Dora interviewt die Kandidaten (15. Interview: Traumwesen)

„Wen haben wir denn jetzt noch nicht im Sack?“ fragt Dora. – „Du meinst, wen wir noch befragen müssen? Es fehlen noch vier Interviews der Kandidaten fürs Jahr 2023: die So-wie-du, die blinde Dichterin, die Spirits und das Traumwesen“, informiere ich sie, nachdem ich nachgesehen habe. „Vielleicht treffen wir einen von denen unterwegs. Ich möchte nämlich gern ein bisschen raus und unter die Leute.“

Wir machen uns auf den Weg in die Stadt, bummeln herum, lassen uns treiben. Unterwegs  treffen wir allerlei So-wie-du-Gestalten, nicht aber die spezielle Dame, die sich beworben hat. Doch in einem offenen Cafe entdeckt Dora das Traumwesen.

„Hej, guck mal!“ flüstert sie. „Da vor den beiden Kaffeetrinkern schwebt es. Es ist durchscheinend, man kann die Männer dahinter gut erkennen. Aber mir scheint, auf die hat das Traumwesen es nicht abgesehen.“

Ich stimme Dora zu. Die beiden sind solide Zeitgenossen. Aber es gibt da noch eine junge Dame. Mit der scheint das Traumwesen zu kommunizieren.

Ich setze mich an einen der freien Tische und schaue zu, wie Dora sich dem Traumwesen nähert.  Nebenbei skizziere ich die anwesenden Personen und rufe mir in Erinnerung, was das Traumwesen in der Bewerbung von sich schrieb:

„In meinem Reich bist du frei. Willst du Engel sein oder Fisch in den Ozeanen? Sei es! Möchtest du wie ein Weib fühlen, auch wenn dein Körper männlich ist? Es sei! Was hindert dich! Schwebe, lebe, webe, hebe dich über die Niederungen der Welt. Die Not dessen, was sie Realität nennen, sei für andere. Wenn dich eine Fessel schmerzt, sprenge sie, wirf sie ab. Für uns sei, was wir wollen, was wir wünschen, was uns gut tut. Komm, teile mit mir den freien Genuss, ohne Grenzen und Verdruss!“

Jetzt landet Dora auf dem Arm des Traumwesens und sagt leise: „Hallo“. Doch das Wesen reagiert nicht. Der Blick seiner großen Augen ist mit dem der jungen Frau verschmolzen. Die Frau scheint total fasziniert, ja geradezu hypnotisiert zu sein. Unverwandt schaut sie mit großen offenen Augen auf das Traumwesen. Hypnose, denke ich, klar, Hypnos (ύπνος) ist der Schlaf. Die Frau ist zwar wach, aber doch irgendwie nicht bei sich. Sie träumt mit offenen Augen. Und drum wird ihr Traum für mich sichtbar. Wären ihre Augen hingegen geschlossen, bliebe ihr Traum mir verborgen, oder?

„Pardon“, höre ich jetzt Dora ein bisschen lauter sagen, „ich möchte ja nicht stören, aber da Sie sich bei uns beworben haben, ich meine, da Sie gern das Jahr 2023 repräsentieren möchten, muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Sie versprechen ein Reich der Freiheit, und dass man keine Schmerzen mehr hat und sich als Mann oder Frau fühlen kann je nach Belieben und noch dies und das. Haben Sie irgendwelche Referenzen, ich meine Gutachten und so, die Ihre Fähigkeiten belegen?“.

