Sturm im griechischen Parlament – und ein bisschen Geschichte.

Vorgestern wurde eine Videobotschaft des ukrainischen Präsidenten Zelensky im griechischen Parlament übertragen. Was sagte er? Nun, er sprach über die besondere Geschichte des Griechentums in Mariupol und Odessa, verglich den ukrainischen Kampf mit dem Kampf der Griechen gegen das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert, machte deren Kampfruf „Freiheit oder Tod“ zu  seinem eigenen, bedankte sich für Hilfe und Unterstützung, bat um mehr Waffen…. Alles so weit normal,  wie bei anderen Auftritten Zelenskys in westlichen Parlamenten.

„Freiheit oder Tod!“ – Schwur der griechischen Aufständischen gegen das Osmanische Reich, am 25.3.1821, im Kloster Ag. Lavra, Peloponnes (Abb. aus Wikipedia)

Dann aber kam ein Kämpfer des Asov-Regiments aus Mariupol zu Wort (hier der Video-Ausschnitt mit dem Asov-Kämpfer, übernommen vom staatlichen TV ERT I, überschrieben „Zwei Ukrainer und zwei Griechen sprechen über die die Gräuel des Krieges“).

Seither ist der Teufel los. Die Abgeordneten der Oppositionsparteien verließen empört den Saal. In allen Kanälen wird gestritten. Die Regierung verteidigt sich halbherzig: man habe keine Kenntnis von den zusätzlichen Reden gehabt, und als man es erfuhr, sei es zu spät gewesen.  Die Hauptsache sei, dass sich auch die Opposition klar und deutlich positioniert und den russischen Angriffskrieg verurteilt.

Doch die Wogen der Empörung wollen sich nicht legen. Man fühlt sich gedemütigt: im eigenen Parlament muss man sich so eine Provokation gefallen lassen? In der Wiege der Demokratie? In einem Land, für das die Nazi-Verbrechen immer offene Wunden bleiben? Man weiß ja seit langem, dass der ukrainische Präsident mit Neo-Nazis kooperiert, aber dass er die Unverfrorenheit besitzt, dies dem griechischen Parlament unter die Nase zu reiben und seine Mörderbanden mit dem heiligen Kampf der Griechen um ihre Unabhängigkeit zu vermengen – das wird wie ein Faustschlag in den Magen empfunden.

Alexander Ypsilantis (Wiki)

Schlacht von Navarino, Zeichnung von George Philip Reinagle, um 1827 (Wiki)

Um das Ausmaß der Irritation zu verstehen, muss man wissen, was Nazitum für die Griechen bedeutet (deutsche Besatzungsgräuel 1941-44), und worauf die tief verwurzelte Freundschaft zu Russland beruht. Hierzu ein paar Stichwörter: Der gemeinsame christlich-orthodoxe Glauben ist eine starke verbindende Kraft. Er führte auch zur Ansiedlung zahlreicher Griechen durch Zarin Katerina II am Asovischen Meer. Der Befreingskampf gegen das Osmanische Reich (Beginn 1821) wurde von Alexander Ypsilantis, einem Offizier, der in der russischen Armee gedient hatte, angeführt. Die zaristische Flotte und die russisch-türkischen Kriege trugen entscheidend zum Sieg der Griechen bei. In der neueren Geschichte retteten sich die Pontos-Griechen, die seit der Antike am Schwarzmeer siedelten, in die noch junge Sovjetunion und entkamen so der vollständigen Ausrottung durch die neutürkische Soldateska (20er Jahre des 20. Jahrhunderts). Überlebende des Zweiten Weltkriegs (deutsche Besatzung) und des Bürgerkriegs (1946-49), die in der kommunistisch dominierten EAM (Befreiungsarmee) gekämpft hatten, fanden in der Sovjetunion Asyl. In Griechenland blieb die Erinnerung  an die Rolle der SU im Kampf gegen Nazideutschland, und an die Leiden der Russen während des „Großen vaterländischen Kriegs“ lebhaft. Daher hat auch die jetzige russische Auslegung des Konflikts – dass es sich um die Befreiung der Ukraine von einer Neo-Nazi-Herrschaft handelt – eine nicht zu unterschätzende Anhängerschaft.  Hinzu kommen natürlich wirtschaftliche Interessen, die durch die Boykottmaßnahmen verletzt werden, angefangen bei der Energieversorgung bis hin zu den finanzstarken russischen Investoren und Touristen.

