Dora zum SechzehntenNeunten: Was tun mit Fritzi?

„Fritzi geht es nicht gut“, verkündet Dora. – „Ja, leider“, murmele ich. – Es stimmt, Fritzi, die Besondere, die als Einzige unser Menschenleben gründlich erforscht und Vertrauen zu uns gefasst hat, sieht recht kläglich aus. Sobald ich mich vor die Tür setze, kommt sie an, umstreicht wie immer meine Beine und entschließt ich nun erstmals, auf meinem Schoß Zuflucht und Schutz zu suchen

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Ich halte ganz still. Es macht mir Eindruck, dass sie ausgerechnet jetzt, wo sie offenbar verletzt oder krank ist, so viel Vertrauen zu mir zeigt. Vorsichtig balanciert sie sich auf meinen Knien aus, sucht die bequemste und sicherste Stellung. Ich unterstütze sie sacht dabei.

Nun ist es geschafft. Sie schaut mich fast beschwörend an. „Was soll ich nur tun?“, frage ich Dora. „Was möchte sie, das ich tue? Soll ich sie zum Arzt bringen? Oder sie lieber in Ruhe lassen?“

Dora legt ihr Köpfchen schief und denkt nach. „Lass sie in Ruhe und gib ihr ein bisschen Extra-Futter. Und ich gebe ihr ein paar Bestrahlungen für ihr blutiges Näschen “

„Hm“, sage ich. „Meinst du, das reicht?“ – „Du kannst ja vorsichtshalber die Katzenkundigen unter deinen Lesern und Leserinnen fragen. Die wissen vielleicht, was mit Fritzi los ist und geben uns einen Rat.“

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Tägliches Zeichnen: Wilde Möhre und Meer

Auch hier sehe ich nun überall die „Vogelnester“ der wilden Möhre,  die Almuth so wundervoll im Abendlicht fotografierte. Ein wenig anders sieht sie hier aus, aber ich denke doch, dass es sich um dieselbe Pflanze handelt. Wenn nicht, möge man mich belehren.

  Ein Nest brach ich ab und trug es nach Hause, um es zu zeichnen.

Auch das Meer, wie es von Felsen, Geröllstrand, entfernter Landzunge und weißen Wolkenbänken gerahmt wird, skizzierte ich. Einer der Schatten ist mein eigener Schattenkopf, der sich auf dem nassen Sand abzeichnet.

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Hand mit Kolibristein (tägliches Zeichnen)

Viel habe ich seit meiner Rückkehr aus Samothrake nicht gezeichnet, aber dies und das ist doch entstanden, so diese Skizze von meiner Hand mit dem Kolibristein, den Karen mir schenkte. Dabei habe ich keinen Versuch gemacht, ihr kleines Kunstwerk getreu nachzuzeichnen, wollte es nur in der Hand zu halten, es hin und her wenden und mich am Spiel seiner Farben und Formen erfreuen.

Dora ist sehr dafür, Geschenke (δώρα, dora) zu ehren. Interessiert schaut sie mir auf die Finger, als ich versuche, die kleine Zeichnung digital umzugestalten. „Was hast du vor?“ will sie wissen. – „Ich möchte eine Devotionalie machen“, gebe ich zur Antwort. – „Eine was?“ – „Eine Devotionalie, das sind kleine, oft aus Blech getriebene kleine Gegenstände, die man auf Kirchenbasaren zu Hauf findet. Sie stellen die Madonna oder den Gekreuzigten oder auch Beine, Arme, ein Kind, einen Hund dar, und die Leute kaufen sie, hängen sie in die Kirche, zünden wohl auch eine Kerze an und bitten, dass ihre Gesundheit wiederhergestellt, ein Kind geboren, ein Hund gefunden wird, oder sie danken dafür, dass das Gewünschte eingetroffen ist.“ –

Dora nickt nachdenklich. „Ja, du musst mich bitten, dann wird dir auch gegeben. Wie sonst soll ich wissen, was du grad haben willst? Und wenn ich dir was geschenkt habe, darfst du dich gern dafür bedanken. Aber was willst du mit deinem Devo-Dingsbums erreichen?“

Soso, denke ich lächelnd, Dora hält sich tatsächlich für die Geberin aller Gaben. Eine Pandora wie ihre antike Namensschwester…. Laut sage ich: „Ich will die Devotionalie der großen Göttin Rhea (Fluss, das Fließende) widmen, damit sie die Kolibris schützt.“ – „Gute Idee!“ kräht Dora. „Ich häng das Devo-Ding dann mal in den Katzenbach auf Samothrake, da findet die Rhea sie bestimmt!“ – „Katsabas, nicht Katzenbach“, korrigiere ich. Aber Dora ist schon unterwegs und hört mich nicht mehr.

Auf der Suche nach einem passenden Gedicht fand ich dies von Silvio Rodríguez, das im kubanischen Spanisch sehr hübsch klingt.

