Welttheater, 4. Akt, 6. Szene: Erwachen, Aufbruch

Was zuletzt geschah: Die kleine Gesellschaft (Jenny, Clara, Domna, Trud) findet wie durch ein Wunder Unterschlupf bei einer Schafherde. Da hatte wohl Dora ihr Händchen im Spiel. Clara ist jedenfalls davon überzeugt.

Alle haben selig geschlafen. Nun ist die Nacht vorbei, und sie erwachen allmählich.

 

Domna (sich dehnend)

der wind, den ich spürte, leimte die linien der frau
in die landschaft, daß, wo sie stand, kein platz blieb;
für magere hunde

(Marion Poschmann, milde kleine diagnosesplitter* )

 

Clara (verträumt):

Ich hab im Schlaf ein Lied gesungen

das hat ein ein bisschen so geklungen:

(singt)


\language "deutsch"
\relative c'' { \autoBeamOff \key f \major \time 2/4 \tempo 4 = 80
                a4 g8 g8 | f4 r8 f16[ a16]
                c8 c8 b8 b8 | a4 r8 a8 | b8 b8 g8 g8|
                c8 c8 a8 a8 | b8 b8 g8 g8 |
                c8 c8 a4 | b4 g8 g8 | f4 r \bar"|."
}
\addlyrics {
Schlaf’, Kind -- lein, schlaf’! Der
Va -- ter hüt’t die Schaf’, die Mut -- ter schüt -- telt’s
Bäu -- me -- lein, da fällt her -- ab ein
Träu -- me -- lein. Schlaf’, Kind -- lein, schlaf’!
}

Clara

Danach kam noch ein Verslein dran

mal sehn ob ich es singen kann:

(singt)

Schlaf, Kindlein, schlaf,
So schenk ich dir ein Schaaf,
Mit einer goldnen Schelle fein,
Das soll dein Spielgeselle seyn,
Schlaf, Kindlein, schlaf!

(1. und 4. Strophe, Des Knaben Wunderhorn)

Ich mache mäh und es macht muh

Ich rufe „bäh“ dem Schafe zu …

So spielt ich schön mit meim Gesellen

Da hör von fern ich Hunde bellen

(singt)

Schlaf, Kindlein, schlaf,
Und blöck nicht wie ein Schaaf,
Sonst kömmt des Schäfers Hündelein,
Und beißt mein böses Kindelein,
Schlaf, Kindlein, schlaf.

(5. Strophe)



Da musst ich weinen, denn ich machte

doch gar nichts Böses, wenn ich dachte

dass ich mit meinem Schafgesellen

ein Spielchen spiele bei den Ställen.

 

Nun sollte ich, weiß nicht warum

die Schafe hüten, o wie dumm!

und neben mir ein Hund der beißt.

weiß nicht mal, wie das Hündchen heißt.

 

Drum bin ich lieber aufgewacht

und hab die Augen aufgemacht.

Da standen Schafe um mich rum

die sagten nichts, sie waren stumm.

Trud

Wie bin ich geraten zwischen das Weiche der Schafe

und die Härte der Stadt mit den Steinen und Straßen?

Bin ich nun aufgewacht oder doch noch im Schlafe?

Mich träumte, dass Menschen die Schafe schlachteten und aßen

Und hier die ‚Linien zwischen Gras und grasbedecktem Stein’**

verlaufen wie? verzweigen sich? Versinkt hier das Sein

in Schatten, im Traum, in der Nacht?

und hier das Licht? Bin ich erwacht?

Jenny

Das war mal ein bequemes Schlafen

im dicken Pelz von Mutterschafen

Doch jetzt wirds Zeit, dass wir verschwinden

der Bauer sollte uns nicht finden

sonst holt er noch sein Schießgewehr

und jagt uns Hunde hinterher.

 

Mir scheint, ich sollt ich die Gegend kennen…

Gab hier nen Hahn und drei vier Hennen

Ich fand ein Ei, das trank ich gleich

und fühlt mich wie im Himmelreich.

Jedoch der Bauer

war stinksauer

Ich bin dem Hunde nur entkommen

indem ich einen Baum erklommen.

Da musst ich eine Stunde kleben

Das möcht ich nicht noch mal erleben.

 

Wenn ihr wollt, bleibt ihr halt hocken.

