Griechische Kunst: Nikos Alexiou

Noch einmal gehe ich zurück zur Art Athena, denn ich habe einen großen Künstler aufgespart, dessen Werk mich faszinierte: Nikos Alexiou. Er gehört zu den Jungen – Jahrgang 1960 -, aber mit 51 Jahren ging er schon wieder. Er starb 2011 an Krebs.

In einem Jahr vertrat er sein Land auf der Biennale von Venedig mit einem imposanten Werk, in dem er das Bodenpflaster eines Klosters mit einer filigranen  Lichtwelt verband. Die Grenze zwischen dem Hiesigen und dem Jenseitigen, so lese ich, habe ihn tief beschäftigt. In der Zweidimensionalität der Fläche wird sie anschaubar. Er nannte das Werk „Telos“ – Ende.

nikos_alexiou-the_end-once_more-venice-2007-foto_by_panos_kokkinias_13

Ein anderes Werk ebenfalls großen Ausmaßes schuf er zur griechischen Olympiade, 2004. Paidion Topos nannte er es, was in etwa als „Kinderort“ zu übersetzen wäre.

Nikos Alexiou, Paidion Topos

Diese Bilder habe ich aus dem internet kopiert. Persönlich habe ich sie nicht gesehen. Gesehen aber habe ich ein Werk, das sich „Plegma“ nennt, das heißt Geflecht, im Englischen wird es mit „Grid“ angegeben. Es besteht aus Schilfrohr und Bindfaden.  Der Künstler hat sehr viel mit solchen natürlichen Materialien gearbeitet. Wenn ihr den griechischen Namen Νίκος Αλεξίου eingebt, findet ihr im Netz etliche Abbildungen solcher Werke. Leider ist fast nichts Deutschsprachiges über ihn vorhanden, Englisches aber wohl.

IMG_6947

Hier noch ein paar Detailfotos. IMG_6953

IMG_6952

IMG_6951

IMG_6950

IMG_6949

So, ich habe Fieber und muss ins Bett. Sommergrippe. Daher verschone ich euch heute mit meinen Interpretationen. Ich wünsche allseits Gesundheit und einen angenehmen Abend.

Veröffentlicht unter Allgemein, die schöne Welt des Scheins, events, Fotografie, Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , | 26 Kommentare

Geometrie des Lichts

photo 3

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Natur, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , | 10 Kommentare

Montag ist Fototermin: Schatten an der Wand

IMG_6782 Wenn die Sonne tief steht, malt sie rosige Schatten an die Wand. Und so probierten wir – meine lieben Besucher und ich -, unser Schatten-Profil zu fotografieren. Nach ein paar Versuchen gelang es.

Schattenbilder zu fotografieren, ist schon länger eines meiner kleinen Hobbies.

photo 13 SW Quadrat

 

photo 15

009

 

Je nach Lichtquelle und Oberfläche, auf der sich der Schatten abbildet, entstehen andere Bilder. Am meisten liebe ich die, die von der Sonne gemalt werden.

photo 5 Quadrat

Unendlich vielfältig wie die Wirklichkeit sind diese gemeimnisvollen Verdoppelungen, die uns durch unser ganzes Leben begleiten. Du greifst nach einer Vase – und deine Schattenhand greift nach einer Schattenvase.

photo 3 Quadrat

Komm, komm, lockt die Hand, und das Schattenbild folgt willig.

photo 4 Quadrat

Wie schön sich das Licht bricht! Hart und klar sind die Grenzen der Gegenstände, doch den Schatten gefällt es, sich in sanft gebrochenen Konturen an die Wand zu malen….

photo 8 Quadrat

…. oder sich in farbigen Rauch aufzulösen.

photo 9 Quadrat

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , | 14 Kommentare

Art Athena 2016: meine persönliche Ernte

IMG_6898

Zu viel, um zu bleiben – so stöhnte ich angesichts der vielen Eindrücke. Ich fühlte mich wie von hunderten von Händen betatscht, eingedrückt von all den Energien, die da um mich herum sich als Bildwerke präsentierten. Jedes wollte mir etwas mitteilen, manche laut, manche leise. Um die lauten machte ich gleich einen Bogen. Einige, wie das obige Werk von Eleni Parmakeli, hielt mich ein Weilchen fest, denn es kam einer Tendenz entgegen, die ich mit meinen Legewerken verfolge.

