Evas Apfel
In der Bucht
Katzengeflüster
Als ich die Wörter sah, die nellindreams für die aktuelle abc-etüde-Runde gespendet hat, fiel mir spontan ein lang vergessenes Buch ein. Vielleicht triggerte das Zusammentreffen der Wörter „sensibel“ und „Regentonne“ meine Erinnerung. Das wunderschön bebilderte Buch „Das sensible Chaos“ von Theodor Schwenk hatte mich damals fasziniert – daran erinnerte ich mich, nicht aber, wo ich es eingeordnet hatte.
Manche versenken ihre Bücher ja in Regentonnen, wenn die Masse anderweitig nicht unterzubringen ist. So weit ist es bei uns zum Glück nicht gekommen. Dennoch ist es eine kaum lösbare Aufgabe, auf Anhieb ein gewünschtes Buch zu finden. Unsere Bibliothek gleicht selbst einem sensiblen Chaos. Hier im Mani-Haus lagert ein großer Teil im Untergeschoss auf stabilen metallenen Regalen. Leicht angestaubt warten große Kunstbände, aus der Mode gekommene Enzyklopädien, Kinder- und Jugendbücher des Sohnes, Grundlagenwerke diverser akademischer Studiengänge, Handreichungen für den Fremdsprachenunterricht, ausgelesene Romane, einst aktuelle Analysen der Weltverhältnisse, Kataloge von Kunstausstellungen und vieles mehr darauf, noch einmal in die Hand genommen zu werden.
Dorthin also steige ich hinab auf der Suche nach dem plötzlich aus der Erinnerung aufgetauchten Buch. Finden tue ich es nicht. Wahrscheinlich steht es in Athen.
Ich schwanke kurz, ob ich diese Erinnerung zum Thema der Etüde machen oder lieber eine „Kata-Strophe“ schreiben soll. Doch warum nicht zur Abwechslung eine Buchempfehlung?
Ich empfehle also das bahnbrechende, 2010 neu aufgelegte Buch von Theodor Schwenk (1910-1986) „Das sensible Chaos – Strömendes Formenschaffen in Wasser und Luft„, das für mich gleichgewichtig neben den Entdeckungen von Masaru Emoto (Die Botschaft des Wassers) und Victor Schauberger (Das Wesen des Wassers) steht. Eine Rezension in der FAZ würdigt es als „Das Buch, das die Wende zu einem neuen Verständnis des Wassers einleitete“, Jacques Cousteau nennt es „ein bemerkenswertes Buch“, Ralph Abraham, Mathematik-Professor der Universität von Kalifornien, findet „(Schwenks) Arbeit bis heute unübertroffen“. Zeit, es aus der Versenkung hervorzuholen!
300 Wörter

Beim Anblick des einsamen Anglers wurde meine Erinnerung an einen anderen Angler wach, den ich vor vielen Jahren in deiner Heimat Österreich, liebe Myriade, am Mondsee sah. Ich war dorthin zur Hochzeit meiner lieben Nichte gereist. Wie lange ist es her! Inzwischen ist sie längst Mutter, ihre Tochter ist herangewachsen ….
Der Wind hat sich zum Schlafen gelegt, als dieses Kind, fachmännisch gekleidet und ausgerüstet seinen Köder ins glänzende Wasser des Mondsees versenkt und hofft, dass ein Fisch anbeißt, während ein Schwan heranschwimmt, um den Köder zu inspizieren – aufgepasst, Junge! … Ob dieses Kind, dieser Junge nun wohl als Mann an einem anderen, womöglich dunkleren Gewässer steht, die kräftige Angel ausgeworfen, den Eimer neben sich, um frischen Fisch nach Hause zu bringen? Um ihn zieht sich Gewölk zusammen, der Wind schlägt Wellen auf und lässt das Wasser singen. Dem Mann ist, als mische sich eine andere Musik hinein, die von Weitem, aus anderer Zeit und anderem Raum zu ihm herüberklingt. Damals, als er ein Junge war, von Mama wohl verpackt, von Papa mit einer Angel ausgestattet, stand er an einem See, und die Eltern saßen dort hinten, auf der Frühstücksterrasse, sie liebten es, dort zu sitzen und zu plaudern und ihn dabei im Auge zu behalten. Er lauschte. Aus dem Radio erklang ein Lied, es war ein Hit von Beyoncé, das wusste er damals nicht. Mama mochte diese Musik sehr. Er konnte sich vorstellen, wie sie dem Papa schöne Augen machte und er ihr freundlich zulächelte. Die Musik hörte man von Weitem.