Ich aber mach mich auf die Socken.

Domna

Geh nicht allein, lass uns zusammen bleiben

Kein Windstoß soll uns auseinander treiben

Der Mensch ist nicht gemacht fürs Einsamsein

Hast du gehört, dass nur ein Fuß allein,

ein Kopf, ein Knie, ein Mund allein spaziert?

Mir scheint, dass es stets im Verbund passiert

dass Kopf und Fuß und Mund und auch die Hand

verbinden soll ein unverbrüchlich Band.

 

Wenn du allein gehst, kommst du schnell voran

das weiß ich wohl, doch denk einmal daran

wie es am Abend ist, wenn Dunkel dich hüllt ein

und du nicht einen hast, der sagt: Nun schlaf mal fein.

Wenn du nicht weißt wohin, und niemand kannst du fragen,

der dir was rät und hilft an solchen schweren Tagen.

Ich bin ja blind, und dir zu wenig nütze

doch sei gewiss, dass ich dich doch beschütze

 

durch Worte, die der Seele Nahrung geben

das ist so wichtig wie das Brot zum Leben.

Jenny

Schon gut! Ich warte ja, nur mach geschwind

und sammel ein auch das verträumte Kind

Und Trud, die niemals weiß, wolang es geht

und wo und wie und wann, die nichts versteht.

Ich fühl mich schon fast wie ein armer Hirt

der mit ner blinden Herde durch die Gegend irrt.

 

Wenn ihr zum Aufbruch seid bereit:

Von hier ist es zur Bucht nicht weit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich glaub, die Gegend ich mir bekannt

es sei denn, dass ich täusche mich

So ist es gar nicht mal sehr weit

bis hin zur Bucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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*Das Bruchstück von Marion Poschmanns Gedicht milde kleine diagnosesplitter fand ich in einem Text bei Planet Lyrik,  zwei Texte zu Poschmanns Gedicht „Grund zu schafen“, zuerst veröffentlicht in die horen, Heft 246, Wallstein Verlag, 2. Quartal 2012

**Bezug zu Ilse Aichingers Gedicht Beyond, das Domna am Abend zitierte.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Schwemmholz sammeln

Ja, ich liebe das Schwemmholz. Letztes Jahr war ich mit Dora unterwegs am Strand (hier), aber selbstverständlich tat ich dasselbe auch in anderen Jahren, zum Beispiel 2017 (hier). Warum ich es liebe? Es gibt drei Gründe dafür.

Der erste Grund ist sentimental: Ich erinnere mich beim Sammeln an meine früheste Kindheit, wo ein gutes Stück Schwemmholz zu finden fast so erhebend  war wie ein Nugget für die Goldsucher. Denn bei uns gab es keinen Wald, kein Holz, und außer dem Torf nichts, um den Ofen anzuheizen. Nichts außer dem Schwemmholz.

Der zweite Grund ist trivial: Schwemmholz ist gut für den Kamin. Wir haben zwar viel Oliven-Schnittholz, aber das sind große Stücke. Ich sammele kleinere Stücke am Strand, die fürs Anheizen besser geeignet sind.

Der dritte Grund … nun, ich nehme diese Stücke gern in die Hand, um sie zu betrachten, manchmal auch zu zeichnen

Heute hatten die Wellen viel Holz herangetrieben, und so konnte ich mühelos zwei Taschen füllen. Am liebsten mag ich die „Knochen“ – nicht sehr große Stücke, die durch viele Verarbeitungsstufen gegangen sind – Feuer, Wellen, Sand – , so dass vom ursprünglichen Baum nicht mehr viel übrig geblieben ist – außer eben seinen Knochen.

 

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Welttheater 4. Akt, 5. Szene: Gelungener Abstieg

Was zuletzt geschah: Jenny, Trud, Clara und Domna haben Wilhelms Lager verlassen und steigen auf der kahlen Rückseite des Berges hinunter ins Tal.

Nun haben sie die Ebene erreicht.

Domna

Bewahren,
wie die Linien
zwischen Gras
und grasbedecktem Stein
verlaufen,
den Astsprüngen
und den Sprüngen der Verzweigung,
Licht- und Schattenlauten.
Den Trauer- und Freudefesten
auf der Spur bleiben,
den Firsten
und den Rauchzeichen darüber,
solange, bis sie,
eins geworden,
sich im Flug entdecken,
kein Untergang.

