Glasscherbenspiel: Einheit – Verwandlung.

Kürzlich besucht mich ein zehnjähriges Mädchen in meinem Atelier. Es geht gleich zu meinem letzten Scherbenbild …und fragt, ob es auch…. „Ja, gern“, sage ich und freue mich. „Aber pass auf, dass du dich nicht schneidest.“

Das war eine völlig überflüssige Ermahnung. Denn viele Kinder in diesem Alter (und vielleicht auch mit dieser schulischen Erziehung) haben die Neigung, alles zu ordnen und zu systematisieren. Ich erinnere mich noch gut an die Rüge eines Kindes angesichts meiner Kritzeleien: „zu unordentlich“.

Was also tut dieses Kind? Ich staune nicht schlecht! Es fügt die Scherben zur ursprünglichen Ordnung der Glasscheibe zusammen. Die zeigt sie mir stolz.

Und ja, ich bewundere diese ihre Fähigkeit, Ordnung zu schaffen. Einerseits. Andererseits: Nein, das ist nichts für mich. Ich brauche Kreativität, Bewegung, Verwandlung! Ich brauche Vielfalt, nicht Einfalt. Also mache ich mich heute daran, die Form leise, abschnittsweise wieder auseinander zu nehmen und zu spielen. Ich, die Alte.

 

Ich sehe darin ein Vogelwesen (1), das zum Menschen mutiert (2), einen Moment des Triumphes erlebt (3) und am Ende zur resignierten Frau wird, die sich selbst Scherbe für Scherbe in einen großen Müllsack fallen lässt (4).

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Unter dem Stichwort „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile und umgekehrt“ habe ich schon mal über meine kunsttherapeutische Arbeit berichtet

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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19 Antworten zu Glasscherbenspiel: Einheit – Verwandlung.

  1. Myriade schreibt:

    Das ist aber traurig ….

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Erstaunlich, was Du aus diesen wenigen Glasscherben alles gestaltest!

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  3. Anonymous schreibt:

    Ist doch schön, wenn Menschen unterschiedlich sind.

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  4. elsbeth schreibt:

    und …die Verwandlung geht weiter !! Denn Müll heißt nicht Ende …
    Das Wort Müll jedenfalls… mhd. mul, mulle….niederländisch mul–altenglisch myl
    umfasst Ausdrücke für feine Erde oder Staub…aber auch für lockere Erde ( vgl. Torfmull)….
    Also– Boden, bereit für Neues, für Verwandlungen…
    Die Ordnungsliebe des Kindes ? Sicher spielen schulische Entwicklung und häusliche Erwartungen eine Rolle : Es “ richtig“, „ordentlich“ machen ! Erstaunt hat mich , dass das Mädchen diese zauberhafte Giraffe mit dem Kleinen gegenüber nicht aufnahm, damit gestaltete …
    Aber das Kind ist auch in einer sehr anderen inneren Situation als wir Alten.. Die Welt ist Chaos genug. Erst einmal das Bedürfnis, etwas “ wieder heil zu machen“.Ich denke, hoffe (?)SEHR, dass es das Andere : Bewegung, Kreativität, Verwandlung auch „kann“ !!… Ein nachdenklich machendes Erlebnis das du schilderst. Danke fürs Teilen !!

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    • gkazakou schreibt:

      Danke von Herzen, Elsbeth, für deine vertiefenden Bemerkungen. Das Kind hat mir auch ein Bild gemalt, das von derselben etwas starren Ordnungsliebe geprägt ist. Ich fürchte, dass das Schulwesen dies Verhalten stark fördert. ich arbeite ja manchmal mit Kindern dieses Alters, lasse mir auch ihre Schulbücher zeigen, und da geht es eben fast nur um abstrakte Zuordnung, ohne dass ein inhaltliches Verständnis entwickelt würde (egal in welchem Fach). Ähnlich war es im Deutschunterricht für die griechischen Kinder: die Prüfungen bestanden fast nur aus multiple choice Aufgaben. Auch die meisten Lernspiele im Kindergarten sind Zuordnungsaufgaben. Im „Kunst“-Unterricht geht das Lob an die, die nicht über die Linie malen.etc pp.
      Warum ist die Welt ein Chaos? Weil sie sinnlos bleibt, wenn lebendige Zusammenhänge nicht erkannt, stattdessen schematische Zuordnungen honoriert werden. Wie du hoffe ich, dass die kindliche Intelligenz dennoch Wege findet, um kreativ zu werden.

