Gestern machte ich einen großen Spaziergang – oder sind 7.6 km etwa doch schon eine Wanderung? Wie dem auch sei. Ich spazierte die Straße bis zum nächstgelegenen Bergdorf namens Megali Mantinia hinauf und, anstatt auf anderem Weg zurückzukehren, ging ich geradeaus weiter. Immer weiter: durch das stille steinerne Dorf, hinaus und hinauf vorbei an einer wild-unfruchtbaren Steinwelt, abgelegenen Ziegenkrals, bellenden Hunden hinter provisorischen Zäunen, einem Kirchlein, dessen großer Oliven bestandener Hinterhof mich zur ersten Rast lud. Hier und da ein Haus, auch zwei landwirtschaftliche Autos begegneten mir, wir grüßten uns, wie man es auf dem Lande tut. Dann tat sich die große Gebirgslandschaft auf, bis hinauf zu den Schneepipfeln des Taygetos blickte ich, und bis hinab zu den Buchten von Kalamata und Kardamili. Wäre die Sonne nicht untergegangen und hätten die alten Knochen nicht protestiert, ich wäre immer noch dort unterwegs, in dieser großen weiten schweigenden Welt der Hirten und Berge.
Bergwelt und ein Zipfel Meer: Herangezoomt.

ohne Zoom: links: Schneegipfel des Taygetos, rechts die Buchten von Kitries und Kardamili

Blick zurück zum Dorf und hinab zum Meer (gezoomt).

Megali Mantinia (Groß-Mantinia), etwa 180 Einwohner
große Kirche herangezoomt

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Bei Ralph Butler stieß ich auf einen Artikel zur „Spaziergangswissenschaft“. Ich finde, da ist was dran. Denn die Bauern und Hirten: Sehen sie Landschaft so wie ich, die Spaziergängerin aus dem Norden? Wohl eher nicht.
Anfänge der Spaziergangswissenschaft
- Juni 2017 von ralphbutler
Querfeldein denken mit Lucius Burckhardt
Anfang der 1980er-Jahre tauchte der Begriff „Spaziergangswissenschaft“ in der Burckhardtschen Forschung zum ersten Mal auf.
„Wir sind mobil wie nie zuvor, und das hat Folgen für unsere Wahrnehmung.“
„Wir führen eine neue Wissenschaft ein: die Promenadologie oder Spaziergangswissenschaft. Sie gründet sich auf die These, dass die Umwelt nicht wahrnehmbar sei, und wenn doch, dann aufgrund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben. Der klassische Spaziergang geht vor die Mauern der Stadt, in die Hügel, an den See, auf die Klippen. Der Spaziergänger durchquert eine Reihe von Orten […] Am Schluss, nach Hause zurückgekehrt, erzählt der Spaziergänger, was er gesehen hat. […] Dabei beschreibt er keinen der durchquerten Orte, den Wald, das Flusstal, schon gar nicht die Fabrik oder den Müllplatz, sondern er beschreibt integrierte Landschaftsbilder. Die Wahrnehmung beruht auf dem kinematografischen Effekt des Spazierengehens.“
Das Spazierengehen ist die „natürlichste“ und einfachste Art, sich eine Landschaft oder eine Stadt zu erschließen. (…)
Wahrnehmung beruht auf dem kinematografischen Effekt eines Spaziergangs, wie es schon die englischen Landschaftsgärtner mit ihren Rundwegen und angelegten Perspektiven wussten. Einzelne Sequenzen des Gesehenen werden im Kopf abgespeichert und wir sprechen, nach Hause zurückgekehrt, von typischen Landschaften und Regionen.
„Landschaft wahrzunehmen muss gelernt sein. Das gilt sowohl historisch wie individuell. Unser Kulturkreis wurde befähigt, Landschaft wahrzunehmen, weil die römischen Dichter, weil die Maler der Spätrenaissance, weil die englischen Landschaftsgärtner Landschaft darzustellen verstanden. Landschaft also ist ein kollektives Bildungsgut. Diesen Lernprozess müssen wir aber auch individuell durchmachen…“
http://www.deutschlandfunk.de/querfeldein-denken-mit-lucius-burckhardt-1-3-von-der.1184.de.html?dram:article_id=319584