Donnerwetter! Dora hat ihr Handwerk als Journalistin inzwischen richtig gut gelernt. „Referenzen?“ zischelt das Traumwesen aus dem Mundwinkel, ohne die Augen von der Frau zu nehmen. „Wozu Referenzen? In meinem Reich der Freiheit ist so etwas nicht erforderlich. Realität spielt keine Rolle. Alles kommt auf die Wünsche an. Diese junge Dame wäre gern eine Nixe, die jeder begehrt, ohne dass sie sich auf jemanden einlassen muss. Das gebe ich ihr.“

„Sie sind also eine Wunscherfüllerin?“ fragt Dora. – „Nun, nicht wirklich. Im Traum freilich…..“ – „Ich glaube“, so Dora nun resolut, „ich werde der jungen Dame jetzt mal einen Kaffee ein-schenken, damit sie aufwacht. Eine Nixe sein wollen, wenn man zwei Beide hat! Son Blödsinn!“

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Collage, die schöne Welt des Scheins, Dora, Erziehung, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche, Träumen, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 7 Kommentare

Dora interviewt die Kandidaten (14. Interview: Hedonie)

Heute befrage ich die Henodie“, kräht Dora. – „Hedonie heißt sie“, korrigiere ich. „Na und wenn!“, wischt Dora meinen Hinweis vom Tisch. „Meinetwegen kann sie auch Melodie oder Harmonie oder Kakophonie heißen. Hauptsache Musik.“ – „Wieso Musik? Mit Musik hat die Hedonie eigentlich … Aber vielleicht hast du Recht…., -odie klingt wie οδή (Ode*), und das heißt Lied, Gesang. ηδονή (Hedonie), auch griechisch, natürlich, ist aber doch ein anderes Wort, es bedeutet Freude, Lust, Genuss, Sinnlichkeit, was, wenn man es recht bedenkt, durchaus etwas mit Musik zu tun hat, denn Musik erregt das Gefühl….“

„Ich glaub, du bist das Gegenteil von dieser Henodie“, unterbricht Dora meine Erläuterungen. „Die klamüstert bestimmt keine Wörter auseinander, sondern will einfach nur leben, lieben und vergnügt sein. So wie ich. Und jetzt geh ich sie suchen!“

Weg ist Dora, und so habe ich keine Gelegenheit mehr, ihr zu verklickern, dass es klamüsern (und nicht klamüstern) heißt….

Dora kehrt ein paar Stunden später zu mir zurück. „Na?“ frage ich, „Wie ging es mit deiner Henodie? Hat sie gesungen?“ – „Das auch!“ so Doras Antwort. „Interviewen konnte ich sie nicht, leider. ΄Wenn du willst, wähl mich!‘ hat sie gerufen und ist in den Himmel gestürmt, ΄wenn nicht, lass es bleiben!‘ Ihr ist es egal, wie andere leben. ‚Jeder nach seiner Facon΄, hat sie noch geschrien, wie Jubel klang es in meinen Ohren. Kennst du ein Lied, in dem so was vorkommt wie ΄Ein Kuss für die ganze Welt΄? Das hat sie nämlich gesungen und ist dabei immer höher in den Himmel hinaufgewirbelt. Die ist echt gut drauf, wenn du mich fragst.“

—-

*Schillers „Lied an die Freude“ hat die Form einer Ode. Wer kennt schon den gesamten Text? Hier ist er.

An die Freude

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Chor
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wers nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

Chor
Was den großen Ring bewohnet,
Huldige der Sympathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der Unbekannte thronet.

Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.

Chor
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such ihn überm Sternenzelt,
Über Sternen muß er wohnen.

Freude heißt die starke Feder
In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
In der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
Die des Sehers Rohr nicht kennt.

Chor
Froh, wie seine Sonnen fliegen,
Durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig wie ein Held zum Siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel
Lächelt sie den Forscher an.
Zu der Tugend steilem Hügel
Leitet sie des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
Sieht man ihre Fahnen wehn,
Durch den Riß gesprengter Särge
Sie im Chor der Engel stehn.

Chor
Duldet mutig, Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
Wird ein großer Gott belohnen.
Göttern kann man nicht vergelten,
Schön ists, ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut soll sich melden,
Mit den Frohen sich erfreun.
Groll und Rache sei vergessen,
Unserm Todfeind sei verziehn,
Keine Träne soll ihn pressen,
Keine Reue nage ihn.

