Schwanenwege (5): Johannes‘ Geschichte

Hin und her habe ich überlegt, ob ich mit der Teilveröffentlichung der „Schwanenwege“ weitermachen soll. Und kam zu einem Ergebnis: Heute gebe ich die Geschichte von Johannes rein,  denn die schulde ich dir irgendwie, ich kann dich doch nicht einfach in der Luft hängen lassen. Danach ist für eine Weile Schluss. Denn ich muss erst mal mit mir selbst ins Klare kommen, was aus dem Manuskript werden soll.

Der heutige Abschnitt schließt nicht genau an den vorigen an, denn es fehlt das Kapitel „Nacht“. Wir treffen unsere Helden wieder am nächsten Morgen. Ludwig versucht, seinen älteren Bruder Harald zu erreichen, um zu erfahren, ob die Mutter bei ihm in Genua ist. Aber das Handy von Harald antwortet nicht. Warum? Das hat seinen besonderen Grund, den ich euch aber nicht verraten möchte. Hättest du das ganze Manuskript, wüsstest du es, und du wüsstest auch, wo die Mutter der fünf Geschwister und diese selbst sich befinden. Aber Ludwig weiß es nicht. Er ist ahnungslos und macht sich große Sorgen, zumal er ja auf die Mutter aufpassen sollte.

Johannes Geschichte

Am Frühstückstisch, den Johannes fürstlich bestückt hatte, hätte Ludwig sich gern als charmanter Plauderer gezeigt, doch immer wieder driftete seine Aufmerksamkeit ab. Was war nur mit Mutter passiert? Wie ging es den Geschwistern? Den Zwillingen? Seine ganze Familie war wie vom Erdboden verschwunden. Er kam sich vor wie der einzige Überlebende einer Katastrophe, und das sagte er auch.

„So, ja“, antwortete dieser und verfiel in ein so tiefes Schweigen, dass es sogar dem zerstreuten Ludwig auffiel.

„Ich meinte“, versuchte er zu witzeln, „wie Noah in der Arche, als der Rabe ihn verließ“.

Doch Johannes blieb stumm, stand auf und räumte die Tassen ab, machte sich am Ausguss zu schaffen, kam dann an den Tisch zurück, fahl im Gesicht.

„Was ist, Johannes?“ fragte Ludwig zaghaft. „Habe ich was Falsches gesagt?“

„Nein, nichts“, antwortete Johannes schroff, und sein Gesicht verschloss sich noch mehr. „Nichts, ich versichere dir, es ist nichts, was mit dir zu tun hat“. Nach einer Pause, die Ludwig endlos zu sein schien, brach es aus ihm heraus: „Es ist nur wegen dem, was du gesagt hast. Dass du dich wie der einzige Überlebende einer Katastrophe fühlst. Du weißt sicher nicht, was du mir da sagst. Es ist nämlich so: Ich bin’s“.

„Was bist du, Johannes?“

„Was ich bin, willst du wissen? Warum, glaubst du wohl, lebe ich hier allein? Sie sind alle verschwunden. Tot. Ausradiert, verbrannt.“

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Ludwig war, als wäre ein Hammer auf seinem Kopf niedergesaust. Dieser Johannes war -, aber das konnte doch nicht sein! Er war ja viel zu jung! „Deine Leute sind Opfer des Holocaust geworden?“ brachte er schließlich heraus.

Johannes, immer noch sehr blass, hob abwehrend die Hand. „Lass, ich mag das nicht. Ich mag nicht über mich sprechen. Nein, wenn es dich beruhigt, es waren nicht Theresienstadt oder Auschwitz, wo die Meinen umgekommen sind. Das Schicksal kennt viele Wege, dich zu vernichten.“ Johannes verfiel erneut in Schweigen, finster brütete er vor sich hin.

Ludwig nahm seinen ganzen Mut zusammen, blickte seinen jungen Freund innig an und bat leise: „Bitte, Johannes, vertrau mir, erzähl. Wenn du dich verschließt, wie soll ich mich öffnen?“

Johannes blickte auf, in seinem Gesicht arbeitete es. „Nun gut, wenn du so drauf erpicht bist.“ Seine Stimme war bitter. Ja, er sei ein Überlebender, Sohn einer Frau, die selbst nicht überleben mochte.

