Herbst poetisch (Royusch Fotoprojekt Herbst VII)

Danke, Roland, für die schöne Anregung, diesmal ein Gedicht beizutragen. https://royusch-unterwegs.com/2022/11/06/fotoprojekt-2022-der-herbst-vii/

Ich habe zu diesem Zweck eine Collage aus Foto-Gedicht-Zeichnung gemacht.

 

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Impulswerkstatt No 4: Beste Freundinnen (Kulissenschieben)

Mein zweiter Beitrag zu https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2022/11/03/einladung-zur-impulswerkstatt-november-dezember-2022/

Bevor ich die beiden jungen Frauen deines Foto, liebe Myriade (das mir übrigens wegen seiner schlichten Aussagekraft sehr gefällt – Marion brachte es hier auf den Punkt), vor dein Gemälde platzierte,  ließ ich sie an verschiedene andere Orte reisen. Das war schwieriger, als ich gedacht hatte, denn die beiden scheinen dort, wo du sie fotografiert hast, wirklich „an ihrem Patz“ gewesen zu sein.  Dennoch vorsuchte ich es. Es ist ein bisschen wie Kulissenschieben: gleiche Darsteller, andere Szenerie und Ästhetik, neue Impulse für neue Geschichten.

Unterhaltung vor einem Bild (Kohlezeichnung G.K.)

Am Meer im Winter:

Über Zukunftsperspektiven reden:

Römisches Tagebuch: Besuch in Augustus‘ Friedenstempel

Zerwürfnis (in Salerno, mit Dora)

Poesiealbum:

Rast im kleinen Kloster:

Auf einem Scherbenhaufen:

In den Hügeln, im Blumenmeer

 

 

 

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Impulswerkstatt: vier Fotos, zwei Sätze.

Vorhang auf für die nächste Runde von Myriades „Impuswerkstatt“. Im Zuschauerraum sind die Lichter schon ausgegangen. Umso geheimnisvoller wirkt das Licht, das unter dem geschlossenen Vorhang hervorquillt und seinen Weg durch die mittlere Spalte sucht. Magische Wellen ….Welche Geschichten werden diesmal zur Aufführung gelangen?

Und schon geht es los!

 

„Dieses Mal wir es glücken, du wirst sehen. Wir gehen….“

Was die junge Dame in der schicken roten Jacke ihrer schwarz gekleideten Freundin vorschlägt, kann ich leider nicht verstehen, denn ein wütend kläffender Hund zerreißt die Stille. Ich drehe mich zur Quelle der Störung um und muss lachen. Nee so watt aber auch! Da hat man dem Kleinen einen Maulkob verpasst, aber das hektische Bellen kann er trotzdem nicht lassen! Ich rede ihm gut zu, und so beruhigt er sich, blickt aber weiterhin finster auf mich und die Welt, die ihm allerlei zumutet. Es ist ja nicht nur der Maulkorb, der ihm das Leben verleidet, sondern dieser ganze Mummenschanz einer auf „Sicherheit“ ausgelegten Politik seiner Inhaberin. Sie meint es gut, gewiss! Aber ist das ein Leben?

Während meiner Unterhaltung mit dem Hund sind die jungen Damen weitergezogen. Ich schicke ihnen den Wunsch hinterher, dass ihr Vorhaben, welches es auch sei, vom Glück begünstigt wird. Ich selbst muss mich beeilen, denn ich will noch schnell eine Galerie aufsuchen, bevor sie schließt.  Eine Freundin hat dort ihre neuesten Werke ausgehängt. Also nix wie hin.

