Tagebuch der Lustbarkeiten: Bereicherung durch Bloglektüre

Täglich lese ich in vielen Blogs, fühle mich dadurch bereichert, informiert, angeregt. Die Blogs sind eine Fundgrube und Schatztruhe, die meinen Geist in der paradiesischen Weltabgeschiedenheit, in der ich meistens lebe, füttert und nährt. (Ich überlege: muss es die Pluralform „füttern und nähren“ sein? Passen die Verben überhaupt zu „Schatztruhe und Fundgrube“? Einerlei, so steht es nun da,)

Da wir, die wir uns gegenseitig lesen, ein recht dicht kommunizierendes „Bloghausen“ bilden (ich glaube, der Ausdruck, den ich sehr mag, weil er meiner sentimentalen Verbindung zu euch Mitblogger*innen entspricht, stammt von Ulli Gau), kommt es nicht oft vor, dass ich mich auswärts rumtreibe. Ist halt ne Zeitfrage. Doch einen „auswärtigen“ Blog verfolge ich mit großer Aufmerksamkeit und sogar Spannung: Er nennt sich sagemaere, ist englischsprachig, wird von einem US-Germanisten geführt und bespricht deutsche Literatur des Kaiserreichs, von der ich fast nichts weiß.

Alte Hüte? Nicht wirklich. Was ich dort lese, geht mich unmittelbar an, denn es wirft ein Licht auf das literarische Milieu meiner Großmütter und auf das Erbe, das meine Mutter in sich trug und mit dem ich mich nicht anfreunden mochte.

Als Kind und Jugendlicher nämlich schien mir der in Lyzeen und höheren Bildungsanstalten vermittelte Kunstgeschmack sehr suspekt.  „Gefühlskitsch“ war mein harsches Urteil.  Der Nazi-Propaganda hatten sie nichts entgegenzusetzen, krochen ihm gierig auf den Leim. Kurt Deschners „Kitsch, Konvention und Kunst“ diente mir als Leitfaden. Auch später hatte ich keinen Bock, mich mit jener Zeit zu befassen.

Durch den Sagemaere-Blog fühle ich mich nun herausgefordert,  einen unvoreingenommeneren Blick auf diese Literatur zu werfen. Mit Spannung las ich dort die Besprechungen zu Walter Bloems Roman „Brüderlichkeit“, in dem es um den nach WKI zunehmenden Antisemitismus der schlagenden Verbindungen und den scheiternden Versuch eines idealistischen jungen Mannes geht, seine Verbindung zu „reformieren“. (Ja, mein Vater war in so einer Verbindung, und ja, er war Antisemit und wurde früh Nazi, um später im brutalen deutschen Angriffskrieg vor Stalingrad zu fallen, so dass ich ihn nicht kennenlernte und ihn nicht zur Rede stellen konnte. Mit all dem haderte ich als Jugendliche.)

Langer Rede kurzer Sinn (ich neige heute zu Abschweifungen): im heutigen Blog wird eine bayrische Dichterin mit ihrem Prosagedicht „Never again“ vorgestellt. „Nie wieder“ echote es in mir. Aber nein, es war eine andere Zeit, von den Kriegen und dem Nazihorror ahnte sie noch nichts, und so heißt das Gedicht im Original ganz unpolitisch „Nie mehr“. Die Dichterin: Anna Croissant-Rust (1860-1943)

Wenn es dich interessiert, folge den links. Ich mag nicht wiederholen, was dort steht.  Doch dieses berauschend-berauschte Rosengedicht sprach mich an und macht mich neugierig auf mehr:

Rose in meinem Garten

Den Text habe ich aus dem Blog von Sagemaere herauskopiert, da ich finde, dass die  Frakturschrift unbedingt dazu gehört. Was aber ist die Frakturschrift, politisch gesehen? Riecht die nicht nach deutschem „Sonderweg“, ist das nicht sogar Nazi-Kram? So einfach ist das nicht, werde ich durch entsprechende Recherche belehrt. 1941 wurde die Fraktur sogar offiziell verboten – vielleicht, weil man in Hitlers Hauptquartier plante, die ganze unterworfene Welt mit lesbaren deutschen Texten zu beglücken…. (Wenn du nichts über das Thema weißt und es dich interessiert, folge dem Link)

 

 

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Welttheater, 3.Akt, 2. Szene: Morgen im Gebirg

Was zuletzt geschah: Unsere Gesellschaft fand in Danais Höhle ein Nachtlager. Das Kind Clara träumte vom blauen Fisch des Weltraumforschers Jonas und von Dora, die ihr ihre Geschenkebox schenkte.