Die Unterschiede sind freilich größer als die Gemeinsamkeiten: dies sind Werke, die auf Dauer angelegt sind: Aluminium, Holz, Farbe, auf Leinwand montiert. Die Figürchen sind ausgeschnitten, aber nicht wie bei mir locker und bald wieder vom Wind der Zeit verweht, sondern ins Metall hineingesägt und auf Dauer gestellt.

IMG_6901

Meistens zog es mich zu kleinformatigen leisen Bildern. Und da merkte ich: das waren fast alles Maler meiner Generation oder älter und bereits gestorben. Voll experimentellen Geistes, modern im Sinne des 20. Jahrhunderts ist zum Beispiel das Werk von Nikos Kessanlis (1930-2004), an dessen kleinen Bildern ich immer wieder hängenblieb.

IMG_6942 IMG_6926

IMG_6925 IMG_6924

IMG_6923

Dieser Rebell und Erneuerer der griechischen akademischen Kunst, Lehrer so vieler der heute 40-50Jährigen, hat natürlich nicht nur kleinformatig gemalt. Seine bekanntesten Werke sind groß bis riesig – Schattenfiguren in Schwarz und Weiß. Ein kleines Beispiel gabs auch auf dieser Ausstellung zu sehen:

IMG_6920

Hier noch ein anderes Beispiel („Freunde“) von einer Ausstellung nach seinem Tod.

Nikos-Kessanlis-no-082-liquid-emulsion-on-canvas-133-x-183-cm

Wenn ihr in Athen seid, könnt ihr eines seiner großen Schattenspiele am U-Bahnhof Omonia sehen.

Eine andere Künstlerin, auf deren Werke ich zustrebte, weil sie einer ästhetischen Auffassung folgt, die ich leicht verstehen kann, gehört ebenfalls meiner Generation an: Niki Marangou. Sie starb 2013 65jährig bei einem Autounfall in Fayyum.

IMG_6914

IMG_6915

Froh war ich, als ich auch unter den ganz Jungen Maler fand, die ich leicht „verstehen“ kann, so etwa G. Androutsos, dessen Kohle-Portraits mich faszinierten.

                    IMG_6902 IMG_6903 IMG_6904

Oder Eleni Zouni mit ihren großen Farbzeichnungen, die sich wohltuend von der manchmal technisch allzu perfekten Kunst abhob. Ich mag solche „Handschriften“ sehr. Manche ihrer Arbeiten erinnerten mich an Versuche von Blogger-Freund lz.

IMG_6934

Vergleichbar, wenn auch viel weniger spontan ist vielleicht das Werk eines Koreaners (Süd-Korea hatte eine große Zahl von Künstlern geschickt).

IMG_6907

Und die Schattenspiele von Nikos Kessanlis finden sich, in lieblicher Abwandlung, ebenfalls bei den Asiaten wieder:

IMG_6906

Wenn ich meine Fotos vom Freitag in Händen habe (sie sind auf dem Handy eines Freundes, der sie mir schicken wollte, aber noch nicht geschickt hat), schaue ich, ob ich noch ein paar Beispiele für neuere Tendenzen  finde, die ich gern mit euch teilen möchte. Jetzt nur noch ein Gebilde, das mir wie ein wunderbar zartes poetisches Instrument erschien und das ich, wenn ich könnte, gern bei mir hätte, um seiner Zaubermusik zu lauschen.

IMG_6928

Veröffentlicht unter Allgemein, events, Fotografie, Kunst, Leben, Malerei, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 18 Kommentare

Art Athena 2016, Reisefreiheit

Heute war ich noch einmal auf der Kunstmesse Art Athina 2016, um meine Eindrücke zu vertiefen. Für einen Bericht reichen die Kräfte nicht mehr. aber ich möchte euch doch noch schnell einen kleinen Kiosk vorstellen, den ich ganz am Ende im „inoffiziellen“ Teil der Messe fand. Es gab dort einen dicken Hefter mit Folien. Auf jeder Folie, eine für jedes Land dieser Erde, war dieselbe Weltkarte abgebildet, doch nur die Teile der Weltkarte waren geschwärzt, die die Bewohner ohne Visum bereisen können.