Wieder stockte er, fuhr dann gleichmütig fort: „Es ist, bei Licht besehen, eine ziemlich banale Geschichte, die keinen Vergleich aushält mit all den anderen dramatischen Schicksalen des vergangenen Jahrhunderts. Meine Mutter, sie hieß Rahel, wurde 1947 in Brasilien geboren, ihre Eltern aber stammten aus Hamburg. Sepharden, zu Hause sprach man noch immer portugiesisch, obgleich die Ersten schon Ende des 16. Jahrhunderts nach Hamburg gekommen waren, als ihnen der Boden in Portugal zu heiß unter den Füßen wurde. Sie waren Conversos, also zwangschristianisierte Juden, die Inquisition verbrannte ihresgleichen mit besonderem Eifer. Die katholische Kirche hatte, wie man gut verstehen kann, kein Vertrauen in die Zwangs-Christen. Rahels Mutter Rebekka stammte mütterlicherseits ab von der Linie der Ribes, das war der christliche Name von Jehuda Cresques, von dem ich dir gestern erzählt habe. Du erinnerst dich. Der im Auftrag von Johannes dem Seefahrer auf dem Cabo de Sao Vicente unterrichtete.“

Ludwig versuchte sich zu orientieren. Johannes Mutter hieß Rahel, deren Mutter Rebekka, deren Mutter war eine geborene Ribes. Von Mutter zu Mutter zu Mutter. Er hatte schon davon gehört, dass die Juden ihre Stammbäume über die mütterliche Linie führten. Dennoch war es seltsam, dass Johannes keinen Vater erwähnte. „Du sagst also – “.

Johannes ignorierte Ludwigs Versuch, ihn zu unterbrechen. Hastig fuhr er fort: „Ich bin mal hingefahren, nach Portugal, zum Cabo de Sao Vicente. Im Altertum nannte man es Promontorium Sacrum, Heiliges Kap. bild-ausschnitt-4aaEs wurde angeblich von zehn Raben bewacht. Nichts als nackte Felsenküste, sag ich dir, schroff, wie mit dem Messer abgeschnitten, geht es in die Tiefe. Ständig heult der Sturm, dazu das Geschrei der Seevögel und weit unten die Klippen, an denen sich der endlose Ozean bricht. O Fim do Mundo,  verstehst du? Weltende. Endstation Sehnsucht. Schluss, aus.

An diesem extremen Punkt, so denke ich mir, träumten sie sich hinaus und hinüber in eine neue, bessere Welt.

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Zufall oder nicht: auch Kolumbus landete hier, 1476, als Schiffbrüchiger. Man munkelt, auch er sei jüdischer Abstammung gewesen, aber das ist nicht sicher. Er war damals noch Handelsagent zwischen Genua und England, fuhr auch auf Schiffen mit, die die portugiesischen Niederlassungen im Golf von Guinea anliefen. Das waren abenteuerliche Reisen, denn sie mussten vorbei am Kap Bojador, dem ‘Kap des Schreckens’, das als Punkt ohne Wiederkehr galt. Bis die portugiesischen Seefahrer es bezwangen. Kap Bojador bildet den westlichen Ausläufer des Dschebel el Aswad. Komm, ich zeig es dir mal auf der Karte. Dann kannst du dir auch gleich die Weltkarte von Piri Reis ansehen. Du wirst dich wundern, wie genau dort bereits die Küsten von Westafrika und Brasilien eingezeichnet sind“.

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Johannes hatte sich belebt, die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt, leichtfüßig stand er auf und machte sich auf den Weg in sein Arbeitszimmer. Ludwig folgte ihm zögernd. Diese ungeheure Ansammlung von Wissen und die Geschwindigkeit, mit der Johannes von einem Gegenstand zum anderen glitt, erregten nun nicht mehr seine Bewunderung. Sie machten ihm angst. Johannes wirkte auf ihn wie ein Schlittschuhläufer, der, elegante Pirouetten drehend, ein klaffendes Loch in der Eisdecke umfuhr und davonsauste. War es gut, ihm seine Eskapaden durchgehen zu lassen?