Im Gebirge ist der Morgen angebrochen. Die Personen treten aus der Höhle und schauen sich um. Von hoch oben grüßt Hera.

Hera:

Guten Morgen den Göttern, euch Menschen, der Welt

Guten Morgen auch dem der singt und der bellt

Der kräht und die mauzt, die muht und der röhrt

Lebendiger Laut hat noch niemand gestört.

 

Es säuselt und brummt, es bewegt sich das Blatt

Die Bien findet Blüten und wird richtig satt

Der Bock frisst die Blätter, was ist schon dabei

Schon morgen gibts neue, so ists einerlei.

 

Ein Geben und Nehmen, das ist die Natur

Der Mensch kennt manchmal das Nehmen nur

Dann bricht der schöne Einklang entzwei

Und nichts zum Nehmen bleibt übrig, o wei!

 

Drum halte, das wünsch ich, das Gleichgewicht

Im Geben und Nehmen, vergiss das ja nicht!

Ist dieses gewahrt, dann gibts keine Not

Dann hat ein Jeder zum Essen sein Brot.

Domna:

Wie herrlich leuchtet mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne, wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen aus dem Gesträuch,
Und Freud‘ und Wonne aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne, o Glück, o Lust!*

Trud:

Wer hat wohl diesen Fels gemacht?

Wie wurd der Stein hierher gebracht?

Was ist dies nur für ein Gestein?

Vielleicht könnt es ein Glimmer sein?

Und jenes Tierchen, will mir scheinen,

ist wohl ein Eidechs mit fünf Beinen?

Ob es hier auch Insekten gibt,

die solch ein Eidechs sicher liebt?

Jenny (zu Clara)

Zeig mal das Ding in deiner Hand!

Es leuchtet hübsch, ist amüsant.

Clara:

Die Dora schenkts mir in der Nacht

Hat es vom Himmel mitgebracht.

Wenn ich was wünsche, krieg ichs auch.

Das ist im Himmel so der Brauch.

Jenny:

Ich wünschte jetzt ein Omelett

mit Pommes und mit Butterfett.

Clara.

Mir knurrt tatsächlich auch der Magen.

Meinst du, ich soll die Dose fragen?

Jenny:

Ach Quatsch, das gibts nicht, nicht im Leben

das kann es auf der Welt nicht geben

Ich hau mal ab, geh was besorgen

kannst du mir kurz die Dose borgen? 

Die tausch ich gegen ein Schock Eier

Das gibt ne super Frühstücksfeier.


*Erste Strophe vom „Mailied“, von Johann Wolfgang Goethe:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Welttheater, 3. Akt, 1.Szene: Traumwesen.

Was zuletzt geschah: ein Gewitter braute sich zusammen, Klein-Clara bekam Angst, und Danai lud alle in ihre Höhle ein.

Danai:

Herzlich Willkommen! Kommt nur herein!

Die Höhle ist leer, ich wohn ganz allein.

Jenny:

Coole Bude, gefällt mir sehr

und leer ist sie ja nun auch nicht mehr.

Clara:

Ein Bett, ein Bett! Ich leg mich hin

weil ich schon schrecklich müde bin

Danai:

Schlaf gut, wir werden dich nicht wecken

ich geh und such dir ein paar Decken.

 

Trud, die Fragende

Darf ich auch zu euch herein?

Wer ist gern draußen ganz allein?

Ist euch im Dunkeln nicht auch bange?

Die Höhle, gibt es die schon lange?

 

Truds Scherbe, später der Erzähltisch, wird jetzt zur Zudecke für Clara.

 

Domna:

Es träumen vielhundert Gedichte

in der Höhle seit altersher.

Sie träumen im schummerigem Lichte

und wissen den Ausgang nicht mehr.

 

 Es schweben die Traumgestalten

in der Höhle dunkelndem Raum

Sie wollen die Nacht verwalten

bis alles wird zum Traum.

 

Über dem schlafenden Kind erscheint Luise, das Traumwesen.

Luise:

Wer rief mich?

Hier bin ich.

Ich bin und ich werde,

ich wachse, ich schwinde.

bin luftig

und flüchtig

So hasch mich

und fass mich

doch nichts kann mich halten

Mich wollen die Jungen

mich suchen die Alten

doch nie ist’s gelungen

den Traum zu verwalten.