(Ilse Aichinger: BEYOND
für Clemens Podewils. Poesiealbum 365)

 

Jenny

Uff, ächz, da wären wir, nun ist es Nacht

Dass es so schwer wär, hätt ich nicht gedacht.

Bin heilfroh, dass wir unten sind.

Sind alle da? Wo ist das Kind?

Clara:

Hier oben bin ich, siehst du mich?

Hab keine Angst, ich sehe dich!

Hab ja das Dora-Licht dabei

da hüpf ich sicher eins-zwei-drei

und falle nicht, geh nicht entzwei.

Jenny

Nun komm schon, denn wir müssen weiter,

dahinten wird der Weg schon breiter

Und Häuser gibt es, Höfe, Gärten,

da können wir paar Äpfel ernten.

 

und finden auch ein Unterschlupf

so komm schon, mach noch einen Hupf

dann bist auch du in Sicherheit

Ich fang dich auf, ich steh bereit.

Trud

Was ist das hier? ist dies Asphalt?

Machen wir hier jetzt endlich Halt?

Was gibt es hier denn nun zu tun?

Wo solln die alten Knochen ruhn?

Jenny:

Ich weiß nicht wo wir schlafen werden

Schön wär es ja bei den Schafherden

da ist es warm, auch wenn es stinkt.

Mal sehn was uns das Glück noch bringt.

(Eine Szene mit Schafen wird auf die Bühne projiziert)

Da sieh mal an, ich glaub ich spinne

es täuschen mich vielleicht die Sinne,

doch was ich sehe, das sind Schafe

grad wie bestellt für uns zum Schlafe

 

 

Clara:

Ich weiß, wer die uns hergebracht

damit wir schlafen diese Nacht!

Die Dora hat sie uns geschenkt

Die hat uns auch hierher gelenkt!

Du glaubst ja nicht,

dass dieses Licht

das ich im Traum geschenkt bekam

mehr ist als nur ein Trödelkram.

(Die müden Wanderer lassen sich zwischen den Schafen nieder und schlafen schnell ein.)

Domna

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

(Georg Trakl, Rondel)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Durch Fenster schauen

Drinnen im Warmen und Trockenen sitzen und durch die Fenster hinausschauen – ja, das ist eine Lustbarkeit. Unser Wohnraum hat 7 Fenster und eine Fenstertür, alle mit schmiedeeisernen „Eulen“ vergittert. Durch die schaue ich besonders gerne hinaus.

Heute gegen Mittag braute sich draußen ein Unwetter zusammen, ferner Donner und sehr heftige Böen, die das auf der Terrasse vergessene Gestühl durch die Gegend schleuderten, machten die Musik dazu. Wie gewöhnlich, haute es uns den Strom raus. Ich schaute aus allen Fenstern hinaus, was sich sonst noch so tat.  Das war kurz vor 1 Uhr.

Wie meistens hier, verzog sich der Spuk so schnell, wie er gekommen war. Wenig später stahlte die Sonne vom Himmel, aber da kein Strom da war, gingen wir in „unserer“ Taverne essen. Dann machte ich noch einen Strandspaziergang, sammelte Schwemmholz für den Kamin, fuhr ins Gebirgsdorf hinauf, um einen Blick auf den frisch verschneiten Taygetos zu werfen (lauter Lustbarkeiten, über die ich bei Gelegenheit gesondert berichten werde) und kehrte am späten Nachmittag heim.

Als ich nun, etwa Viertel vor sechs, durch die Eulenfenster blickte, hatte sich ringsum goldenes Licht auf Berge und Garten gelegt. Im vierten Fenster erschien auch die strahlend weiße Gebirgskette (auf dem Foto kaum zu erahnen).

Und jetzt? Schwarze Nacht vor den Fenstern. Es ist Viertel vor 7.

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Welttheater: 4. Akt, 4. Szene: Abstieg auf der Rückseite des Berges

Was zuletzt geschah: Die „Hilfesuchenden“ bzw Flüchtlinge – Danai, Abud und Hawi –  übernehmen tatkräftig und kenntnisreich die Pflege des abgestürzten „Überlebenskünstlers“ Wilhelm.  Der Kontrollfreak ist nun hilflos, die Schutzsuchenden sind Helfer. 