Da fiel Ludwigs Blick auf das Frauenbildnis neben der Tür. Er blieb davor stehen, fest entschlossen, einen weiteren Versuch zu wagen, Johannes auf die eigene Geschichte zurückzulenken.

„Das hier, sagtest du gestern, ist deine Großmutter Elisheeba, die dir das Haus vererbt hat. Die ist dann wohl die Mutter deines Vaters? Ist sie auch nach Brasilien gegangen?“

Johannes drehte sich abrupt um. „Nein, nein. Sie ist übrigens meine Urgroßmutter“, und er wollte wieder in seinem Arbeitszimmer verschwinden.

Aber Ludwig blieb wie angewurzelt stehen. „Elisheeba ist hier geblieben?“ rief er Johannes nach.

Eine einfache Frage, die angesichts der Zeiten, über die er Johannes befragte, einen bedrohlichen Unterton hatte, wie Ludwig mit Schrecken bemerkte. Was war dieser Elisheeba passiert? Voller Unruhe blickte Ludwig auf Johannes, der zurückgekommen war und finster das Bild betrachtete.

„Du willst also unbedingt meine Geschichte hören. Beklag dich aber nachher nicht, wenn sie dir nicht gefällt. Die Sippe von Rebekkas Mann, ebenfalls Sepharden, hatte in Porto und Buenos Aires Besitz und Geschäftspartner, also beschloss man 1934, nach Brasilien auszuwandern. Aber Elisheeba, Rebekkas Mutter, war nicht einverstanden. Sie weigerte sich hartnäckig mitzukommen. Sie war in Hamburg verwurzelt, sie war christlich verheiratet, ihr Mann hatte Beziehungen zu Senat und Bürgerschaft, warum sollte ihr etwas zustoßen? Außerdem war sie dickköpfig bis zur Tyrannei.“

Ludwig fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Diese Urgroßmutter also war der wunde Punkt, das schwarze Loch. Und er hatte Johannes gezwungen, darüber zu reden. Was war er doch für ein gefühlloser Trottel.

Da hörte er Johannes mit dünner Stimme sagen: „Elisheeba blieb hier und überlebte schließlich alle.“

Also nicht? Elisheeba überlebte Krieg und Verfolgung? Mit neuem Interesse blickte Ludwig auf die Dame im Goldrahmen. Dieser volle, müde lächelnde Mund in ihrem jungen Gesicht, das war – ohne Zweifel – ja, das war Johannes’ Mund. Und die Kurve des Halses – ja, auch sie fand sich an Johannes wieder, der nun, den Kopf schräg geneigt,  versunken vor dem Gemälde stand.

„Ich kannte sie ja nur als sehr alte Frau“, murmelte Johannes schließlich. „Sie war zweiundachtzig, als meine Mutter mich bei ihr ablieferte.“

„Deine Mutter?“ Nur nicht wieder eine dieser heiklen Pausen einreißen lassen! “Die Rahel, die in Brasilien geboren wurde?“

„Ja, ja, die Rahel. Welche sonst“. Johannes’ Stimme klang bitter. „Meine Mutter wurde, wie gesagt, 1947 geboren. Als sie drei war,  kamen ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Sie waren dem Alptraum in Europa entkommen, nur um irgendwo in Brasilien in ihrem Auto zu verbrennen. Ironie des Schicksals.“

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Johannes lächelte gequält und sah Elisheebas Jugendportrait  ähnlicher denn je.

