Dora zum Zweiundzwanzigsten: Frühlings-Vorspiegeleien.

Im Atelier sitzend, fällt mein Blick auf eine junge Frau, vor Jahren flüchtig gemalt, die mich auffordert: „Zeichne mich“. Soll ich etwa mein eigenes Gemälde abzeichnen? Umgekehrt würde ein Schuh draus: erst zeichnen, dann malen. So macht man das von altersher.

Nun, ich bin kein „Maler von altersher“, und so greife ich mir ein Blatt Papier und mache mich daran, das Gemälde abzuzeichnen. Dabei geht es darum, mir den Aufbau bewusst zu machen.

Als unbefriedigend empfinde ich das Verhältnis zwischen der oberen komplexen und unteren ziemlich leeren Bildhälfte. Drum schneide ich die untere ab (links), blende nun die Zeichnung darüber und entfärbe das Ergebnis (rechts).

Dora, die mir auf der Schulter hockt, ist irritiert. „Wozu machst du das? Was gewinnst du damit?“ – „Nichts“, antworte ich vague,“nur ein bisschen Einsicht“. – „Wenn schon, denn schon! Wenn du schon was lernen willst, dann richtig!“ beharrt Dora. „Nur Mut!“.

Mut fehlt mir nicht. Was kann mir schon passieren, wenn ich Bild und Zeichnung bearbeite? Im schlimmsten Fall verschwende ich ein bisschen Zeit, von der ich genug habe. Also beginne ich auszuschneiden, zu kopieren, einzufärben, umzufärben, zu komponieren….

Dora betrachtet das jetzt entstandene Bild. Sie ist zufrieden. „Eine perfekte Bühne für meinen Auftritt“, befindet sie.

Auch ich sehe die rautenförmige Bühne zwischen den vier Grazien. Besser, als wenn sie ihre Einfälle im TV zum Besten gibt, denke ich. Was sie wohl im Sinn hat? Aaa, die Bühne wird zum  Spiegel, golden gerahmt, und darin erscheint nun, leicht verzerrt: DORA als Frühlings-Verkünderin!

Bravo, Dora! Applaus, Applaus! Du bist eine perfekte Wahrsagerin! In deinem Spiegel erscheint die Erde, wie sie demnächst sein wird! Du zeigst sie uns im Frühlingsblumenschmuck, während der Winter gerade seinem Höhepunkt zustrebt.

Doch was rezitiert sie denn da? Eichendorff? Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!“ Klar, Frühling und Romantik und ein bisschen Illusionstheater gehören unbedingt zusammen!

Frühlingsnacht

Übern Garten durch die Lüfte
Hört ich Wandervögel ziehn,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt’s schon an zu blühn.

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s,
Und in Träumen rauscht’s der Hain,
Und die Nachtigallen schlagen’s:
Sie ist Deine, sie ist dein!

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Dora zum Zweiundzwanzigsten: Frühlings-Vorspiegeleien.

  1. Stefan Kraus schreibt:

    Das nenne ich eine gelungene Paraphrase. Das entstandene Bild ist grandios!

    Gefällt 1 Person

  2. Gisela Benseler schreibt:

    – Oh was Du da zauberst, und Dora verzerrt. – wie geht das? Das Erstgemälde gefällr mir. Das Gedicht von Eichendorff ist mir neu.

    Gefällt 1 Person

  3. Für mich ist das Original Gemälde einfach zu gut!
    Mit der Bearbeitung und dem Text hast Du ja einer bestimmten Aussage Ausdruck verliehen und daß ist natürlich beeindruckend!👌👍

    Gefällt 1 Person

  4. Wie guuuut, daß Du das Original nicht angetastet hast, liebe Gerda! 🙂

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