Hat der Mohn es verdient, mit Tod und Krieg assoziiert zu werden?* Ist es nicht an der Zeit, ihn aus dieser Verklammerung zu lösen und sich einfach an seiner zarten ein wenig zerknitterten Schönheit zu freuen? So ermahnte mich Dora. Und so will ich es halten. Nicht den Tod will ich feiern, sondern das Leben.
Hier sieht man eine Mohnblüte, die grad aus dem Ei schlüpft, was eine Glockenblume zu einer freudigen Melodie anregt.
Hier ist die Blüte in voller Entfaltung …
und die kleinen blauen Glückchen, pardon, Glöckchen, bimmeln vor Freude.
Wenn der Mohn blüht, ist es ja wie eine Auferstehung in der Natur. Und trübe Gedanken sind ganz fehl am Platz.
*Αnm.: Am Remembrance Day, stecken sich die Briten im Gedenken an die Gefallenen des WW I eine künstliche Mohnblume an die Brust. Das Gedicht von McCrae, das diese Verbindung herstellte, habe ich im vorigen Eintrag zitiert.
Auf meinem heutigen Spaziergang sah ich, dass der rote Mohn noch nicht ganz verschwunden ist. Und ich freute mich. Soll man sich nicht freuen, wenn in all dem Grün und Ocker des frühen Sommers das Rot des Mohns aufspritzt und von jungem kräftigem Leben zeugt?
Und doch schwingt bei „Mohn“ immer auch „Tod“ mit.
Foto vom 5. Mai 2022, Eintrag „Tot oder lebendig“
Diese Verbindung kann ich nicht lösen. Sie ist immer da. Ist es ihre Blutfarbe, die das Land wie mit Blutstropfen spenkelt, oder sind es Gedichtszeilen, die sich mir so tief eingeprägt haben, dass sie auch den freudigen gelebten Moment mit Trauer und Schrecken durchtränken?
Als Dora mir im Februar des Jahres 2022 eine zerknautschte Mohnblüte anbrachte, sagte ich ihr nichts von dieser Gedankenverbindung, um ihr nicht den Spaß zu verderben, aber ich konnte den Gedanken nicht verdrängen.
Das las sich damals so: „Ja, Dora“, sagte ich, „das wird wohl auch eine Mohnblüte sein, aber eine verschrumpelte, die vor ihrer Zeit auf die Welt kam. Eine Mohnblüten-Frühgeburt.“
Mohn im Februar – wer hat das schon gehört? Gehört sich das? Doch von gestern auf heute sind andere Dinge geschehen, die weit ungehöriger sind. Und die für mich untrennbar mit dem Mohn verbunden sind. Heute erwähnte ich es nicht, aber ich dachte daran: „Und so fügten sich der Hühnergott, der schwarze Stein, die Zeilen von Aragon, das Wort Coquelicot und die Abbildung des Mohns zu einer Assoziationskette: Das Grauen des Kriegs,…“ (vergleiche hier).
Als ich dein Foto der Mohnfrucht sah, liebe Myriade, ratterte es wieder in meinem Kopf los, ich konnte nicht umhin, an McCraes Gedicht „In Flanders Fields“ zu denken. Es ist unter dem Eindruck des WWI entstanden.
In Flanders Fields
In Flanders fields the poppies blow Between the crosses, row on row, That mark our place; and in the sky The larks, still bravely singing, fly Scarce heard amid the guns below.
We are the dead. Short days ago We lived, felt dawn, saw sunset glow, Loved, and were loved, and now we lie In Flanders fields.
Take up our quarrel with the foe: To you from failing hands we throw The torch; be yours to hold it high. If ye break faith with us who die We shall not sleep, though poppies grow In Flanders fields.[Übersetzung 1]
Nicht das englische Wort für Mohn – Poppy – , sondern das französische – Coquelicot – ziert unsere Küchendecke, und es ist ein anderes Gedicht, eines von Aragon, das dort in Teilen aufgedruckt ist. Er schrieb es 1940 unter dem Eindruck von WWII und eines anderen deutschen Vormarsches in Flandern (Übersetzung von Friedhelm Kemp).