Und wen sehe ich da, vor einem Diptychon hockend, selbst einem Diptychon gleichend? Die beiden Hübschen von vorhin! „In den Hügeln“, höre ich die in der schwarzen Jacke flüstern – warum flüstern die Menschen eigentlich immer im Angesicht von Kunst? – „scheint es zu lodern, ein Waldbrand vielleicht?“ – „Ich gaub nicht“, flüstert die rot Bejackte zurück, „ich glaub, das soll eine nächtliche Stadt am Fuß von einem Berg sein. Ist ja ganz schön, aber deine Sachen mag ich viel lieber. Die sind nicht so düster wie diese hier. Sollen wir die Galeristin mal fragen, ob sie sich deine Bilder ansehen will? Vielleicht klappt es diesmal.“

 

 

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Dora zum ViertenElften: Heiligt der Zweck die Mittel? (abc-etüde)

Schreibeinladung für die Textwochen 44.45.22 | Wortspende von Fundevogelnest

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Heiligt der Zweck die Mittel?

„Ich finde,“ kräht Dora, der ich mein gestriges Poem zur Erfindung der Lyra vorgelesen habe, „diesen Typen, wie heißt er doch gleich, ja, Merkur, den finde ich überhaupt nicht witzig. Die arme Schildkröte totzumachen!“  

„…und auch eins von Apolls Sonnenrindern“, erinnere ich sie bereitwillig. „Aber vielleicht heiligt der Zweck ja die Mittel? Immerhin hat er uns die Lyra geschenkt. Aus der haben sich dann all die anderen Saiteninstrumente entwickelt. Ohne Hermes gäbe es weder die Harfe noch die Gitarre, weder die ….“ 

„Blech!“ empört sich Dora. „Ich hab ja gar nix gegen die Lyra, aber konnte er dafür nicht was anderes nehmen? Holz vielleicht? Wahrscheinlich war es dem Faulpelz zuviel Arbeit. Einfacher ist es natürlich, einer Schildkröte den Garaus zu machen. Stell dir vor, ich würde das Kätzchen hier totmachen, weil ich kalte Füße habe und grad nix anderes zur Hand ist, um mir Hausschuhe herzustellen. Ich glaube kaum, dass du da so großzügig mit deinem Urteil wärst. Du würdest mich anflehen, das kleine süße Kätzchen leben zu lassen. Oder etwa nicht?“ 

Das Kätzchen! O weh, ja! Heute kam es mauzend angewackelt, dabei hatte ich schon gehofft, Prinkipessa hätte ihre Brut woanders hinverfrachtet. Aber nein, es steckte hinter dem Winterholzvorrat, wuchs heran und verlangt nun Lebensrechte. Die großen Geschwister sind nicht begeistert, aber was sollen sie tun? Sie dulden es. Mein Mann hat den keinen Wicht sowieso schon ins Herz geschlossen. Und ich gehöre auch nicht zu denen, die sagen, man sollte aus überflüssigen Katzen am besten Hausschuhe machen. Also sage ich kleinlaut: „Aus dem Kätzchen werden keine Hausschuhe gemacht, solange ich hier das Sagen habe.“

„Und aus Schildkröten keine Lyra, solange ich das Sagen habe!“ kräht Dora.

„Für die Lyra nehmen wir den Panzer einer toten Schildkröte,“ schlage ich vor. „Ich hab da sogar einen von Karen prächtig bemalten…“

Originalfoto von Karen Backhus.

300 Wörter

 

„

 

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Die Erfindung der Lyra. Mytho-logische abc-etüde in gebundener Rede.

 

Dies ist in Beitrag zu https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/10/30/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-44-45-22-wortspende-von-fundevogelnest/

 

Gott Merkur, gerade geboren und den Windeln entflohen,

ersinnt einen Weg, wie er dem größeren Bruder Apollon

den Rang ablaufen könnte trotz des leider vorhandenen

Rangunterschieds zwischen den Müttern der beiden.

 

Als erstes entführt er die goldenen Rinder, die dem Bruder gehören,

und treibt,  um Verfolger zu täuschen, die Herde

rückwärtsgehend der Grotte zu, in der seine Windeln noch liegen.

Schlachtet auch gleich eines der heiligen Tiere, zerlegt es,

entfernt die Sehnen der Beine und legt sie beiseite

röstet sich dann einen Schenkel und isst ihn.

 

Alsdann fühlt er Lust auf fröhliche Weisen, gespielt auf der Lyra.

Doch freilich die Lyra ist damals noch gar nicht erfunden.

