Dora interviewt die Kandidaten (Elftes Interview: The Kid)

„Heute befrage ich The Kid!“ verkündet Dora. „Wo sie wohnt, weiß ich allerdings nicht. Was meinst du?“ Ich überlege. „Eigentlich kann sie überall wohnen: unter einer Brücke oder in einem Schrebergarten am ausgefransten Stadtrand oder in der Villa Kunterbunt wie Pipi Langstrumpf, der sie irgendwie ähnelt. Vielleicht hat sie wie Pipi  eine Kiste Gold, übernatürliche Kräfte und einen Negerkönig zum Vater? Hier, schau mal, was sie in ihrer Bewerbung schreibt“:

Hallo, ihr Lieben! Einmal leben wir, machen wir was draus! Ist mir doch wurscht, was grad angesagt ist, oder? Ich jedenfalls hab mein eigenes Programm. Heute so, morgen anders. Es kommt wie es kommt. Mal regnet es, mal scheint die Sonne. Mal hab ich wen, mal bin ich alleen. Mal muss ich, mal will ich. Unterkriegen werden sie mich nicht. Mich nicht!! Ein Weg wird sich schon finden. Hab keine Angst. Wenn du für mich stimmst, machen wirs zusammen, das Jahr. Versprochen! Ich lass dich nicht im Stich, nur weil es bei dir mal nicht so läuft. Alles klar? Na also.

„Hm“, macht Dora. „Dann mach ich mich mal auf die Socken.“

Und weg ist sie. Ich mache mir inzwischen Gedanken. Wo und wie wird so ein Kid wohl heute leben?  The Kid scheint mir ein Großstadtkind zu sein, das sich ohne elterliche Aufsicht durchschlägt und – das gehört einfach zu ihrem Charakter dazu – ein solidarisches Auge auf die anderen Elenden hat.

Ah, jetzt hat Dora The Kid aufgestöbert.

„He, TheKid, warte mal!“ höre ich sie krähen. „Ich will dich mal was fragen! Ist dein Vater ein Negerkönig?“ – „Negerkönige gibt es nicht mehr“, ruft TheKid über die Schulter zurück. „Weißt du das nicht? Wo lebst du eigentlich?“ – „Ich?“ sagt Dora, die nun neben TheKid marschiert, etwas atemlos. „Gleich hier um die Ecke. Und du? Wohnst du etwa in diesem verrotteten Tempel?“ – TheKid grinst angewidert. „In dieser Ruine? Nee, hier hausen nur die Ratten. Ich hab meine eigene Bleibe. Willst du sie sehen?“

 

Und schon stampft TheKid los. Dora rennt hinterher. Es geht über etliche Ruinenfelder. Am Himmel Gewölk, hinter dem nun auch der  Mond sichtbar wird.  Hier wohnt TheKid?

 

Nein, es geht weiter und weiter.  Jetzt erreichen sie den Stadtrand und …

ein weites leeres Feld, das der Mond hell beleuchtet.

Hier wohnt TheKid? Bisschen gruselig finde ich es ja schon. Fast noch ein Kind, allein in der Welt, und an einem solchen Ort? Aber nein, es geht immer noch weiter….

 

Sind sie jetzt angekommen? Ja, so scheint es. Es ist ein antiker Steinbruch, aus dem früher das Material für die Tempel gebrochen wurde. TheKid winkt Dora, ihr in eine breite Lücke zwischen zwei hohen Wänden zu folgen. „Hier ist meine Bude!“ ruft sie. „Komm nur, ist ganz gemütlich. Mit deiner Funzel ist es echt ein Palast. Und zu essen haben wir auch.“

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Dora interviewt die Kandidaten (Elftes Interview: The Kid)

  1. Linsenfutter schreibt:

    Hallo Gerda.
    Ich wünsche Dir noch einen schönen 3. Advent.
    LG Jürgen

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Na, das ist ja spannend und mit Deinen Malereien als Hintergrund. Fast habe ich den Eindruck, daß TheKid die Nachfolge von Dora antritt.

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    • gkazakou schreibt:

      Deine Ahnung ist nicht verkehrt. Ich glaube allerdings, dass sie nur ab und zu antritt. Es sind ja so viele andere starke Kandidaten da. Vermutlich wird es eine bunte Truppe werden.

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  3. kopfundgestalt schreibt:

    Unvollendet, nich?

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  4. Mitzi Irsaj schreibt:

    Ein weiterer interessanter Kandidat. Sogar sehr interessant. Mich würde sehr interessieren, wie es zu diesem Wohnort kam, wie es sich durchschlägt, ob es gut zurecht kommt und auch so banale Dinge, wie seine Bude denn aussieht. Vielleicht erzählt Dora ja noch ein wenig.

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  5. Das Großstadtkind am Rande der Gesellschaft… ?
    Es könnte ein Überlebenskünstler sein, weil es anders ist und anders lebt, aber möchte es das wirklich?
    Lebt es nur am Rande, weil es nie wirkliche Familie gekannt hat, in der man sich sicher und aufgehoben fühlte? Menschen am Rande, Menschen, die außerhalb der Gesellschaft leben, arme Teufel, die es nicht geben dürfte.
    Jeder braucht liebende Menschen um sich herum, selbst wenn er es ungern zugibt.

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    • gkazakou schreibt:

      Was TheKid möchte? Ich nehme an, so wie jeder andere auch „liebende Menschen um sich herum“. Was aber tun, wenn es die nicht gibt? Wenn die Umwelt kaputt oder sogar feindlich ist? Wenn, wie bei so vielen Kindern und Jugendlichen, kein schützendes und förderndes Zuhause vorhanden ist? Dann müssen sie halt sehen, wie sie sich durchschlagen, überleben und das Beste draus machen. Das tut TheKid.

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  6. Transparenz ist wie vieles absolut genommen nicht herstellbar. Es ist m.E. eine Gratwanderung. Das Opake darf auf keinen Fall zu stark werden… ;

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