In dem Moment erscheint der Weltraumforscher mit seinem Luftschiff über dem träumenden Kind. Und wer ist da mit an Bord?

 

Trud:

Wie ist das möglich? Das Jahr ist vorbei

wo Dora erschien? doch es sei wie es sei!

Ich lasse das Fragen, ich gebe es auf

ich lasse den Dingen einfach den Lauf.

Dora

Ein Gastspiel nur, man hats mir gestattet

ich wollte euch sehn, denn ich liebe euch sehr

Ich bin vom Leben noch gar nicht ermattet

es fehlt mir, zu gerne hätte ich mehr.

Nun darf ich in euren Träumen erscheinen

und euch eure heimlichen Wünsche erfüllen

Wenn Menschen vor Kummer sich in den Schlaf weinen

dann werd ich sie in einen Goldmantel hüllen.

Dem Kinde, der Clara, der schenke ich heute

damit sie Glück hat im Leben und lacht

meine Geschenkbox, da staunt ihr, ihr Leute!

Das hat ihr die Dora gebracht.

Ich (aus dem Off):

Gute Nacht ihr Lieben!

Wo ist nur der Schlaf geblieben?

Jetzt kommt er wohl mit leisem Schritt

Ach komm doch Schlaf, und nimm mich mit!

Und du, kleine Dora, besuch mich im Traum,

Komm her zu mir aus dem Weltenraum

Der Jonas bringt dich sicher her

Ich bitt dich sehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Regen

Wenn sich heute im „Welttheater“ Regenwolken zusammen ballen, so hat das durchaus einen realen Hintergrund: Nach allzu langer Trockenheit setzte auch bei uns der Winterregen ein. Der ist freilich anders als in Deutschlands Tiefebenen. Selten regnet es sich ein. Es pladdert ein Weilchen, dann blitzt das Licht schon wieder hier und da auf, die Sonne lässt alles funkeln, bis eine andere Wolke diesem Spiel ein Ende bereitet. So gehts hin und her zwischen Lichtfluten und strömendem Regen.

Mit einem Ausschnitt dieses Fotos, aufgenommen von der Haustür (der Aprikosenbaum ragt ins Bild) überblendete ich das Welttheater.

Den schnellen Wechsel zwischen Licht und Eintrübung kann ich an zwei Fotos demonstrieren, die ich in kürzestem zeitlichem Abstand aufnahm:

Wenn der Regen in den Löchern unserer Straße als Pfützen stehen bleibt, kann ich den Olivenhain doppelt sehen: in echt und gespiegelt. Das macht mich froh.

Wie du siehst, ist der Himmel schon wieder ziemlich blau…

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Welttheater 2. Akt, 11. Szene: Unwetter droht

Was zuletzt geschah: Am Himmel hat sich dunkles Gewölk zusammengezogen. Schurigel verlässt unter dunklen Reden die Bühne.

Hera:

Ich hör ihn grollen, meinen Gatten

ihm passt’s nicht, wenn wir lustig sind

Am liebsten würd ers nicht gestatten

und trieb uns fort mit Blitz und Wind.

 

Domna (selig die Flügelarme ausstreckend)

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Bring’ uns Kühle, lösch’ den Staub
Und erquicke Halm und Laub!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Labe meine Blümelein,
Laß sie blüh’n im Sonnenschein!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Nimm dich auch des Bächleins an,
Daß es wieder rauschen kann!*

Clara (ängstlich weinend)

Ich habe Angst, ich mag nicht bleiben

wenn es da oben blitzt und grollt

wenn böse Geister Unfug treiben

ein Kopf wohl über Treppen rollt!

Jenny:

Ich sags ja, du bist blöd geblieben

wo siehst du böse Geister, Kind,

die Totenköpfekugeln schieben?

Wer Krach macht, das ist nur der Wind.

Danai:

Ich hör ihn auch, den Donnerton

Der Himmel ist ganz finster schon

es gibt wohl Regen, und die Stadt ist weit

Um Schutz zu suchen, bleibt uns wenig Zeit.

 

Ihr könntet, wenn ihr wollt, bei mir schnell unterkriechen

ich hab ne Höhle, die ist gar nicht schlecht

so ähnlich wie schon bei den alten Griechen

ich zeig sie euch, wenn es euch recht.