Klein Hermes erkennt gleich die Lösung, als eine Schildkröte den Weg kreuzt.

„Komm her, ich brauch deinen Panzer, die Lyra zu bauen“, so spricht er.

Die Schildkröte fleht: „Ach lass mich am Leben, du göttlicher Knabe

Ich möchte noch hundert Jahre und mehr am grünenden Gras mich erquicken.“

Doch Merkur hat Eile, er tötet die Arme und nimmt sich den Panzer

Drauf spannt er die Sehnen des Rinds und fertig ist schon die Leier.

 

Apoll ist erzürnt ob der fehlenden Rinder und stürzt in die Grotte.

„Ich wars nicht“, so wimmert das Kleinkind, „ich habe dir gar nichts gestohlen!

Doch weil ich dich traurig seh und dich lieb hab

So schenke ich dir meine Leier, die grad ich erfunden. Ich weiß schon

Du wirst dann später behaupten, du seiest der wahre Erfinder

Das will ich gern dir verzeihn, denn großzügiger bin ich als jeder.“

 

Apoll, verwirrt von den Reden des Kleinen, bestaunt die neue Erfindung

Nimmt in die Hand sie und beginnt sie zu spielen. Da kann er nicht anders

Als seinem Bruder verzeihn. Ich täte es gleichfalls, auch wenn die Erfindung

Den Tod zweier Wesen voraussetzt. Kultur ist oft tödlich.

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

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Hand mit Horn: Vase und Flamme (tägliches Zeichnen)

Tierhörner faszinieren mich, ich habe schon etliche bei Spaziergängen aufgesammelt.  Um den hohlen Innenraum, der beim lebenden Tier einem mit durchbluteten Hautzellen überzogenen Knochenzapfen aufsitzt, bildet sich allmählich eine in sich gewundene feste Form, die vom Kopf des Tieres flammenartig ausstrahlt.

Solange das Tier lebt, wächst das Gebilde immer fort, indem es absterbende Epithelzellen mit Keratin ausfüllt und zu Hornzellen umgestaltet.

Nun, wo ich es in der Hand halte, ist der Wachstumsprozess längst zum Stillstand gekommen, aber in seiner lebendig gebogenen Form noch zu erahnen. Bei meinem ersten Zeichenversuch halte ich das Horn wie eine Vase, die Öffnung nach oben, die geschweifte sich zuspitzende Form nach unten gerichtet. Im Hintergrund läuft das Gestänge des Eisentisches mit der Bewegung mit oder bremst sie aus.

Beim zweiten Anlauf möchte ich dem Flammenden des Horns Ausdruck geben. Der blaue Flokati mit seinen bewegten Wollflämmchen untermalt dieseBewegung.

Die Form. so scheint mir, kann auch als Antenne gesehen werden, mit der das Tier in Sternennächten, das Haupt lauschend hebend, Signale aus dem Weltraum auffängt…

 

 

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Ein Prosit dem November: Schattenhand – Hand mit Weinglas

oder auch so

digital eingefärbt:

 

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Zaubergarten und Innenraum (Panorama-Rundblicke)

Mein Garten ist mir lieb, aber ein Zaubergarten mit Wegen, die wellenförmig das Grün durchströmen, ist er nicht – außer ich fotografiere ihn mit der Panorama-Einstellung und führe dabei das Handy schwungvoll über Haus, Bäume und gepflasterte Wege. Gerne würde ich euch das Ergebnis in Groß zeigen – doch fehlt mir dafür der Speicherplatz. Ein Detail (Mittelteil des obigen Fotos) muss reichen.

Am eindrucksvollsten aber finde ich diese Technik im Innenraum, so wie hier, wo ich eine ganze Drehung vollzog und daher das Fenster schließlich mit sich selbst zur Deckung brachte. Alles hat sich verdoppelt und gedreht: Kissen, runde weiße Vase mit roter Frucht etc, so alls wären Holpergeister mit Spiegeln eingebrochen…

Oder nimm dieses Bild, in dem sich Fenster und Bilder im Halbkreis um einen weitläufigen geheimnisvollen Innenraum gruppieren. Reine Magie!

