Flügel. Ich zoome es mal ran. Es zeigt einen einstürzenden Tempel, der von einem roten Balken mühsam aufrecht erhalten wird. Äußerlich gleicht er ein wenig einem dorischen Tempel. Auf der Tür ist ein Grundriss solcher Tempel abgebildet.“

 

„In so einer Bruchbude würde ich als Gott nicht gerne wohnen“, meint Dora und legt ihr Köpfchen schief. „Wer wird denn da angebetet?“ – „Gott Mammon„, erwidere ich. „Man nennt solche Tempel heute Börse.“ – „Böse?“ – „Nein, Dora: BöRse. Mit R in der Mitte. So wie DoRa“.

 

 

 

 

 

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Dora zum DreiundzwanzigstenSiebten: Sendepause

Ich bin am Packen. Leichtes Gepäck nur. Viel braucht man bei diesen sommerlichen Temperaturen ja nicht.

„Wohin willst du denn?“ fragt mich Dora ein wenig besorgt.

„Nach Deutschland!“ erkläre ich zerstreut und tausche den roten gegen einen blauen Pulli aus.

„Gibt es da auch ein Meer zum Segeln und Schwimmen?“ hakt Dora nach.

„Hm, ja, im Prinzip schon. Aber da, wo ich hinwill, nicht.“

„Warum willst du denn da hin? Gefällt dir das Meer denn nicht mehr?“

„Kannst du mich mal in Ruhe packen lassen, Dora? Du machst mich ganz konfus.“

Das ist natürlich eine dumme Ausrede. Ich weiß nur nicht, wie ich Dora erklären soll, dass ich mich ausgerechnet jetzt, wo alle froh sind, am Meer zu sein, in ein Flugzeug setze, um ins deutsche Binnenland zu reisen. Dabei habe ich wirklich gute Gründe. Ich mag sie ihr aber nicht auseinandersetzen.

„Komm doch einfach mit, Dora, dann siehst du, was ich dort vorhabe,“ antworte ich schließlich.

Das war ein kluger Schachzug. Dora ist begeistert: „Eine Überraschung? Klar komme ich mit! Ich pack schon mal meine Latüchte ein!“

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich angenehme sorgenfreie Tage! Bis bald wieder!

Kaffeeehaustisch, heute mit Kuli auf eine Serviette gezeichnet

Beste Grüße auch von Dora! (Hoffentlich gefällt ihr es in Deutschland so gut wie hier, denke ich, nun meinerseits ein wenig besorgt. Das Meer ist gerade herrlich.)

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Glasscherbenspiel: Wie gewinne ich einen Partner? (mit Dora)

Immer mal wieder lege ich Bilder aus dem Set angeschwärzter Scherben. Ich weiß nicht, wie viele Bilder es inzwischen geworden sind.

Erfunden hat das Glasscherbenspiel einst der Will.i – ihr wisst schon, Will.i war der Vertreter des Jahres 2021. Um genau zu sein: am 26. Februar 202i erfand Will.i das Spiel, mit zerbrochenen Glasscherben, die er im Garten unter Kraut und Rüben aufstöberte.

Am 21. März dieses Jahres hatte das Glasscherbenspiel mit Doras „schwarzer“ Pädagogik ein come-back und fordert seither zu immer neuen Gestaltungen heraus. 17 schwarz eingefärbte, zerkatzte Scherben sind es, ein paar recht große, manche lang und spitz, ein paar klein und ganz durchsichtig. Hinzu gekommen sind inzwischen drei schwärzliche Pappstückchen aus dem Set von Jürgen Küster (aka Buchalov), die ich hier als Hüte, Kopf und Röckchen verwende.

Die heutigen Lehrstückchen zeigen drei Formen des Umwerbens und der Reaktion des Angebeteten. Natürlich ist dies nur eine winzige Auswahl möglicher Verhaltensformen.

Bei allzu direkter, zudringlicher Annäherung (Bild 1) wird sich der Umworbene womöglich wegdrehen und dem Anliegen entziehen. Wird mehr Charme und attraktivere Bekleidung eingesetzt (Bild 2), kommt es vielleicht zu einem Paarungstanz. Manchmal kann auch ein dem Tierreich abgegucktes Nahrungsangebot das Interesse des Umworbenen erhöhen (Bild 3).