„Die Verwandten brachten sie hierher zu ihrer Oma Elisheeba.“

Nach einem tiefen Seufzer fuhr er fort: „Also gut, ich erzähl dir die Familienlegende, wie ich sie selbst gehört habe. Elisheeba war noch recht gut beieinander, als Rahel ankam. Sie war da erst so um die fünfzig. Aber Rahel war ein rebellisches Kind. Sie weinte und trotzte, weil sie zu ihrer Mutter wollte. Sie hasste Hamburg, wo sie mit ihrem dunklen Lockenkopf auffiel. Elisheeba sagte mir, dass sie das Aufsehen anfangs wohl auch genoss, aber andererseits, nun, du kannst dir denken, dass ein jüdisches Kind damals nicht gerade genehm war. Es erinnerte die Leute an zu vieles, was sie lieber vergessen wollten. In der Schule bombardierte Rahel ihre Lehrer mit Fragen, auf die sie keine Antwort bekam. Bleiernes Schweigen oder Herumgestottere. Dann die Nazis, die wieder in hohe Positionen einrückten*. Der Kalte Krieg deckte die ganze Kloake mit einem dicken Betondeckel zu. All das machte sie rasend. Sie zerrte an dem Deckel, aber wenn sie ihn ein bisschen lüftete, drang ein widerlicher Gestank in ihre Nase und ihr wurde schlecht. Sie begann die Schule zu schwänzen und kam nur noch selten nach Haus. Die Polizei fragte nach ihr, es gab Verfahren wegen Sachbeschädigung, später auch wegen Drogendelikten. Nur wenn sie dringend Geld brauchte, ließ sie sich bei der Oma noch blicken. Von Jahr zu Jahr ging es mit ihr bergab. Mehrmals versuchte sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Als sie dreißig war, wurde sie schwanger, brachte das Kind auch zur Welt und lieferte es bei der Oma ab. Das war dann ich.“

Das war dann ich. Um den Satz herum baute sich ein Schweigen auf, dunkel wie eine Gewitterfront. Bevor sie sich ganz schloss, schluckte Johannes kurz und sagte hastig, wie wegwerfend:

„Elisheeba zog mich mithilfe diverser Hausmädchen groß. Bis ich fünfzehn war. Sie war siebenundneunzig, als sie starb. Was aus meiner Mutter geworden ist, weiß ich nicht. Sie ist verschollen. So bin nur ich übrig geblieben, um das Haus zu hüten, das Elisheeba mir hinterlassen hat.“

Nach einer kurzen Pause fügte er fast kokett hinzu: „Das übrige Erbe habe ich verkauft und in Wertpapieren angelegt. Davon lebe ich, wie du siehst, nicht schlecht. Na, wie gefällt dir meine Geschichte?“

Ludwig wandte seinen Blick von dem Bild ab und sah Johannes voll an. Was sollte diese Frage? Da traf er auf Johannes’ Blick. ‘Er hat etwas Lauerndes’, dachte Ludwig und schämte sich sogleich. Und doch: Da war etwas in dem Blick, ein merkwürdiger Glanz, eine Herausforderung, ein Lauern eben. Die Augen funkelten intelligent, spöttisch; sie schienen die Frage zu wiederholen: ‘Na, wie findest du meine Geschichte?’  Keine Klage, kein tränenreicher Schluss….

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(Das Kapitel geht noch weiter, aber es betrifft nicht mehr die Geschichte von Johannes, sondern die Reaktion von Ludwig.

Und du? Beklag dich nicht, wenn dir die Geschichte nicht gefällt.)


*Falls dich das Thema interessiert: Ich fand folgende gute Übersicht über Karrieren deutscher Nazis in der Nachkriegsgesellschaft im internet. Kannst du ergoogeln.

GELSENZENTRUM-Startseite

Eine Auswahl Deutscher Nazi-Karrieren nach 1945

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Schwanenwege (4): Scham

Bei Tristan Rosenkranz (schöner Name, nicht wahr?) fand ich heute einen Spruch von Hippokrates, dem großen griechischen Arzt. „Das Leben ist eine Komödie für die, die denken, und eine Tragödie für die, die fühlen.“ https://heavensfood.wordpress.com/2016/12/26/hippokrates-leben/ Sogleich fielen mir meine beiden Helden ein, von denen ich grad erzähle (Johannes der Intellektuelle und Ludwig der Träumer), und dachte an das linke und rechte Auge des Horus – eine ebenfalls im Roman angeschnittene Thematik  (zum besseren Verständnis lies dazu die gestrige Anmerkung!). Ich dachte daran, dass Ludwig ein Krebs ist und dass der Krebs ebenso wie das linke Auge des Horus dem Mond zugeordnet ist (vergl. die gestrige Illustration von Beheim). Ich dachte auch an Babsi, die sich fragt, warum die beiden Männer sich wohl getroffen haben. Eine gute Frage! Als vorläufige Antwort fiel mir ein: Vielleicht schaffen die beiden das zusammen, was sie in ihrer Einseitigkeit nicht vermögen? Die Spiritualität herunterzuholen aus den abstrakten Höhen und hinüberzuführen ins träumerische Gefühl, so dass sich das dritte, das seherische Auge öffnet? Aber vielleicht ist es auch nicht so. Vielleicht geht es auch nur um dies verdammte lähmende Gefühl der Scham, das Ludwig überwinden soll.