O Mond der Blütenfülle Mond der Metamorphosen Mai wolkenlos und Juni von scharfem Dolch durchwühlt Nie werd ich dies vergessen den Flieder und die Rosen und jene die der Frühling in seinem Schurz behielt
Nie werd ich dies vergessen die tragische Verblendung den lauten Jubelzug das Volk die Sonne groß die Panzer Belgiens Gaben und liebende Verschwendung der Straßen grellen Flimmer in summendem Getos den Taumel des Triumphes voran ob Schlacht und Stürmen das Blut das im Karmin der Küsse schon erglänzt und jene Todgeweihten aufrecht in ihren Türmen die ein berauschtes Volk mit Flieder rings umkränzt
Mein Denken geht immer zum Krieg und zu den Toten, wenn ich Mohn sehe. Und zu Celan und seinem Gedichtband Mohn und Gedächtnis, darin die Todesfuge, darin die wiederkehrende Zeile Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Ich möchte ein Grab in den Lüften nahe bei Margarete und Sulamith beziehen und vergessen. Aber das geht nicht. Kriegstrommeln halten mich wach. Immer wieder Kriegstrommeln. Und Felder von Mohn.
Ach, Dora, wo bist du mit deiner Fröhlichkeit, die mir zu verstehen gibt, dass es falsch ist, die schwarze Milch der Frühe nachts und am Tage zu trinken, und dass die Trauer über die Grausamkeit und das Leiden der Menschen niemals die Freuden des gegenwärtigen Tages zerstören darf! Der Mohn blüht ja besonders schön über Ruinen!
Dies ist ein Beitrag zu Myriades „Impulswerkstatt“, Bild drei. Natürlich ist es auch ein Beitrag zum Mosaikstein „Abgründe“, auch wenn das Wort nicht vorkommt.
Hundert Wörter dürfen es sein, davon sind 97 frei zu wählen, aber drei hat Heide von Blog Puzzleblume vorgegeben: Fischhändler, hätscheln, kostenlos.
Ein Fischhändler hat nicht weit von unserer Wohnung seinen Laden, und wenn ich vorbeikomme, schiele ich nach den rötlichen Barben, den silberglänzenden Seebarschen, Gold- und Meerbrassen. Die meisten kommen heutzutage zwar aus Fischzuchtbetrieben, aber sie sind immer noch recht teuer, und so sehr es mich auch danach verlangt, meinen Gaumen mit ihrem feinen Geschmack zu hätscheln – ich verkneife es mir meistens.
Lang vorbei sind die Zeiten, als die Kutter im heimatlichen Hafen einliefen und die Fischer uns silbrige fast noch lebendige Heringe in den Zinkeimer schaufelten, bis er überlief. Fast kostenlos war diese Fülle, nur eine Mark musste man mitbringen.
Ich sitze auf dem Balkon, das Licht des Tages weicht bereits, und meine Augen sind müde vom Lesen. Ich schließe sie und lausche: Eine Amsel singt ihr Abendlied, aus der Küche tönt die Stimme eines Nachrichtensprechers, ein Hund bellt empört in der Ferne, ein anderer kläfft ihm Antwort, ein Motor heult auf und entfernt sich. Mit geschlossenen Augen nehme ich einen Schluck Rotwein und spüre dem herben Geschmack auf der Zunge und im Gaumen nach.
„Für Platon“, so hatte ich grad gelesen, „war die Unwandelbarkeit das Entscheidende. Ihm lag daran, die Aufmerksamkeit von den veränderlichen (und damit flüchtigen) Dingen oder Phänomenen wegzulenken. Platon zufolge liegen die Spuren der Wahrheit (…) dieser Welt irgendwo tief in unserem Inneren, wo sie schon vor unserer Geburt eingeschrieben wurden. Wenn wir nach ihnen suchen wollten, würde es reichen, uns unserem eigenen Inneren zuzuwenden. Die Suche nach der Wahrheit in der äußeren Welt lenkt uns nur ab, denn sie führt uns auf einen Weg, bei dem wir den Schatten folgen und sie untersuchen (…). Es ist zwar möglich, die realen Dinge zu erkennen – aber nicht mit unseren Augen oder unseren anderen Sinnen (die sich oft täuschen lassen), sondern durch die Vernunft.“ (Tomas Sedlacek, Die Ökonomie von Gut und Böse“, Hanser, S. 139)
Das, was als Töne an mein Ohr dringt, ist also nur ein Schatten des Wirklichen? Und was wäre das Wirkliche? Die Schallwellen der bewegten Luft, die auf das Trommelfell meines Ohrs treffen und auf mir verborgenen Wegen in meinem Hirn zu Wahrnehmungen werden, aus denen ich, Geist und Vernunft, schließe, dass irgendwo da oben ein Schwarzrock sein Abendlied schmettert und ein wüster Köter die Nacht anbellt, während ein junger Mann sein Motorrad aufheulen lässt und davonrast? Wenn ich das nicht nur unterstelle, während in Wirklichkeit …. was geschieht? Und wo? Im Inneren? Nach Maßgabe welcher Vernunft?
