Dora zumVierzehntenVierten: Unterwegs

Wir fuhren heute von Athen zurück in die Mani. Machten unterwegs auch Halt bei der Taverne im Nirgendwo von Arkadien – seit Jahren tun wir das. Jetzt dürfen wir wieder.

Als wir essen, nähert sich vorsichtig eine Hündin, braun-weiß gefleckt ist sie, und sieht uns mit traurigem Hundeblick an. In den Garten darf sie nicht – ihr eingeklemmter Schwanz beweist, dass sie es dennoch bisweilen versucht hat. Ich tauche Brotbrocken in Öl und trage sie um die Ecke, sie folgt mir, frisst, leckt sich das Maul. Schaut mich mit schief gelegtem Kopf und leicht tränenden Augen an. Leckt sich das Maul. Wo dies war, muss es doch noch mehr geben.

Mit Tito war ich sehr oft hier. Schon bevor die Autobahn gebaut wurde und in Zeiten, als hier noch der Hauptverkehr vorbei ging. Immer machten wir hier einen Halt, und Tito, glückselig, dem Auto entkommen zu sein, freute sich auf einen Spaziergang die Landstraße hinauf und durch verwilderte Wiesen zurück.

Als ich heute eben diese Landstraße entlang wandere, ist mir, als laufe Tito vor mir her. Ich rede ein bisschen mit ihm: „Weißt du noch, als du… “

Dora hört sich das eine Weile mit an, unterbricht mich dann ungeduldig. „Tito ist nicht mehr. Dafür hast du nun mich! Kannst du mir mal bitte sagen, was du an dieser Gegend findest?“

Ja, was finde ich an dieser Gegend? Reizvoll ist sie nicht- weder volle Natur noch eine richtige Ortschaft, alles wirkt verwahrlost, ärmlich: Stallungen, halb fertige oder bereits wieder verlassene Gebäude,  Starkstrommasten queren die vor einigen Jahren abgebrannten Hügel, auf denen ein paar verwilderte Obstbäume nun weiße Blüten tragen. Gegenüber ein hoher breiter Hügel wie ein Grab, es gibt dort Altertümer, der Ort Asea war in der Antike bekannt. Ich hab vor Jahren mal versucht, den Hügel zu erklimmen, aber er ist voll Gestrüpp und kaum zugänglich. Nein, besonders schön ist der Ort nicht, ein wenig erinnert er mich an Jarmushs Filmtitel: „Stranger than Paradise“. In Athen haben wir ein Plakat an der Wand, das zeigt eine Szene mit dem (griechischen) Titel: „Viel kann passieren inmitten des Nirgendwo.“  Ja, so ist es hier, so empfinde ich diese Menschen, die Wirtin, die aus den USA kam und hängen blieb, verwitwete, eine bildschöne Tochter hat sie…und die Bauern, Männer in Jägerhosen, sie sprechen über die Fußball-Liga-Spiele, die braun-weiß-gefleckte herrenlose Hündin und der Schwarze, der sich dazugesellt, das eine Bein gebrochen, ein uraltes Auto, dem die Batterie leergelaufen ist – die wird nun mit einem Überleitungskabel aufgeladen…

„Und?“ fragt Dora. „Ich weiß nicht“, antworte ich. „Irgendwie mag ich so Gegenden, die wirken, als sei die Zivilisation an ihr Ende gekommen. Es gibt da ein Buch, das ich sehr mag, ist von einem Österreicher, Ransmayr heißt er, und das Buch heißt „Die letzte Welt“. Da gibt es solche Gegend, Tomis am Schwarzen Meer, wo der römische Dichter Ovid hinverbannt wird….Da gibt es einen uralten Überlandbus und ein Kino auf Rädern und einen Maulbeerbaum, der seine Früchte in den Schnee fallen lässt, so dass er sich blutot färbt…. “

„Ich glaub, du hast nen Schatten!“ holt mich Dora in die Gegenwart zurück. „Guck mal, eine ganze Wiese mit Bethlehemblumen. Die magst du doch so gern.“

Wahrhaftig! Und daneben eine Wiese mit roten Anemonen, und die weiß blühenden Obstbäume …

und der kleine Pinienwald am Fuße der Kirche … Ich atme tief durch. Schön ist es hier, in dieser Frühlingswelt. „Tito ist nicht mehr hier“, sage ich. „Aber dafür habe ich jetzt ja dich,  kleine Dora“.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Dora zumVierzehntenVierten: Unterwegs

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Nicht zwei Seelen in einer Brust“, die sich voneinander trennen, wie bei Goethes „Faust“
    sondern zwei Seelen, die zu einer werden, Du und Dora. Oder doch nur zwei Seiten e i n e r Seele?

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  2. Anonymous schreibt:

    schön, wie du das so erzählst und wieder gut zurück in der Mani – für euch ist ja später Oster-schöne Tage –

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  3. Bess schreibt:

    Fröhliche Ostertage mit Erinnerungen von Gutem und Schönen!

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  4. afrikafrau schreibt:

    ein Versehen das war die afrikafrau Gerda…..

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  5. Obong eno schreibt:

    Beautiful plants 💚🤍💚

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  6. und immer ist auch im Nirgendwo etwas Schönes.
    Man sieht es nur nicht auf den ersten Blick…

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