Mir gefällt es auch, den Raum zum Tanzen zu bringen – wie hier.

Diese Fotos mögen genügen, um ein paar der Möglichkeiten aufzuzeigen, mit der Panorama-Funktion herumzuspielen. Mir hat es Spaß gemacht.

 

 

 

 

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Die Kraniche des Ibykus (Balladenmontag)

Christiane lud zum Balladenmontag. Ich schaffte es nicht, meinen gestern vorbereiteten Beitrag zu posten. Daher heute:

Kraniche: Einige von euch sahen dieser Tage Kraniche, die sich sammeln, um in riesigen Scharen gen Süden zu fliegen. Mir wurde dieser Anblick nur ein einziges Mal geschenkt, als ich durch eine Schlucht bei Marathon wanderte und eine schwere dunkle Wolkenwand einen Kranichzug vor sich herschob.  Nie werde ich es vergessen!

Corinthus Landesenge: Meinen ersten Griechenlandkontakt hatte ich 1966: Der AStA der FU Berlin, dem ich damals angehörte, wurde durch Vermittlung unseres Vorsitzenden Knut Nevermann nach Israel eingeladen. Es war die erste Einladung junger Deutscher nach Israel. Die Idee war, mit den unterschiedlichsten politischen Gruppierungen Israels ins Gespräch zu kommen. Es wurde eine meiner wichtigsten Erfahrungen.

Warum ich das hier erzähle? Weil unser uralter zypriotischer Dampfer namens  ΑΓΑΠΗ (Agape, Liebe),  aus Italien kommend, Richtung Piräus den schmalen Kanal von Korinth durchfuhr. Wir standen an Deck und winkten den Menschen zu, die wir hoch über uns auf einer Brücke entdeckten. Gleich darauf segelten Weintrauben aufs Deck. Welch süße Begrüßung durch meine spätere zweite Heimat!

Korinth: Einmal lauschte ich im Stadion außerhalb von Korinth Petros Gaitanos, dem großen Psalten, der das „Hohelied der Liebe“ vortrug – eine Vertonung des Briefes, den Paulus an die  frühchristliche Gemeinde von Korinth schrieb: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle….“. An diesem Ort! Auch das werde ich nie vergessen.

Die „Kraniche des Ibykus“ von Friedrich Schiller gehörten schon in meiner Schulzeit zu meinen Lieblingsballaden. Ich kann sie nicht ganz auswendig, aber viele Passagen sind mir bis heute geläufig: „Zum Kampf der Wagen und Gesänge, Der auf Corinthus Landesenge Der Griechen Stämme froh vereint, Zog Ibycus, der Götterfreund.“

Ich bringe hier die annotierte Version des Friedrich-Schiller-Archivs, denn vielen werden Orte und Namen, die zur klassischen Bildung gehörten, heute unbekannt sein. Bei Bedarf kannst du dort auch alles Wissenswerte über die Entstehung der Ballade (1798) nachlesen.

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Landschaft bei Korinth, aufgenommen von Akrokorinth.

Die Kraniche des Ibykus

 Zum Kampf der Wagen und Gesänge1,
 Der auf Korinthus‘ Landesenge2
 Der Griechen Stämme froh vereint,
 Zog Ibykus, der Götterfreund.
5Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
 Der Lieder süßen Mund Apoll3,
 So wandert‘ er, an leichtem Stabe,
 Aus Rhegium4, des Gottes voll.

 Schon winkt auf hohem Bergesrücken
10Akrokorinth5 des Wandrers Blicken,
 Und in Poseidons Fichtenhain6
 Tritt er mit frommem Schauder ein.
 Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
 Von Kranichen begleiten ihn,
15Die fernhin nach des Südens Wärme
 In graulichtem Geschwader ziehn.