Dora schaut sich die Bilder an und rümpft das Näschen. „Viel Aufwand um nix!“ meint sie. „Wozu brauche ich einen Partner? Ich bin mir selbst genug.“

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Bewegte Stillleben (Tägliches Zeichnen)

In Nenas Laden, der zugleich Werkstatt für die Herstellung köstlicher Chutneys, Säfte, Öle und Marmeladen ist, reihen sich Gläser und Flaschen auf den Regalen. Die Angestellte, die Etiketten auf Flaschen klebt, verschwindet fast hinter Kartons und elektronischem Gerät. Eine kurze Unterhaltung und Anweisungen über die Barriere des Tisches hinweg. All das versuche ich, mit meinem Stift zu notieren. Ein bewegtes Stillleben.

Nicht ganz so beweglich, aber durchaus kein „stillstehendes Leben“  ist die Ansammlung von Bier- und Wasserflasche, Gläsern, Brillenetui und Handy auf dem Tavernentisch. Da heißt es schnell sein, bevor eine Hand nach der Flasche oder dem Glas greift.

Nur wenn ich das Glas selbst halte, kann ich das Zeichen-Tempo selbst bestimmen.  Dann lassen sich auch Merkwürdigkeiten wie die vom runden Glas verzerrten Finger und Rillen zwischen den Holzplanken des Tisches darstellen. Bis die haltende Hand erlahmt.

 

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Dora zum Zwanzigstensiebten: Piratenschiff

Das Piratenschiff, das Dora bei früherer Gelegenheit kunstvoll fotografierte ….

hat an der Strandpromenade festgemacht. Die Gangway ist heruntergelassen, und im Büdchen sitzt ein Mann, der Tickets für die Sonnenuntergangstörn verkauft. Dora jubelt, huscht an ihm vorbei,  entert das Schiff …

und bevor ich „Halt!“ rufen kann und „Warte mal!“, hat sie sich schon an den Tauen und Wanten hochgeangelt und hängt neben dem Ausguck im Krähennest.

Sie winkt und ruft. Aber ich habe keine Zeit für eine abendliche Törn. „Tut mir leid, Dora! Ich komme nicht mit!  Hab Spaß!“

 

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Dora zum NeunzehntenSiebten: Theo

„Wie sieht es aus? Zeigst du jetzt Katzenfotos, wo du Menschenfotos nicht zeigen kannst?“ fragt Dora. „Ich hätte da einen Vorschlag. Theo …“ –

Ach ja, Theo. Der Gelbe, oder, wie Dora meint: der Goldene. Er ist Doras erklärter Liebling. „Klar, er ist auch nett, Dora, aber so richtig kenne ich ihn nicht. Er ist zu scheu“.

Zum Glück gibt es Fritzi, die ist kommunikativer – und auch mutiger. Sie macht vor und Theo ahmt nach. Gestern abend kletterte sie von der Turmterrasse, wo uns die ganze Bande mit ihrem Besuch beehrte, über den Aprikosenbaum in den Garten runter, was nicht so einfach ist, denn die oberen Zweige sind schwach. Am Hauptstamm musste sie erst mal überlegen, entschied sich dann, sich umzudrehen und das letzte Stück rückwärts zu klettern  Theo steckte den Kopf durchs Gitter und sah ihr zu, zögerte, traute sich dann auch und schaffte es, ohne abzustürzen.

In der Nacht machten sie es sich auf einem Stuhl bequem. Ich spähte durch das Moskitonetz, sie spähten durch die Fransen des Tischtuchs…: Theo und Fritzi.