Ich war schwer beeindruckt. Denn wie verschieden sahen die Karten aus! Für die Bewohner des einen Landes – hier Deutschland – steht die ganze Welt offen. Keine Visa-Rennereien, keine Angst, dass man am Ende den Stempel nicht erhält. Man reist, wohin einen das Herz führt und das Portemonnaie es erlaubt.

Visafreiheit für Deutsche

Dies also ist die deutsche Karte.  Ich blätterte dann weiter, stoppte bei einer anderen: dem Iran. Der Künstler, der diese enorme Arbeit auf sich genommen hat, ist selbst Iraner. Wie sieht es dort aus? Wohin kann ein Iraner reisen, wenn es ihn gelüstet?

Visafreiheit für Iraner

Das ist alles. Diese paar Mäuseköddel sind übrig von der schönen Weltkarte. Nur dorthin kann ein Iraner reisen, ohne zuvor die Hürden des Visums übersteigen zu müssen.

Zwischen diesen beiden Extremen gibt es viele andere Karten. Ich konnte sie nicht mehr fotografieren, denn die Ausstellung wurde abgebaut. Aber ich sah es: viele Afrikaner (Tschad, Zentralafrika u.a.) haben auch keine größere Bewegungsfreiheit als die Iraner. Und so viel Reisefreiheit wie jemand mit deutschem Pass – nein! Davon können die meisten Menschen dieser Erde nur träumen.

Hier noch ein Foto aus dem iranischen Kiosk: Zwei Mal „Der letzte Tag“. Junge akademisch gebildete Iraner verlassen  ihre Heimat. Viele solcher Fotos vom „letzten Tag“ machte die iranische Künstlerin.

IMG_6958

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Ökonomie, events, Leben, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 17 Kommentare

Kunstmesse – Art Athena

Gestern war ich auf der Messe, auf der einmal jährlich griechische und internationale Galerien Werke der von ihnen vertretenen Künstler ausstellen. Es ist eines der wenigen Großereignisse des Kunstmarktes in diesem Lande. Ausgestellt wird im Taekvondo-Gebäude – einem der meist leerstehenden gewaltigen Sportgebäude im Delta von Faliron, Überbleibsel der Olympiade von 2004.

photo 49

In der großen Halle stehen dicht an dicht die Kioske – ein verschachteltes Labyrinth. Nach den paar Stunden, die für einen ersten Rundgang erforderlich sind, bin ich ziemlich erschöpft. Nichts ist anstrengener als eine Kunstausstellung, seufze ich. Und nun gar eine Kunsstmesse!

photo 17

Aber natürlich gehe ich jedes Jahr wieder hin und versuche, mich selbst in der modernen Kunstszene zu verorten, Anregungen zu bekommen oder einfach nur.mich zu informieren, was sich heute so auf unserem recht engen griechischen Kunstmarkt tut.

photo 1 Quadrat

Und ich versuche zu vergleichen. Was war vor fünf Jahren eindrucksvoll, was heute?

photo 9 SW

Manchmal scheint mir, als ob sich innerhalb der gewaltigen Menge gezeigter Kunst so etwas wie eine Tendenz herauskristallieren möchte.

photo 52photo 31photo 33photo 30

photo 24photo 13photo 35 Quadrat

Aber das ist natürlich dummes Zeug. Es ist mein Augenmerk, das Zusammenhänge schafft, während die Bilder harmlos und beziehungslos nebeneinander hängen. Nichts verweist auf irdendetwas anderes als auf sich selbst und auf eine Realität, die nur der Künstler kennt.

photo 48

Die gezeigten Beispiele stammen von der Art Athena 2011. Fotos von der diesjährigen Ausstellung zeige ich morgen.