Die anderen brechen unter Jenny theKids Führung auf, um hinunter ins „Tal“ zu steigen.

Jenny:

Solln wir dieselben Wege wandern,

auf denen wir gekommen sind?

Ich schlage vor, wir gehn auf andern.

Ich denk, dass ich was Kürzres find.

Sonst müssen wir erneut den Wald

und auch die dunkle Schlucht durchqueren.

Die Sonn steht tief, die Nacht kommt bald

wir schaffens nicht zurückzukehren

bevor das Dunkel uns erreicht.

 

Clara:

Im Walde lebt ein böser Troll

der durch die finstern Büsche schleicht….

 

Jenny:

und die Gespenster treibens toll!

Ganz recht, die Schlucht ist auch nicht ohne.

Drum denk ich, gehn wir um den Berg

und steigen an der Rückseit runter.

Da gibts kein Troll und auch kein Zwerg.

Wir gehn gleich los, solang wir munter.

Die Gruppe macht sich auf den Weg, die Kulisse ändert sich:

Trud:

Hier bricht man sich wohl leicht ein Bein?

Wächst hier denn nichts? Und dies Gestein,

was mag denn wohl sein Ursprung sein?

Clara (zu Domna)

Hier gehts steil ab, ich führe dich

Ich mache einen Schritt

und du machst einen Tritt

Komm langsam mit mir mit

so schaffen wir es sicherlich.

Domna (für sich)

„Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.“*

(*Ilse Aichinger, Gebirgsrand, 1978)

Clara (zu Domna)

Doch sollst du jetzt nicht träumen.

Der Weg ist steil

das sag ich weil

du sonst nicht heil

ins Tal kommst mit den Bäumen.

Domna

Wenn du mich führst, mein liebes Kind

dann seh ich deutlich, hell und klar

denn deine Augen sehen wahr

Sie helfen mir ganz wunderbar

und ich bin nicht mehr blind.

Clara

Ich trage auch das Wunderlicht

das Dora mir im Traume schenkte,

das immer unsre Schritte lenkte

drum stürzen wir auch nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Zyklische Ökonomie

 

Vor Jahr und Tag haben wir in Kalamata eine Selbsthilfegruppe gebildet, die sich als Zeichen die „Blume des Lebens“ gewählt hat. Ineinander greifende Kreise von Menschen, die für sich und für einander sorgen,  die ihr Wissen und Können teilen, die Gemeinsames zum Blühen bringen, bilden ein lebendiges Netzwerk, ohne Statuten und Hierarchie. Verbindlichkeit gibt es nicht, jeder ist frei zu kommen und zu gehen, oft oder manchmal teilzunehmen. Einmal in der Woche treffen wir uns nun, um verschiedene Ansätze zu Therapien und Lebenskonzepten und -techniken auszutauschen. Die Idee dahinter ist: Wir alle sind Experten in irgendetwas. Wenn wir unser Wissen, unsere Erfahrungen in verständlicher Form einbringen und zuhören, was andere uns lehren können, haben wir alle Expertise, die wir auch in schwierigen Zeiten brauchen, um angenehm zu leben.

Gestern ist Christina, Expertin für alte Samen und natürliche Landwirtschaft,  unsere Gastgeberin. Das Thema ist „zyklische Ökonomie“. Nach einer theoretischen Einführung (nichts wird weggeworfen, alles kehrt in den Lebensprozess zurück) zeigt sie uns praktisch, wie wir Salben aus Bienenwachs und diversen Ölen herstellen können, durch die Wunden schneller heilen. 20 Salbengläschen füllen sich und gehen als Gastgeschenk an die Besucher.

Christinas Wohnraum in einem hässlichen Wohnhaus ist so anders als alles ringsum: warm, lebendig. Fast wirkt er wie ein Museum mit den alten Werkzeugen, Puppen, Stapeln alter Bücher, Kräuterbündeln, keimenden Pflänzchen in Reagenzgläsern …, doch hat er nichts Museales und Verstaubtes, alles ist belebt, wird benutzt und umgewandelt, etwa zu Schmuck aus recycelten CDs, Schals aus alten T-Shirts, Gewebe, gefertigt auf einem einfachen Rahmen, Essenzen, Ölen, Salben, Tees, Setzlingen… Jedesmal, wenn ich dort bin, gehe ich herum wie in einer Wunderwelt, staune, frage.