Von Herzen!
Viele Segenswünsche habe ich heute!
Dir, liebes Geburtstagskind, alles Liebe und Gute für das kommende Jahr! Dir, du frisch Operierte, schnelle Rekonvaleszenz! Dir, die heute bangend die Untersuchungsergebnisse erfährt, Mut und Zuversicht! Dir, dem weit Reisenden, gutes Ankommen! Dir, Menschenfreundin, gutes Gelingen deines schönen Vorhabens! Dir in deinem künstlerischen Schaffen Zuspruch und Erfolg!
Auf der Zeichnung halte ich das Büchlein mit Leseband in der Hand, das mir eine, die heute ihren Geburtstag feiert, geschenkt hat.
Ich schaue vom Platz, wo ich sitze, durchs Eulengitter hinaus aus dem Fenster, erblicke das Gemäuer der Umfriedung und darüber das Immergrün der Olivenbäume. Ein feines Netz rastert das Bild. Das ist die Jalousie aus dünnem Rohr, die vor dem Fenster hängt, um vor der starken Sonneneinstrahlung zu schützen. Mein Blick wird durch dieses Raster kaum behindert: ich sehe in dreidimensionaler Raumtiefe das Spiel von Licht und Schatten auf den Bäumen und der Mauer.
Auf dem Foto ist die Dreidimensionalität, die mein Gehirn durch meine Augen wahrnimmt, fast aufgehoben, und statt Licht und Schatten erscheint ein zweidimensionales „Gemälde“ von lichtschwachen Grau- und Grüntönen. Immerhin sind die dicken Feldsteine der Mauer noch gut zu erkennen. Muss ich vielleicht näher herantreten, um ein schärferes Foto zu erhalten?
Ich stehe also auf, trete näher ans Fenster heran und fotografiere nur den unteren Teil mit der Mauer. Aha, ja, die ist nun deutlicher zu erkennen.
Und wenn ich noch näher herantrete – wird sie dann noch deutlicher? Schritt für Schritt nähere ich mich. Überrascht stelle ich fest, dass zwar die Jalousie immer deutlicher, die dahinter liegende Mauer aber immer unschärfer wird, bis sie zu einem Hell-Dunkel-Muster verschwimmt
Mein Auge – auch das probiere ich aus – hat beim Nähertreten kein Problem damit, die Jalousie zu ignorieren und die Mauer, die Bäume, den Himmel in allen Einzelheiten wahrzunehmen. Nicht so die Kamera meines Handys, die an der nebensächlichen, aber direkt „vor Augen liegenden“ Sichtblende scheitert.
Ich fürchte, wie die Kamera funktioniert oft auch unser menschliches Hirn, wenn es darum geht, das größere Bid zu erkennen und das auszublenden, was uns wie eine Sichtblende „vor Augen gerückt“ wird.
Was das Hirn im natürlichen Raum gelernt hat – nämlich Unwichtiges selbst dann zu ignorieren, wenn es den Vordergrund beherrscht – kapiert es nicht unbedingt auch bei der Bewertung von Tagesnachrichten. Und so bleiben wir oft an „vor Augen liegenden“ Details hängen (zB Strompreis) und übersehen, was sich im Hintergrund abspielt. Das größere Bild verschwimmt uns in einem diffusen Nebel.
Astern – schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.
Noch einmal die goldenen Herden,
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?
Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du –
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,
Noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht:
Die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.