Hoy me propongo fundar un partido de sueños

(heute will ich eine Partei der Träume gründen)

und das endet mit den Reimen:

Ala de colibrí,
liviana y pura.
Ala de colibrí
para la cura.

 

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Dora zum VierzehntenNeunten: Menschen von überall her (Samothrake-Bericht 11)

„Nun hast du einen Haufen Sachen über Samothrake erzählt, aber das Wichtigste hast du vergessen“, tönt Dora. – „Und das wäre?“ frage ich ein bisschen begriffsstutzig zurück. – „Die Menschen!!“ – He? Hab ich die wirklich vergessen? „Aber ich hab doch von Karen erzählt und auch von den Leuten, bei denen ich mich einquartiert habe“, verteidige ich mich. – „Schon. Und all die anderen? Sind die etwa weniger bedeutsam als deine Steine und Platanen und Ziegen?“ – „Nein, natürlich nicht, Dora, ganz im Gegenteil! Menschenbegegnungen sind für mich immer das allerwichtigste, wenn ich auf Reisen gehe.“  – „Na also!“ trumpft Dora auf. „Dann erzähl mal von Sonja und von Maria und von Ana und von Renzo und von Kritou und von der anderen Maria und von Irene und … !“

„Nun mal langsam, Dora! Unmöglich kann ich von allen Leuten erzählen, die ich in der Woche auf Samothrake getroffen habe. Lass mich mal überlegen …

A. Also gut Sonja, die Armenierin, die mit ihrem griechischen Mann im Bergdorf Profitis Elias eine Taverne betreibt und die tollsten Tierskulpturen aus Zement herstellt!“ – „Genau!“ kräht Dora. „Die Frau hat Mumm!“ Ich lächle. Den Ausdruck habe ich lange nicht gehört, er gefällt mir, und er passt so gut auf Sonja, die mir auf Befragen gern erzählt, dass sie aus Erivan stammt und ihr Vater ein handwerklicher Alleskönner war. Was immer er in die Hand nahm, wurde perfekt. In Erivan lebt nun ihre Tochter, studiert dort. Ihr Heimweh wird gemildert dadurch, dass es hier „genauso“ sei, dieselben Berge – und sie macht eine weite Bewegung hinauf zum Gipfel des Gebirges. ….Auf den Winter freut sie sich. Weniger Arbeit in der Taverne, mehr Zeit für ihre Kunst.

„Komm, lass uns spielen!“ kräht Dora vergnügt. „Du sagst ein Tier, das dir am besten gefallen hat, dann sage ich dir meins, und dann sagst du wieder deins, und dann ich…“

„Der Pfau!“ rufe ich – „Die sexy Fröschin“ echot Dora. – „Das Zebra“ ich – „Die andere Fröschin!“  – „Die sehnsuchtsvolle Giraffe“ ich – „Der Specht, der dem Baum die Zähne putzt!“ Dora — – „Der Truthahn“ ich – „Die drei Muskeltiere“ Dora….

Meine Reihe                                                               Doras Reihe

„Alles zusammen!“ ich –

„Alles zusammen!“ Dora.

Wir sind uns einig. Sonjas Kunst ist cool!

 

B. Maria ist im Gegensatz zu Sonja eine „Einheimische“ im strengsten Wortsinn, lebte aber lange bei Offenbach, war mit einem Deutschen verheiratet und wohnt die meiste Zeit des Jahres in Athen. Bei einem abendlichen Spaziergang im Zentraldorf Chora lerne ich sie kennen, als ich vor einem Häuschen stehenbleibe, das ein privates Volkskundemuseum zu sein scheint. Die Dame des Hauses spricht mich auf Deutsch an, wir kommen schnell ins Gespräch. Denn über dieses Haus und diese Insel zu berichten, ist ihre Leidenschaft. In einem winzigen Zimmer – sie zeigt es mir – wurde sie geboren. Ihr Vater hat das Haus, das der Großvater baute – oder war es der Urgroßvater, der von Beruf Notar war – ihr Vater also vergrößerte es, stattete es mit dem Nötigsten aus. Maria ist mein Jahrgang. Sehr früh schon begann sie zu zeichnen, zu ordnen und bewahren, was es an Sitten, Gebräuchen, Gerätschaften, Trachten, Liedern, Tänzen … gab. Sie arbeitete mit der großen Choreographin Dora Stratou zusammen, der die Erhaltung der griechischen Volkstänze zu verdanken ist. Im Laufe der Jahre entstanden außer dem kleinen Heimatmuseum Broschüren, Bücher, CDs, Videos, Gemälde. Maria wurde bekannt, geehrt (u.a. vom deutschen Botschafter) und nicht müde zu erzählen und zu zeigen, wie diese ihre Welt einmal war.