Ihr seht, mein Roman, der schon ganz erkaltet als Leiche im Schrank lag, wird durch eure Beiträge und Kommentare wieder lebendig, kommt in Fluss! Ich freu mich und gebe nun einen weiteren Abschnitt an euch weiter. Aber erwartet nicht zu viel! Der Plot rührt sich  nicht recht von der Stelle – es ist fast wie im richtigen Leben.

 

Schwanenwege (4. Abschnitt im Erzählstrang Johannes und Ludwig)

Scham

„Ich geh dann wohl besser“ – hatte Ludwig gesagt, aber Johannes Stimme hielt ihn zurück.

„Mensch Ludwig, warte, wo gehst du denn hin mitten in der Nacht und in diesem Outfit? Du schläfst doch bei mir, ich dachte, das wäre klar. Nun setz dich schon wieder, ich mache uns einen starken Kaffee, dann wird dir schon besser werden. Oder warte, wir gehen rüber ins Wohnzimmer, da haben wir es gemütlicher, ich räume dann später ab“, und er sprang auf, ging zu Ludwig, der unschlüssig stehen geblieben war, legte seinen Arm um ihn und führte ihn in den Salon zu einer Sitzecke.

Kaum saß Ludwig, drehte sich alles um ihn, und schwankend stand er wieder auf. „Bitte, wo ist hier eine Toilette“, stammelte er, tief beschämt wegen seiner offensichtlichen Betrunkenheit. Johannes wies auf eine Tür, und allein gelassen, erbrach Ludwig in die Toilettenschüssel, was er an Ägyptischem zu sich genommen hatte, wusch Gesicht und Hände unter fließendem kaltem Wasser, spülte den Mund aus, starrte sich, immer noch leicht schwankend und die Hände ans Waschbecken geklammert, hasserfüllt in die Augen. img_0915‘Grün steht gut zu deinen Augen, dass ich nicht lache! O welch tiefer klarer Blick! Immer schon hast du alles versaut, du Idiot, du hirnloser. Schon deine Geburt war völlig daneben. Deinetwegen brach Mutter ihre Karriere ab und versauerte in der Provinz. Und wozu ihr Opfer, du elende Gestalt?’ Eine neue Welle von Übelkeit zwang ihn zurück an die Toilettenschüssel. Schon ein wenig erleichtert, wusch er sich noch einmal das Gesicht, war aber noch nicht fertig mit der Selbstbeschimpfung: ‘Dir fehlt die einfachste menschliche Bildung. Du trampelst in ein fremdes Haus rein, stolzierst wie ein Pfau herum, säufst wie ein Loch, spionierst in fremden Sachen rum, frisst die feinen ägyptischen Speisen in dich rein, als wären es Pommes, du kulturloses Monster! Stellst dämliche Fragen: ‚Machst du das als Hobby, oder verbindest du damit einen beruflichen Zweck?’ Was für eine Frage! Was für eine saublöde idiotische Frage! Wie blöd bist du eigentlich? Kotzt dem peniblen Johannes das Klo voll. Und dann willst du menschliches Verständnis und plärrst, weil du fürchtest, dass dir ein herrlicher Fick durch die Lappen geht, du Schwein, du elendes. ‘Ich bin nur ein Lehrerlein und schwul und  überhaupt kein Held.’ Klar bist du kein Held, ein Waschlappen bist du, eine unfähigewiderlicheblödesäuischeüberflüssige Existenz, die längst weggespült gehörte, ins Kloloch gehörst du, und flusch und weg, du Drecksau!’

