Dora zum SiebzehntenVierten: Vollmond-Dichtkunst

Um Mittrnacht stehe ich im Gaten und starre an den Himmel. Graues Gewölk treibt drüber hin, Sand aus der Sahara, gemischt mit in wenig Luftfeuchtigkeit, für Regen reicht es nicht.

„Was starrst du in den Himmel?“ verlangt Dora zu wissen. „Ich warte auf den Mond. Der ist heute Nacht voll, und es wäre doch schade, wenn ich ihn gar nicht zu  sehen bekomme, zumal es ja der Ostermond ist.“ Nach dieser Auskunft starrt auch Dora in den Himmel, vielleicht, dass das Doppelstarren die Wolken ein bisschen flott macht. Und tatsächlich: eine Lichtpfütze entsteht im Grau, vergrößert sich, etwas blitzt zwischen zwei nun erkennbaren Wolkenrändern auf,… und da ist sie, die Schöne: Selene, Mondin.

Ich stehe und spreche leise ein paar Zeilen:

Gelbes Eis
Und grüne Nebel.
Kranke Kallablüten leuchten.
Von den bleichen Bechern rinnet
Goldnes Öl in sanften Strömen.

Warmer Moder,
Nackte Schädel.
Über weiße Marmorwüsten
Fliehen lautlos
Schwarze Schwäne.

„Was ist denn das?“ fragt Dora und schaut mich im Zwielicht der nun wieder mondlosen Nacht misstrauisch an. „Ein Gedicht“, antworte ich, „von einem deutschen Dichter namens Max Dauthendey.“ Ich habe keine Lust, ihr nun einen Vortrag über Dichtkunst zu halten. „Hör es dir noch mal an“, sage ich, und „Nimm es, wie es ist, es sind Bilder. Der Dichter war auch Maler, ist viel herumgekommen. Übrigens war er auch hier auf der Peloponnes. Aber als er dies Gedicht schrieb, war das alles noch nur in seinem Kopf, er hatte es noch nicht gesehen. Merkwürdig, aber mir scheint, er hat in diesem Gedicht sein ganzes Leben komprimiert. Lang war das eh nicht, dauerte nur einundfünfzig Jahre. Die letzten Jahre war er auf Java interniert, die Briten ließen ihn nicht weg, weil Krieg herrschte und er Deutscher war.“  – „Java?“ fragt Dora. Ich seufze. „Ja, Java, auf der anderen Seite der Erde. Da ist die Sonne bereits aufgegangen und die paar Christen dort feiern jetzt Ostern und die Auferstehung. Für die anderen herrscht jetzt Ramadan.“  – „Und was herrscht bei uns?“ fragt jetzt Dora. „Schlechtwetter“, gebe ich mürrisch zur Antwort.

Aber genau da tritt der Mond noch einmal duch die Wolken. Diesmal knipse ich mit Blitzlicht in der Hoffnung, dass das Foto dann fröhlicher wirkt.

Bingo! zumal Dora beim Leuchten nachhilft und dazu einen Singsang anstimmt, der mir zu Herzen geht. Dora – eine Dichterin?

weißes ei

und blaue nebel.

rund der Mond am himmel leuchtet

von der bleichen mondesscheibe

rinnt die fruchtbarkeit zur erde.

 

warmer moder

nackte Leiber.

über weiß bestrahlte meere

fliegen lautlos

wolkenschwäne

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Dora zum SiebzehntenVierten: Vollmond-Dichtkunst

  1. Hallo Gerda, wünsche Euch ein schönes Osterfest! LG Michael

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Doras Gedicht ist doch etwas lichtvoller, hoffnungsvoller.🌝

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  3. Ein feiner, ein sehr feiner Text, liebe Gerda!
    Ich habe den Ostermond gesehen, zuerst wolkenlos aus dem Autofenster und in voller praller Schönheit, aber dann als ich fotografieren wollte, da versteckte sie sich, die Mondin und in den Schatten der Wolken fand sie ein passendes Versteck …

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  4. Ich mag es auch nicht, gerda😊

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