Chor
Unser Schuldbuch sei vernichtet!
Ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Richtet Gott, wie wir gerichtet.

Freude sprudelt in Pokalen,
In der Traube goldnem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut – –
Brüder, fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:
Dieses Glas dem guten Geist.

Chor
Den der Sterne Wirbel loben,
Den des Seraphs Hymne preist,
Dieses Glas dem guten Geist
Überm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen –
Brüder, gält es Gut und Blut, –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!

Chor
Schließt den heilgen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem goldnen Wein:
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!

Rettung von Tyrannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!
Auch die Toten sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
Und die Hölle nicht mehr sein.

Chor
Eine heitre Abschiedsstunde!
Süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!

(Quelle: Friedrich Schiller Archiv)
Veröffentlicht unter Allgemein, Collage, Dichtung, Dora, Erziehung, Leben, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Musik, Natur, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Dora interviewt die Kandidaten (dreizehntes Interview: Hera)

Ist es Zufall, dass Hera ausgerechnet am Zwölften Zwölften und also am Vortag des Dreizehnten mithilfe der Dame Transparenz ans Tageslicht drängte? Und ist es Zufall, dass Dora heute, am Nachtag des Dreizehnten, ihr dreizehntes Interview mit der Kandidatin für 2023 Hera veranstaltet? Ich glaube nicht. Denn 13 ist die Zahl des Matriarchats und des Mondkalenders. Warum-wieso? Nun, 365 Tage hat das Jahr, und dreizehn Mondumläufe (Monate) von jeweils ca 28 Tagen. Teilst du 365 durch 28, erhältst du die 13, aber es bleibt ein Tag übrig. An dem wurde der alte König geopfert und der neue Heros initiiert. Pech für den alten König.

Dora fühlt sich mit Hera sofort freundschaftlich verbunden – kein Wunder, denn beide sind aus demselben uralten Göttergeschlecht. „Hallo, Hera! Schön dich zu sehen!“, flötet sie daher, während sie tollkühn auf der Hand der Göttin balanciert.

Hera lächelt erfreut, zumal Doras Geschenkbox dem goldenen Apfel gleicht, den sie als eines ihrer zahlreichen Symbole bei sich zu tragen pflegt. „Hallo, kleine Dora! Was treibst du denn bei den Menschen?“ – „Och“, meint Dora. „irgendwer muss sich ja um die armen Menschen kümmern, seit du dich absentiert hast.“ – „Absentiert? Du bist gut! Die Menschen haben mich rausgeschmissen.“ -„Rausgeschmissen? Hast du vielleicht die falschen Kleider angezogen? Die Menschen sind da merkwürdig.“ – Hera lässt ein kleines göttliches Lachen vernehmen. „Du fragst wohl, kleine Dora, weil ich so viele verschiedene Kleidungsstücke an mir trage? Das ist, weil ich überall auf der Erde zu Hause bin. Hier gibts Seide, dort Baumwolle, Leinen oder Flachs, hier braucht es Felle, dort reicht ein feines Gewebe.  Aber lass uns, bevor wir ins Einzelne gehen, eine erfreulichere Gegend aufsuchen. Wohin möchtest du denn? Nord- oder Süd-Halbkugel, Frühling, Sommer, Herbst oder Winter?“

„Das überlass ich ganz dir!“ antwortet Dora artig. „Das ist nett von dir, Dora. Die Menschen sind nicht so höflich. Sie wollten immer schon den Ort bestimmen, wo ich erscheinen darf…. wenn überhaupt. Mit den Frauen machen sie es genauso, wie du vielleicht bemerkt hast. Ich denke, ich nehme dich mit in meine gegenwärtige Bleibe. Es ist ein alter Höhlentempel mit einem Opfertisch. Meine letzten Adepten pflegen dort Früchte zu deponieren, als Dank dafür, dass ich sie reifen ließ. Die können wir gemeinsam verspeisen und uns dabei gemütlich über die Weltläufte unterhalten.“

