Ein Brief an Frau K

Heute wollte ich Madame Kolokytha die überarbeitete Fassung des gestrigen Abenteuers zeigen, doch sie drehte mir den Rücken zu und tat so, als sei ich gar nicht vorhanden. Irgendwem möchte ich sie aber zeigen – wozu habe ich sie sonst gemacht? Also poste ich sie mal hier.

Dann dachte ich nach. Und schrieb Frau K einen Brief.

Sehr geehrte, liebe Frau Olympia,
Sie haben Recht, tausend mal recht, mir zu grollen. Als ich Sie heute morgen traurig durchs Fenster in den regennassen Tag starren sah und sie nicht mit mir sprechen wollten, so sehr ich Sie auch darum bat, kramte ich in meinem Gewissen. Was hatte ich getan, Sie so zu betrüben? Da fiel mir Babsis gestriger Kommentar ein. Babsi sieht Sie als liebenswertes Geschöpf, das die Wurzelmännlein durchaus nicht ausbeutet, sondern ihnen Geschichten erzählt, weil sie mit ihnen zusammen in einen Raum eingesperrt ist – durch mich! Ich sei es, die die Würzelchen als Lumpengesindel bezeichnet habe, nicht Sie. O, sollten Sie Opfer meiner Projektionen geworden sein? Bin ich selbst womöglich die arrogante, anspruchsvolle Madame und Sie selbst sind eine freundliche Seele?

Da Sie nicht mit mir sprechen wollen, schreibe ich Ihnen diesen Brief. Nehmen Sie ihn bitte als tief empfundene Entschuldigung an. Zwecks Wiedergutmachung habe ich Sie erneut gezeichnet, dort an Ihrem Fenster, hinausträumend in den Regentag.

                                                                    Mit reuigem Herzen

                                                                          Ihre Gerda

ps. Anbei die fertig gestellte Zeichnung, die ich Ihrem Wohlwollen anempfehle.

Die träumerische Welt der Mme. Kolokytha (c) gerda kazakou

pps. In einer weiteren Anlage sende ich Ihnen die Vorstudien. Ich habe eine vorhandene Kohlezeichung auf grauer Pappe im Format 70 x 100 cm benutzt. In der letzten Fassung habe ich mit weißer Ölkreide die Lichter gehöht.  Zum Vergrößern bitte einfach anklicken. Falls Ihnen eine frühere Fassung besser als die Endfassung gefallen sollte, sagen Sie mir bitte Bescheid.

Veröffentlicht unter Allgemein, die schöne Welt des Scheins, Leben, Meine Kunst, Methode, Natur, Psyche, Therapie, Träumen, Umwelt, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 12 Kommentare

Ausbruchsversuch der Schilfwurzelmännchen

Ihr habt mich ein  wenig enttäuscht, liebe Leserinnen und Leser! Da kommt irgendeine Person daher, nennt andere Mitgeschöpfe Lumpengesindel und verfügt über sie. Macht sie zu Dienern, lässt sie ausradieren, sperrt sie in einen Verhau – und nicht nur ich widersetze mich nicht, sondern auch ihr weist sie nicht zurecht. Eine Niemand maßt sich Autorität an, und schon kuschen wir. Ich spreche natürlich von Madame Kolokytha, von jeder Madame Kolokytha.
Was aber ist mit den Schilfwurzelmännchen? Kuschen sie auch?

Ich sah sie heute am späten Nachmittag, als Madame auf dem Topf saß. Vorsichtig kletterten sie auf den schwankenden Verhau und schauten zum Fenster, als wollten sie das Weite suchen.

„Steht!“ rief ich. Und tatsächlich, wie der Besen, dem der Meister in Goethes „Zauberlehrling“* befiehlt, blieben alle wie angewurzelt an ihrem Platz. So konnte ich sie in Ruhe abkonterfeien. Ärgerlich nur, dass das Licht sich nicht befehligen ließ. Draußen wurde es dunkel, und irgendwann brauchte ich Kunstlicht.

Ein bisschen blässlich schien mir die Bleistiftzeichnung. Zum Glück hatte ich neue Kohle gekauft, und  so setzte ich noch ein paar Akzente. Hier seht ihr den Werdegang. Beim letzten Foto habe ich einen Fotoshop-Filter benutzt, um die dramatische Atmosphäre zu schaffen, die mir vorschwebt. Vielleicht arbeite ich das Bild entsprechend um.

*Der Meister benutzte bekanntlich viel mehr Wörter, mir aber reichte das einfache „Steht!“, das dem Lehrling so gar nicht fruchtete.

