Montag ist Fototermin: Vexierbilder (konvex, konkav)

Beim Malen ist mir oft aufgefallen, wie anders Bilder aufs Auge wirken, wenn man sie umdreht. Einer Legende nach wurde auf diese Weise sogar die abstrakte Malerei geboren: Wassily Kandisky (1866-1944) sei eines Abends bei Dämmerlicht in sein Atelier getreten und ganz bezaubert von einem Gemälde gewesen, das er dort erblickte. Erst langsam ging ihm auf, dass er selbst es gemalt hatte. Es stand auf dem Kopf.

Das Aufdenkopfstellen von Bildern ist unter Malern eine übliche Handlung, denn so kann man am besten erkennen, ob die Komposition ausgewogen ist.  Ein anderer Maler machte es dann zu seinem Erkennungszeichen – oder zu seiner Marotte, oder zu seiner persönlichen Antwort auf eine kopfstehende Welt*  –  und hat so manchen Betrachter seiner Werke dazu gebracht, unwillkürlich den Hals zu verrenken, da er das Bild ja nicht vom Nagel nehmen und „richtig herum“ hängen darf.

Georg Baselitz, Sammlung „Zeitgenössische Kunst“, im Städel, Frankfurt am Main

Beim Fotografieren kommen die Bilder gelegentlich auch „auf dem Kopf stehend oder auf der Seite liegend“ zum Vorschein. Dann dreht man sie um – und fertig.

Gestern fotografierte ich meinen Fußabdruck im nassen Sand, in der Absicht, ein von Joachim Schlichting kürzlich gezeigtes Phänomen einmal selbst zu erzeugen. Daraus wurde freilich nichts, denn eine Welle ebnete meine Fußabdrucke ein, bevor sie trocknen konnten.

Aber etwas andere erregte meine Aufmerksamkeit, als ich die Fotos betrachtete: mal schien es sich um eine konkave in den Sand eingedrückte Form zu handeln, mal um ein flaches konvexes Relief, das sich aus der sandigen Grundfläche abhob. Ich drehte und wendete die Fotos in alle Richtungen – es war  wie ein Vexierspiel. Auch die Tropfen im Sand schienen mal kreisrunde Höhlungen, mal aufliegende Sandknöpfchen zu sein.

              

Ich fotografierte dann auch noch Wasserblasen, die die Wellen hinterließen, und verglich sie mit vom tropfenden Badeanzug hinterlassenen Höhlungen. Die beiden oberen Bilder scheinen mir konvexe, die unteren konkave Gebilde zu zeigen. Einbildung? Ausbildung? Wer weiß das schon.**


*Georg Baselitz (*1938): “ „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen….“[1][2] (zitiert nach Wikipedia)

**Auch beim Betrachten gesellslchaftlicher Vorgänge gibt es diesen Effekt. Manches wölbt sich vor, man meint, es greifen zu können, und dann weicht es zurück und ist nur eine Höhlung, ein Nichts.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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16 Antworten zu Montag ist Fototermin: Vexierbilder (konvex, konkav)

  1. Das ist faszinierend. Was freilich die Maler betrifft: der eine oder andere, dessen Welt stand wirklich Kopf. Nicht nur im Sinne reichlich zugeführter psychoaktiver Substanzen, auch die äußere Welt konnte und kann immer wieder zu Schwindelattacken führen.
    Aber dass auch der Sand sich nicht festlegen mag?

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Das sind ja ungewöhnliche Neuentdeckungen, Gerda. Ist das in beiden Fällen Dein Fuß?

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  3. Verwandlerin schreibt:

    Sehr interessante Beobachtungen mal wieder , liebe Gerda! Ästhetisch, philosophisch und politisch…

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  4. Myriade schreibt:

    Ich erinnere mich, dass du Baselitz vor einer Weile in Grund und Boden kritisiert hast. Weiß ich noch, weil ich auch nichts mit ihm anfangen kann 🙂

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    • gkazakou schreibt:

      Da hast du recht. Ich sah den Baselitz in Basel…. und ich schrieb, dass ich weder Lust hatte, näher heranzutreten noch größeren Abstand zu gewinnen – denn beide Vorgehensweisen würden dem Werk nichts Bedeutendes hinzufügen

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  5. Peter Klopp schreibt:

    Bilder auf den Kopf zu stellen schafft neue Einsichten und Perspektiven. Wie du in deinem Post andeutest, sollte man manchmal dasselbe mit gewissen Situationen im Leben machen,

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, so denke ich, lieber Peter. Marx wollte ja den Hegel vom Kopf auf die Füße stellen, hat dadurch auch viele neue Einsichten produziert, aber was dann dabei herauskam, war wieder eine kopfstehende Welt, die man gern wieder umdrehen möchte.