Nach Umfragen sind 60% der Bevölkerung nicht einverstanden mit der einseitigen Verurteilung Russlands. Man glaubt den Meldungen über Massaker durch russische Truppen nur bedingt, hält vieles für Propaganda. Schlechte Erfahrungen mit den USA, die man für die Obristendiktatur 1967-74 verantwortlich macht, tragen das Ihre dazu bei…. kurzum, es gibt eine starke antiwestliche Strömung im Land. Die wird sowohl von rechten als auch von linken Parteien aufgenommen und vertreten.

Die jetzige Regierung (Neue Demokraten) ist eine Mitte-Rechts-Formation, die sich eindeutig auf die Seite des „Westens“ gestellt hat, weil sie die Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen des Landes am besten in guten Beziehungen zu den USA aufgehoben glaubt. Sie glaubt sich damit  „auf der richtigen Seite der Geschichte“ (MP Mitsotakis). Sie verurteilte mit deutlichen Worten den russischen Einmarsch in die Ukraine, ohne die völkerrechtswidrige Besetzung halb Zyperns durch die Türkei zu erwähnen, die nun schon, unter dem Schutz der britischen und US-Bündnispartner, fast fünfzig Jahre andauert.

Für die Regierung ist es ein schwieriger Balanceakt, gegen einen Teil ihrer eigenen Anhängerschaft regieren zu müssen. Die Videobotschaft des Asov-Kämpfers im Parlament führte nun zu einem stark emotionalisierten offenen Streit, zumal die Rolle des Asov-Regiments gerade in Mariupol als äußerst problematisch eingeschätzt wird. Ihm wird nachgesagt, aktiv die Evakuierung der Menschen aus den umkämpften Gebieten zu verhindern, Häuser und humanitäre Einrichtungen besetzt zu halten oder zu zerstören, Flüchtige mit Erschießung zu bedrohen oder auch zu erschießen, „Säuberungen“ gegen „Verräter“ und „Kollaborateure“vorzunehmen usw. Kurzum, man traut ihnen alle Verbrechen zu, die man während der Nazi-Besatzung kennengelernt hat.

Angesichts dieser Empfindlichkeiten: Was hat den ukrainischen Präsidenten bewogen, die griechische Regierung quasi zu überrumpeln, indem er einen dieser Kämpfer in seine eigene Rede einband? Wollte er diese guten Patrioten ausgerechnet im griechischen Parlament vom Ruf der Nazi-Gesinnung reinwaschen? Der ukrainische Botschafter in Griechenland tat nach dem Eklat genau dies.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Sturm im griechischen Parlament – und ein bisschen Geschichte.

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Gerda, diese Rede von Selenski hat mich sehr berührt wie zuvor seine Rede an unsere deutsche Regierung und läßt mich einfach nicht los. Wie soll unsere Regierung angesichts solcher Herausforderung reagieren? Nun, sie hat bereits reagiert, und vieles wissen wir nicht. Was das aber bedeitet, das ist wohl grauenvoll.
    Unser deutsches Volk ist ja nur einseitig – über sämtliche Medien – unterrichete worden, ebenso wie bei der Impfkampagnie. Einzelne aber machen sich Gedanken über die wahren Zusammenhânge, wie Du es ja auch seit langem tust. Doch glaube ich, daß es zu einer für alle geltenden Wahrheit nicht kommen wird, jedenfalls nicht auf diesem Wege.
    Was auf die Menschheit zukommt, ist unausdenkbar furchtbar. Und dennoch gibt es immer wieder LICHT-Blicke dazwischen, die uns aufmuntern, die Richtung zu ändern.

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Gisela, „wahr“ ist ein großes Wort. Ich berichte über historische Zusammenhänge, die Menschen in der gegenwärtigen Krise hier dazu führen, die Dinge anders als zB in Deutschland zu interpretieren. Mein einziges Motiv dabei ist, mehr Verständnis für andere Ansichten zu wecken. Was die Zukunft betrifft, so hängt sie von uns Menschen und unseren Entscheidungen ab. Liebe Grüße!

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Ich habe der Ansprache Selenskis gerade wegen seines Einsatzes für die griechische Ebklave in Mariopol so anteilnehmend verfolgt und dachte, das würde bei Euch Griechen auf Widerhall und Zustimmung stoßen. Und vielleicht wirkte das auf viele Deutsche ebenso.