„Und?“ frage ich Dora, als wir in den dunkelnden Abend hinaustreten. „War das was?“ – „Nicht schlecht!“ kräht Dora. „Nette Frau!“. Heimatkundliches ist Dora ziemlich egal, stelle ich betrübt fest, aber Maria als Briefmarke hat ihr doch Eindruck gemacht.

C, D, E…

Ana aus Valencia, unterrichtet Philosophie an der gymnasialen Oberstufe, ist ich weiß nicht wie lange schon mit einem alten Kleinbus allein unterwegs, hat in der Heimat ein Stück Land gekauft, das sie bestellen will, und interessiert sich daher für Masanobu Fukuoka. Ich freue mich, ihr von Panagiotis Manikis, Schüler Fukuokas, erzählen zu können, der dessen Methoden der natürlichen Landwirtschaft seit vielen Jahren  in Griechenland verbreitet, und ihr Kontakte vermitteln zu können. (Ich  berichtete im Mai davon).

Karen hat uns miteinander bekannt gemacht.

Maria, die Inhaberin-Kellnerin meines Lieblingscafes in Kamariotissa, wo ich zum Frühstück gern Joghurt mit Honig aß und, wenn sie Zeit hatte, ein bisschen schwätzte …

Renzo aus Rom. den ich auf der Hinreise auf der Fähre kennenlernte und auf der Rückreise wieder traf. Mit einem Freund trampte er durch Griechenland, war auch in der Mani (!) und nun, nach einer Woche Samothrake, auf dem Weg nach Istanbul. Der Freund war ständig am Tagebuch schreiben und aquarellieren, Renzo liebte es, sich in der Zwischenzeit mit mir zu unterhalten. Und so erfuhr ich, wie es heutzutage mit dem Trampen geht, und konnte es vergleichen mit meinen eigenen Erfahrungen als junger reiselustiger Mensch.

Bleiben all die anderen, deren Wege sich mit meinemWeg kreuzten, an deren Namen und Persönlichkeiten ich mich zwar erinnere, von denen ich aber keine Fotos habe: der Ingenieur, der unser Grundstück vermaß, die Notarin, die den Schenkungsvertrag vorbereitete, der Busfahrer, den ich nach 23 Jahren wiedererkannte, die Taxifahrerin, die mich auf einer heißen Landstraße aufsammelte und mir für alle Fälle ihre Visitenkarte gab, der Wächter des Heiligtums, der schon seit 30 Jahren dieser Arbeit nachgeht, die Athenerin, die nun als Heilkräuterfrau auf der Insel lebt und ein Stück weit neben mir auf der Landstraße wanderte  ….

„Du hast Recht“, stimme ich Dora zu. „Die Menschen sind am Ende doch das Wichtigste. Was wäre mir die Natur, was die Geschichte, gäbe es nicht die Menschen. Manchmal bin ich sehr gern allein, manchmal gehen die Menschen mir auf die Nerven, manchmal machen sie mir Angst – aber ohne sie wäre das Leben ganz schön öde. “

 

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Am Morgen in meiner Bucht (kleine Beobachtungen)

Am Morgen gehe ich zum Schwimmen in meine Bucht.

Das Meer ist nach Tagen, in denen es unruhig und aufgewühlt war, fast zur Ruhe gekommen.

Von heftigen Bewegungen des Wassers zeugen nur noch die Wellenlinien im sandigen Untergrund.

Nach dem Schwimmen steige ich nochmal ins Wasser, um mir die sandigen und sonnigen Wellenlinien genauer zu beschauen. Dabei entdecke ich auch die gold-blau-farbigen Brechungen der Lichtwellen …

und was es sonst noch so an einem sonnigen Morgen an Wellenspielen zu entdecken gibt.

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Samothrake-Bericht 10 : Drei Landschaften

Die wilde, gewaltige Natur ist es, was die meisten Besucher nach Samothrake zieht. Das Inselgebirge war früher ganz von Eichenwäldern bedeckt, und auch heute gibt es noch schöne Wälder, wenngleich Raubbau und wilde Ziegen ihnen kräftig zugesetzt haben.  Bäche stürzen in mächtigen Wasserfällen herab und schieben dabei gewaltige Felsbrocken vor ich her. In den Schluchten und Tälern stehen uralte Riesenplatanen und Maronen und blüht rosa der Oleander. Schwefelhaltige heiße und klare eiskalte Quellen existieren fast nebeneinander.

A Ich habe kaum angemessene Fotos vom Zauberwald im Südosten der Insel, den viele junge Besucher zum freien Campen benutzen.

Die Mächtigkeit dieser Bäume wird am ehesten im Kontrast zur menschlichen Gestalt erkennbar. Das folgende Foto (Platanen in Therma, Samothrake) habe ich Karens website entnommen (Karen bei der Arbeit).