300 Wörter
Dies ist mein zweiter Beitrag zu Christianes abc-etüden mit einer Wortspende von Cynthia (Querfühlerin). Die gespendeten Wörter sind Geist – herb – unterstellen. Das obere Bild habe ich aus Schnipseln gelegt, die Myriade mir spendete, das untere habe ich aus diversen Restbeständen zusammengefügt.
Angeregt durch Cynthias ( Querfühlerin) Wortspende Geist für Christianes abc-etüden habe ich gestern meinen Blog durchforstet, um herauszufinden, wie ICH eigentlich das Wort „GEIST“ benutze.
„Geist von A bis Z“: eine Sammlung. tatsächlich nur eine zufällige Auswahl.
A wie aufgeben
Ich nehme mein hellgrünes Moleskine-Zeichenbuch mit den vielen leeren Seiten und einen feinen Tintenstift, der auf halbem Weg den Geist aufgibt, und mache mit einem gröberen schwarzen Kuli weiter.
B wie Baumgeist
„Sag mal, Will.i, … Hier steht, dass technische Geräte, also zum Beispiel eine Waschmaschine oder ein Auto, einen „Naturgeist“ haben geradeso wie die Bäume. Du interessierst dich doch für Technik, wie siehst du das?“ – „Wieso haben Bäume einen Naturgeist?“ fragte Will.i prompt zurück. …
„…eigentlich wollte ich wissen, ob du meinst, dass auch technische Dinge einen Naturgeist haben.“ – „Wenn schon, denn schon“, meinte Will.i salomonisch. „Entweder alle oder niemand“. – „Aber die technischen Dinge sind doch nicht lebendig?“ – „Woher willst du das wissen? vielleicht sind sie es ja doch. Redest du nicht auch manchmal mit deinem Auto?“ …… „Vielleicht haben Dinge ja keinen Naturgeist, sondern einen Technikgeist“, unterbrach Will.i meine Überlegungen. „Als erstes sollten wir ihnen einen Namen geben“. – „Und dann zeichnen wir sie“, stimmte ich zu. (Der ganze Dialog hier)
Geist meines Autos
Geist meiner Brille
Geist meines Computers
Geist unseres Mani-Hauses
C wie Charakter
Gedanken über den Repräsentanten des Jahres 2022, Will.i: Manchmal lächelt er, dann leuchtet er auf in Lebensfreude. Aber meist schaue ich in ein Pokerface, das sich hinter Sonnenbrille und Safarihut verbirgt. Wes Geistes Kind ist er? Wie ist seine Seelenstimmung? Wohin zielen seine Willenskräfte? (hier)
D wie Denker
Maimonides neigte, dem Geist des Aristoteles verpflichtet, der Ansicht zu, dass der gebildete, aufgeklärte Mensch Glaubensinhalte nicht wörtlich, sondern als Metaphern zu nehmen habe. Der ungebildete Mensch möge sie weiterhin als tatsächlich hinnehmen.
E wie Einbauten
Cordoba Mesquita-Catedral: Die zahlreichen christlichen Einbauten, die einer Vergewaltigung gleichen, finde ich ungehörig… Aber sie spiegeln den Geist der Zeit und sind historisch interessant.
Moschee
eingebaute Catedral-Elemente
F wie Fleiß
Erstaunlich ist das Werk der Spinne – aber nicht minder erstaunlich ist das Werk der Menschen, die aus nichts als Beobachtung, Geist und Vorstellungskraft, Geduld, Zusammenarbeit und Experiment die Webkunst über die Jahrtausende zu großer Perfektion entwickelten. (Webkunst)
G wie Gespenst/Genie
John glaubt eigentlich nicht an Geister und Gespenster. Aber das nützt ihm nicht viel. Sie respektieren seinen Glauben nicht, sein Glauben ist ihnen egal. Sie dringen auf ihn ein, sie provozieren ihn am Tag und in der Nacht, sie verhöhnen ihn und stechen ihm ins Herz. Von seinem Pinsel tropft gelbe Farbe. Ja, John ist verrückt geworden. Das, so sagt man, sei bei Künstlern ein Zeichen von Genie.