Veröffentlicht unter Allgemein, events, Kunst, Malerei | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 17 Kommentare

Ein junger Künstler stellt aus – Vasilis Botoulas

Gestern war ich im Zentrum von Athen, zur Ausstellungseröffnung eines jungen Künstlers. Seine erste Einzelausstellung. Gut, mein Interesse hatte auch familiären Hintergrund, denn es handelt sich bei Wassilis um unseren Neffen.

Ausstellungsort war eine winzige Galerie-Buchhandlung in der Nähe von Monastiraki. Von der Straße aus muss man eine farbige Kunstwelt mit lauter Musik und feierfreudigen Menschen durchqueren, um zur Ausstellungvorzudringen.

IMG_6897

Die Buchhandlung ist einer dieser Kulturorte, wie es sie immer noch reichlich in Athen gibt: vollgestopft mit Büchern, die meisten selbst verlegt, witzige und kunstreiche Postkarten, lässige Atmosphäre. Sogleich fühle ich mich wohl, wie zu Hause. Ich nehme einige der Bücher in die Hand: sie sind schön gestaltet, oft bebildert, die Seiten aus kräftigem Papier wie die alten Gallimard-Bände noch nicht aufgeschnitten. Ach, dieser verführerische Duft!

IMG_6892

IMG_6895

IMG_6893

Ich bin früh dran, also habe ich freie Sicht auf die Werke, die an den Wänden mit Klebestreifen befestigt sind. Eines zieht sogleich meine Aufmerksamkeit auf sich: eine Kreisform, der sich nach innen hin verdichtet. Er ist mit winzigen Linien gezeichnet. Ein feines Gekritzel, schier unendliches Lineament in Schwarz auf Weiß.

 

IMG_6885

IMG_6886IMG_6883

IMG_6887

Die rötliche Verfärbung ist durch die Beleuchtung entstanden. Eigentlich ist das Bild Schwarz-weiß. Ein schwingender, schwirrender schwarzer Körper im leeren Raum.

Ein anderes Bild zeigt den schattigen Winkel einer Raums, der sich beim genauen Hinsehen IMG_6881 ebenfalls als ein akribisches Gekritzel entpuppt. Und ich frage mich: ist das wirklich ein schattiger Winkel eines Raums oder nicht vielmehr ein viel intimerer lebendiger Ort, so sanft umflattert die Linie ihr inneres Gerüst. IMG_6882

Einige Bilder wirken fester, gesättigter, doch auch sie sind aus diesem feinen Liniengespinst gewirkt, das an den Rändern noch durchsichtig und ausgefranst ist und auf Vollendung zu warten scheint.IMG_6879

IMG_6880

Tatsächlich hat Wassilis ein Bild in Rot auf dem Tisch platziert, das er als „noch nicht fertig“ deklariert. Daneben liegen Stifte. man darf, wenn man will, weiterzeichnen.

IMG_6889

(Den dunklen Schatten links bitte wegdenken, er ist beim Fotografieren entstanden).

Wer mehr wissen will: Vasilis Botoulas is on facebook.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, events, Kunst, Methode, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , | 21 Kommentare

Die Häuser der Fischer

Fischerhäuser I

Aufgewachsen bin ich in einer armen, aber kleinbürgerlichen Welt. Von Kind an aber faszinierte mich eine andere Welt: die der Fischer. War es das Erbe des mir unbekannten Großvaters? Ich weiß es nicht.

Jedenfalls male ich immer mal wieder Häuser, die für mich die Wohnungen von Fischern sind: eng, arm, aber nach allen Seiten offen. Vor allem offen hin zum Meer und zu seinen Farben.

Einmal war ich in Porto, in Portugal, und da sah ich eine Zeile alter Häuser, die von neuen Konstruktionen überwuchert wurde. Und ich wunderte mich, denn genau diese Häuserzeile hatte ich gemalt, bevor ich sie sah. So schien es mir wenigstens.

Fischerhäuser II

Beide Bilder sind mit Akryllpigmenten und Kleister auf Leinwand gemalt.