B In starkem Gegensatz zum üppigen Südosten der Insel steht die Westseite, mit breiterem Vorland, das für Landwirtschaft (Weizen, Viehfutter) und Viehhaltung (Ziegen, Schafe) genutzt wird.

Ich liebe diese karge, offene Landschaft fast noch mehr als die dschungelartige Vegetation der anderen Seite, die die meisten Besucher anzieht. Hier bin ich allein mit der Sonne, dem Wind und den Ziegen.

Diese Straße wanderte ich am letzten Tag hinunter.

C. Das schöne Zentraldorf Chora liegt im Inneren der Insel. Die kahle Bergflanke hat man schon vor vielen Jahren mit Pinien aufgeforstet, die eigentlich nicht auf der Insel heimisch sind.

Denselben Blick (von der alten Genueserburg herab) habe ich in frühen Jahren mal gezeichnet.

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Natur- und Menschengeschichte (Samothrake-Bericht 9, mit Dora)

Schwer fand ich es an jenem Tag, so schrieb ich, mit dem genius loci des Tempelbezirks Kontakt aufzunehmen. Da fiel mein müdes Auge auf ein Stück Erde, beschattet von einer Mauer, frisches Grün spross daraus hervor. Auf die Erde musste ich mich legen, und schlafen musste ich! Denn so erschöpft und von Gedanken geplagt, wie ich war, würde ich nie und nimmer verstehen, was ich hier zu finden hoffte.

„Und?“ fragt Dora, „hat es was gebracht?“ – „Ja, freilich, kleine Dora! Ich bin sofort eingeschlafen, und als ich aufwachte, war ich angekommen.“ – „Angekommen? bist du denn im Schlaf gereist?“ – „Vielleicht. Ich weiß es nicht. Jedenfalls war die Welt im Moment des Erwachens eine andere. Mir schien, dass alles, was zuvor falsch war, nun an seinen Platz gefallen war, und ich verstand.“  – „Was hast du verstanden, wenn ich fragen darf?“ – „Ach, Dora. Das ist so schwer zu beschreiben. Kennst du das: dass alles richtig und genau so ist wie es sein muss?“ – „Na klar kenne ich das!  Ist das was Besonderes bei dir?“

Ich überlege, ob Dora und ich dasselbe meinen. Dora steht ja immer im Hier und Jetzt, ihr Zeit-Horizont geht nicht über den Moment hinaus.  Und da ist eben immer alles, wie es sein muss. Keine Frage. es kann nicht anders sein, als es ist. Mir aber ist in diesem hellen Moment des Aufwachens, als sei auch die ganze grausame Menschheitsgeschichte seit Urzeiten kein sinnloses Stückwerk, sondern eine grandiose Entfaltung und Verwandlung vergleichbar der Pflanze, die aus dem Samen sich entwickelt und verwandelt bis zur höchsten Entfaltung in der Blüte, oder wie der Schmetterling, der nach so und so vielen Verwandlungen ans Licht tritt…. und ich schaue zu und bin zugleich Teil und Mitschöpfer dieser Entfaltung und Verwandlung.

Es beginnt irgendwie mit den fürchterlichen Beben und Vulkanausbrüchen, die das Inselgebirge aus dem Erdinneren hervorschleudern. Rundum nichts als das wilde Meer und Proteus, der „Erste“, der „Alte des Meeres“, der jede Form annehmen kann. Er ist Urvater der Kabiren und offenbar so etwas wie eine Stammzelle, die noch nicht definiert ist und alles werden kann. Unendlich sind die möglichen Entwickungsreihen, und die tatsächlich realisierten sind zahlreich wie Sand am Meer. Wieviele Mineralien, Pflanzenarten, Tiergestalten! Wieviele Gestirne jeder Art und Größenordnung! Und doch zieht Ordnung ins Chaos ein. Die schier unendlich vielen Einzelphänomene setzen sich teils feindlich, teils kooperativ zueinander in Beziehung, sie ordnen sich zu einem komplexen Ganzen, das uns mit großem Staunen erfüllen kann.

Und der Menschenkosmos? Wie ist es damit?