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    • gkazakou schreibt:

      Nun, hat er sich eingesetzt? Oder sagt er das bloß? Stimmt es, dass humanitäre Korridore von der ukrainischen Seite ermöglicht wurden? Oder wurden sie von der ukrainischen Seite verhindert, weil die Verteidiger – also insbesondere die Asov-Verbände – die Zivilisten als Schutzschild brauchen?
      Wer kann es von hier aus beurteilen? Man müsste die Menschen selbst fragen. Doch selbst dann werden Aussagen zu Propagande. Es zirkulieren sehr verschiedene Zeugenaussagen zu denselben Ereignissen, je nachdem, welche Seite man anhört ZB sagt die junge Frau, die in der Geburtsklinik von Mariupol ihr Kind zur Welt brachte, dass die Klinik nicht von Flugzeugen bombardiert, sondern nur von einer Rakete getroffen wurde, dass die Schwangeren schon nicht mehr im Hauptgebäude waren, sondern in einem kleinen Nebengebäude untergebracht waren, weil die Asov-Leute den größten Teil für sich in Anspruch nahmen, dass sie nur leichte Schnittwunden hatte und die Frau auf der Bahre eine andere Frau mit Geburtskomplikationen war. Sie wirkt glaubwürdig, aber nun wird von ukrainischer Seite behauptet, sie sei von den pro-russischen Truppen entführt und gezwungen worden, diese Aussagen zu machen…..Was sollst du glauben?

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Wenn man dann diese Spur weiter verfolgt, entdeckt man oft Überraschendes. So jetzt bei Dir, Gerda. Denn daß die Griechen von Selenskis Einsatz für die griechische Enklave in Mariopol nicht genauso begeistert sind wie wir Deutschen, die er ja nicht besonders mag, das überrascht. Davon hört man hier nichts und ahnt es nicht. Die Sache mit dem Krankenhaus wird hier naturlich einseitig Rußland in die Schuhe geschoben, da der gesamte Westen sofort einmütig hinter Selenski stand und er zum „Helden“ ernannt wurde. Das erscheint auch vor dem gezeigten Hintergrunde wahrscheinlich und überzeugend.

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Ich habe ja, soweit möglich, auch die russische Sicht verfolgt, vor allem über den russischen Außenminister Lawrow, dessen Reden meistens sehr gut ins Deutsche übersetzt werden. Darum wagte ich es ja sogar, diese letzte entscheidende Rede von ihm auf meinem Blog zu bringen. Die konntest Du da ja hören und sehen, Gerda.

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      • gkazakou schreibt:

        Ja, Gisela , ich sehe, dass du dich redlich um ein breites Meinungsspektrum bemühst, und finde das vorbildlich. Was wahr ist, was nicht wahr ist, können wir wohl kaum beurteilen. Aber alles, was hilft, die Situation zu entspannen und den Frieden zu befördern, ist zu begrüßen. So wollen wir weiter hoffen, dass sich nicht zu viel Hass in den Herzen einnistet. Denn was nützt es, wenn die Waffen irgendwann schweigen, aber die Herzen hassen?

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Ja, das wollen wir hoffen und daran arbeiten, jeder von seiner/ihrer Sichtweise aus, die sehr unterschiedlich sein können.

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Jedenfalls bin ich sehr erleichtert, daß es in dem Krankenhaus sehr viel humaner zuging, als es uns gesagt wird, damit wir alle einstimmg Putin als den Hauptkriegsverbrecher verurteilen und somit einstimmig einem Einsatz der NATO gegen den russischen Vormarsch in der Ukraine zustimmen.

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      • alphachamber schreibt:

        Wir schliessen uns Ihrer vorsichtigen Sichtweise an: Das erste Opfer jeden Krieges ist die Wahrheit…(Hiram Johnson).

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  2. Ingrid Spieker schreibt:

    Danke für diesen Beitrag * Gerda * Durch dich erfahre ich so manche geschichtlichen Hintergründe und kann mir reflektierter ein Bild vom Geschehen machen *

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  3. Linsenfutter schreibt:

    Man kann allen Beteiligten nur raten zu überlegen, was sie sagen. Zu schnell richtet ein falsches Wort Reaktionen an, die nicht gewollt sind. Beispiele gibt es in der Geschichte reichlich.
    LG Jürgen

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Ja, Gerda, was soll/kann man glauben? Den offiziellen Bildern und Berichten glaube ich kaum noch.
    Was kann man glauben? Da ist zuerst einmal so eine merkwürdige Ahnung, daß daran etwas nicht stimmt. Und dann fängt man selbständig an zu suchen und zu vergleichen. Und bei dem Vergleichen der beiden Gegenseiten fühlt man sich mal mehr von der einen, mal mehr von der anderen Seite überzeugt. Das was am meisten bekämpft wird, kommt der Wahrheit oft am nächsten.

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  5. Utesandig schreibt:

    Der Herr ist gelernter Kabarettist liebe Gerda.

    Du weißt es, ich auch.

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  6. alphachamber schreibt:

    Putin hat seine eigenen faschistoide Ideale, und der profilierteste Chef-Ideologe des Kremlins ist eng mit Nazi-Konzepten verbunden. Die Nazi – fuer ewig das „Swiss Army Knife“ der kontinentalen Politik….

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