Von Friedhof-Besuchen las ich dieser Tage in mehreren Blogs. Und nun war ich selbst auf einem, oder sogar auf zwei.
Gestern war ein sehr stürmischer Tag, und es zog mich ans Meer. Doch um eine Küste zu erreichen, muss ich erst mal über einen Berg (Pendeli). Sturm und Ginster begrüßten mich

In der Ferne, so weit der Blick reicht, das Häusermeer von Athen ..

… auf der östlichen Seite aber öffnet sich das herrliche blaue Rund des Meeres (Nea Makri).

Endlich die Küste, das Meer. Seine Frische, seine Bewegung, sein Rauschen. Der wind treibt trockene Algen und Sand vor sich her.
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Doch nicht davon will ich erzählen, sondern von dem, was ich danach erlebte: Bei der Rückfahrt machte ich einen Abstecher zum Deutschen Soldatenfriedhof, der im Pendeli-Gebirge liegt, fernab der Blicke. Man gelangt dahin auf einer extra dafür angelegten Zufahrtsstraße.

Rechts geht es zum „Germaniko Stratiotiko Nekrotafio“ , links zum „Koimitirio“. Im Griechischen gibt es zwei Ausdrücke für Friedhof: Nekrotafio heißt wörtlich: Totenbegräbnisstätte, in diesem Fall ergänzt durch deutsch und militärisch. Koimitirio aber heißt „Ruhestätte“. Und so weisen die beiden Schilder schon symbolisch auf das hin, was dich erwartet.

Die „Deutsche Militärische Grabstätte“ 1939-1945: Ein schöner minimalistischer Bau aus Naturstein, einige wenige hohe Pinien. Strenge, klare Linien. Kein Blumenschmuck.









Ich umkreise den Komplex. Hinein kann ich nicht, natürlich. Aber ich kann mich an den starken Gittern hochziehen und von der Mauerkrone aus ein besseres Foto von den Platten machen, auf denen die Namen der Gefallenen eingraviert sind. 9973 Namen, verteilt auf drei Höfe und viele gleiche Platten. Vermutlich Granit.

In der Friedhofsordnung lese ich: Die Gestaltung wurde gewählt wegen des gemeinsamen Schicksals der Gefallenen. Veränderungen, Eingriffe in die gewählte Ausschmückung sind nicht erlaubt. Das deprimiert mich.
Ja, es deprimiert mich tief. Denn schön gestaltet mag dieser Ort sein, doch: Haben die Toten hier kein Recht auf ein eigenes Schicksal? Haben sie keine Mütter, keine Geschwister, Nichten und Neffen gehabt, vielleicht auch Kinder? War der eine nicht klein, der andere groß, der eine sensibel und scheu, der andere ein Draufgänger? Der eine besuchte eine Volksschule und wurde Klempner, den anderen holten sie vom Gymnasium, mit Notabitur? Der eine hatte zu Haus Kaninchen und auf den anderen wartete eine junge Frau, schwanger? Was weiß ich. Jung waren sie alle, und ich bin alt.
9 973 mal wurde ihnen nicht nur ihr Leben, sondern ein eigenes Schicksal verneint. Sie sind eine Zahl, grau eingemeißelt ins Grau. „Soldaten sind sich alle gleich, lebendig und als Leich“ (Bertold Brecht)
Da drüben liegt der griechische Friedhof, ich kann ihn von hier aus sehen.

Auf einer schmalen gut erhaltenen Straße fahre ich hin. Freundlich wirkt der Ort inmitten der rauen Bergwelt, eine Ruhestätte für die lieben Verwandten.

Eine große wilde Blume an einem Zaun, jemand hat sie festgebunden, damit der Sturm sie nicht umwirft.

Der Duft verbrannter Kräuter steigt mir in die Nase. Eine Frau pflegt ein Grab. Der Friedhof wird von einer Kirche gekrönt – und plötzlich fällt mir auf: natürlich, auf dem Soldatenfriedhof gibt es keinen Hinweis auf einen Glauben. Ob die Toten evangelisch, katholisch oder atheistisch waren oder an den Führer glaubten? Wen interessiert es! „Soldaten sind sich alle gleich….“

In diesem Grab wurde ein junger Mensch bestattet: eine vielgeliebte 21-Jährige. Man liest es auf den Tafeln. „Du schienst nur kurz in unsere Welt, du gingst so bald von uns, und unsere Welt wurde dunkler“. So steht es da. 21 Jahre alt, ein junger Mensch ging verloren. Und seine Leute trauern um ihn.

Noch einmal schaue ich hinüber zum militärischen Totenbestattungsort, und mein Herz tut weh. Was suchtet ihr jungen Menschen hier und fandet den Tod? Man hat euch hier eingemauert, im fremden Land, in das ihr als Feinde kamt. Denn als Feinde kamt ihr, im Auftrag zu morden.

Ich lasse die Friedhöfe hinter mir und wende mich wieder dem Leben zu. Der Sturm braust über den Berg. Was gehen mich die Toten an?