Da sitze ich nun zwischen Schlafen und Aufwachen auf dem steinigen Boden, den junges Grün wie ein sanfter Hauch bedeckt. Und fühle in mir, sehe es auch mit dem inneren Blick, wie die Geschichte der Menschheit – durch alle Zerstörungen und Verwandlungen hindurch und allen mörderischen Zusammenstößen zum Trotz – sich ebenfalls einem inneren Gesetz folgend entfaltet. Damit das geschieht, treten gelegentlich besondere Persönlichkeiten ans Licht. Alexander der Große ist so einer. Hier wurde er bei einer Heiligen Hochzeit gezeugt. Durch seine Taten – man mag sie moralisch beurteilen wie man will – wird Griechisch im gesamten östlichen Mittelmeer mit Ausstrahlungen nach Afrika und Asien zur Gemeinsprache, der Hellenismus zur herrschenden Kultur, das aristotelische Denken und damit die Anfänge des modernen naturwissenschaftlichen Denkens verbreiten sich.  Die griechisch-sprachigen Herrscher Ägyptens, die das alte Wissen in der Bibliothek von Alexandria sammeln und behüten, bezeugen seine Bedeutung hier, am Ort, wo er gezeugt wurde, mit großen Tempelbauten….. Dreihundert Jahre später wird Rom das Erbe antreten und zugleich zerstören. Die Bibliothek von Alexandria geht in Flammen auf. Nicht Caesars Sohn, den er mit Kleopatra, der letzten Ptolemäerin, zeugte, sondern der adoptierte Oktavian, genannt Augustus (der Erhabene) wird das Erbe antreten und den Raum ordnen und unbewusst vorbereiten für den Auftritt eines noch größeren Umgestalters: Jesus wird in Bethlehem geboren. Von diesem Impuls setzt sich die Bewegung in wachsenden Kreisen fort und fort, ergreift den gesamten Erdball…

Voll erwacht, werden die spitzen Steine am Boden fühlbar. Schmerzhaft fällt mir ein, dass sich wieder einmal zwei sogenannte christliche Nationen ineinander verbissen haben und sich gegenseitig Tod und Verderben bringen. Auch die östliche Ägäis ist mal wieder gesteckt voll mit Flugzeugträgern, U-Booten und Fregatten, die herumkreuzen in Erwartung ihres Einsatzes. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, sagt der Epheser Heraklitos. Ist es so?

„Vielleicht wächst die Menschheit ja durch Krisen und Krieg schlussendlich zusammen, es sei denn, dass sie sich endgültig auslöscht“, murmele ich, mühsam aufstehend und mir den schmerzenden Rücken reibend.

Und hier noch ein paar Illustrationen des Gesagten (eigene Fotos)

a) Ost und West, Europa und Asien immer schon im Kampf gegeneinander

„Alexanderschlacht“. Mosaik, Pompeji, ca. 150–100 v. Chr., vermutlich nach einer Vorlage aus dem 4. Jahrhundert. Aufgenommen im Archäologischen Nationalmuseum Neapel, 2019.

b) Die Utopie des ewigen Friedens  (Augustus‘ Neue Weltordnung)

Relief im Ara Pacis Augustae (Friedenstempel des Augustus) in Rom, aufgenommen im Juli 2022.

c) Christi Tod und Auferstehung: das Versprechen ewigen Lebens im himmlischen Jerusalem.

Auferstehungs-Fresko im Kloster Chora in Istanbul, aufgenommen vor etwa 25 Jahren

 

 

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Dora zum ElftenNeunten: Im Tempelbezirk (Samothrake-Bericht 7 mit täglichem Zeichnen)

Seit zwei Tagen bin ich wieder in der Mani, vorher auch in Athen. Der Mond wurde voll, nimmt nun wieder ab. Er wird jeden Tag etwa eine Stunde später erscheinen, wird Beulen bekommen, als blasser Schemen am Tageshimmel treiben und schließlich ganz verschwinden.

Die Bilder von Samothrake nehmen auch in mir ab, verblassen unaufhaltsam. Und doch, wie der Mond, der auch unsichtbar seine Wirkung ausübt, wirkt etwas, über das Sichtbare hinaus, in mir fort.

—–

Nicht das Sichtbare, das Materielle suche ich im Tempelbezirk der Kabiren, sondern die Verbindung mit einer geistigen Kraft, die man früher den spiritus loci oder auch genius loci, den Geist des Ortes nannte.

Als ich in glühender Mittagshitze durch das weitläufige Ausgrabungsgelände wandere, sehe ich einige meditierende Menschen, die offenbar Gleiches suchen. Mir gelingt es nicht.  Der Ort scheint mir wie von seinem Genius verlassen zu sein. Das macht mich traurig. Bin ich es, die den Kontakt nicht herstellen kann? Oder hat der Ort seine Kraft eingebüßt?

Ich versuche, mich zeichnend zu verbinden, setze mich auf einen Marmorblock und zeichne die aufgerichteten Säulen,  die so charakteristisch für den Bezirk sind.

Doch nichts Geistiges  will ich sich mir mitteilen, die Säulen rutschen aus dem Zentrum, während die groben Steine der Umrandung und der Baumbewuchs an Bedeutung gewinnen. Die erste Natur spricht zu mir, während der Geist der vormals angebeteten Götter stumm bleibt. Anders ist die Zeichnung desselben Motivs, die ich vor vielen Jahren, 1984, gemacht habe, mit Bleistift damals,  mit Kugelschreiber jetzt. Die Steine sind dieselben.

