
Ur und die Erschaffung der Welt
Am Anfang war da nichts als ein großes helles Blau und ein mattfarbiges Beige. Die Farben strömten und verteilten sich gemäß den Gesetzen des Flüssigen.
In diesen noch zweidimensionalen Ur-Raum kroch eine Schnecke. Es war eine sehr einfache Schnecke mit einem einfachen Haus. Ihr Name war Ur, denn sie war die Ur-Schnecke.

Wie sie so kroch und sich vom hellen wässrigen Blau ins irdene Beige vortastete, kam es ihr so vor, als erkenne sie vor sich eine Gestalt. Die hatte ein Oben, eine Mitte und ein Unten und noch was drum herum.
Ur schaute und staunte. Da öffnete sich ganz oben ein Auge, das blickte zu ihr herab. Und ausgehend vom Auge begann eine Spirale sich auszuwickeln. O mein Gott, seufzte die Schnecke und zerschmolz fast vor Glück und Seligkeit, wie herrlich bist du, wie sehr du mir gleichst. Aus deinem Geiste bin ich geschaffen. Möge dir immer eine grüne Wiese wachsen und Moos und Flechten in Fülle, damit du weiden kannst.

Erfreut erstrahlte das Schöpfergeschöpf, und sein Auge erglühte. Ur richtete sich stolzer auf: Ich bin wie du, du bist wie ich, wir sind eins! so jubelte sie .
Die Spirale begann sich zu drehen und öffnete einen leuchtenden Schweif, den ein rötlicher Schein umgab. Ur rief: Ein Füllhorn, aus dem alles hervorquillt, was ist: das süße Gras und das herbe Kraut, die Salatblättchen und die köstlichen Flechten, das linde Lüftchen und das reine Wasser, und alles, was sonst noch wichtig ist und uns gefällt.
So unterstellte Ur, die Schnecke, andächtig und fromm, und wer bin ich, es besser zu wissen. Sie ist ja viel älter und weiser als ich.
Ist nicht auch unsere Milchstraße, sind nicht die Galaxien alle aus diesem Ur-Erlebnis hervorgegangen und dehnen sich nun aus bis ans Ende der Zeit?

300 Wörter.
Dies ist ein Beitrag zu Christianes abc-etüden (die von Cynthia – Blog Querfühlerin. gespendeten Wörter sind Geist, unterstellen und herb) und zu Myriades Impulswerkstatt, Bild 4 (Schnecke). Die Bildreihe malte ich heute.