Weibliche Skulptur und Dichtkunst (tägliches Zeichnen und ein Buch)

Gestern abend nahm ich noch einmal das Figürchen in die Hand, das ich kürzlich zusammen mit Dora zeigte. Es lag mir so angenehm in der Hand.

Diese Figur also zeichnete ich es samt den Schatten, die sie auf meinen Zeichenblock warf. Ich denke, ich werde es noch öfter versuchen.

Zuvor war ich bei einer Malerfreundin gewesen, die mir ein neu erschienenes Buch zeigte, das mir ebenfalls sehr angenehm in der Hand lag. Es hat ein schönes Deckblatt mit angedeuteten Frauengestalten. Neugierig schlug ich es auf. Was ich sah, waren …. fast leere Seiten. Nur auf den rechten Seiten gibt es kleine Einträge, oft nicht mehr als ein Name.

Των σιωπηλών σπαράγματα ist das Buch getitelt, daunter die Zeile ποιητριες  του αρχαίου κόσμου. Auf deutsch heißt das in etwa:

Der Schweigenden Bruchstücke –    Dichterinnen der archaischen Welt.

Ja, es sind „Schweigende“, diese Dichterinnen, von denen uns nur Namen überliefert wurden. Zeitgenossinnen von Sappho.  Von ihrem Werk ist noch weniger erhalten als von dem ihrer berühmten Lehrerin. Die wenigen erhaltenen Zeilen wurden nun von jungen Griechen mühsam Bruchstück um Bruchstück zusammengetragen und in einem schönen Buch vereint.

Gelesen habe ich nicht darin, aber ich bin froh, es in Händen gehalten zu haben. Mir ist, als lebten die Stimmen der schweigenden Dichterinnen nun in mir.

 

 

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Dora zum DreizehntenVierten: Verrankt

Verrenken tut Dora sich ja gern, aber erstmals sah ich sie verrankt. Sie konnte den entzückenden Ranken dieses Blümchens nicht widerstehen. Vorsichtig entwickelte ich sie und setzte sie wieder frei.

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Dora zum ZwölftenVierten: Rhythmus

Die dunklen Stämme der Pinien sind wie Taktgeber. Und so wundert es mich nicht, als Dora anfängt, im Rhythmus der Stämme über den Weg zu hopsen:

„Und eins, und zwei, und vorwärts rückwärts seitwärts ran. Und eins und zwei … !“ Das Kind auf dem Fahrrad staunt nicht schlecht.

Ich freue mich, die helle Gestalt durchs leuchtende Grün hüpfen zu sehen. Danke, Dora, kleine Stimmungskanone, du gibst auch dunklen Tagen einen leichteren Rhythmus!

 

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Montag ist Fototermin: Autocolor und die erlebte Wirklichkeit

In Ost-Attika zu Besuch. Ich schaue aus dem Fenster, vor mir die zerstörte Landschaft. Zerstört wurde sie zuerst durch die anarchische Bebauung, dann durch einen verheerenden Brand (ich berichtete darüber, zB hier). Die Pinienwälder hatten den schändlichen Anblick gnädig verhüllt.

Man muss diese bauliche Verwüstung nicht sehen. Man kann in die Weite schauen: dort ist das Meer, und jenseits des Meeres liegt Euböa. Von Ferne ist Euböa schön. Von Nahem: auch dort haben Bauwut und Feuer gewütet. Aber das kann ich von hier aus nicht sehen. Ich kann die ferne Küste heranzoomen, ohne dass sie dadurch an Schönheit verliert..

Die anarchische Bebauung des Küstenstreifens ist aus dieser Entfernung erträglich, zumal hier die Bäume stehen geblieben sind. Dennoch: Schöner wäre die Landschaft ohne den bebauten Streifen, denke ich, und schneide ihn ab.

Ein bisschen schwachfarbig, finde ich. Das Meer war viel dunkler. Gelegentlich spielte es sogar ins Schwarze, dann nämlich, wenn eine Wolke über die Sonne zog. Auch sah ich mit bloßem Auge kleine weiße Schaumkronen auf dem Meere tanzen.  Ob sich die wohl durch  Bearbeitung des Fotos herausbringen lassen?