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Damals zeichnete ich auch das Theater (Kohle), dessen offene Schale den Himmel einfängt, während der Rand bereits in den Abgrund stürzen will. Jetzt ist das Gelände abgesperrt.

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Auch der Weg durch die Pforte des Todes, den die Frommen in alten Zeiten gingen, um in die Geheimnisse der Wiedergeburt eingeweiht zu werden, ist nun überwuchert und nicht mehr zugänglich. Und so fällt, was einst Bedeutung und höheren Sinn versprach, zurück in den Naturzustand.

In mein Raisonieren hinein höre ich Doras Stimmchen:  „Wer waren denn eigentlich diese ominösen Kabiren?“ Hm. Ja. Also. „Eigentlich waren sie Meergötter“, versuche ich eine Erklärung. „Man nannte sie die Großen Götter, aber sie waren eher Zwerge, im Vergleich zur Großen Mutter, der Kabeiro. Die wiederum hatte Proteus (der Erste), den „Alten des Meeres“ zum Vater. Proteus kann jede erdenkliche Form annehmen – und tut das auch ständig. Eben denkst du noch, er sei eine Robbe, da ist er ein Löwe, ist ein Baum, eine Flamme, ist Wasser, ist Schlange, ist Ratte. Immerzu metamorphosiert er.“

„? Was bedeutet metamor… also das Ding da?“  „Eben kein Ding, liebe Dora. Das Gegenteil von einem Ding ist Metamorphose. Es ist Verwandlung. Und die kann man eben nicht fassen, noch weniger als das Wasser oder die Luft. Alles verwandelt sich ja ständig, aber bei Proteus ist es schon sehr verwirrend, denn man weiß nie, was man grad vor sich hat.“ –

„Moment mal!“, kräht Dora. „Wie war das? Die Kabiren sind die Enkelkinder von diesem Verwandlungskünstler?“ – „Ja, so kann man es wohl sagen.“ – „Und die können sich auch verwandeln?“  – „So sieht es aus. Oder vielmehr, sie stellen die Kräfte der Verwandlung dar. Samothrake war, als diese Mythen entstanden, ein sehr wilder Ort, Erdbeben türmten sie auf und warfen alles über- und durcheinander, Stürme umbrausten sie, alles war zerklüftet, von Wald überwuchert. Das war ein mächtiges geradezu tobendes Umgestalten, das im Kabirenkult wohl ein bisschen geordnet wurde. Die Kabiren stellte man nämlich in Form von Krügen dar, in denen man Weihrauch und andere Kräuter verbrannte. In den Rauch sprach der Priester dann hinein und verband sich so mit den Göttern. All das ist nur sehr ungefähr bekannt, stammt ja aus uralten Zeiten, als noch nichts aufgeschrieben wurde. Die Tempel, von denen wir die Reste sehen, sind aus sehr viel späterer Zeit. Gebaut haben sie die Ptolemäer, also die Nachfolger von Alexander in Ägypten. Den großen Rundtempel hat Arsenoi II gebaut, und ihr Mann, der zugleich ihr Bruder war, hat …“ – „Ihr Mann war ihr Bruder?“ – Ja, Dora. Das war so unter den Pharaonen üblich, und diese griechischen Herrscher übernahmen die Sitten und Gebräuche des Landes, das sie regierten.“ – „Und warum haben diese Leute hier Tempel gebaut?“ – Ich seufze. Soll ich das wirklich noch einmal erklären? Und wenn ich erzähle, es war wegen Alexander und seiner Empfängnis hier auf der Insel … was habe ich erklärt? Wer war Alexander? Ein Gott mit göttlichem Auftrag, wie er selbst und viele der Späteren meinten, oder doch eher ein Raufbold, der den Osten mit Krieg überzog? Und was verband seine Erben, die Ptolemäer, tatsächlich mit dieser sturmgepeitschten abgelegenen Insel?

Dunkel bleiben alle Erklärungen. Und was den spiritus loci anbetrifft: Der spricht sich für mich am deutlichsten aus in den Flechten auf den alten behauenen Steinen mit Vertiefungen, in denen sich Blätter und der Kot von Ziegen sammelt.

„Hauptsache, es macht Spaß!“ tönt Dora in meine Grübelei hinein. Nun, so kann man es natürlich auch sehen.