Warm und lebendig ist auch die Gesellschaft, die sich gegen Abend einfindet, sich austauscht, Anteil nimmt. Die meisten sind Frauen, ein paar Männer sind auch gekommen und zeigen Interesse. Man kennt sich oder lernt sich kennen. Ich halte mich am Rande, denn meine Schwerhörigkeit ist in von vielen Stimmen belebten Räumen ein Problem. Ich lasse mein Auge über das Naheliegende schweifen, nehme das eine und andere in die Hand,  fotografiere es. Die Hände am Ende der Fotogalerie sind die, die all dies und vieles vieles mehr hervorgebracht haben und unermüdlich weiter hervorbringen. 

 

 

 

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Welttheater, 4. Akt, 3. Szene: Wilhelm wird ins Lager transportiert. Die Gruppe trennt sich

Was zuletzt geschah: Wilhelm ist abgestürzt, als er einem Hasen hinterhersprang. Hera lässt Hilfe herbeirufen. Die Helferinnen ergehen sich in Vermutungen und Vorschlägen. Erst als Hawi und Abud erscheinen, kann der Abtransport beginnen.

Danai:

Wir müssen alle mit anheben

und wirklich unser Bestes geben

dann wird es uns bestimmt gelingen

in sicher von hier fortzubringen.

 

Trud:

Doch wohin, an welchen Ort

tragen wir den Armen fort?

 

Jenny:

In sein Lager, denk ich mal,

oder gleich ins Hospital?

Danai:

Ins Lager erst, dann schauen wir

zuerst muss er mal fort von hier.

Alle zusammen heben Wilhelm vorsichtig auf die Kufe (es ist Truds Scherbe, später der Erzähltisch, dann Zudecke für Clara, jetzt Bahre für Wilhelm). Das Licht auf der Bühne erlischt.

Die blinde Domna spricht in das Dunkel hinein ein Gedicht (Rilke, aus dem Nachlass)

„Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens…. „

———————————————————————————————–

Als das Licht wieder angeht, ist die Gesellschaft wohlbehalten in Wilhelms Lager angekommen. Ein Teil des großen Raumes wurde provisorisch für den Kranken abgeteilt.

Domna

Geborgen haben wir den Mann nun gemeinsam.

aus dem nackten Gestein des Gebirges, wir tatens behutsam.

Noch atmet die Brust, noch keimt ein süßes Verlangen

im Grunde des Herzens, noch zittert ein leiseres Bangen

durchs Blut, durch die Glieder, die warmen,

Es möge ein Gott sich des Armen erbarmen!

 

Was wars, das ihn zwang, sich selbst auszusetzen

ins einsame Feld, auf die Berge aus Stein

und hier,  fern der Menschen, zu leben allein?

Du bist es, Danai, die die Kräuter wohl kennet

und uns auch den Grund für den Absturz benennet?

Danai:

Den Grund für den Absturz, denn kann ich nicht wissen.

Er selbst wird ihn kennen, wenn er hört sein Gewissen.

Doch Kräuter will ich gern ihm bereiten

und ihn auf dem Weg der Genesung begleiten.

Euch beiden, Hawi und Abud, möchte ich fragen

ob ihr mir wohl helft in den kommenden Tagen?

Ihr kennt, will mir scheinen, die Gegend recht gut,

Ich sah auch, dass es euch nicht mangelt an Mut. 

Gemeinsam, so denk ich, wird es uns gelingen

den Mann erneut auf die Füße zu bringen.

Abud

Wir können hier bleiben, das ist kein Problem

für uns, vielleicht ein Problem ist für den?

(weist auf Wilhelm)

Jenny:

Ich bleibe auch hier, es muss ja wer sorgen

fürs Essen, das kann ich am besten besorgen.

Trud

Und ich? Soll ich bleiben, soll ich gehn?

werd ich das End des Dramas sehn?

Clara: 

Ich mag hier nicht bleiben, ich möchte ins Tal!

Die Berge sind dunkel, die Erde ist kahl.

(zu Jenny)

Kommst du mit mir runter, allein kann ichs nicht

auch wenn ich von Dora noch habe das Licht.

Domna

Auch ich brauche Hilfe, weil ja meine Augen

für die äußeren Wege leider nichts taugen.