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  6. Mitzi Irsaj schreibt:

    Ich könnte die Hand nicht dafür ins Feuer legen, einen Baselitz zu Hause nicht doch einfach anders aufzuhängen. Zum Glück kann ich mir keinen leisten und bekomme keinen Geschenkt. Dein Fußfoto ist wirklich faszinierend – schon ohne den Text gelesen zu haben wirkte es auf mich besonders und ich fragte mich, wie du das hinbekommen hast oder wo du den Abdruck gefunden hast.

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  7. und in mancher Höhlung verbirgt sich ein Nichts… Das Nichts hat leider auch die Eigenschaft, in Menschenköpfe einzudringen …
    Deine Worte gefallen mir sehr, sie klären so oft etwas, was vorher verschwommen war.
    Am schönsten sind Deine Fußabdrücke im feuchten Sand, liebe Gerda! 🙂

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  8. Mich würden die „Sandknöpfchen“ interessieren. Haben die oben Loch? Sind die weich und hohl? Oder weißt die genau, wie die entstanden sind?

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    • gkazakou schreibt:

      Danke für dein Interesse, lieber Joachim. Es sind keine „Knöpfchen“, sondern Löcher. Sie sind durch meinen tropfenden Badeanzug unbeabsichtigt entstanden. Die Tropfen fielen auf den feuchten Sand, als ich den Fußabdruck machte.

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      • Erst einmal Entschuldigung für meine Rechtschreibfehler. Die tippenden Finger machen manchmal was sie wollen.
        Danke für deine Erklärung. Da ich versuche herauszufinden, ob die hohlen Sandpusteln, die ich zuweilen an manchen Stränden beobachte und auch schon mal beschrieben habe (https://hjschlichting.wordpress.com/2018/04/03/minivulkane-am-strand/) eventuell auch an griechischen Stränden zu sehen sind, war ich daran interessiert, ob du diese im Blick gehabt hast. Ich vermute, dass wegen des geringeren Tidenhubs dieses einzigartige Phänomen an Mittelmeerstränden nicht auftritt.
        Bei dieser Gelegenheit möchte dich auch noch gleich fragen, ob du bei deinen diversen Strandaufenthalten auch schon mal quietschenden Sand erlebt hast, also trockenen Sand, der bei jedem Schritt ein Quietschgeräusch von sich gibt.

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    • gkazakou schreibt:

      Was Tippfehler anbetrifft, lieber Joachim, bin ich Meisterin ( Schuld ist meistens die kaputte Tastatur).
      „Knöpfchen habe ich noch nie bewusst gesehen, auch keinen quietschenden Sand gehört. Viellleicht war ich nur unaufmerksam. Wir haben hier bei uns allerdings auch keine großen Sandstrände, sondern immer nur keine Stückchen Sand, die dann von vielen Füßen zertreten werden. Anders ist es an der Westküste der Peloponnes mit seinen langen Sandstränden.. Da könnte es auch „quietschenden Sand“ geben.
      Von meiner Heimat an der Ostsee kenne ich quietschende Böden anderer Art: Sumpfiges Gebiet, Grassoden, Gummiböden… :

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  9. Die sumpfige Variante kenne ich natürlich auch aus der Kindheit an Weser und Nordsee. Quietschenden Sand gibt es allerdings an der Ostsee. Mit Sicherheit in Binz und wie ich kürzlich erfuhr und durch eine Tonaufnahme hörte auch an pommerschen Stränden. Vielleicht muss ich da doch noch mal hinfahren. Das Naturphänomen ist nämlich noch nicht restlos geklärt.

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