 

 

 

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Dora zum ZehntenNeunten: Ruhm (Samothrake-Bericht 6, mit täglichem Zeichnen)

„Berühmt unter den Menschen weltweit ist Samothrake nicht wegen seiner goldäugigen Ziegen, seiner Eichenwälder, seiner unerschöpflichen Wasserfälle und seines Bergmassivs, das sich unvermittelt zu anderthalb tausend Metern aus dem Meer auftürmt, nicht wegen seiner berüchtigten Stürme, seiner heillenden Schwefelquellen  und seiner gewaltigen Platanen, durch die die Bäche auch im heißesten Sommer ihr Wasser spielen lassen, berühmt ist es nicht wegen der Quarzadern und der anderen bunten Gesteine, die bei seiner Entstehung aus dem Inneren der Erde hochgeschleudert wurden. Es ist nicht berühmt wegen seiner Geschichte – obgleich hier der große Alexander in Heiliger Hochzeit von Olympias empfangen wurde, und obgleich hier der Apostel Paulus erstmals europäischen Boden betrat und unter einer Eiche predigte, die ich vor ein paar Jahren noch sah, sofern es die richtige war und nicht nur eine Legende….“

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Eiche des Paulus, Zeichnung von 1984

„Hör schon auf!“ unterbricht mich Dora. „Ich will wissen, warum Samothrake berühmt ist, und nicht, warum es nicht berühmt ist!“ – „Ich weiß“, gebe ich zur Antwort. „mit dem, was etwas nicht ist, zu beginnen, ist ein rhetorischer Trick. Damit wird das, was etwas ist, erst ins rechte Licht gerückt.“  –  „Und das wäre dieses etwas?“ –

„Geduld! Hab Geduld, kleine Dora!  Und hör zu! Berühmt ist Samothrake unter den Menschen also nicht wegen seiner Natur und wegen seiner Geschichte, obgleich es natürlich Menschen gibt, die die Insel gerade deshalb für etwas ganz Besonderes halten. Es ist auch nicht extra-berühmt wegen der großartigen Tempel, die die Ptolemäer, aus Ägypten kommend,  hier zu Ehren der großen Götter und natürlich vor allem zu ihren eigenen Ehren bauen ließen. Kaum jemand weiß etwas von den damals verehrten Kabiren und den Mysterien, die hier zu Urzeiten eingerichtet wurden … oder weißt du etwas davon?“ – „Nee, was ist das? Mysterien, Kabiren, nie gehört!“  – „Ach, lass man, Dora, vielleicht erklär ich es dir später.  …. Haben große Dichter Samothrake berühmt gemacht? fragst du vielleicht? Schon gut, du fragst nicht, aber ich antworte trotzdem: Ja und nein. Denn tatsächlich spielt die zentrale Szene von Goethes Faust II, als es um die Menschwerdung des Homunculus geht, hier auf dieser Insel, aber wer interessiert sich schon für Faust II? “ Und ich deklamiere:

     Fort sind sie im Nu!

     Nach Samothrace grade zu,
     Verschwunden mit günstigem Wind.
     Was denken sie zu vollführen
     Im Reiche der hohen Kabiren?

     Sind Götter! wundersam eigen,

     Die sich immerfort selbst erzeugen,
     Und niemals wissen was sie sind.“

Nike von Samothrake

Nike, Zeichnung von 1984

„Götter, die niemals wissen, was sie sind?“ fragt Dora erstaunt. „Gibts sowas?“ – „Ja, meine Liebe. Alles ist im Werden. Warum sollten die Götter da eine Ausnahme machen? Und eigentlich wäre es gerecht, wenn Samothrake wegen dem Goethe und den Werdegöttern berühmt wäre. Ist es aber nicht. Berühmt ist sowieso nicht die Insel, sondern nur das Wort Samothrake, weil … so, pass auf, jetzt verrate ich dir etwas!  Es gibt eine berühmte Statue, die Nike von Samothrake, und die steht im Louvre in Paris.“ – „Nicht hier?“ fragt Dora enttäuscht. – „Nein, Dora. Die meisten Kunstwerke stehen nicht dort, wo sie ursprünglich hingehören. Im Fall der Nike kam das so:  Der französische Vizekonsul im Osmanischen Reich Charles Champoiseau, fand 1863 die Fragmente der Nike-Statue, die vor Ort zusammengesetzt und nach Paris gebracht wurden (Wikipedia). Später fand man noch zwei Finger und einen Handteller. Kopf und Arme blieben unauffindbar. Die wurden vermutlich zu christlichen Zeiten in einem der Kalköfen verbrannt, die es zu Hauf auf der Insel gab. Den Kalk brauchte man für den Anstrich der Häuser und der Olivenbäume. Samothrake hatte wegen der Tempel soviel Marmor, dass es sogar Kalk in flachen Schaluppen ausführte. Die Nike hat vermutlich nur überlebt, weil sie bei einem Erdbeben begraben wurde.“ -„Na, besten Dank! begraben, überlebt ohne Kopf und Arme, zusammengebastelt, nee, und so was ist berühmt? Da bin ich ja besser dran! Zusammengebastelt bin ich ja auch, aber nicht kopflos!“