H wie Heimweh
Kavafis, Ithaka:
Die Laistrygonen und die Zyklopen, / den wütenden Poseidon fürchte nicht, /solche wirst du auf deinem Wege niemals finden, / wenn dein Denken hoch, wenn erlesene / Empfindung deinen Geist und Körper anrührt. (Gedankenformen)
I wie Imitieren/Interpretieren
Über das Kopieren von Bildern: Beim Kopieren kommt es nicht auf die exakte Wiedergabe an, sondern darauf, besser zu verstehen und zu lernen. … Im Grunde ist es ein ähnlicher Vorgang wie beim Zeichnen nach der Natur. Der Unterschied besteht darin, dass zwischen Natur und Werk ein anderer Geist getreten ist, und den gilt es beim Abzeichnen zu verstehen. . (viele Beispiele hier)
Kopien nach Rembrandt
Albrecht Dürer, Melancholia
Albrecht Dürer. Hieronymos
Albrecht Dürer, Hieronymos
Albrecht Dürer, Hieronymos
J wie Jetzt und Jederzeit
Der Geist von Weimar. Verteidigung der Kinder (Goethe und der Amtsrichter von Weimar)
K wie Krokodilgeist
Ein anderes Wurzelholz wurde mir zum „Krokodilgott“ oder auch „Krokodilgeist“…. und als solcher sogar zum „Erschaffer“. Im Hintergrund sieht man mein ägyptisches Totenschiff aus Alabaster und darüber ein anderes flaches Holzstück, das selbst wie ein Geist aussieht.
L wie Logik
Wenn ich die beiden Abbildungen vergleiche, stelle ich fest: auf dem Foto wirkt alles sehr ungeordnet, zufällig, anorganisch. Auf der Zeichnung aber herrscht ein ordnender Geist, die Dinge schließen sich zu einer „Gestalt“ zusammen. Sie erzählen eine Geschichte.
Foto
Kugelschreiber-Zeichnung
M wie Menschlichkeit/Magie
Ein neues Pfingstwunder – wer wünschte es sich nicht! Dass sich die Menschen verschiedener Zunge und unterschiedlicher kultureller Prägung verstünden! Dass der Geist der Einigkeit, Menschlichkeit und Liebe in uns wirkte!
Domenicus Theotokopoulos, genannt El Greco: „Pfingsten“, ca 1600.
Verzaubert ging ich auf dem Vorplatz herum, bestaunte so manche Pflanze, fragte nach Namen. Sie wusste sie alle. „Und diese Pflanze?“ fragte ich und roch an einem Kraut. „Hilft gegen böse Geister“ meinte sie und fügte grinsend hinzu: „Riecht halt bisschen merkwürdig“.
O wie Odysseus
Wenn ich nämlich den Gegensatz Leben-Tod „dekonstruiere“, komme ich zum Begriff „Untoter“, Zombie, vielleicht auch Gespenst, Dämon, Geisterscheinung. Oder auch zum Begriff „Reinkarnation“. Oder zum Begriff „Der Geist der Ahnen“. Oder zum Begriff „Schatten“, denen Odysseus am Ausgang der Unterwelt begegnet, denn sie kommen herbeigeeilt, um sich am Opferblut zu laben und sich zu erinnern…
P wie Paul Gerhardt
Geh aus mein Herz…
Hilf nur und segne meinen geistmit segen / der vom himmel fleußt / Daß ich dir stetig blühe / Gib / daß der sommer deiner Gnad In meiner seelen früh und spat Viel glaubensfrücht erziehe
Nicht das Sichtbare, das Materielle suche ich im Tempelbezirk der Kabiren, sondern die Verbindung mit einer geistigen Kraft, die man früher den spiritus loci oder auch genius loci, den Geist des Ortes nannte….Doch nichts Geistiges will ich sich mir mitteilen, die Säulen rutschen aus dem Zentrum, während die groben Steine der Umrandung und der Baumbewuchs an Bedeutung gewinnen. Die erste Natur spricht zu mir, während der Geist der vormals angebeteten Götter stumm bleibt.