Veröffentlicht unter Allgemein, Kunst, Leben, Malerei, Psyche, Reisen, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , | 12 Kommentare

Bildergeschichte mit Titel: Die Geburt der Aphrodite

Ich habe die Schnipsel der Bildergeschichte o.T. noch einmal durcheinander geworfen und ein neues Bild gelegt. Diesmal gebe ich einen Titel, den du aber nicht beachten musst. Auch meine Assoziationen sind keinesfalls verbindlich. Also schau erst mal, bevor du weiterliest, was dir evtl. zu dem Bild einfällt.

IMG_6875

So, und nun ein paar Anmerkungen zum Mythos: Aphrodite heißt: „die aus dem Schaum Emportauchende“. Der Schaum entstand, als Gott Kronos (Zeit) seinem Vater Uranos (Himmel) die Genitalien mit einer Sichel (Mond) abhaute. Der Zeitgott Kronos entmannte (entmachtete) den zeitlosen Uranos. Später wird Kronos seine Kinder verschlingen (wir kennen das alle: die Zeit verschlingt, was sie hervorbringt).

Das Zeugungsorgan  des Uranos fiel in den Okeanos (Ozean, großes Meer). Bei der Berührung mit dem Himmelssperma schäumte das Meer auf (Herrscher Poseidon), und aus dem Schaum herausgeboren wurde Aphrodite, Herrscherin über ein Reich, das sich nicht wie Himmel – Meer – Erde als physisches Element, sondern als unüberwindliche, gefährliche und süße Himmelsmacht darstellt: die Liebe.

IMG_6875aaa

Zu zwei Elementen des Bildes: Die runde Form mit den weißen Punkten, aus der Aphrodite entspringt, stammt aus einem Bild, das ich „misslungene Insemination“ nannte. Verschüttetes Sperma. Ich schnitt diesen Teil aus und benutzte das Element u.a. als Palette, Symbol für den Maler John in den Geschichten rund um Luise. Das liegende Portrait ist das gleiche wie das, was ich für den Maler John verwendete. (vergl. Juttas geschichtengenerator und die Geschichten hier im Blog, Stichworte Luise, John)

IMG_6877aaaa

Nun habe ich die Hälfte der Geschichte erzählt. Oder vielmehr den Hintergrund angedeutet, auf dem sich eine Vielzahl von Geschichten entwickeln können – ja, immer schon entwickelt haben und jeden Tag neu entwickeln: Die Macht der Aphrodite. die andere Hälfte wäre noch zu erzählen. Sie ist für jeden Menschen verschieden, vermute ich mal.

IMG_6877a

Veröffentlicht unter Allgemein, Juttas Geschichtengenerator in Aktion, Kunst, Leben, Malerei, Methode, Mythologie, Natur, Psyche, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

Montags ist Fototermin: Friedhofs-Ästhetik

Von Friedhof-Besuchen las ich dieser Tage in mehreren Blogs. Und nun war ich selbst auf einem, oder sogar auf zwei.

Gestern war ein sehr stürmischer Tag, und es zog mich ans Meer. Doch um eine Küste zu erreichen, muss ich erst mal über einen Berg (Pendeli). Sturm und Ginster begrüßten mich

IMG_6829

In der Ferne, so weit der Blick reicht,  das Häusermeer von Athen ..

IMG_6828

…  auf der östlichen Seite aber öffnet sich das herrliche blaue Rund des Meeres (Nea Makri).

IMG_6837

Endlich die Küste, das Meer. Seine Frische, seine Bewegung, sein Rauschen. Der wind treibt trockene Algen und Sand vor sich her.

. IMG_6844        IMG_6840

Doch nicht davon will ich erzählen, sondern von dem, was ich danach erlebte: Bei der Rückfahrt machte ich einen Abstecher zum Deutschen Soldatenfriedhof, der im Pendeli-Gebirge liegt, fernab der Blicke. Man gelangt dahin auf einer extra dafür angelegten Zufahrtsstraße.

IMG_6872

Rechts geht es zum „Germaniko Stratiotiko Nekrotafio“ , links zum „Koimitirio“. Im Griechischen gibt es zwei Ausdrücke für Friedhof:  Nekrotafio heißt wörtlich: Totenbegräbnisstätte, in diesem Fall ergänzt durch deutsch und militärisch. Koimitirio aber heißt „Ruhestätte“. Und so weisen die beiden Schilder schon symbolisch auf das hin, was dich erwartet.