Zunächst gehe ich auf Auto Color. Das ist ein Einstellung von Fotoshop, die automatisch die Farbwiedergabe reguliert und sie möglichst an die „wirklichen“ Farben anpasst.

Igitt! Nein, Dieses Blau ist vollkommen falsch. Nie und nimmer sah das Meer so aus! Also gehe ich nun auf „Auto Tone“ – die Einstellung reguliert automatisch die Helligkeitswerte.

O je! Nein!! Soo dunkel war das Meer nun wirklich nicht. Die heftigen Kontraste haben  nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Und wenn ich nun die Intensität von Auto Tone ein wenig zurückfahre und per Hand die Helligkeit steigere?

Das kommt schon mehr an die „Wirklichkeit“ heran, wenngleich dieses Blau …. , nein! Es ist hoffnungslos.

Die heftigen Veränderungen der Lichtwerte hängen natürlich damit zusammen, dass ich den  dunklen Vordergrund weggeschnitten habe. Wenn ich das Originalfoto mit Autocolor und Autoton bearbeite, verändert es sich nur wenig. Das Blau ist auch auf diesem Foto total falsch, aber es kommt den Seherwartungen entgegen und wird nicht unbedingt als künstlich empfunden.

Lichtwerte und Farben werden auch durchs Heranzoomen beeinträchtigt. Also mache ich einen letzten Versuch: Ich nehme das erste Foto, das durch das Fenster gerahmt wird, schneide mir den Teilaspekt mit Meer, Himmel und Euböa-Küste heraus und begradige den Horizont. Dadurch erhalte ich ein nicht-gezoomtes Äquivalent des obigen Fotos.

Einen winzigen Streifen schwarzen Fensterrahmen lasse ich links stehen, um Autotone und Autocolor zu täuschen. Nach dem Einsatz dieser beiden Instrumente sieht das Foto nun so aus.

Es ist zwar nicht gänzlich falsch, aber auch jetzt fehlt alles, was mich an dem Motiv reizte: die Lebendigkeit des dunklen Meeres mit den kleinen springenden Wellen und der Glanz des Himmels …. Es ist hoffnungslos.

 

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Dora zum ElftenVierten: Mohnrot

Wir machen einen Besuch an der attischen Westküste. Der Wind zaust mächtig an den schmächtigen Mohnblüten, die sich in einem Vorgarten zwischen Geranien und gelben Margareten angesiedelt haben.

Ich möchte eine Nahaufnahme machen und versuche, eine Blüte in den Focus zu bekommen, aber kaum habe ich sie erwischt, flattert sie schon davon. Dora sieht meinen Bemühungen eine Weile zu. „Ich halte die Blüte mal fest“ ruft sie – und schon steht sie bis zu den Hüften im feurigen Rot.

 

Viel genützt hat ihr Festhalten freilich nicht.  In einer etwas windgeschützten Ecke klappt es schon besser.

„Das haben wir gut hingekriegt!“ befindet Dora und posiert auf einer etwas angeknabberten Blüte in Siegerpose.

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Dora zum ZehntenVierten: Nester

Auf unserem heutigen Spaziergang im Stadtwald begleitet uns heller Vogelgesang. Dora pfeift mit und freut sich. „Wohnen die Vögel da oben in den Nestern?“ frag sie und zeigt hinauf zu den Wipfeln der Pinien, die unseren Weg säumen. Diese Kids von heute! Also viel weiß ich ja auch nicht, aber dass diese Nester Singvögeln gehören sollen – nein, das käme mir nicht in den Sinn. „Das sind die Nester von Prozessionsraupen“, belehre ich sie. „Komischer Name,“ merkt Dora an und starrt hinauf zu den Wipfeln, wo nicht zwei oder drei, sondern leider -zig Nester zu erkennen sind.