 

 

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Dora zum AchtzehntenSiebten: Montag war Fototermin (Menschenfotos)

„Warum hast du eigentlich den Beitrag über unseren Besuch an Wassos Schmuckstand nicht gepostet?“, fragt mich Dora. „Weil“, antworte ich und suche nach den passenden Worten, „weil man Menschen ohne deren ausdrückliche Einwilligung nicht fotografieren darf.“ – „Aber du hast doch welche fotografiert, oder?“ – „Hm, ja. Ich konnte nicht widerstehen.“ – „Wenn du sie schon fotografiert hast, kannst du sie doch auch zeigen, oder?“ – „Das ist es eben, Dora, das darf man nicht. Und das finde ich jammerschade – wenngleich ich es natürlich auch verstehe. Nicht jeder möchte sich in den Seiten meines Blogs wiederfinden.“

Dora denkt nach. „Du hast doch schon manchmal Leute hier gezeigt“, meint sie schließlich. „Und ich habe ihnen mein Gesicht geliehen. Mach es doch wieder so! Mein Gesicht kannst du gern zeigen.“ -„Danke, Dora, das ist lieb von dir. Es hat aber keinen Sinn. Denn dann sieht man ja die Gesichter nicht, auf die es mir ankommt. Ich fand es so interessant, die jungen Frauen zu beobachten, wie sie hingebungsvoll den Schmuck betrachteten und alles um sich herum vergaßen. Es war so ein Glanz in ihren Gesichtern, dabei sind die Schmucksachen, die Wasso verkauft, ja nicht viel mehr als geschmackvoller Tineff. Ich musste immerzu an die Szene im „Faust“ denken, wo Gretchen ein Schmuckstück bewundert, das Mephisto ihr zugeschanzt hat, damit sie Faust lieb gewinnt und ihm zuerst  ihre Unschuld, dann Mutter und Bruder und schließlich sogar ihr Kind opfert.“

„He! Was ist denn das für Gruselkram?“  – „Och, eine berühmte alte Geschichte ist das. Wenn du willst, erzähl ich sie dir. Sie handelt von einem Wissenschaftler, der alt und total unzufrieden ist, weil er mit all seiner Wissenschaft nichts Wesentliches erkannt hat. Da kommt der Teufel, der ihm das volle Leben verspricht. Faust – so heißt der Gelehrte – unterschreibt einen Pakt mit dem Teufel. Das „volle Leben“ besteht dann darin, dass sich Faust in die erstbeste Jungfrau verliebt, die ihm über den Weg läuft: ein armes unerfahrenes Ding und schon über vierzehn Jahr, weshalb er nichts dabei findet, sie mit geklautem Schmuck zu verführen.“

„Ein ziemlicher Schuft, oder?“ fragt Dora und runzelt die Stirn. „Ja, schon“, gebe ich zu. „Jedenfalls ist das arme Mädchen von dem kostbaren Schmuck wie geblendet. Es fühlt sich ganz bedeutungslos, aber mit dem Schmuck um den Hals…. Also daran musste ich denken, als ich die jungen Frauen an Wassos Schmuckstand sah, wie sie die einfachen Ohrringe, die Ketten, Anhänger, Ringe und Armbänder betrachteten und sich vorstellten, wie sie damit wohl aussehen würden. So wie Gretchen, als sie ausruft:

Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles. Ach wir Armen!

Besonders eine machte mir Eindruck. Eine Hübsche, noch nicht vierzehn, steht da mit ihrer Mutter, betrachtet süß lächelnd einen klitzekleinen Ring, und ihre noch junge Mutter steht dabei, ihr Gesicht zeigt Skepsis. …. Also, ich zeige das Foto einfach.“

„Ich denke, das darf man nicht?“ – „Stimmt schon. Eine Ausnahme, sie sind so hübsch und sie sehen es ja nicht, ….“ – „Ich weiß nicht. Lass es. Zeig lieber mich, dann kriegst du keinen Ärger.“Ich seufze. „Ich liebe es, Menschen zu fotografieren. Aber Menschen ohne Gesicht? Was für ein Blödsinn!“  – „Ohne Gesicht? Hab ich etwa keins?“ protestiert Dora. „Ja, doch, natürlich, kleine Dora. Und dankeschön, dass du es mir ausgeliehen hast.“

Zufrieden bin ich nicht. Und so grummele ich: „Das  nächste Mal fotografiere ich doch lieber Katzen! Die haben kein Mitspracherecht.“

 

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