Mir ist es nicht möglich, das Kind heimzubringen.

Kannst du, liebe Jenny, dich vielleicht durchringen

uns zu begleiten, den Weg uns zu zeigen

wie wir am besten den Berg runtersteigen?

 

Jenny:

Na gut, ich begleit΄ euch und schau später dann

ob ich hier oben was helfen kann.

Jenny, Clara, Domna und Trud gehen ab.  Bei Wilhelm bleiben Danai, Hawi und Abud.

Danai:

So ihr Lieben, ihr werdet hungrig sein!

Schaut mal da drüben, seht ihr den Stein?

Daneben die struppigen Stengel? ja, dort!

Nachtkerze oder Schinkenwurz ist das Wort.

Die Wurzeln sind köstlich, ihr könnt sie ausgraben.

Wir werden sie kochen und uns dann dran laben.

Kartoffeln dazu wärn auch nicht verkehrt.  

Füllt schon mal das Wasser in΄n Topf auf dem Herd.

(Vorhang)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Hände

Hände – diese wunderbaren Organe des Menschen, mit denen er die Welt ergreift und umgestaltet, mit denen er liebkost und tötet, schreibt und zeichnet, Teig knetet und Kartoffeln schält, Schattentiere an die Wand wirft, auf andere zeigt, zugreift, abwehrt, betet, sich die Haare rauft …. – , wie unterschiedlich sie doch sind! Wie viel ihre Form, ihre Bewegungen, ihr Gebrauch über die Persönlichkeit aussagen, der sie zugehören! Sie zu beobachten, werde ich nicht müde (zB hier und hier und hier).

Gesichter darf man nicht mehr so ohne weiteres veröffentlichen (ich finde das durchaus richtig, aber für einen Fotografen bedauerlich), Hände aber wohl. Und so nahm ich beim Treffen unserer Gruppe die sprechenden Hände einiger Teilnehmerinnen auf. Dass es auf dem Tisch auch Kekse und Obst gibt und die Hände zugreifen, versteht sich. Denn eine Teilnehmerin ist Bäckerin, eine andere Bäuerin. Und die anderen? Nun, es sind Griechinnen, und selbstverständlich bringen sie immer irgendetwas zu den Treffen mit. Wie ich sie liebe, diese Hände!

Ob wohl die eine und der andere Fotografien der eigenen Hände hier verlinken mag? Es würde mich freuen.

Was die Rechte schreibt, radiert die Linke aus

 

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Welttheater, 4, Akt, 2. Szene: Wilhelms Absturz und Hilfe

Was zuletzt geschah: Noch leicht benebelt von dem Wein der Hera und einem libidinösen Traum, begibt sich Wilhelm auf die Jagd, entschlossen, seine Vorräte aufzustocken und möglichst schnell die Besucher und den Traum zu vergessen.

Wilhelm

Ein freies Jägerleben,

das ists, was Freude macht,

Ich werd es nicht hergeben

fürs Liebchen einer Nacht.

 

Und doch, und doch

ich fühl sie noch.

 

Ihr Leib war wie von Golde

und schwarz das wilde Haar

als ich dich hielt, Isolde,

ward mir ganz sonderbar.

 

Es war ein Traum

und Traum ist Schaum.

 

Wach auf, sei Mann! die Hasen

und Füchse warten schon

Am Waldrand Rehe grasen!

Sie sind des Jägers Lohn.

 

Da schau, ein Kanickel

das pack ich am Wickel!

Wilhelm springt, um das Kaninchen zu fassen – und stürzt ab.

Hera erscheint. Über Wilhelm schwebt seine Seele.

Hera:

Da liegt er nun, der Jägersmann

der keinen Hasen fangen kann

Wo hat er denn nur hingeschaut?

Erblickte er die feine Braut?

 

Wir werden Hilfe schicken müssen

die ihn zwar nicht mit Frauenküssen

doch mit ner Trage und Verband

befördert in das flache Land.

 

Die schöne Feder ist zerbrochen

Vermutlich auch so mancher Knochen.

So lauf, gehorche meinem Wink

und schnelle Hilf‘ dem Manne bring!

Das Kaninchen hoppelt davon, Hera folgt nach. Wenig später erscheinen Danai, Domna, Trud, Clara und Jenny.

Trud: 

Was ist geschehn? Ist er gefallen?