„Sie heißen so, weil sie, wenn sie da aus diesen Nestern runterkommen, über die Wege zu den nächsten Bäumen wandern, und dabei hängt immer eine Raupe an der anderen. Sie sehen dann aus wie eine große Schlange oder eben eine Prozession…“ und um einer neuen Frage zuvorzukommen, ergänze ich: „Prozession nennt man feierliche Umzüge, die die Kirchen gelegentlich veranstalten.“ –   „Und diese Raupen prozessieren?“ – „Ach, Dora, nein, prozessieren ist wieder was anderes, das sagt man, wenn man jemanden anzeigt,  ihm also einen Prozess macht. Am liebsten wäre mir, jemand würde kurzen Prozess mit diesen verdammten Raupen machen.“ – „Du magst sie nicht besonders, diese Raupen, oder?“ – „Nein“, antworte ich finster. „Besonders nicht, wenn es so viele sind. Sie saugen den letzten Saft aus den Pinien, dabei sind die sowieso schon kurz vorm Vertrocknen. Erst die langen heißen Sommer, dann die eisigen Tage im Winter… Schau mal, wie kläglich sie aussehen! Und grad darum, weil die Bäume eh schon so kraftlos sind, vermehren sich die Prozessionsspinner wie doll.“

„Ich glaub, ich mach jetzt mal kurzen Prozess mit ein paar von diesen Prozess-Biestern!“ schreit Dora und flitzt zu den hohen Wipfeln hinauf.

„Hier wohnen keine mehr drin! Alle schon ausgeflogen!“ höre ich sie von hoch oben schreien. Aha, so, ja. Es ist fast Mitte April. Die Prozessionsraupen haben anscheinend schon ihr Quartier gewechselt. Fotografiert habe ich diese  im März 2019.

Und hier kannst du Dora sehen, wie sie die Nester inspiziert. Ich habe sie herangezoomt.

Dora untersucht ein Raupennest. 10.4.2022, herangezoomt.

(Alles Wissenswerte über die Prozessionsraupen findest du hier.)

 

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Verwandtschaft (abc-etüde)

Dies ist ein weiterer Beitrag zu Christianes abc-etüden. Die Wörter dazu lieferte Katha mit ihrem Blog Katha kritzelt. Einen inhaltlichen Zusammenhang stellte ich her zu Beate Gütls heutigem Eintrag „Beziehungen“  .

abc.etüden 2022 14+15 | 365tageasatzaday

In jenen fernen Zeiten

Als junge Frauen bei den Alten saßen

Und flink die Spindel drehten oder auch

Das Schiffchen durch gespannte Fäden jagten

Um Stoff zu weben für die Festgewänder

Und ihre Stimmen hoben sich und senkten

Sich mit dem Schiffchen – ja da war es

Dass mit dem Fadenlauf die neuen

Und alten Mythen ausgesponnen wurden.

*

Erzählstoff gab es viel, denn alles was belebt war

War von den Göttlichen durch Zauber umgestaltet

In allem konnte man die Menschenseele finden,

die in Gestalten der Natur gefangen sanft vibrierte

und sprach zu dem, der sich ihr lauschend nähert‘.

*

Das Vöglein dort, es ist die trauernde Geliebte

Des in dem wilden Meere umgekomm’nen Alkyon

Und jene Blume trägt in sich den Jüngling

Der selbstverliebt in stiller Flut versunken.

Die Spinne, die an langen Fäden sich

Vom hölzernen Gebälk des Hauses hangelt

Arachne ist’s, die große Weberin

Die in dem Wettkampf die Athene zwar besiegte

Doch diesen Sieg mit bittrem Los bezahlte.

Und auch die Sterne, das am hohem Himmel

Des Nachts den stillen Heimweg dir beleuchten

Es sind ja Frauen, Schwestern, Brüder, Freunde

Einst von den Göttlichen dort oben hingepflanzet.

*

Der Faden riss, die Spindeln stehen stille

Kein Webstuhl hebt und senkt mehr sanft die Fäden.

Die alten Mythen sind uns längst entfallen

Und längst versiegt der Strom, der sie belebte.

Denn fremd den Menschen ist Natur geworden.

Und statt sie in der eignen Seele aufzusuchen

Finden sie in Laboren DNA-Verwandtschaft

Mit Bären, Spinnen, Faltern oder auch Bananen.