Ihre Unterhaltung konnte ich dann leider nicht hören, und Dora, die sonst so Gesprächige, wollte keine Einzelheiten rausrücken. „Hera hat mir viel anvertraut, aber sie sagt, ich soll nicht jetzt schon alles verraten. Im nächsten Jahr werde sie gern das eine und andere offenbaren, versprach sie. Wenn ihr es hören wollt, natürlich.“ 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Collage, Dora, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Mythologie, Natur | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 3 Kommentare

Athen-Monastiraki am Nachmittag

Ich besuche eine Freundin, die im Athener Zentrum wohnt. Anschließend bummele ich allein durch die Straßen und Gässchen des Monastiraki. In der Ferne der Akropolisberg.

Blickt man in die andere Richtung: andere antike Ruinen, dahinter die anarchischen Neubauten.

Jeder Athenbesucher kennt diese Plätze. Ich naürlich auch. Immer wieder zieht es mich hierher. Es fühlt sich richtig für mich an, entspricht meinem Lebensgefühl: diese aufgerissene Geschichte, die darüber sich türmende Neuzeit, die sich des Alten bedient und deren Charme vor allem darin besteht, dass sie JETZT ist, und dass ich in ihr lebe.

Vor der alten Moschee neben der römischen Agora  gibt es den üblichen in China gefertigten Schnickschnack zu kaufen.

Auf dem Platz vor der Metro Monastiraki stehen und gehen wie immer viele Menschen herum, die auf irgendetwas zu warten scheinen. Auf Godot vielleicht?

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Architektur, Fotografie, Leben, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , | 7 Kommentare

Dora interviewt die Kandidaten (Zwölftes Interview: Transparenz)

„Wie wäre es mit einem weiteren Interview, liebe Dora? Wir müssen uns sputen! Es stehen immer noch sieben aus, und ausgerechnet einige der wichtigsten Kandidaten sind dabei.“

„Welche denn?“, fragt Dora und gähnt. Die gestrige Nacht mit TheKid war lang. „Lass mich mal sehen.“ Dora fährt mit dem Finger die Liste entlang:  „Die blinde Dichterin und die Hera und die Transparenz und das Traumwesen und die Spirits und die Hedonie und und die So-wie-du habe ich noch nicht befragt. Ich glaub, ich nehm heute die Transparenz, die sieht so durchsichtig aus, da wird es leicht sein.“

Nachdem sie das Bewerbungsschreiben durchgelesen hat, ist sie nicht mehr so sicher:

„Was fehlt, ist Transparenz! Sie fehlt in allem: In der Politik, der Wissenschaft, den Medien, der Geldwirtschaft, sie fehlt auch in den Motiven der Menschen, die Besserung versprechen.“ Scheinheiligkeit-Verlogenheit- Täuschung sei das größte Gegenwartsproblem. Was also am meisten vonnöten sei, sei Transparenz in allen Angelegenheiten…

„Klingt überhaupt nicht leicht“, seufzt Dora. „Sie sagt nur, wo sie nicht ist. Wie soll ich jemanden befragen, der fehlt? Aber egal, ich werde diese Transparenz schon auftreiben.“

Tatsächlich findet Dora sie in der Abteilung Stadtplanung, wo ich sie am wenigsten vermutet hätte. Fast hätte sie sie übersehen, da sie sich perfekt in die komplizierten Entwürfe für den neuen Stadtteil einpasste.

„Hallo, Transparenz, wie gut, dass ich Sie antreffe!“ kräht Dora los. „Ich möchte Sie wegen Ihrer Bewerbung fürs Jahr 2023 befragen. Was meinen Sie damit, dass Sie überall fehlen?“ – „Nun, hier bin ich am Werk, aber wie du siehst: Es ist kompliziert. Ich muss die vielen Verbindunglinien, Knoten, Kreise und Überschneidungen des Planungsbüros mit anderen Abteilungen und Interessenten überprüfen. Du darfst mich übrigens gern duzen.“ – „Könntest du mir bitte erklären, wie du das mit dem Überprüfen machst?“

Die Transparenz überlegt kurz und meint dann: „Dies ist eine zu komplizierte Materie für einen jungen Menschen wie dich. Ich werde dir meine Arbeit in einem anderen Sektor erläutern. Es handelt sich um den Sektor „Mythos und Geschichtsfälschung“.  Hier siehst du drei Göttinnen …“

„Sie verehrten uns, sie verbrannten uns“ – Leinwand, Pigmente, Kleister und Wasser.

