Dora interviewt die Kandidaten (15. Interview: Traumwesen)

„Wen haben wir denn jetzt noch nicht im Sack?“ fragt Dora. – „Du meinst, wen wir noch befragen müssen? Es fehlen noch vier Interviews der Kandidaten fürs Jahr 2023: die So-wie-du, die blinde Dichterin, die Spirits und das Traumwesen“, informiere ich sie, nachdem ich nachgesehen habe. „Vielleicht treffen wir einen von denen unterwegs. Ich möchte nämlich gern ein bisschen raus und unter die Leute.“

Wir machen uns auf den Weg in die Stadt, bummeln herum, lassen uns treiben. Unterwegs  treffen wir allerlei So-wie-du-Gestalten, nicht aber die spezielle Dame, die sich beworben hat. Doch in einem offenen Cafe entdeckt Dora das Traumwesen.

„Hej, guck mal!“ flüstert sie. „Da vor den beiden Kaffeetrinkern schwebt es. Es ist durchscheinend, man kann die Männer dahinter gut erkennen. Aber mir scheint, auf die hat das Traumwesen es nicht abgesehen.“

Ich stimme Dora zu. Die beiden sind solide Zeitgenossen. Aber es gibt da noch eine junge Dame. Mit der scheint das Traumwesen zu kommunizieren.

Ich setze mich an einen der freien Tische und schaue zu, wie Dora sich dem Traumwesen nähert.  Nebenbei skizziere ich die anwesenden Personen und rufe mir in Erinnerung, was das Traumwesen in der Bewerbung von sich schrieb:

„In meinem Reich bist du frei. Willst du Engel sein oder Fisch in den Ozeanen? Sei es! Möchtest du wie ein Weib fühlen, auch wenn dein Körper männlich ist? Es sei! Was hindert dich! Schwebe, lebe, webe, hebe dich über die Niederungen der Welt. Die Not dessen, was sie Realität nennen, sei für andere. Wenn dich eine Fessel schmerzt, sprenge sie, wirf sie ab. Für uns sei, was wir wollen, was wir wünschen, was uns gut tut. Komm, teile mit mir den freien Genuss, ohne Grenzen und Verdruss!“

Jetzt landet Dora auf dem Arm des Traumwesens und sagt leise: „Hallo“. Doch das Wesen reagiert nicht. Der Blick seiner großen Augen ist mit dem der jungen Frau verschmolzen. Die Frau scheint total fasziniert, ja geradezu hypnotisiert zu sein. Unverwandt schaut sie mit großen offenen Augen auf das Traumwesen. Hypnose, denke ich, klar, Hypnos (ύπνος) ist der Schlaf. Die Frau ist zwar wach, aber doch irgendwie nicht bei sich. Sie träumt mit offenen Augen. Und drum wird ihr Traum für mich sichtbar. Wären ihre Augen hingegen geschlossen, bliebe ihr Traum mir verborgen, oder?

„Pardon“, höre ich jetzt Dora ein bisschen lauter sagen, „ich möchte ja nicht stören, aber da Sie sich bei uns beworben haben, ich meine, da Sie gern das Jahr 2023 repräsentieren möchten, muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Sie versprechen ein Reich der Freiheit, und dass man keine Schmerzen mehr hat und sich als Mann oder Frau fühlen kann je nach Belieben und noch dies und das. Haben Sie irgendwelche Referenzen, ich meine Gutachten und so, die Ihre Fähigkeiten belegen?“.

Donnerwetter! Dora hat ihr Handwerk als Journalistin inzwischen richtig gut gelernt. „Referenzen?“ zischelt das Traumwesen aus dem Mundwinkel, ohne die Augen von der Frau zu nehmen. „Wozu Referenzen? In meinem Reich der Freiheit ist so etwas nicht erforderlich. Realität spielt keine Rolle. Alles kommt auf die Wünsche an. Diese junge Dame wäre gern eine Nixe, die jeder begehrt, ohne dass sie sich auf jemanden einlassen muss. Das gebe ich ihr.“

„Sie sind also eine Wunscherfüllerin?“ fragt Dora. – „Nun, nicht wirklich. Im Traum freilich…..“ – „Ich glaube“, so Dora nun resolut, „ich werde der jungen Dame jetzt mal einen Kaffee ein-schenken, damit sie aufwacht. Eine Nixe sein wollen, wenn man zwei Beide hat! Son Blödsinn!“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Collage, die schöne Welt des Scheins, Dora, Erziehung, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche, Träumen, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Dora interviewt die Kandidaten (15. Interview: Traumwesen)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Na, Du spielst ja alle Möglichkeiten durch, Gerda.
    Doras Idee, der jungen verträumten Dame einen Kaffee einzuschenken, damit sie aufwacht, ist sicher vernünftig.

    Gefällt 1 Person

  2. kopfundgestalt schreibt:

    Zwei Beine und trotzdem Nixe, nichts ist unmöglich in dieser Zeit. Man muss es nur wollen. Aufrichtig und zielstrebig, sich nicht abbringen lassen. Die Träumende springt genussvoll in diverse Rollen, wenn alles klappt, ist sie die Hedonistin pur.

    Like

  3. Myriade schreibt:

    Jetzt wird es langsam ernst. So viele Kandidaten gibt es nicht mehr. Ich freue mich schon darauf, wie du die neue? Person unterbringen wirst.

    Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..