Dora zum ElftenAchten: Erfrischungsbad

Der heutige Tag ist merkwürdig schwerflüssig und zugleich unruhig. Dunst und Gewölk wollen sich weder auflösen noch verdichten, sie wabern unschlüssig über Land und See. Mir geht es nicht anders: auch ich weiß nicht recht, was mit dem Tag anzufangen wäre.

Zu meinem Glück habe ich ja Dora, die es nicht zulässt, dass ich einfach dem Trägheitsgesetz folge, auf der Couch liegen bleibe und ein Buch lese.

Die Versuchung ist freilich groß, eben dies zu tun, zumal mir unsere letzte Besucherin ihre ausgelesene Reiselektüre hierließ –  den spannenden Schmöker „Neujahr“ von Juli Zeh. Ich lese mich denn auch fest und höre erst auf, als ich die letzte Seite umgewendet habe. Dann aber rappele ich mich auf und wandere zu meiner Bucht hinunter.

Zu meiner Überraschung ist sie noch von etlichen Grüppchen bevölkert. Darüber bin ich froh. Nicht immer mag ich Menschen am Strand, aber an solchen etwas düsteren Abenden wie heute sind sie mir sehr recht. Überall lagern sie. Wollen sie den Vollmond begrüßen? Ein dunkellockiger junger Mann lehnt an einer Geröllaufschüttung und liest im vergehenden Licht ein Buch, leider kann ich den Titel nicht erkennen. Unternehmungslustige Kinder springen von den Felsen ins Wasser und spaddeln in den Wellen. Dora tut es ihnen juchzend nach, und auch ich lasse mich, leise singend, von den unruhigen Wellen hier- und dorthin schaukeln und weit hinaus treiben.

„Na, siehste!“ kräht Dora, als ich zufrieden nach Hause trotte, „ich habs dir ja gesagt! Zuviel Lesen macht blöd im Kopf. Dagegen hilft nur ein erfrischendes Bad!“

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Dora zum ElftenAchten: Erfrischungsbad

  1. finbarsgift schreibt:

    *Schmunzel*
    Dennoch ist Bücher lesen unverzichtbar …
    Herzliche Abendgrüße vom Lu

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  2. Der schwarze Kater schreibt:

    Danke!
    Auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres ist das Wetter gerade genauso. Nach dem Ausflug nach Batumi hatte ich daher keine rechte Lust, ins Wasser zu springen. Da las ich Doras klugen Rat, befolgte ihn, und erkannte seine Weisheit. Danke!
    (Vom Schlauphon aus kann sich der Schwarze Kater 🐈‍⬛ anscheinend nicht einloggen. Na gut.)

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    • gkazakou schreibt:

      Ich gebs gleich an Dora weiter! Sie mag Kater und wird sich freuen, aber auch wundern! Denn die Kater hier, egall ob gelb oder schwarz, gehen überhaupt nicht schwimmen. Da kann sie noch so viel predigen.

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Wie herrlich erfrischend!

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  4. Alexander Carmele schreibt:

    Ach herrje … gute Erinnerung. Ich versuche es mit Sport und Arbeit auszugleichen, aber ob das reicht. Einen nahegelegenen Strand hätte ich auch gern – ein Stadtstrand ist einfach nicht dasselbe wie das Meer. Hört sich schön an. Ich nehme also an, du empfiehlst „Neujahr“?

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    • gkazakou schreibt:

      So weit würde ich nicht gehen, lieber Alexander, es dir zu „empfehlen“, der eh schon zu viel liest 😉 Mich interessierte es von der Thematik her (Panik), denn ich hatte grad kürzlich wieder mit einem Mann zu tun, der wegen schwerster Panikattacken in seiner Arbeit stark eingeschränkt ist und Rat und Hilfe suchte.

      Im Roman gibt es zwei sehr gut ausgearbeitete Spannungsbögen – der erste zeigt, wie der Leidensdruck den Helden in Bewegung setzt und bis zur extremen Erschöpfung treibt – das ist dann der Kipppunkt. Von hier geht es direkt in die Vorgeschichte, Der zweite Bogen schildert, wie das fröhliche Normalleben des Fünfjährigen aus den Fugen gerät und schließlich ebenfalls an einen extremen Kipppunkt gelangt. Dort setzt das Vergessen ein, .
      Diese beiden Teile des Romans sind spannend und zeigen großes Einfühlungsvermögen in Seelenprozesse. Schwach ist meiner Meinung nach dann die „Auflösung“ im kurzen dritten Teil. Das aber ist kein literarisches Urteil, sondern hat mit den Erfahrungen zu tun, die ich als Therapeutin mache.

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      • Alexander Carmele schreibt:

        Liebe Gerda, danke für die Info. Ich ertrinke eher in Büchern, die ich noch gerne lesen würde. Juli Zeh liegt da nicht weit oben, da sie mir typischerweise, implizit und explizit, zu viel urteilt – außerdem hat sie über einen Mathematiker oder Physiker geschrieben (Schilf?), wo fast gar nichts stimmte, was mich bis heute peinlich berührt (wieso schreibt man über Dinge, von denen man nichts weiß?). Hättest du jetzt aber gesagt, es war ein Leseerlebnis, hätte ich mich für diese Autorin nochmals geöffnet. Viele herzliche Grüße und Danke für deinen tollen Blog, den ich sehr mag!

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      • gkazakou schreibt:

        Herzlichen Dank, lieber Alexander, für deine wertschätzende Antwort! Dies war mein erstes Buch von Juli Zeh, und ich bin nicht versessen darauf, ein zweites von ihr zu lesen. Doch wenn es mir in die Hand fiele, würde ich es wohl lesen, denn ihre Art zu erzählen nimmt einen leicht mit. Interessant für mich ist dein Hinweis auf ungenügende Kenntnis des Gegenstandes, über den sie schreibt. Genau das war es, was mich das Buch am Ende unbefriedigt beiseite legen ließ. „Wenn es so einfach wäre“, dachte ich bei mir,… Sie hält sich an den populären Mythos, dass psychische Störungen direkt auf kindliche Traumata zurückzuführen seien, dass eine künstlich herbeigeführte Extremsituation das ursprüngliche Trauma ins Bewusstsein zurückbringen kann und dadurch Heilung möglich wird. (Eine unerwartete Helfershelferin – ähnlich einem Joker, deus ex machina, reitendem Boten, Engel – hat sie eingebaut, um den gewünschten Ablauf hinzuzaubern).
        Am Ende lässt sie die bis dahin befolgte Logik fallen und führt eine neue Variante der Heilungshoffnung ein: die befreiende (rettende) Tat. Die bleibt dann in der Luft hängen. Ein sehr schwaches Happy End ohne Beweislast, ganz unironisch.

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      • Alexander Carmele schreibt:

        Ich finde, du fasst das sehr gut zusammen – in Sachen Physik und Mathematik hält sie sich auch an populäre Mythen, wie fast alle (Sibylle Berg, Dietmar Dath), ohne den inneren Zusammenhang zu verstehen, aber das fällt ja nur denen auf, für die das Buch nicht geschrieben worden ist. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, über alles hinwegzuschauen, solange der Rhythmus, die Sprachmelodie, der Stil passt. Da freue ich mich schon sehr! Viele Grüße.

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  5. Ach, so ein schönes erfrischendes Bad im Meer. Das wäre jetzt was…

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