 »Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
 Die mir zur See Begleiter waren,
 Zum guten Zeichen nehm ich euch,
20Mein Los, es ist dem euren gleich.
 Von fernher kommen wir gezogen
 Und flehen um ein wirtlich Dach.
 Sei uns der Gastliche7 gewogen,
 Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!«

25Und munter fördert er die Schritte
 Und sieht sich in des Waldes Mitte,
 Da sperren, auf gedrangem8 Steg,
 Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
 Zum Kampfe muß er sich bereiten,
30Doch bald ermattet sinkt die Hand,
 Sie hat der Leier zarte Saiten,
 Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

 Er ruft die Menschen an, die Götter,
 Sein Flehen dringt zu keinem Retter,
35Wie weit er auch die Stimme schickt,
 Nichts Lebendes wird hier erblickt.
 »So muß ich hier verlassen sterben,
 Auf fremdem Boden, unbeweint,
 Durch böser Buben Hand verderben,
40Wo auch kein Rächer mir erscheint!«

 Und schwer getroffen sinkt er nieder,
 Da rauscht der Kraniche Gefieder,
 Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
 Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
45»Von euch, ihr Kraniche dort oben!
 Wenn keine andre Stimme spricht,
 Sei meines Mordes Klag erhoben!«
 Er ruft es, und sein Auge bricht.

 Der nackte Leichnam wird gefunden,
50Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
 Erkennt der Gastfreund in Korinth
 Die Züge, die ihm teuer sind.
 »Und muß ich so dich wiederfinden,
 Und hoffte mit der Fichte Kranz9
55Des Sängers Schläfe zu umwinden,
 Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!«

 Und jammernd hörens alle Gäste,
 Versammelt bei Poseidons Feste,
 Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
60Verloren hat ihn jedes Herz.
 Und stürmend drängt sich zum Prytanen10
 Das Volk, es fodert seine Wut,
 Zu rächen des Erschlagnen Manen11,
 Zu sühnen mit des Mörders Blut.

65Doch wo die Spur, die aus der Menge,
 Der Völker flutendem Gedränge,
 Gelocket von der Spiele Pracht,
 Den schwarzen Täter kenntlich macht?
 Sinds Räuber, die ihn feig erschlagen?
70Tats neidisch ein verborgner Feind?
 Nur Helios12 vermags zu sagen,
 Der alles Irdische bescheint.

 Er geht vielleicht mit frechem Schritte
 Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
75Und während ihn die Rache sucht,
 Genießt er seines Frevels Frucht.
 Auf ihres eignen Tempels Schwelle
 Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
 Sich dreist in jene Menschenwelle,
80Die dort sich zum Theater drängt.

 Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
 Es brechen fast der Bühne Stützen13,
 Herbeigeströmt von fern und nah,
 Der Griechen Völker wartend da,
85Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
 Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
 In weiter stets geschweiftem Bogen
 Hinauf bis in des Himmels Blau14.

 Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
90Die gastlich hier zusammenkamen?
 Von Theseus‘ Stadt15, von Aulis Strand16,
 Von Phokis17, vom Spartanerland,
 Von Asiens entlegner Küste,
 Von allen Inseln kamen sie
95Und horchen von dem Schaugerüste
 Des Chores grauser Melodie,

 Der streng und ernst, nach alter Sitte,
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Hervortritt aus dem Hintergrund18,
100Umwandelnd des Theaters Rund19.
 So schreiten keine irdschen Weiber,
 Die zeugete kein sterblich Haus!
 Es steigt das Riesenmaß der Leiber
 Hoch über menschliches hinaus20.

105Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
 Sie schwingen in entfleischten Händen
 Der Fackel düsterrote Glut,
 In ihren Wangen fließt kein Blut.
 Und wo die Haare lieblich flattern,
110Um Menschenstirnen freundlich wehn,
 Da sieht man Schlangen hier und Nattern
 Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

 Und schauerlich gedreht im Kreise
 Beginnen sie des Hymnus21 Weise,
115Der durch das Herz zerreißend dringt,
 Die Bande um den Sünder schlingt.
 Besinnungraubend, herzbetörend
 Schallt der Erinnyen Gesang,
 Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
120Und duldet nicht der Leier Klang:

 »Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
 Bewahrt die kindlich reine Seele!
 Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
 Er wandelt frei des Lebens Bahn.
125Doch wehe, wehe, wer verstohlen
 Des Mordes schwere Tat vollbracht,
 Wir heften uns an seine Sohlen,
 Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

 Und glaubt er fliehend zu entspringen,
130Geflügelt sind wir da, die Schlingen
 Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
 Daß er zu Boden fallen muß.
 So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
 Versöhnen kann uns keine Reu,
135Ihn fort und fort bis zu den Schatten,
 Und geben ihn auch dort nicht frei.«

 So singend, tanzen sie den Reigen,
 Und Stille wie des Todes Schweigen
 Liegt überm ganzen Hause schwer,
140Als ob die Gottheit nahe wär.
 Und feierlich, nach alter Sitte
 Umwandelnd des Theaters Rund
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Verschwinden sie im Hintergrund.

145Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
 Noch zweifelnd jede Brust und bebet
 Und huldiget der furchtbarn Macht,
 Die richtend im Verborgnen wacht,
 Die unerforschlich, unergründet
150Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
 Dem tiefen Herzen sich verkündet,
 Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

 Da hört man auf den höchsten Stufen22
 Auf einmal eine Stimme rufen:
155»Sieh da! Sieh da, Timotheus,
 Die Kraniche des Ibykus!« –
 Und finster plötzlich wird der Himmel,
 Und über dem Theater hin
 Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
160Ein Kranichheer vorüberziehn.

 »Des Ibykus!« – Der teure Name
 Rührt jede Brust mit neuem Grame,
 Und, wie im Meere Well auf Well,
 So läufts von Mund zu Munde schnell:
165»Des Ibykus, den wir beweinen,
 Den eine Mörderhand erschlug!
 Was ists mit dem? Was kann er meinen?
 Was ists mit diesem Kranichzug?« –

 Und lauter immer wird die Frage,
170Und ahnend fliegts mit Blitzesschlage
 Durch alle Herzen. »Gebet acht!
 Das ist der Eumeniden Macht!
 Der fromme Dichter wird gerochen,
 Der Mörder bietet selbst sich dar!
175Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
 Und ihn, an dens gerichtet war.«

 Doch dem war kaum das Wort entfahren,
 Möcht ers im Busen gern bewahren;
 Umsonst, der schreckenbleiche Mund
180Macht schnell die Schuldbewußten kund.
 Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
 Die Szene23 wird zum Tribunal24,
 Und es gestehn die Bösewichter,
 Getroffen von der Rache Strahl.

photo 28

Akrokorinth, Felsenspitze mit Flugspur

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Ver-rückte Panoramen (Montags ist Fototermin, mit Dora)

Manchmal benutze ich die Panorama-Funktion des I-phone. Gewöhnlich bemühe ich mich dann, das Gerät möglichst waagrecht über das anvisierte Motiv zu ziehen, wie bei diesem Foto: die Horizontlinie ist dennoch ein wenig gewellt.

Gestern nun, als ich per Panorama-Funktion eine Grundschule mit Kindergartenanlage fotografiere …

kräht Dora: „Lass mich mal ran!“ Verrückt! Auf ihrem Foto schlagen das langweilige Flachdach und der abschließende Zaun plötzlich elegante Bögen. 

„Wie hast du das gemacht?“ frage ich verblüfft. „Och“, meint sie, „ich hab halt das Gerät nicht so brav stillgehalten wie du!“

Jetzt will ich es auch mal ausprobieren. In großen Wellenbewegungen führe ich meine Kamera über das Meer-Panorama. Ha! Der Horizont gerät ins Scheudern. 

Und wie wäre es,  die gepflasterten Gartenwege mit dem Katzenvolk vor meiner Haustür panoramisch abzubilden?.

Dora steht neben mir und kräht los: „Das ist noch gar nix. Lass mich mal machen!“ Das Ergebnis kann sich sehen lassen, finde ich. Dora ist eine kleine Magierin, ich ahnte es ja.

Es wird Spaß machen, noch ein bisschen weiter zu experimentieren.

 

 

 

 

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