Die Feder, wie sie wohl zerbrach?

Jenny 

Mit war, als hörte ich es knallen

es war ein ziemlich lauter Krach.

Vielleicht hat wer auf ihn geschossen?

Danai.

Ich halte das für ausgeschlossen.

Er ist gestürzt, als er von oben

heruntersteigt und auf dem groben

Geröll sich nicht mehr halten kann.

Da liegt er nun, der gute Mann.

Clara:

Ist er nun tot? Muss ich nun weinen?

Danai:

Er ist lebendig, will mir scheinen.

Eine Bahre brauchen wir

dann tragen wir ihn fort von hier.

Domna (für sich)

„Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.“*

(*Ilse Aichinger, Gebirgsrand, 1978)

Trud:

Was murmelst du, Domna? hat er geträumt?

Hat er daher den Abstieg versäumt?

Wird er nun nicht mehr auf grünenden Matten

jagen, sondern im Reiche der Schatten?

Jenny:

Ich fürchte, der Wilhelm kann nicht mehr gehn.

Ich glaub, ich zieh los und hole noch wen.

Am besten wär es, wir hätten nen Wagen.

Ihr seid viel zu schwach, um ihn runterzutragen.

Das Kaninchen erscheint wieder, zusammen mit  Hawi und Abud.

Hawi:

Wir kommen wie gerufen.

Abud:

und bringen auch ein Kufen.

Der ist beweglich und sehr schmal

So schaffen wir ihn hinunter ins Tal

Trud:

Ein Kufen? mir scheint, es heißt ‚die Kufe‘,

genauso wie es heißt ‚die Stufe‘?

Abud:

Wollt ihr nun Hilfe, oder wollt ihr uns belehren?

Am Ende werdet ihr euch noch beschweren.

Wir können auch wieder gehen

dann könnt ihr alleine sehen

wie ihr den schweren Mann bugsiert.

Wir haben ja nicht Deutsch studiert.

Domna:

Seht es uns nach! Wir sind nun mal

ein wenig anders als normal.

Die Trud muss immer Fragen stellen,

Für jedes Ding ein Urteil fällen,

 

das leicht das Praktische vergisst.

Ich selbst bin blind, wie ihr schon wisst.

Ich  lebe nur in den Gedichten

mag über Welt und Mensch nicht richten.

 

Das Unsichtbare zu  erspüren

mit Worten Herzen zu berühren

dass Milde einzieht ins Gemüt

bin ich, als Dichter, stets bemüht.

Hawi:

Ich kann auch schon ein Gedicht…

Jenny:

Das interessiert uns grade nicht!

Kommt her und helft ihn hochzuheben

ihr schwätzt und er kämpft um sein Leben!

 

Domna (zu Hawi)

Du musst dich nicht an Jenny stören

Ich will es später gern anhören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ILSE AICHINGER

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Blaue Blumen* suchen

Es fällt mir nicht leicht, zu all dem, was an Grässlichem über unsere Erde hinrollt, den Mund zu halten und so zu tun, als ob es mich nichts anginge. Ist es lächerlich, in diesen Zeiten blaue Blumen* zu suchen und Welttheater-Verse zu schmieden? Oder ist es jetzt mehr denn je nötig?

In diesem Blog bleibe ich beim „Tagebuch der Lustbarkeiten“ und dem gereimten und illustrierten „Welttheater“. Manchmal gelingt mir das nur mit zusammengebissenen Zähnen. Aber am Ende schaffe ich es doch zu lächeln, etwa dann, wenn ich den feinen blauvioletten Schimmer wahrnehme, der über dem Hang, dort wo er schattig und feucht ist, schwebt. Es ist die wilde Iris, die jetzt wieder blüht. Der Regen hat hat ihre empfindlichen Blüten ein wenig gezaust ..

aber die Binnenzeichnung hat nicht gelitten: ein goldener Dreizack, umspielt von Engels-Gefieder.

So versuche auch ich mein Herz zu wahren und standzuhalten.

……………………………………………………………………………………………………………………….

*Blaue Blume:

„Zusammengefasst könnte man sagen, dass sich in der blauen Blume nicht nur Natur, Mensch und Geist verbinden, sie symbolisiert das Streben nach der Erkenntnis der Natur und – daraus folgend – des Selbst.“ (Wikipedia).

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