Eine abc-etüde für Fellträger-Freunde
Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Geduldig buchstabiere ich seinen Namen zum dritten Mal:
En wie Nordpol, E wie Elefant, Be wie Babylon, U wie Ukraine, K wie Kamel, A wie Alexander, De wie Dortmund, En wie Neapel, E wie Esel, Zett wie Zeppelin, A wie Alarm, Er wie Reisen. Ne-bu-kad-ne-zar. Wie der babylonische König. Du weißt schon, der den Turm zu Babel bauen ließ. Danach gings los mit den vielen Sprachen und der Buchstabiererei. Wenn dir sein Name zu schwierig ist, nenn ihn einfach Nebu. Nabucco geht auch. Und nimm den Käfig mit rein, bitte. Nebukadnezar ist sehr freundlich und anschmiegsam, aber Schiffsreisen kennt er nicht, da kann ich für nichts garantieren. Mag sein, dass er schläft, kann aber auch sein, dass ihm die Aufregung der Reise und die Wellenbewegung auf den Magen schlagen. Wenn du merkst, dass er einen Brechreiz kriegt, lass ihn an diesem Fläschchen hier schnuppern, da ist ein Beruhigungsmittel drin, extra für Katzen auf Seereisen entwickelt…. Ah, sie fordern uns Besucher auf, von Bord zu gehen! Tschüß! Und vergiss nicht: Ich lasse Nabucco ungern ziehen, er ist wirklich ein Prachtkerl, also pass gut auf ihn auf und hab ihn lieb, ja? Tschüß, und gute Reise euch beiden!
Dora schleppt Sachen herum, lacht und singt
Es lebte einst vor vielen Jahren
der kleine König Kugelrund
Sein Schloss war rund und ohne Ecken
drum konnte er sich nie verstecken
….
Kugelrund war aus dem Häuschen
Er weinte laut, weil er sich freute
und spielt vergnügt bis heute
Verstecken mit den geschenkten Ecken
Seit sie das Gedicht von Bruni gehört hat, deklamiert sie es unaufhörlich. „Ich spiele mit!“ kräht sie nun. „Allein Versteckenspielen macht niemandem Spaß! Der Teetisch ist ein perfektes Spielfeld mit einem Haufen Ecken. Mal sehen, wer von den Damen und Herren Untertanen mitspielt!“
Aha, Frau Kugeluhr-unter-der-Haube ist mit Tick und Tack als Erste zur Stelle ! Schon kommen auch Frau Plasteflasche und Madame Keksdose angewackelt Die Zwillige Knopf und Deckel möchten keinesfalls fehlen. Familie Kerze nimmt gleich auf drei Feldern Platz, Herr Stein rollt und kugelt sich zurecht, bis er eine gute Position im Kreis gefunden hat. Herr Zapfen verzichtet auf den Streich, um dabei zu sein. In der Mitte aber positioniert sich selbstbewusst eine gelb gekleidete Dame – oder ist es vielleicht ein Herr? „Herr Becher! Frau Tasse! Schön, dass Sie auch vorbeikommen“, freut sich Dora.
„Meine Damen, meine Herren Untertanen!“ begrüßt Dora sie. „Nehmen Sie bitte Platz. Es gilt, König Kugelrund ausfindig zu machen. Wo ist König Kugelrund? Wo haben Sie sich versteckt, Majestät?“
Drauf ertönt ein vielstimmiges Lied, das ungefähr so geht.
Eene mene Mecke,
wir kommen um die Ecke
gerollt, gepurzelt und gekreist
sind extra für Sie angereist!
*
Die Ecken schrecken uns nicht sehr
Doch Kreiseln liegt uns eher mehr
Drum König sei Herr Kugelrund
Wir tun’s dem runden Weltall kund.
*
Die Majestät versteckt sich gut
Wir haben dennoch guten Mut
Wir finden Sie! — Wo steckt sie bloß?
Wie sieht er aus, klein oder groß?
*
Rund ist er-sie, das ist bekannt
Im eckig runden Heimatland
Doch ist sie rot, grün, gelblich, blau?
Ist er ein Dummkopf oder schlau?
*
Trinkt sie gern Wasser od Kaffee?
Liebt er den Wald? Fährt sie zur See?
Taucht er in Seelentiefen ein
Schwimmt sie gern oben und allein?
*
Eene mene Mecke,
wir kommen um die Ecke
gerollt, gepurzelt und gekreist
sind extra für Sie angereist!