Du, liebe Dora, bist als Zahl geboren, eine schöne, eine besondere Zahl zwar, Anno Domini 2022, aber eben nur eine Zahl, und so wärest du tatsächlich zu einem kurzen unbedeutenden Leben verdonnert, wenn …. ja wenn du es nicht schaffst, deine eigene Begrenztheit zu transzendieren. Halte nur den Suchscheinwerfer deines Geistes tapfer dem ewigen Licht entgegen, so wird es dir vielleicht gelingen. (vergl Im Pantheon)
T wie Tiefsinn
Dora weiß nicht, was sie aus meiner Rede machen soll. Von Philosophie hat sie keine Ahnung, und so fällt ihr auch der Satz nicht ein: „Wie drinnen, so draußen“ oder meinetwegen auch: „Erfülle deinen Geist mit Welt, auf dass du dein Selbst einst in der Welt findest“. (Selbstreflexion)
U wie umgestalten
Da verstehst du auch den Geist, aus dem heraus Karen ihre Kunst schafft und ihr ganzes Leben als Kunstwerk gestaltet.
V wie Vielfalt
Täglich lese ich in vielen Blogs, fühle mich dadurch bereichert, informiert, angeregt. Die Blogs sind eine Fundgrube und Schatztruhe, die meinen Geist in der paradiesischen Weltabgeschiedenheit, in der ich meistens lebe, füttert und nährt.
W wie Weltanschauung
Aber den spielerischen Geist der Alten – den hat sie sich erhalten. Aphrodite mit ihrer Sandale, die Amor-Putte, der Satyr – sind sie nicht genauso liebenswert verrückt wie meine kleine Dora?
X wie Y
Ein neues bauliches Ensemble entstand, das an die ältere Tradition anknüpfend seinerseits von Wohlstand spricht, aber doch eher wie eine Fassade wirkt, hinter der nun ein anderer Geist herrscht.
Y wie youtube
Ein Interview, das mir Hoffnung macht. Warum? Weil hier eine außergewöhnlich kluge junge Frau mutig in die drohende Weltentwicklung hineinschaut und zugleich zeigt, worin ihr Engagement besteht, um diese Entwicklung zu verhindern. Wenn ich solche Menschen sehe, sage ich: es ist noch nicht ausgemacht, wer im Kampf der Geister, der den ganzen Globus erfasst hat, obsiegt.
Z wie Zeitgeist/Zahl
O wei, Will.i. Ja, aus dir spricht der Geist der Zeit. Habe ich anderes erwartet? Unsere Zeit ist eine Zeit der Zahlen. Täglich lese ich Zahlen und noch mehr Zahlen, die alle beanspruchen, irgendetwas zu beweisen. Von einem lebendigen Ganzen zu sprechen, ist ein Verstoß gegen den „wissenschaftlichen Geist“, der unsere Welt beherrscht. Und du, mein Will.i, verkörperst ein Stück davon. Ich will dir keinen Vorwurf daraus machen. Aber irgendwie möchte ich doch, dass auch du verstehst, was ich meine, wenn ich von der unzerstörbaren lebendigen Gestalt spreche.
Das Nomen, das bei den laufenden abc-etüden verlangt wird, heißt Geist. Geist – was ist das eigentlich?
Wenn ich von Wiki Aufklärung erhofft haben sollte, erwartet mich eine herbe Enttäuschung.
„Geist … ist ein uneinheitlich verwendeter Begriff der Philosophie, Theologie, Psychologie und Alltagssprache… Allgemeinsprachlich (ist) Geist meist ein Synonym für die individuelle menschliche Psyche .“
Soso. Philosophen und Theologen füllen dicke Bücher über den Geist, aber die naturwissenschaftlich geprägte Denkweise von heute weiß nichts damit anzufangen. Sie setzt eine Unbekannte an die Stelle einer anderen. Denn was ist Psyche?