„Ah, ich verstehe!“ unterbricht Dora fröhlich. „Die sind nackt und drum …“ – „Es gibt viele, die Nacktheit mit Transparenz verwechseln“, korrigiert die Dame freundlich. „Ein verständlicher Irrtum. Aber nichts ist falscher. Nein, gerade auf das Nicht-Offensichtliche muss man achten. Hier wurde eine Göttin eliminiert.“ – „Eliminiert?“ – „Ja, ausradiert, aus dem Gedächtnis gestrichen, verboten, wie du willst. Sie sollte nicht mehr sein. Und meine Arbeit besteht nun darin, die Schichten abzutragen, damit sie wieder sichtbar wird. …

In diesem Buch habe ich alles Wissenswerte über die fehlende Göttin zusammengetragen“, fährt die Dame fort und wedelt mit ihren Aufzeichnungen. „Du kannst das später nachlesen, wenn du möchtest. Nun aber zeige ich dir das Ergebnis meiner Nachforschungen. Die eliminierte Göttin ist ….“

„Hera!!“ schreit Dora vergnügt und hüpft der wieder erschienenen Göttin in die ausgestreckte Hand. „Die kenne ich, die hat sich auch beworben! Danke, Transparenz, für deine Belehrung und Hilfe!“

Die Transparenz aber hat sich schon bescheiden in den Hintergrund verdrückt. Bald wird man von ihr wieder nur sprechen, wenn sie… fehlt.

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Architektur, Collage, Dora, Erziehung, Geschichte, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Mythologie, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 17 Kommentare

Winter ist für mich…. (Steinegarten-Fotoprojekt)

Eben las ich bei Royusch, an dessen „Herbst-Fotoprojekt“ ich gerne teilnahm, dass Steinegarten nun mit einem „Winter-Fotoprojekt“ nachsetzt. Solche Projekte helfen, diverse hübsche Blogblasen zu verbinden, wie Tautropfen durchs Spinnennetz.  Also mache ich auch mit.

„Was ist der Winter für mich?“ Im Moment vor allem ein mildes Grünen und Blühen in Athener Vorgärten. Heute schaute ich von der Bäckerei, in der ich ein halbes rundes noch warmes Brot und eine Schachtel voll Weihnachtsgebäck Melomakarona erstanden hatte, hinaus auf den hübschen von Piniengrün, violettroten Bougainvillea-Blüten und den goldenen Früchten der Bitterorange eingerahmten Vorplatz.

Aufgenommen am 12-12-2022

Das ist Winter für mich, hier und jetzt im nördlichen Athener Vorort Maroussi.

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur | Verschlagwortet mit , , , , | 21 Kommentare

Farben zeichnen 3: Weihnachtsdeko bei Lampenlicht / Kleine Beobachtungen

Meine „Weihnachtsdeko“ besteht aus Boot, Schwan, Eule und Christstern. Ich habe mich daran, wie ich bereits zeigte, mit Wachskreiden zeichnend, abgearbeitet. Diese Übungen machte ich bei Tageslicht:

 

In der vergangenen Nacht machte ich einen weiteren Anlauf bei Lampenlicht.