 

Danais Höhle

—————————–

* Dieses „Kinderlied“ von Heinrich Hoffmann von Fallersleben entnahm ich Christianes Sammlung „Regensucherin“

 

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Was sehe ich, wenn ich aus der Haustür trete? Aprikosenbaum Januar 2023 (Fotoprojekt Royusch)

Ich nahm einmal an einem vergleichbaren Projekt teil, das Zeilenende angeregt hatte (12-Monats-Bild). Auch Roland will rund ums Jahr dasselbe Motiv fotografieren und auf diese Weise die jahreszeitlichen Veränderungen bewusst und sichtbar machen. Mir gefällt das sehr, und so werde ich also möglichst zu Beginn jeden Monats ein Foto einstellen, das zeigt, was ich sehe, wenn ich die Haustür öffne.  

Ich sehe da ein paar Äste des Aprikosenbaums. Würde ich nach unten schauen. sähe ich mindestens ein Kätzchen, das auf Futter oder Streicheleinheiten wartet.  Das aber ist kein „jahreszeitliches“ Motiv.

Der eigentliche Indikator für jahreszeitliche Veränderungen ist der Aprikosenbaum. Auf ihn werde ich mich konzentrieren.  Heute kam mir sehr zu passe, dass es geregnet hat und sich weiterhin Wolkenberge am Himmel aufbauten. Das sieht doch viel mehr nach „Januar“ aus als die blauen Sonnentage, die uns das Jahr bisher beschert hat. 

 

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Welttheater, 2. Akt, 10. Szene:

Was zuletzt geschah: Der Angstmacher lobt Jennys „Realismus“ und tadelt Claras Glauben an Naturgeister, empfiehlt stattdessen die Lektüre von Gruselmärchen mit Orks und Zombies, damit das Kind lernt, sich zu fürchten.

Clara, Domna, Danai und Hera intonieren einen Wechselgesang, dem sich auch Jenny anschließt. Sie möchten den Angstmacher höflich vertreiben.

Clara: Die wilden Biester fürcht ich nicht

Domna: Den wilden Laistrygonen wirst du nicht begegnen

Danai: Fürs Böse gibts ein göttliches Gericht

Hera: Den Tapferen die Götter segnen!

 

Clara: Die Geister tanzen immerfort!

Domna: Möge dein Herz von Liebe befeuert sein!

Danai: Die Freiheit ist kein leeres Wort.

Hera: Möge das Leben täglich erneuert sein!

 

Jenny TheKid:

An Götter glaub ich nicht, auch nicht an gute Geister

Schon gar nicht aber glaub ich diesem Schurken

der mich mit Ängsten füttert wie mit sauren Gurken

Schurigeln lass ich mich von keinem, darin bin ich Meister.

 

Hau ab, Schurigel, mach, dass du verschwindest

und lass die Clara endlich mal in Ruh

Sie ist ein Kind noch, und kein Mann wie du

Macht΄s Spaß, wie du ihr Kinderherzchen schindest?

 

Alle zusammen:

Angst macht unfrei, Angst macht dumm

Geh schon weg und nimms nicht krumm!

Wir sind so frei, uns nicht zu sorgen

Was morgen kommt, das sehn wir morgen.

 

Schurigel

Schön dumm seid ihr, ihr werdet es bereuen

Dass ihr nicht auf den guten Rat gehört

Denn schwarze Wolken schon am Himmel dräuen

Euch hat die Glaubensseligkeit betört.

 

Wenns an der Zeit ist, sprechen wie uns wieder

dann kommt ihr heulend angerannt

dann fallt ihr bettelnd auf die Knie nieder

dann ist die Suppe leider angebrannt.

 

Noch keiner konnt die große Angst besiegen

die uns im Leben klug und tüchtig macht

so dass wir nicht auf Brechen und auf Biegen

den Bogen überspannen bis es kracht.

 

 

 

 

 

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Welttheater, 2. Akt, 9. Szene: Angstmacherei

Was zuletzt geschah: Danai bedauert Jenny, weil sie durch ihre schweren Lebensumstände hart geworden ist. „Auch du warst ein Kind, wie meins, das ich verlor“, sagt sie – und sogleich tritt Clara, das spielende Kind, hervor, Jenny verdeckend (m.a.W. Clara ist Jennys „inneres Kind“).


Ho:

Hoho, ein herzensliebes Kind

Ro:

Rot ihre Mütz und Schleifchen sind

Lu:

Es spielt mit einem goldnen Ball

Wa:

Es tanzt und singt mit süßem Schall

Ma:

Mama mia, welch ein Kind!