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, die schöne Welt des Scheins, elektronische Spielereien, Leben, Meine Kunst, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 10 Kommentare

Die anspruchsvolle Madame Kolokytha

War die anspruchsvolle Madame Kolokytha – sie heißt übrigens mit Vornamen Olympia – mit ihrem Portrait zufrieden? Bruni meinte zuversichtlich: Ja, bestimmt! Aber was meinte diese selbst? Nun, mit sich selbst war sie durchaus einverstanden. Sie drehte und wendete sich kokett vor dem Bild, als  sei’s ein Spiegel, und spitzte das Mündchen. Aber dass da diese beiden Lumpen hereinspazierten, das passte ihr denn doch nicht. Ich verhandelte hart mit ihr. Ob es jedenfalls einer sein dürfe? Vielleicht als ihr Diener, ihr Knecht? Das überzeugte sie: Gut, aber er müsse sich dezent im Hintergrund halten.

Ich radierte also das eine Schilfwurzelmännchen weg und zeichnete dem anderen eine Art Verhau. Möge er sich dort aufhalten, bis die Dame ihn zu sich befiehlt!

Diese Lösung gefiel ihr nicht schlecht. Doch nun nörgelte sie, weil sie so grau aussah. Ich erklärte ihr, dass es sich um eine Bleistiftzeichnung handele, und daher…. „Papperlapapp“, fuhr sie mir in die Rede. „Wozu gibt es Fotoshop?“ Ja, wozu wohl? Ich versuchte es mit der Umwandlung in eine Rötelzeichnung:

„Besser als grau“, murmelte sie, „viel besser. Aber warum hat der Kerl dieselbe Farbe wie ich?“ Da stand ich nun, bzw saß ich am Computer und mühte mich ab, die Szene einzufärben.

Sie betrachtete das Ergebnis – und fand es fad. „Ich bin farbiger!“ sprach sie. Das stimmt zwar nicht, sie ist eher fahl, aber wer mag einer Dame widersprechen? Ich verstärkte also ihre Farben, und sie  nickte das Werk schließlich gnädig ab: „So mags hingehen“.

Madame hat nicht viel Kunstverstand. Aber ich vermute, sie hat irgendwo in ihrem hübschen Köpfchen das Bild „Olympia“ von Edouard Manet gespeichert , und das liefert ihr nun mehr oder weniger bewusst die Kriterien für ein „gelungenes Portrait“.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, elektronische Spielereien, Leben, Meine Kunst, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 16 Kommentare

Blow up oder Der Palmengeist

Blow up ist ein Verfahren der Ausschnittvergrößerung in der Fotografie. Es wurde berühmt durch den gleichnamigen Film. Hier siehst du den Stamm einer Palme, den ich heute fotografierte, gedreht und vergrößert. Der Palmengeist schaut aus dem Baum heraus. Kein Irrtum möglich.

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Methode, Natur | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 21 Kommentare

Madame Kolokytha will portraitiert werden

Ihr kennt sie vielleicht noch, die ein wenig anspruchsvolle Mme Kolokytha? Seit sie ihren Platz auf dem Fensterbord des Ateliers inmitten angenehmer Gesellschaft gefunden hat, ist sie eigentlich recht verträglich geworden. Doch heute war sie verschnupft. Sie verlangte, portraitiert zu werden. Was mir einfalle, alles mögliche Lumpengesindel mit nach Hause zu schleppen und es zu reichnen, während sie selbst, eine Dame vom altem Geschlecht der Wasserkürbisse, unportraitiert bleibe.

Da Mme Kolokytha ziemlich nörgelig werden kann, wenn man ihr etwas ausschlägt, machte ich mich gleich ans Werk. Und ich muss sagen: sie hielt still. So konnte ich ihr feines Gewand recht gut studieren.

Wie ich so vor mich hin zeichnete, kam „das Lumpengesindel“ neugierig angehüpft. Und so gerieten sie mit aufs Bild. Und meine Hand auch.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, die schöne Welt des Scheins, Leben, Meine Kunst, Skulptur, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 12 Kommentare

Storia illustrata

falls ihr dies Blog nicht kennt, das mir täglich die wunderbarsten Bilder von Menschen und von der Natur ins Haus schickt.