Dabei fiel mir auf, wie viel „schwerer“ die Dingwelt bei Kunstlicht ist: die Konturen sind härter, die Schatten tiefer als bei Tageslicht (zumindest dann, wenn wie dieser Tage trübes Wetter herrscht. Das attische Licht ist meist sehr stark konturierend). Meine Absicht, mich ganz dem feinen Spiel der Farben hinzugeben, ohne die Konturen der Dinge groß zu beachten, wurde dadurch konterkatiert. Es packte mich mal wieder das Bedürfnis, den Dingen durch Umrisslinien und Steigerung der Hell-Dunkel-Kontraste mehr Stabilität und Dauer zu verleihen.

Ein Vergleich der Fotografien desselben Motivs bestätigt die Beobachtung: das Tageslicht ist „weicher“, der Kontrast geringer. Auch sieht man hier gut, wie „blaustichig“ das Tageslicht ist – verglichen mit dem „gelbstichigen“ Lampenlicht.

Ein Bildausschnitt des zweiten Fotos verdeutlicht den Unterschied zwischen dem bläulichen nächtlichen Außenlicht und dem gelblichen elektrischen Licht im Innenraum.

Dass sich Farben im Außen- und Innenraum unterschiedlich verhalten, ist Malern schon früh aufgefallen. Dazu ein anderes mal.

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, kleine Beobachtungen, Malerei, Meine Kunst, Natur, Technik, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 13 Kommentare

Farbe zeichnen 2 (Boot und Schwan, Christstern)

Wieder Wachskreide und dasselbe Thema wie gestern : Schwan und Boot. Mattes Tageslicht. Ich bemühte mich erneut, dem Farbenspiel Raum zu geben und es möglichst wenig durch Umrisslinien zu behindern.

Als zweites Motiv wählte ich den gestern erworbenen Christstern.

Veröffentlicht unter Allgemein, Kunst zum Sonntag, Malerei, Meine Kunst, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , | 5 Kommentare

Dora interviewt die Kandidaten (Elftes Interview: The Kid)

„Heute befrage ich The Kid!“ verkündet Dora. „Wo sie wohnt, weiß ich allerdings nicht. Was meinst du?“ Ich überlege. „Eigentlich kann sie überall wohnen: unter einer Brücke oder in einem Schrebergarten am ausgefransten Stadtrand oder in der Villa Kunterbunt wie Pipi Langstrumpf, der sie irgendwie ähnelt. Vielleicht hat sie wie Pipi  eine Kiste Gold, übernatürliche Kräfte und einen Negerkönig zum Vater? Hier, schau mal, was sie in ihrer Bewerbung schreibt“:

Hallo, ihr Lieben! Einmal leben wir, machen wir was draus! Ist mir doch wurscht, was grad angesagt ist, oder? Ich jedenfalls hab mein eigenes Programm. Heute so, morgen anders. Es kommt wie es kommt. Mal regnet es, mal scheint die Sonne. Mal hab ich wen, mal bin ich alleen. Mal muss ich, mal will ich. Unterkriegen werden sie mich nicht. Mich nicht!! Ein Weg wird sich schon finden. Hab keine Angst. Wenn du für mich stimmst, machen wirs zusammen, das Jahr. Versprochen! Ich lass dich nicht im Stich, nur weil es bei dir mal nicht so läuft. Alles klar? Na also.

„Hm“, macht Dora. „Dann mach ich mich mal auf die Socken.“

Und weg ist sie. Ich mache mir inzwischen Gedanken. Wo und wie wird so ein Kid wohl heute leben?  The Kid scheint mir ein Großstadtkind zu sein, das sich ohne elterliche Aufsicht durchschlägt und – das gehört einfach zu ihrem Charakter dazu – ein solidarisches Auge auf die anderen Elenden hat.

Ah, jetzt hat Dora The Kid aufgestöbert.