IMG_6874  IMG_6873

Die „Deutsche Militärische Grabstätte“ 1939-1945: Ein schöner minimalistischer Bau aus Naturstein, einige wenige hohe Pinien. Strenge, klare Linien.  Kein Blumenschmuck.

IMG_6847

IMG_6848IMG_6849IMG_6850IMG_6851IMG_6852IMG_6853IMG_6858IMG_6859

Ich umkreise den Komplex. Hinein kann ich nicht, natürlich. Aber ich kann mich an den starken Gittern hochziehen und von der Mauerkrone aus ein besseres Foto von den Platten machen, auf denen die Namen der Gefallenen eingraviert sind. 9973 Namen, verteilt auf drei Höfe und viele gleiche Platten. Vermutlich Granit.

IMG_6860

In der Friedhofsordnung lese ich: Die Gestaltung wurde gewählt wegen des gemeinsamen Schicksals der Gefallenen.  Veränderungen, Eingriffe in die gewählte Ausschmückung sind nicht erlaubt. Das deprimiert mich.

Ja, es deprimiert mich tief. Denn schön gestaltet mag dieser Ort sein, doch: Haben die Toten hier kein Recht auf ein eigenes Schicksal? Haben sie keine Mütter, keine Geschwister, Nichten und Neffen gehabt, vielleicht auch Kinder? War der eine nicht klein, der andere groß, der eine sensibel und scheu, der andere ein Draufgänger? Der eine besuchte eine Volksschule und wurde Klempner, den anderen holten sie vom Gymnasium, mit Notabitur?  Der eine hatte zu Haus Kaninchen und auf den anderen wartete eine junge Frau, schwanger? Was weiß ich. Jung waren sie alle, und ich bin alt.

9 973 mal wurde ihnen nicht nur ihr Leben, sondern ein eigenes Schicksal verneint. Sie sind eine Zahl, grau eingemeißelt ins Grau. „Soldaten sind sich alle gleich, lebendig und als Leich“ (Bertold Brecht)

Da drüben liegt der griechische Friedhof, ich kann ihn von hier aus sehen.

IMG_6855

Auf einer schmalen gut erhaltenen Straße fahre ich hin. Freundlich wirkt der Ort inmitten der rauen Bergwelt, eine Ruhestätte für die lieben Verwandten.

IMG_6863

Eine große wilde Blume an einem Zaun, jemand hat sie festgebunden, damit der Sturm sie nicht umwirft.

IMG_6864

Der Duft verbrannter Kräuter steigt mir in die Nase. Eine Frau pflegt ein Grab. Der Friedhof wird von einer Kirche gekrönt – und plötzlich fällt mir auf: natürlich,  auf dem Soldatenfriedhof gibt es keinen Hinweis auf einen Glauben. Ob die Toten evangelisch, katholisch oder atheistisch waren oder an den Führer glaubten? Wen interessiert es!  „Soldaten sind sich alle gleich….“

IMG_6867

In diesem Grab wurde ein junger Mensch bestattet: eine vielgeliebte 21-Jährige. Man liest es auf den Tafeln. „Du schienst nur kurz in unsere Welt, du gingst so bald von uns, und unsere Welt wurde dunkler“. So steht es da. 21 Jahre alt, ein junger Mensch ging verloren. Und seine Leute trauern um ihn.

IMG_6870

Noch einmal schaue ich hinüber zum militärischen Totenbestattungsort, und mein Herz tut weh. Was suchtet ihr jungen Menschen hier und fandet den Tod? Man hat euch hier eingemauert, im fremden Land, in das ihr als Feinde kamt. Denn als Feinde kamt ihr, im Auftrag zu morden.

IMG_6868

Ich lasse die Friedhöfe hinter mir und wende mich wieder dem Leben zu. Der Sturm braust über den Berg. Was gehen mich die Toten an?

IMG_6826

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Krieg, Leben, Natur, Psyche, Umwelt, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 44 Kommentare