„Psyche bezeichnet die Gesamtheit aller geistigen Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale eines Individuums …Sie beinhaltet Fühlen, Denken und sämtliche anderen individuellen kognitiven Fähigkeiten…“
Die Autoren von Wiki unterstellen, dass es Geist eigentlich gar nicht gibt, sondern dass er in Seele aufgeht, die es eigentlich auch nicht gibt, weshalb man sie Psyche nennt – was freilich das griechische Wort für Seele ist. Geist = Psyche, x =y
Die beiden zentralen Begriffe der Philosophie und Religion werden durch Übersetzung in den Rang von Fachbegriffen erhoben: Nicht geistig, sondern mental (oder kognitiv), nicht seelisch, sondern psychisch nennt man nun die geistigen und seelischen Tätigkeiten des Menschen. Warum tut man das? Um ihnen die altehrwürdige transzendente Bedeutung abzudefinieren. „Im Gegensatz zur Seele umfasst die Psyche keine transzendenten Elemente.“ Und Geist? Der wurde schon zuvor wegdefiniert, indem er als Unterfunktion der Psyche bezeichnet wurde.
Übrigens fand dieser Vorgang schon vor vielen Jahren statt: im 9. Jahrhundert auf dem 8. ökumenischen Konzil. Damals wurde die Zwei-Seelen-Lehre, gemäß der dem Menschen eine höhere, unsterbliche Geist-Seele und eine irdische, vergängliche Seele eigen sind, verflucht und zur üblen Häresie erklärt. „Wenn aber einer sich herausnehmen sollte, im Gegensatz zu dieser heiligen und großen Synode zu handeln, so sei er verflucht und ausgeschlossen vom Glauben und Kult der Christen.“
Gespenst/Geist – eine Projektion des kleinen erschrockenen Ich im Spiegel.
Wir sind heute wieder Richtung Athen gefahren. Die Luft war zum Schneiden: dick und trübe von Sahara-Staub und Feuchtigkeit. Schlimmer als die von Christian Morgenstern besungene:
Die Luft
Die Luft war einst dem Sterben nah.
»Hilf mir, mein himmlischer Papa,« so rief sie mit sehr trübem Blick, »ich werde dumm, ich werde dick; du weißt ja sonst für alles Rat – schick mich auf Reisen, in ein Bad, auch saure Milch wird gern empfohlen; – wenn nicht – laß ich den Teufel holen!«
Der Herr, sich scheuend vor Blamage, erfand für sie die – Tonmassage.
Es gibt seitdem die Welt, die – schreit. Wobei die Luft famos gedeiht.
Laut ist es ja, die Apparate schreien und schrillen, so gut sie können, aber die Luft hat sich wohl dran gewöhnt. Reisen nützt da auch nichts. Sie rührt sich nicht, auch wenn das Autoradio auf full gedreht wird. Dick und dumm liegt sie über den Bergen, Weinfeldern und Schluchten. In der Stadt wird sie natürlich auch nicht gesünder.
Bei solchen Zuständen bleibe ich am liebsten zu Hause. Also mache ich mir, kaum angekommen, einen starken Kaffee. Lieber wäre es mir natürlich, jemand würde ihn mir servieren, während ich mich genüsslich auf dem Sofa räkele. Wie das Servieren zu geschehen hätte, habe ich einmal mithilfe von Hannahs gespendeten Schnipseln dargestellt.
Fünf Weisen, eine Tasse Kaffee zu servieren:
Zu mehr reicht es heute nicht. Gute Nacht! Und frohes Erwachen am Sonntag. Sofern dir dann jemand den Kaffee ans Bett bringen will: sag nicht NEIN. Auch wenn das Servieren weniger perfekt geschieht.
Sechs Stadien dieses ständig sich wamdelnden Bildes habe ich schon dokumentiert, dazu auch die Erweiterungen mit Überblendungen, die man als Gedanken zum Gemalten lesen kann, die ich hier aber nicht erneut zeige.
Die letzte Version „Ruinen“ verlangte dringend nach einer Vereinheitlichung. Die Versuche mit überblendeten Strukturen führten mich nicht weiter (siehe hier). Also griff ich zum dicken Pinsel und trug energisch Schichten von Rotocker bis Goldgelb auf, dazu auch ein Lineament aus sehr dunklen (aus Blau und Braun gemischten) Farben.
Mir gefällt es momentan so, und ich werde es bis auf weiteres so lassen. Irgendwie erinnert es mich an Paul Klees letztes Bild, und zwar wegen der Bewegung der „Figur“ am unteren Bildrand, die der von Klees „Figur“ am rechten Bildrand ähnelt (erhobene Hand).
Stilistisch ist es allerdings eher anderen Bildern seines Spätwerks ähnlich, zB diesem „weich liegend Bild“.