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Dora zum NeuntenVierten: Ruheplätzchen

Dora lungert herum und macht Faxen. Sie langweilt sich. Warum ich mich nicht in Bewegung setze, will sie wissen. „Ach, lass man“, antworte ich und gähne. „Hab keine Lust auf nix.“ – „Und warum nicht? Die Sonne scheint, es ist bestes Wetter und du hängst hier zu Hause rum.“ – „Ja, stimmt schon. Das muss auch mal sein dürfen. Ich bleibe zu Haus.“

Da macht sich auch Dora auf die Suche nach einem bequemen Plätzchen. Sie entdeckt das Bronzepaar, das ich vorhin in der Hand hielt. Zuerst probiert sie den Damenschoß aus.

Aber dort hält es sie nicht lange. Sie hüpft auf den Herrenthron und räkelt und verrenkt sich, bis sie eine bequeme Postition gefunden hat.

Doch schon bald ist sie wieder unterwegs. Wo wird sie sich diesmal niederlassen? Ich folge ihr neugierig mit den Augen. Verblüfft bemerke ich, wie sie sich durch den schmalen Hals einer Messingvase quetscht. Wie macht sie das bloß? Der Unterleib ist schon im dicken Bauch der Vase verschwunden, während ihr Oberteil noch in der engen Öffnung festhängt.

Schließlich ist sie ganz verschwunden und winkt mir aus dem Inneren der Vase zu: „Komm auch rein!“ schreit sie, und so mache ich es ihr nach und begebe mich auch hinein. War ganz einfach. Da staunst du, was?

Nun wünsche ich allen meinen verehrten Leserinnen und Lesern einen geruhsamen Abend.

 

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Impulswerkstatt Bild No.1: Verhüllung und Nacktheit

Dies ist mein zweiter Beitrag zum ersten Bild von Myriades Impulswerkstatt.

Die Gefühle, die dieses leere Gewand in mir an- und aufregt, liebe Myriade, sind zwiespältig. Einerseits verspricht die Kutte Geborgenheit und Schutz. In dieser Hinsicht ähnelt sie der Burka der afganischen Frauen. Zugleich betont sie einen in der christlichen Kirche sehr weit verbreiteten Zug: nämlich Frömmigkeit und gottgefälliges Leben mit Rückzug, Asktentum und Leibfeindlichkeit zu verwechseln. Nackt ist böse. Die Vertreibung aus dem Paradies fällt im Alten Testament zusammen mit dem Moment, als der Mensch erkannte,  dass er nackt war,  Seither ist er angehalten, sich zu verhüllen.

Wie anders empfand das antike Griechenland!  Wie schwelgten seine Bildhauer in der Darstellung der Nacktheit, die gleichbedeutend war mit der Gottähnlichkeit des Menschen. Auch die Götter und Göttinnen waren ja durchaus nackt, sei es die uralte der Erde verwandte Fruchtbarkeitsgottheit, sei es die verführerische Aphrodite – die aus dem Schaum Geborene.

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Gleiches gilt für die männlichen Gottheiten, Krieger und Athleten: sie waren nackt.  Gymnos – nackt – waren die Ringer und Speerwerfer und die jungen und älteren Herren, die sich in den antiken Gymnasien tummelten.

(Abb.: Gott Hermes mit Dionysos als Kind, spätantike Skulptur  von Praxiteles, 390 v. Chr. – um 320 v. Chr.)

Das änderte sich mit dem Aufkommen des Christentums. Nackt war nun gleichbedeutend mit heidnisch. Die Heiden („Nationalen“) wurden verfolgt, ihre Tempel zerstört. Doch die weibliche Nacktheit hat sich in der Kunst trotz der stets lauernden Tugendwächter erhalten. Bildnisse von nackten Frauen sind Legion. (Du kennst vielleicht das Bonmot, Frauen kämen nur nackt ins MoMa. M.a.W: Die Bilder von Künstlerinnen kommen, im Gegensatz zu den gemalten Schönen, eher selten ins New Yorker Museum of Modern Art.)