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Nach einem letzten Blick in den Spiegel traute sich Ludwig, die Toilettentür zu öffnen und zur Sitzecke zu schleichen. Kaum saß er, erschien Johannes mit einem Tablett und ließ sich neben ihm nieder.

„Türkischer Kaffee“, sagte er aufmunternd, „doppelt stark und bitter für dich. Und nun erzähl mal, was war das vorhin mit deiner Mutter und deinen Geschwistern?“

Ludwig senkte seinen Blick auf die Hände, die er zwischen die Knie geklemmt hatte. Was sollte er zu seiner Rechtfertigung vorbringen? Ach, im Erfinden war er schlecht, sein Herz lag ihm immer auf der Zunge. Und so sagte er auch jetzt mit kleiner Stimme: „Johannes, es tut mir so leid. Es ist einfach – zu viel für mich gewesen. Erst die Situation zu Hause und dann unsere Begegnung und der Schnaps und alles. Was soll ich dir sagen? Ich hab’s grad mal wieder verpatzt da oben. Ich sollte auf meine nervenkranke Mutter aufpassen, während meine älteren Geschwister nach den Kleinen suchten, nach Swen, der anscheinend bei Genua abgestürzt ist, und nach Swantje, seiner Zwillingsschwester, die irgendwie verschwunden ist. Mehr weiß ich nicht, niemand hat mich richtig informiert. Meine Mutter ist hinter meinem Rücken auf und davon, keine Ahnung wohin, vielleicht ist sie den anderen beiden nachgereist. Ich war ziemlich deprimiert, kann ich dir sagen, weil sie einfach verschwunden ist und ich stundenlang wie ein Depp nach ihr gesucht hab, bis ich herausfand, dass sie … Aber lass man, und dann fiel mir die Show im Planetarium ein, und ich dachte, das bringt mich auf andere Gedanken. Den Rest kennst du ja.“img_1547

Das war eine schlichte Rede, und Ludwig war klar, dass sie den Vergleich mit Johannes’ geschliffener Sprache nicht aushalten würde. Was sollte Johannes überhaupt damit anfangen? Der schöne Abend war hin, das war sicher, rettungslos hin und verloren.

Doch Johannes blickte ihn ruhig aus dunklen freundlichen Augen an, und Ludwig schien es, als lese er auf dem Grund seiner Seele. Und merkwürdig, dieser Grund kam ihm jetzt entgegen, er sah sich selbst als kleiner Junge, der zwischen hohem Schilf am Bach entlang ging und pfiff und nach den Libellen schaute, die trugen ein grüngoldenes Festkleid, das manchmal hellblau aufblitzte, und er dachte an seine schöne Mutter, die hatte auch so ein Kleid getragen dort, in dem Saal mit den vielen Menschen und dem Flügel, er hatte es genau gesehen, wenn sie sich verbeugte, blitzte es hellblau auf zwischen den goldgrünen seidigen Falten, und der Vater hatte ihr so freundlich zugelächelt, das hatte sie gefreut. Er selbst hatte sich dann hinausgeschlichen und war nun hier zwischen dem Schilf bei den Libellen. Er sah an seinen Beinen herunter, die steckten in kurzen gebügelten Hosen und feinen Socken, aber die Schuhe, die waren nun leider verschlammt. Das machte ihn betrübt, sein Herz wurde ihm schwer und er setzte sich nieder auf einen Grasbüschel und holte seine Flöte hervor, aber es wollte ihm nichts gelingen, was so schön klang wie Mutters Spiel,  und als er aufstand, war seine schöne Hose nass und voller Flecken und er schämte sich sehr.img_0918

„Worüber schämst du dich, Ludwig?“ hörte er Johannes fragen. Da liefen seine Augen über und er schluchzte wie ein kleiner verlassener Junge, und Johannes nahm ihn in den Arm und sagte, „Wein nur, ich halte dich ja.“ Ludwig war, als blicke er in die Augen seiner Mutter, und er drückte sich selig in ihre Arme und weinte, weinte, bis es genug war und er sich in das Taschentuch schnäuzte, das Johannes ihm reichte.

