Dora interviewt die Kandidaten (Zwölftes Interview: Transparenz)

„Wie wäre es mit einem weiteren Interview, liebe Dora? Wir müssen uns sputen! Es stehen immer noch sieben aus, und ausgerechnet einige der wichtigsten Kandidaten sind dabei.“

„Welche denn?“, fragt Dora und gähnt. Die gestrige Nacht mit TheKid war lang. „Lass mich mal sehen.“ Dora fährt mit dem Finger die Liste entlang:  „Die blinde Dichterin und die Hera und die Transparenz und das Traumwesen und die Spirits und die Hedonie und und die So-wie-du habe ich noch nicht befragt. Ich glaub, ich nehm heute die Transparenz, die sieht so durchsichtig aus, da wird es leicht sein.“

Nachdem sie das Bewerbungsschreiben durchgelesen hat, ist sie nicht mehr so sicher:

„Was fehlt, ist Transparenz! Sie fehlt in allem: In der Politik, der Wissenschaft, den Medien, der Geldwirtschaft, sie fehlt auch in den Motiven der Menschen, die Besserung versprechen.“ Scheinheiligkeit-Verlogenheit- Täuschung sei das größte Gegenwartsproblem. Was also am meisten vonnöten sei, sei Transparenz in allen Angelegenheiten…

„Klingt überhaupt nicht leicht“, seufzt Dora. „Sie sagt nur, wo sie nicht ist. Wie soll ich jemanden befragen, der fehlt? Aber egal, ich werde diese Transparenz schon auftreiben.“

Tatsächlich findet Dora sie in der Abteilung Stadtplanung, wo ich sie am wenigsten vermutet hätte. Fast hätte sie sie übersehen, da sie sich perfekt in die komplizierten Entwürfe für den neuen Stadtteil einpasste.

„Hallo, Transparenz, wie gut, dass ich Sie antreffe!“ kräht Dora los. „Ich möchte Sie wegen Ihrer Bewerbung fürs Jahr 2023 befragen. Was meinen Sie damit, dass Sie überall fehlen?“ – „Nun, hier bin ich am Werk, aber wie du siehst: Es ist kompliziert. Ich muss die vielen Verbindunglinien, Knoten, Kreise und Überschneidungen des Planungsbüros mit anderen Abteilungen und Interessenten überprüfen. Du darfst mich übrigens gern duzen.“ – „Könntest du mir bitte erklären, wie du das mit dem Überprüfen machst?“

Die Transparenz überlegt kurz und meint dann: „Dies ist eine zu komplizierte Materie für einen jungen Menschen wie dich. Ich werde dir meine Arbeit in einem anderen Sektor erläutern. Es handelt sich um den Sektor „Mythos und Geschichtsfälschung“.  Hier siehst du drei Göttinnen …“

„Sie verehrten uns, sie verbrannten uns“ – Leinwand, Pigmente, Kleister und Wasser.

„Ah, ich verstehe!“ unterbricht Dora fröhlich. „Die sind nackt und drum …“ – „Es gibt viele, die Nacktheit mit Transparenz verwechseln“, korrigiert die Dame freundlich. „Ein verständlicher Irrtum. Aber nichts ist falscher. Nein, gerade auf das Nicht-Offensichtliche muss man achten. Hier wurde eine Göttin eliminiert.“ – „Eliminiert?“ – „Ja, ausradiert, aus dem Gedächtnis gestrichen, verboten, wie du willst. Sie sollte nicht mehr sein. Und meine Arbeit besteht nun darin, die Schichten abzutragen, damit sie wieder sichtbar wird. …

In diesem Buch habe ich alles Wissenswerte über die fehlende Göttin zusammengetragen“, fährt die Dame fort und wedelt mit ihren Aufzeichnungen. „Du kannst das später nachlesen, wenn du möchtest. Nun aber zeige ich dir das Ergebnis meiner Nachforschungen. Die eliminierte Göttin ist ….“

„Hera!!“ schreit Dora vergnügt und hüpft der wieder erschienenen Göttin in die ausgestreckte Hand. „Die kenne ich, die hat sich auch beworben! Danke, Transparenz, für deine Belehrung und Hilfe!“

Die Transparenz aber hat sich schon bescheiden in den Hintergrund verdrückt. Bald wird man von ihr wieder nur sprechen, wenn sie… fehlt.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Dora interviewt die Kandidaten (Zwölftes Interview: Transparenz)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Den Zusammenhang mit der eleminierten Göttin verstehe ich nicht ganz. Transparenz ist zumindest nicht Nacktheit.
    Nun aber ist Hera ( die eleminierte Göttin) aufgetaucht, die vielleicht Klarheit in das Ganze bringt.