Nacktheit ist nun der Sexualität zugeordnet. Die unmittelbare Berührung von Haut zu Haut ist außerhalb der Sexualität auf geringste eher symbolische Gesten reduziert und ansonsten verpönt. Inzwischen gilt sie sogar als infektuös. Wer in der Öffentlichkeit Hand in Hand geht, ist verdächtig, wer sich unbekleidet umarmt, ist ein ruhestörendes Ärgernis.

Bleibt also nur der Raum der Kunst. Ich habe eine kleine bronzene Skulptur (der Künstler ist in Griechenland sehr bekannt, leider vergaß ich den Namen).  Es handelt sich um eine geradezu klassische Beziehungsdarstellung:  Der Mann als Hülle, als Thron, als Beschützer der zarteren Frau.

Man kann die weibliche Figur herausnehmen.  Zurück bleibt dann eine leere Hülle mit einem halben Männergesicht.

In gewisser Weise ist es eine Erweiterung der Frau in der Mutterrolle, die den Sohn hält – so wie er immer wieder als Maria mit dem Kind. Der Mann als ewiges Kind, geschützt und genährt durch die Mutter. Damit sie dieser Rolle genügen kann, steht Joseph bereit, ihr seinerseits Schutz zu bieten.

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Mittelalterliche Holzschnitzerei, gesehen in Lübeck, St. Annen-Museum.

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Sturm im griechischen Parlament – und ein bisschen Geschichte.

Vorgestern wurde eine Videobotschaft des ukrainischen Präsidenten Zelensky im griechischen Parlament übertragen. Was sagte er? Nun, er sprach über die besondere Geschichte des Griechentums in Mariupol und Odessa, verglich den ukrainischen Kampf mit dem Kampf der Griechen gegen das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert, machte deren Kampfruf „Freiheit oder Tod“ zu  seinem eigenen, bedankte sich für Hilfe und Unterstützung, bat um mehr Waffen…. Alles so weit normal,  wie bei anderen Auftritten Zelenskys in westlichen Parlamenten.

„Freiheit oder Tod!“ – Schwur der griechischen Aufständischen gegen das Osmanische Reich, am 25.3.1821, im Kloster Ag. Lavra, Peloponnes (Abb. aus Wikipedia)

Dann aber kam ein Kämpfer des Asov-Regiments aus Mariupol zu Wort (hier der Video-Ausschnitt mit dem Asov-Kämpfer, übernommen vom staatlichen TV ERT I, überschrieben „Zwei Ukrainer und zwei Griechen sprechen über die die Gräuel des Krieges“).

Seither ist der Teufel los. Die Abgeordneten der Oppositionsparteien verließen empört den Saal. In allen Kanälen wird gestritten. Die Regierung verteidigt sich halbherzig: man habe keine Kenntnis von den zusätzlichen Reden gehabt, und als man es erfuhr, sei es zu spät gewesen.  Die Hauptsache sei, dass sich auch die Opposition klar und deutlich positioniert und den russischen Angriffskrieg verurteilt.

Doch die Wogen der Empörung wollen sich nicht legen. Man fühlt sich gedemütigt: im eigenen Parlament muss man sich so eine Provokation gefallen lassen? In der Wiege der Demokratie? In einem Land, für das die Nazi-Verbrechen immer offene Wunden bleiben? Man weiß ja seit langem, dass der ukrainische Präsident mit Neo-Nazis kooperiert, aber dass er die Unverfrorenheit besitzt, dies dem griechischen Parlament unter die Nase zu reiben und seine Mörderbanden mit dem heiligen Kampf der Griechen um ihre Unabhängigkeit zu vermengen – das wird wie ein Faustschlag in den Magen empfunden.