„He, TheKid, warte mal!“ höre ich sie krähen. „Ich will dich mal was fragen! Ist dein Vater ein Negerkönig?“ – „Negerkönige gibt es nicht mehr“, ruft TheKid über die Schulter zurück. „Weißt du das nicht? Wo lebst du eigentlich?“ – „Ich?“ sagt Dora, die nun neben TheKid marschiert, etwas atemlos. „Gleich hier um die Ecke. Und du? Wohnst du etwa in diesem verrotteten Tempel?“ – TheKid grinst angewidert. „In dieser Ruine? Nee, hier hausen nur die Ratten. Ich hab meine eigene Bleibe. Willst du sie sehen?“

 

Und schon stampft TheKid los. Dora rennt hinterher. Es geht über etliche Ruinenfelder. Am Himmel Gewölk, hinter dem nun auch der  Mond sichtbar wird.  Hier wohnt TheKid?

 

Nein, es geht weiter und weiter.  Jetzt erreichen sie den Stadtrand und …

ein weites leeres Feld, das der Mond hell beleuchtet.

Hier wohnt TheKid? Bisschen gruselig finde ich es ja schon. Fast noch ein Kind, allein in der Welt, und an einem solchen Ort? Aber nein, es geht immer noch weiter….

 

Sind sie jetzt angekommen? Ja, so scheint es. Es ist ein antiker Steinbruch, aus dem früher das Material für die Tempel gebrochen wurde. TheKid winkt Dora, ihr in eine breite Lücke zwischen zwei hohen Wänden zu folgen. „Hier ist meine Bude!“ ruft sie. „Komm nur, ist ganz gemütlich. Mit deiner Funzel ist es echt ein Palast. Und zu essen haben wir auch.“

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Architektur, Collage, Dora, Fotocollage, Leben, Legearbeiten, Malerei, Meine Kunst, Umwelt | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 13 Kommentare

Farbe zeichnen 1 (Boot, Schwan und Eule)

Einmal nur die Farben beachten! Das nahm ich mir bei der heutigen Zeichenübung vor.

Zum Motiv: Das Boot oder Schiff ist seit alters her mit Weihnachten verbunden (es kommt ein Schiff geladen…). Die Tanne hat es bisher nicht vermocht, das Symbol ganz zu verdrängen. In griechischen Schaufenstern ist es dieser Tage omnipräsent. Auch ich habe unser Weihnachtsschiff entstaubt und Fähnchen, Segel, Wanten in Ordnung gebracht. Da mir grad sehr nach Farbe ist, habe ich zudem einen roten Christstern besorgt. Dem Boot habe ich eine Eule und einen Schwan aus Filz* zur Seite gestellt.

Mit meinen neuen Wachsstiften tastete ich mich an die Farbigkeit des Motivs heran. Ganz konnte ich die dreidimensionale Dingwelt freilich nicht vergessen. Und so trug ich schließlich ein paar Umrisse und Raumtiefe angebende Linien ein. 

Dabei machte ich die Beobachtung, dass beschreibende Linien der Farbe abträglich sind. Die Linien schwächen die Farbe, die sich frei und spielerisch entfalten möchte. Farbe ist wie die Seele selbst: sie mag nicht an Raumgrenzen und Dingwelt gefesselt sein, sondern möchte sie umschweben, durchdringen und wärmend beleben. 

Für mich ist es ein wichtiger Schritt in Richtung Farbe, die so ganz anders auf die Seele wirkt als die Form.  Das ist altbekannt. Doch auch das Altbekannte will neu entdeckt werden. Ich werde weiterüben. 


*Anmerkung zu „Schwan aus Filz

Pablo Neruda, Canto General

SUCEDE que me canso de ser hombre.
Sucede que entro en las sastrerías y en los cines
marchito, impenetrable, como un cisne de fieltro
navegando en un agua de origen y ceniza.

(Mit einmal bin ich es müde, ein Mensch zu sein.
Mit einmal trete ich ein in Schneidereien und Kinos,
undurchdringlich und welk wie ein Schwan aus Filz,
treibe ich hin auf einem Wasser von Ursprung und Asche.  

http://www.planetlyrik.de/pablo-neruda-der-grosse-gesang/2012/09/)


 

Veröffentlicht unter Allgemein, kleine Beobachtungen, Kunst, Malerei, Meine Kunst, Philosophie, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 2 Kommentare