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    • gkazakou schreibt:

      Wenn man die deckenden Schichten der Geschichte ein wenig herunterkratzt, kommen Dinge (in diesem Fall: eine Göttin) zum Vorschein, die darunter liegen. Die Geschichte wird insofern ein wenig transparenter.

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  2. kopfundgestalt schreibt:

    Transparenz ist so eine Sache.
    Oft ist sie nicht gewünscht.
    Oft gibt es keine schlußendliche Ebene, auf der fundamentale Klarheit herrscht. Manchmal gibt es sie auch nicht.
    Viel mehr lässt sich dazu sagen.

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    • lachmitmaren schreibt:

      Die Frage ist, von wem sie nicht gewünscht ist. Und ob alle anderen diesen „Wunsch“ derer, die Intransparenz mögen, zwingend so akzeptieren müssen … .

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      • gkazakou schreibt:

        Ich denke, wir wissen alle, liebe Maren, dass Transparenz nicht von denen gewünscht wird, die etwas Unerlaubtes, Schädliches, Beschämendes… zu verbergen trachten. Solange es sich um Privatpersonen handelt und durch ihren Wunsch, ihre Geheimnisse zu verbergen, niemand geschädigt wird, sehe ich keinen Grund für Interventionen. Es ist eine Privatangelegenheit.
        Anders ist es bei öffentlichen Personen oder bei Personen, denen andere Menschen anvertraut sind. Deren Handeln muss jederzeit einsehbar sein. Aber durch wen? Wer sind die Kontrolleure?

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      • gkazakou schreibt:

        Das ist mir zu schnell geantwortet, Maren. Es kommt doch sehr auf den Fall und auf die Lauterkeit der Kontrolleure an. Ich finde das Thema sehr schwierig. Wie du vielleicht weißt, habe ich im Bereich der Familienfürsorge geforscht, und natürlich kann die Behörde verlangen zu erfahren, wie die Wohn- und Lebensverhältnisse von Kindern sind, ob Gefahr seelischer oder körperlicher Verletzung für Kinder droht, ob zur Verfügung gestellte Gelder sachgemäß ausgegeben wurden etc pp. Doch wo beginnt die zu Recht geheiligte Privatsphäre? wo die Verfügungsgewalt der Eltern? Wie definiert sich „Kindeswohl“ und wer urteilt darüber, ob es gefährdet ist?
        Das ist nur eines von zig möglichen Beispielen, die mir einfallen.

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      • lachmitmaren schreibt:

        Es ist die Frage, wie man „Kontrolle“ definiert… . Mir geht es zunächst mal darum, dass jede*r einfordert, die hinter einer ihn oder sie betreffenden (politischen) Entscheidung stehenden Begründungen / Erwägungen / Gesetze mitgeteilt zu bekommen.

        Um dann die Möglichkeit zu haben, eine ggfs andere persönliche Sicht der Dinge darzulegen – und mit dieser auch gehört zu werden! Es geht also nicht so sehr um „Kontrolle“, als vielmehr um Kommunikation.

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      • gkazakou schreibt:

        Das Problem ist, dass im Beispielsfall die von behördlichem Handeln Betroffenen selten die Kompetenz haben, die Entscheidungen kommunikativ in Frage zu stellen. Aber natürlich ist es wünschenswert.

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    • gkazakou schreibt:

      Stimmt alles, Gerhard. Immerhin gibt es mehr oder minder Transparenz. Nötig ist sie bei Entscheidungen, die viele betreffen. Da hört sie dann auf, Privatsache zu sein.

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  3. Alraune schreibt:

    Lasst uns Transparenz fordern – bei allen wichtigen politischen Entscheidungen.

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  4. Mir fällt gerade ein, daß Transparenz bei Ärzten, bzw. im Arztgespräch, auch sehr wichtig wäre. Fragt man als Patient nicht genau nach, erfährt man oft zu wenig.

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    • kopfundgestalt schreibt:

      Das erlebe ich auch immer wieder

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, sicher, liebe Bruni. Es ist aber auch hier eine „Gratwanderung“ (Joachims Kommentar). Es kann sich zB verheerend auswirken, wenn ein Arzt dem Patienten seine schlimme Diagnose an den Kopf knallt: „Sie haben Krebs und nur noch höchsten 5 Monate zu leben. Die Therapien, die wir Ihnen anbieten können, werden Ihr Leben vielleicht um ein paar Wochen verlängern können, aber die Kosten an Lebensqualität sind hoch. Am Ende werden Sie Morphium gegen die Schmerzen bekommen und also nicht mehr viel mitbekommen….“ Das mag die Wahrheit sein – aber was macht sie mit dem Patienten`

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