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  5. signorafarniente schreibt:

    Ich bewundere sie sehr, die Menschen, die schon von klein auf alles ordnen können und wollen. In mir herrscht zu viel Unordnung, vielleicht auch Neugier und Quirligkeit, dass ich längst akzeptiert habe, meinem Spieltrieb nachzugeben. 😄 Signorino scheint ähnlich zu sein, wird jedoch sauer, wenn ich seine „Ordnung“, die ich von außen oft nicht erkennen kann, durcheinander bringe.

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  6. Christiane schreibt:

    Ich habe als Kind schon gern gepuzzelt. Ich finde nichts Schlimmes daran, die Struktur im Chaos zu sehen und eventuell wiederherzustellen, es ist halt nur weder das einzig Seligmachende noch die Antwort auf alles. 🤔
    Morgenkaffeegrüße ☁️🌼☕🍪🦋👍

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Christiane. Ich sehe auch nichts Schlimmes daran. Kommt es so rüber? Im Gegenteil, ich war beeindruckt und sagte es auch. Puzzeln mochte ich auch, und wenn man mir Schnipsel schickte, habe auch ich gelegentlich das Originalbild wieder zusammengesucht und mich gefreut, wenn es gelang. Es ist nur fragwürdig, wenn es einseitig wird und jede Störung der „herkömmlichen“ Ordnung als beunruhigend erlebt wird. Puzzeln bzw Zuordnen ist beruhigend, aber nicht kreativ. Kreativität setzt den Mut voraus, eine gegebene Ordnung zu zerstören und aus der zerstörten eine neue Ordnung zu kreieren. Kreativität beeinhaltet einen Durchgang durchs „Chaos“.
      In der Mythologie wird Kreativität oft mit dem Töten verbunden; das erste Musikinstrument erschuf Hermes, indem er eine Schilkröte tötete und ihren Panzer als Klangkörper nahm. Die Saiten gewann er aus den Sehnen der Apollon-Rinder, die er zuvor stahl und schlachtete.
      Ein großes Thema, zusammengefasst in dem denkwürdigen Satz von Heraklitos: πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι / Der Krieg ist eben der Vater von allem.

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      • Christiane schreibt:

        Nein, nichts „Schlimmes“. Notwendig, beide Seiten. Aber du vertrittst so leidenschaftlich das Recht auf Chaos, dass ich für die „Gegenseite“ ein Wort einlegen wollte. Das ist für mich ganz klar eine Yin-und-Yang-Geschichte, wenn die beiden Seiten nicht im Gleichgewicht sind, kippt alles nach der einen oder der anderen Seite, nichts davon ist auf Dauer förderlich … 🤔
        Und in dem Sinne rede ich auch gut von Heraklits Krieg … 👍
        Danke dir.
        Vormittagskaffeegrüße ☁️🌼☕🍪🦋🦋

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    • gkazakou schreibt:

      Genau: beides ist notwendig.
      Dass ich das Prinzip der Kreativität so leidenschaftlich vertrete, rechtfertige ich damit, dass in Germany Ordnung oft zu hoch im Kurs stand und in manchen Phasen krankhafte Züge annahm. Als ich nach Griechenland kam, atmete ich auf. Inzwischen geht mir hier manche Form der Unordnung auf den Geist. Wenn die Tugenden der beiden Länder, zusammen träfen, das wäre mein Ideal. Leider treffen ihre Untugenden (Rigidität – Unzuverlässigkeit) oft genug aufeinander. und führen zu neuer Unordnung. .

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  7. Lopadistory schreibt:

    Hätte ich vermutlich auch so gemacht. Für mich bedeutet Ordnung Sicherheit. Mein Techniker versteht das zum Beispiel überhaupt nicht😉

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  8. Schöne Geschichte. Vielleicht war das für sie wie ein Puzzle – die liebte ich. Aber ich mag deine Auslegeordnung auch sehr, würde es wohl heute auch eher so machen als andersrum.

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