„Wahr!“ gebe ich zu. „Du hast Köpfchen, kleine Dora. Die Nike hingegen ist kopflos, und das ist ganz passend. Sie stellt den Sieg in einem Krieg dar, den die Menschen längst vergessen haben. Die Toten sind vergessen und auch die Überlebenden, keiner weiß, waren es die Leute aus Rhodos oder die aus ich weiß nicht von wo, die da gesiegt haben und die da besiegt wurden. Komm, lass uns die Nike mal anschauen.“ – „Ich denke, die ist in Paris? fliegen wir dahin?“  – „Nee, nee, Dora. Wir bleiben noch ein paar Tage hier auf der Insel. Hier gibt es eine getreue Kopie, die ist zwar aus Thassos-Marmor, der grobkörniger und glänzender ist als der von Paros, aus dem das Original ist, und sie sieht auch schrecklich neu aus, aber Wind und Wetter werden ihr hoffentlich bald ein bisschen Patina verleihen.“

Ich setze mich hin und versuche, die Nike zu zeichnen, wie sie auf hohem  Sockel vor dem Museum von Samothrake dem Himmel entgegen stürmt, begleitet von den Silhouetten der Bäume.

„Nimm lieber das Foto“, rät mir Dora grinsend. „Da kann man mehr drauf erkennen…. Aber doch nicht das Foto! Da sieht man ja die Stützen zwischen den Flügeln!“  –

„Ich finde es passend,“ murmele ich. „Alles fake! Die Göttin, die Statue, der Sieg …, der Sieg vor allem. Schön ist die Nike freilich trotzdem! Besonders mit diesem Himmel, diesen Wolken und Bäumen lasse ich sie mir gefallen. Am Ende siegt die Schönheit über alles andere.“

 

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Dora zum NeuntenNeunten: Karen (Samothrake-Bericht 5)

„So geht das nicht!“ quäkt Dora. – „Was geht so nicht, meine Liebe?“ frage ich leicht irritiert und schaue von meinem Buch auf (das immer noch die Augustus-Biographie ist. Ich komme einfach nicht voran). – „Deine Leser und natürlich erst recht deine Leserinnen wollen wissen, wer Karen ist, der du das Land vermacht hast“.  –  „Meinst du?“

Ich zögere. Sicher, ich weiß inzwischen einiges über Karen, sie hat es mir ja erzählt, aber kenne ich sie deshalb auch schon? Und wenn ja, gehört das hierher? Andererseits: sie ist Künstlerin, und als solche ist sie eine quasi öffentliche Person, mit website und accounts bei FB und instagram. Was sie dort von sich zeigt, kann ich auch hier zeigen. Und damit auch ein klein bisschen für sie werben. (Hallo, Hamburger!)

Karen Backhus in Therma, Samothrake (instagram)

„Klar kannst du das!“ kräht Dora. „Brauchst du aber nicht. Die Leute können ja selbst nachgucken, wenn sie Lust drauf haben! Zeig lieber das, was du fotografiert hast, zum Beispiel den Kolobri-Stein, den sie dir geschenkt hat!“

Der Kolibri-Stein, ja. Den hat Karen mir geschenkt (danke Karen). Er ist ein wenig anders als die anderen höchst kunstvoll bemalten glatten Steine, die ich in ihrer Stube in Therma (heiße Quellen) in die Hand nehme. Die Bemalung zeigt kein Mandala wie die anderen, sondern …ja, was?  Wir einigen uns schnell: er zeigt einen Kolibri! In der Pension lege ich ihn auf mein Afrikakleid, um ihn abzulichten.

Du denkst vielleicht, das Bemalen von Steinen sei keine Kunst, sondern eine schlechte Angewohnheit von Menschen, die die Steine in ihrer Naturform nicht schön genug finden? Ich gebe zu, ich dachte bisher so. – Bis ich Karens Steine sehe und selbst versuche, einen zu bemalen. Pustekuchen! Schade um die Farben. Ich befördere den armen farbmisshandelten Stein schleunigst zurück in den Bach, der mir zu Füßen fließt.

Karen aber macht aus jedem ihrer Fundstücke echte Kunstwerke: Seien es Hölzer, Blätter, Steine oder wie auf dem abgebildeten Foto die Reste eines Schildkrötenpanzers – mit hoher Konzentration und Einfühlung fügt sie den Naturobjekten Bedeutung und Schönheit hinzu.

Innengewebe eines Schildkrötenpanzers, von Karen Backhaus gefunden und bemalt (ihr Foto)

Ihre unglaublich präzize, in sich schwingende Mandala-Malerei auf Leinwand kenne ich nur von Fotos. Ich kann mich nicht entschließen, eines von den vielen Gemälden auszusuchen. Viel besser ist es, du gehst auf ihre website – die ist nämlich in Zusammenstellung und Aufbau ein Augengenuss pur.  Da verstehst du auch den Geist, aus dem heraus Karen ihre Kunst schafft und ihr ganzes Leben als Kunstwerk gestaltet.

Sag selbst: Hätte ich eine bessere Hüterin meines Landes finden können?

Karen mit bemaltem Ahornblatt (instagram)

 

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