Avatar von DoruVultureşti

Ursprünglichen Post anzeigen

Veröffentlicht unter Allgemein | 9 Kommentare

Kata-Strophen: Soldatenleben in 2 Akten (abc-etüde)

Noch eine abc-etüde mit den Wörtern, die Christiane gespendet hat. Die Einladung gestaltete dankenswerter Weise wieder lz. Die Wörter, mit denen es kleine Geschichten von höchstens 10 Sätzen zu fabulieren gilt, sind diesmal Bürde, speckig und schieben.

Soldatenleben

 1. Akt:  Langeweile

So manche Nacht muss Wache schieben
Der Michel, denn er ist Soldat,
Der Feind, er weiß es, ist gerieben
Und lauert immer, früh und spat.
Mit dem geschulterten Gewehr
So steht er da, und das ist schwer.
Die Uniform, sie ist schon speckig
Die groben Stiefel, sie sind dreckig.
Er träumt von einem schönen Krieg
Und einem noch viel schönern Sieg.
Dann wär er diese Bürde los
Und kehrte heim in Mutters Schoß.

Hier endet die erste Etüde.

Es beginnt eine zweite Etüde mit denselben Wörtern. Sie bildet sozusagen das Pendant zur ersten.

 2. Akt.: „Great again“

Der General und der Minister,

beugen sich über den Kartentisch.

Die beiden sind fast wie Geschwister

Und zwischen ihnen liegt ein Wisch.

„Nu hör mal Freund, so spricht der General

Und reibt sich seinen speckigen Nacken

Von Waffen überquellen tut mein Arsenal

Und die Soldaten brauchen dringend paar Attacken.

Wie wärs, den Grenzverlauf ein wenig zu verschieben

Paar hunderttausend Leute sind ja leicht vertrieben.“

„Ich werd“, so spricht der Herr Minister, „gerne

Mal sehen was sich da so machen lässt.

Der letzte Krieg ist ja schon ziemlich ferne

Ich frag mal rum und mache einen Test

Wie heut die Leute über Kriege denken

Und ob es leicht ist, sie dahin zu lenken.“

„Ich danke dir, mein Freund, ich bin ne Bürde los!

So werden wir und  unser Land auch wieder groß.“

Ob es wohl klappt mit Kriegen und mit Siegen?

Vielleicht klatscht man sie auch wie müde Fliegen

Wenn Winter folgt auf Sommers Pracht

Wenn auf den Tag der Erde folgt die Nacht.

Die Bilder sind durch Verschütteln bemalter und zerschnittener Pappstücke entstanden. Mir schien das die angemessene Methode für dieses Thema zu sein.

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, Katastrophe, Krieg, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Methode, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | 23 Kommentare

Montag ist Fototermin: Am Abendmeer

This gallery contains 3 photos.

More Galleries | Verschlagwortet mit , , , | 9 Kommentare

Schilfwurzelmännchen als Zeichenübung

Schilfwurzelmännchen als Zeichenübung (c) gerda kazakou

Ich nahm sie vor ein paar Tagen mit vom Strand. Sie sind so ulkig, diese Schilfwurzelmännchen. Schon vor Jahren habe ich sie mal mit Feder und Tinte gezeichnet, und heute reizte es mich, es mal wieder mit ihnen zu versuchen. Ich fand einen B2-Bleistift und einen weißen Zeichenkarton 50 x 70, und los ging es.

Die Fotos machte ich nach getaner Arbeit. Ich zeichne nie nach Fotos, da die Abtraktionsleistung von Kamera und menschlichem Auges sehr unterschiedlich ist. Natürlich stimmen auch Perspektive und Lichteinfall der Fotos nicht ganz mit denen der Zeichnung überein.

Veröffentlicht unter Allgemein, die schöne Welt des Scheins, Fotografie, Leben, Meine Kunst, Natur, Psyche, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 36 Kommentare

Die ich rief, die Geister…

Hilfe! Da habe ich nun meine Artistenfamilie in den wohlverdienten Urlaub geschickt und dachte, ich könnte mich neuen Sujets zuwenden …
Doch als ich im Abendsonnenschein am Meer entlangschlenderte, bemerkte ich einige Figuren, die beim Nähertreten eine verdammte Ähnlichkeit mit den Artisten hatten.

Zum Glück schauten sie alle auf das Sonnenuntergangs-Spektakel, und einer zeichnete still versonnen Sonnen-Linien in den Sand – so konnte ich mich unbemerkt vorbeischleichen. Wer weiß, ob ich sie sonst nicht hätte zum Abendmahl einladen müssen!

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, die schöne Welt des Scheins, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Natur, Psyche, Träumen, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , | 9 Kommentare