Ist hold wie nur die Kinder sind!

Clara:

Spielt mit mir, ihr Süßen

Die Mama lässt schön grüßen

Mein Ball das ist die Sonne

Ich fischt sie aus der Tonne.

Da fiel sie nachts hinein

Tauchte ins Wasser rein.

Am Morgen half ich ihr heraus

Nun ist sie glücklich wieder drauß!

Jenny springt hinter dem Kind hervor:

Die Kugel ist der Sonnenball?

Du hast wohl, Clara, einen Knall!

Du willst mit diesen Mücken spielen,

die nur nach deinem Blute schielen?

Es sind Vampire, glaub es mir

Ich mach mich besser fort von hier.

Schurigel, der Angstmacher tritt auf. Die Spitits verschwinden. Jenny zieht sich in den Hintergrund zurück.

Schurigel, der Angstmacher:

Götter gibts nicht, das ist klar

auch Spirits nicht, das ist ne Mär

Nur Spinner halten sie für wahr

und rennen ihnen hinterher.

 

Brav, Jenny, du verstehst die Sachen

Du lässt dich nicht für dumm verkaufen

Du weißt, was die Insekten machen

Dass sie dein süßes Blut wegsaufen.

 

Gefährlich ist uns die Natur

mit ihren Sümpfen, ihren Mücken

wir taten viel dagegen, nur

sie hat noch immer ihre Tücken.

Schurigel zieht eine große Papierrolle aus dem Ärmel und hängt sie auf. Es ist mit einem Märchen beschriftet. Durch einen Ausschnitt lugt Jenny theKid.

Und du, mein Clärchen, solltest lesen

und brav daheim bei Mama bleiben,

Statt dich hier draußen rumzutreiben

Und Quatsch zu reden mit den Wesen

 

Die es in Wahrheit gar nicht gibt.

In Büchern findest du, was Spaß macht

und was ein jedes Kindchen liebt,

wenn es in Nächten ängstlich wacht.

 

Da kannst du lesen von Gespenstern

und Orks und Schurken jeder Art

die steigen rein zu deinen Fenstern

mit Kugelaugen oder Bart.

 

Da gruselts dich, du wirst ganz sicher

auch tags dann um die Ecke schielen

ob Zombies, Trolle, Maskenritter

ihr Stückchen in der Stube spielen.

 

Gelobt die Angst, die sie verbreiten,

die auch euch Kinder ängstlich macht!

Denn welcher Mensch kann schon bestreiten:

Die Angst ist eine Himmelsmacht.

 

Wer dieser Macht dient, der wird immer

gerüstet sein, wenns schlimmer kommt.

Und kommt es einmal doch nicht schlimmer,

So weiß doch jeder, was sich frommt.

Hera, die Göttin:

Pst, Clara, lass dich nicht beschwätzen

und gegen unsereins aufhetzen

wir sind bei dir, wir stehn dir bei

Wer ängstlich ist, der ist nicht frei!

Danai, die Hilfesuchende:

Wahr ist, die Welt ist sehr verroht,

Doch Angst hab nicht, an Gott nur glaub!

Wenn echte Not dich mal bedroht,

Hebt Er dich sicher aus dem Staub.

 

Domna, die blinde Dichterin (in tiefen Gedanken, murmelnd)

„Wenn du aufbrichst nach Ithaka, 

wünsche dir, dass der Weg lang sei,

voller Abenteuer, voller Erkenntnisse.

Die Laistrygonen und die Zyklopen,

den wütenden Poseidon fürchte nicht,

solche wirst du auf deinem Wege niemals finden,

wenn dein Denken hoch, wenn erlesene

Empfindung deinen Geist und Körper anrührt.

Den Laistrygonen und den Zyklopen, 

dem wilden Poseidon wirst du nicht begegnen,

wenn du sie nicht in deiner Seele trägst,

wenn deine Seele sie nicht vor dich hinstellt.“*


*Konstantinos Kavafis, Ithaka. Eigene Übertragung. Das ganze Gedicht findest du unter https://gerdakazakou.com/2015/12/01/griechische-lyrik-konstantinos-kavafis-ithaka/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kunst als Dekor

Viel zu wenig Kunst sehe ich hier in meinem Paradies. Umso gieriger sauge ich auf, was mir gelegentlich vor Augen kommt, so wie letzten Sonntag, als wir in einem großbürgerlichen Haus zum Essen eingeladen waren. Das Gute an solchen Häusern ist: sie haben viele große Wände. Und wenn eine der Töchter des Hauses zudem Kunst studiert hat (in Lissabon zuerst, dann in Brüssel), kann man auf ein paar interessante Bilder hoffen.