(Die Abbildungen von Klee habe ich der Seite KUNSTKOPIE.DE entnommen.)
Gestern mittag kamen uns Nachbarn besuchen. Es ist ein alt gewordenes interessantes Ehepaar aus Süd-Wales. Sie ist eine echte Waliserin, er auch, aber durch seinen Großvater ist er Mani-Bewohner, Maniat. Und so heißen sie denn auch mit ihrem Familiennamen: Maniat. Der Großvater war Seemann und ist um die vorige Jahrhundertwende, also um 1900 herum, von Konstantinopel (Istanbul) kommend, in Wales an Land gegangen, hat in dem dortigen Kohlebergbau Anstellung gefunden, eine Walisierin geheiratet, eine Familie gegründet. Unser Nachbar – ein hochgewachsener alter Herr mit weißem Schnurr- und Spitzbart und roter Gesichtsfarbe Typ „britischer Offizier“ – erinnert sich an diesen Großvater, der dann Schuhmacher wurde, er erinnert sich an den wachsenden Haufen von Schuhen, die von Seeleuten zur Reparatur gebracht und nie mehr abgeholt wurden, er weiß über die Waliser Kohle zu erzählen und auch über die Finanzierungsmodelle der neuen Atomkraftwerke und über Brexit und die Elektrifizierung des Verkehrs in GB. Kurzum, es wird nicht langweilig mit ihm. Die Erinnerung an seinen Großvater und wohl auch sein Name veranlassten ihn, eines Tages in die Mani zu reisen, und schwupps! hatte er auch schon ein Grundstück, baute ein Steinhaus drauf … und wurde so zu unserem Nachbarn. Er würde wohl gern dauerhaft hier leben, doch seine Frau hat drüben jenseits des Ärmelkanals ihre Familie, Kinder und Enkelkinder, und so teilen sie ihr Leben zwischen dort und hier.
Bevor sie gingen und schon im Stehen kamen wir auch auf die Katzen zu sprechen, und ob sie sie in unserer Abwesenheit füttern könnten, und so erfuhr ich: die ganze Mannschaft, 11 an der Zahl, tritt regelmäßig auch bei ihnen pünktlich zum Frühstück an. Das freut mich natürlich, denn so richtig satt werden sie bei mir nicht. Und wie wir so reden, fällt Rosies Blick auf das hochrankende blühende Geißblatt, und an seinem Fuß entdeckt sie Prinkipessa mit ihren Kleinen. Es sind übrigens drei.
Womit ein weiterer Mythos zerronnen ist. Ich hatte nämlich gelesen, dass Katzen den Duft des Geißblattes nicht mögen. Und tatsächlich hatte Prinkipessa ihre erste Brut von dort weggeführt, als die Blüte begann. Jetzt aber? Da kuscheln sie nun mitten im abgefallenen Laub und scheren sich nicht um den Geißblattduft!
Was macht eigentlich die Leinwand, auf der ich mich im „täglichen“ Malen übe? Nun, sie wandelt sich.
Die letzte „Landschaft mit Bäumen“ hatte ich schließlich mit ein paar dicken Balken übermalt, so als blicke ich durch das Gebälk eines zerstörten Hauses nach draußen.
Das „zerstörte Haus“ wird nun zur Leitidee, mit der ich weitermache. Zunächst überklebe ich das Bild teilweise mit grob gerissener Wellpappe und Packpapier. Als Gerüst dient mir die zuvor angelegten Struktur. Lehmiges Goldocker begleitet diese Formen.
Dabei könnte ich es erstmal belassen. Doch drängt sich das ursprüngliche „Meer“-Motiv wieder vor und frisst die „Landschaft“ auf.
Am Ende gibt es nur noch traurige Ruinen, die zwischen Meer und Land, Blau und Graubraun floaten.
Durch Fotoüberblendungen suche ich nach Wegen, die zerstückelte Ruinenwelt zu vereinheitlichen.
Überblendung mit Foto von einem Sonnenuntergang über dem Meer
Überblendung mit Foto von handgeformten Samen-Tonkügelchen
Überblendung mit Foto einer großen Packpapierrolle
Überblendung mit Foto von Sonnentalern auf grobem Gewebe
Aber das befriedigt mich nicht wirklich. Eine neue Übermalung zeigt die Lösung, die ich finde. Davon in einem weiteren Eintrag.