Alexander Ypsilantis (Wiki)

Schlacht von Navarino, Zeichnung von George Philip Reinagle, um 1827 (Wiki)

Um das Ausmaß der Irritation zu verstehen, muss man wissen, was Nazitum für die Griechen bedeutet (deutsche Besatzungsgräuel 1941-44), und worauf die tief verwurzelte Freundschaft zu Russland beruht. Hierzu ein paar Stichwörter: Der gemeinsame christlich-orthodoxe Glauben ist eine starke verbindende Kraft. Er führte auch zur Ansiedlung zahlreicher Griechen durch Zarin Katerina II am Asovischen Meer. Der Befreingskampf gegen das Osmanische Reich (Beginn 1821) wurde von Alexander Ypsilantis, einem Offizier, der in der russischen Armee gedient hatte, angeführt. Die zaristische Flotte und die russisch-türkischen Kriege trugen entscheidend zum Sieg der Griechen bei. In der neueren Geschichte retteten sich die Pontos-Griechen, die seit der Antike am Schwarzmeer siedelten, in die noch junge Sovjetunion und entkamen so der vollständigen Ausrottung durch die neutürkische Soldateska (20er Jahre des 20. Jahrhunderts). Überlebende des Zweiten Weltkriegs (deutsche Besatzung) und des Bürgerkriegs (1946-49), die in der kommunistisch dominierten EAM (Befreiungsarmee) gekämpft hatten, fanden in der Sovjetunion Asyl. In Griechenland blieb die Erinnerung  an die Rolle der SU im Kampf gegen Nazideutschland, und an die Leiden der Russen während des „Großen vaterländischen Kriegs“ lebhaft. Daher hat auch die jetzige russische Auslegung des Konflikts – dass es sich um die Befreiung der Ukraine von einer Neo-Nazi-Herrschaft handelt – eine nicht zu unterschätzende Anhängerschaft.  Hinzu kommen natürlich wirtschaftliche Interessen, die durch die Boykottmaßnahmen verletzt werden, angefangen bei der Energieversorgung bis hin zu den finanzstarken russischen Investoren und Touristen.

Nach Umfragen sind 60% der Bevölkerung nicht einverstanden mit der einseitigen Verurteilung Russlands. Man glaubt den Meldungen über Massaker durch russische Truppen nur bedingt, hält vieles für Propaganda. Schlechte Erfahrungen mit den USA, die man für die Obristendiktatur 1967-74 verantwortlich macht, tragen das Ihre dazu bei…. kurzum, es gibt eine starke antiwestliche Strömung im Land. Die wird sowohl von rechten als auch von linken Parteien aufgenommen und vertreten.

Die jetzige Regierung (Neue Demokraten) ist eine Mitte-Rechts-Formation, die sich eindeutig auf die Seite des „Westens“ gestellt hat, weil sie die Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen des Landes am besten in guten Beziehungen zu den USA aufgehoben glaubt. Sie glaubt sich damit  „auf der richtigen Seite der Geschichte“ (MP Mitsotakis). Sie verurteilte mit deutlichen Worten den russischen Einmarsch in die Ukraine, ohne die völkerrechtswidrige Besetzung halb Zyperns durch die Türkei zu erwähnen, die nun schon, unter dem Schutz der britischen und US-Bündnispartner, fast fünfzig Jahre andauert.

Für die Regierung ist es ein schwieriger Balanceakt, gegen einen Teil ihrer eigenen Anhängerschaft regieren zu müssen. Die Videobotschaft des Asov-Kämpfers im Parlament führte nun zu einem stark emotionalisierten offenen Streit, zumal die Rolle des Asov-Regiments gerade in Mariupol als äußerst problematisch eingeschätzt wird. Ihm wird nachgesagt, aktiv die Evakuierung der Menschen aus den umkämpften Gebieten zu verhindern, Häuser und humanitäre Einrichtungen besetzt zu halten oder zu zerstören, Flüchtige mit Erschießung zu bedrohen oder auch zu erschießen, „Säuberungen“ gegen „Verräter“ und „Kollaborateure“vorzunehmen usw. Kurzum, man traut ihnen alle Verbrechen zu, die man während der Nazi-Besatzung kennengelernt hat.

Angesichts dieser Empfindlichkeiten: Was hat den ukrainischen Präsidenten bewogen, die griechische Regierung quasi zu überrumpeln, indem er einen dieser Kämpfer in seine eigene Rede einband? Wollte er diese guten Patrioten ausgerechnet im griechischen Parlament vom Ruf der Nazi-Gesinnung reinwaschen? Der ukrainische Botschafter in Griechenland tat nach dem Eklat genau dies.

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