Nun, das meiste, was an den Wänden hing, war der „klassischen“ Art und in seinen Farben erdig-dunkel. Wie lebendige Lichtblicke wirkten dagegen die beiden großformatigen starkfarbigen Arbeiten der Tochter.

Natürlich ging es in der Unterhaltung der Anwesenden – ein Arzt, der in England praktiziert und auf das dortige Gesundheitssystem schimpfte, ein gutmütiger älterer Herr, der die meiste Zeit seines Lebens in den Staaten verbrachte, ein stellvertretender Peripheriarch der Peloponnes, der das Wort „stellvertretend“ bei nächster Gelegenheit eliminieren möchte, zwei emiritierte Professoren der politischen Wissenschaften, drei Ehefrauen – nicht um Kunst, sondern vor allem um parteipolitischen Hickhack.

Die Frauen? Die lebhafte Ehefrau des Peripheriarchen langweilte sich offenbar, als ihr Mann eines seiner Projekt wortreich erklärte, denn diesen Vortrag hörte sie sicher nicht zum ersten Mal, Die kluge, gebildete Hausfrau, für die Küche und den stark bewegungs- und sprachbehinderten erwachsenen Sohn zuständig, war ohne Ehrgeiz, sich in die Unterhaltung einzumischen. Ich selbst war etwas neben der Kapp und zog mich irgendwann auf den großen sonnigen Balkon zurück, von wo ich beim fernen Stimmengewirr und Gelächter der Männer sanft einschlief.

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Welttheater 2. Akt, 8. Szene: Über die Spirits, das Göttliche und das Kind

Schau Domna, auch die Göttin ist zurück

mir scheint, zum Guten neigt sich mein Geschick.

Sie rief herbei die klugen Geister der Natur

sehr mächtig, wenn auch winzig von Statur.

Ho: 

Hoho, ei do! ein grünes Blatt!

Ro:

Ich roll mich gleich im Blütenbad!

Lu: 

Lüfte lachen, leuchten, lieben

Wa:

Welle wird an Land getrieben

Ma:

Mama mia schaut nur her

Ein saubrer Strand, ein saubres Meer!

 

Ro-Ho im Duett:

Blüten und Blätter sind unser Metier

Lu-Wa im Duett

Wir kümmern uns lieber um Luft und die See

Ma:

Ich sorge mit meinem beseligten Singsang

Dass Pflanzen und Meer und Lüfte im Einklang.

Lu-Ho-Ro-Wa-Ma im Chor:

Wellen von Licht

 und blühende Wiesen

 Meeresrollen

und Harmonie

wir sorgen, dass nie

solange wir sollen  

an Stränden wie diesen

das Leben zerbricht.

Jenny springt in die Mitte:

in der Mitte Jenny theKid

Jenny TheKid

Ha, wer sind denn die?

So welche sah ich nie! 

Grad wie die Insekten und andres Getier

das mich zersticht mit wütender Gier.

Und was sie da singen!

Ob sie mir ein Ständchen bringen?

Danai:

Pst, Jenny, sei still, du musst jetzt gut lauschen

Dann hörst du die Kleinen wispern und rauschen!

Sie mögen so gar nicht den menschlichen Spott

Sind höchst empfindlich, genauso wie Gott. 

Jenny:

Gott? was isn das? Ist das der Alte mit Bart,

der mit dem Knüppel an jeder Ecke harrt?

Ne, lass man Danai, den brauche ich nicht

man führt mich schon lang nicht mehr leicht hinters Licht.

Danai:

Ach Jenny, du hast in deinen jungen Jahren

viel Hunger, Böses und Härte erfahren.

Doch denk nur, auch du warst ein Kind

und tapfrer als die meisten sind.

Auch ich hat ein Kind, ich verlor es im Meer

und bittere Tränen wein ich seither.

Doch werde ich immer die Göttlichen loben

egal wie die bösen Gewalten auch toben.

Als habe Danai es gerufen, springt das „spielende Kind“, Clara,  in die Mitte, Jenny verdeckend.

in der Mitte das spielende Kind, hinter ihr Jenny, diese verdeckend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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