„So“, sagte Johannes, als Ludwig mit geröteten Augen aus dem Bad zurückkam, „jetzt will ich dir ein bisschen von mir erzählen. Du siehst, ich wohne hier allein, meistens jedenfalls. Das Haus hab ich von meiner Urgroßmutter geerbt, Elisheeba hieß sie, ihr Portrait hängt dort neben der Tür. Sie stammt in direkter Linie von Jehuda Cresques ab, von dem ich dir vorhin erzählt habe. Du erinnerst dich, der konvertierte Jude aus Portugal, der die Seekarten zeichnete. Ich bin achtundzwanzig, aber manchmal glaube ich, es könnten auch zweiundachtzig Jahre sein. Ich habe ein paar Freunde, mit denen “ –.

In diesem Moment erklang die Türglocke und Johannes sprang auf. „Wenn man vom Teufel spricht“, lachte er und zeigte seinen Raubtierzahn in dem sensiblen Mund. „Warte, ich mache grad mal auf“.

Ludwig hatte kaum Zeit, um sich von seinem Schreck zu erholen und seine Kleidung ein wenig zu ordnen, da war Johannes schon zurück, ein junges Paar im Schlepptau.

„Ach, du hast Besuch! Entschuldige, wir sahen das Licht und dachten, wir locken dich aus deiner Einsiedlerhöhle,“ ließ sich die Frau vernehmen. Sie war wohl Mitte zwanzig, hatte ein rundes lachendes Gesicht und einen blonden Lockenkopf. Sie umarmte Ludwig, der aufgestanden war, lebhaft und stellte vor: „Ich heiße Hilde, und dies hier ist Silvio. Silvio ist bei mir zu Besuch, er ist Italiener und kann nur wenig Deutsch, daher mache ich den Dolmetscher“.

Eine Putte wie von Barockaltären, dachte Ludwig. Ob sie wohl die Weberin war? Der Mann, der sich beim Näherkommen als deutlich älter als seine Begleiterin erwies, ließ seine Augen kurz auf Ludwig ruhen, nickte, und sah sich dann mit einem schnellen Orientierungsblick im Raum um. Offenbar war er zum ersten Mal hier.

„Hoffentlich stören wir nicht?“ fragte Hilde, plötzlich zögernd, mit Blick auf Ludwig, der den geliehenen, zu großen Morgenmantel enger um sich zog.

„Nein, nein, durchaus nicht! Du störst nie, holdes Hildchen“, antwortete Johannes grinsend. „Und das ist also dein berühmter Silvio?“

Silvio, seinen fragenden Blick auf Hilde geheftet, sagte: „Berümmt? Was ist das? Ich?“

Johannes und Hilde sahen sich an und prusteten los vor Lachen, und Hilde begann, um Silvio herumzutanzen. „Ja, du, Silvio. Berüühmt.“ Dann stupste sie Johannes an, und gemeinsam machten sie eine tiefe Verbeugung vor dem verlegen lächelnden Silvio, hoben theatralisch die Arme, verbeugten sich wieder und tönten im Chor: „Berüüühmt, Silvio, du bist berüüühmt“, und lachten noch ausgelassener als zuvor.

Wo war der eben noch so ernste Johannes hingeraten, dessen Lebensgeschichte unerzählt im Raum hing? War dieser lachende Knabe derselbe, in dessen Arm er, ein erwachsener Mann, sich gerade ausgeweint hatte? Ludwig fühlte sich plötzlich sehr müde und alt, ein brüchiger Kahn, der im flachen Wasser schwappt.

„Würde es dir was ausmachen, wenn ich mich ein bisschen hinlege?“ fragte er Johannes. „Ich fühle mich doch sehr mitgenommen“.

„O“, rief Hilde, „wir stören doch!“

Aber Johannes winkte lachend ab und sagte: „Setzt euch schon mal und bedient euch. Du kennst dich ja aus, Hildchen. Ich zeige Ludwig gerade sein Zimmer. Bin gleich wieder da“. Und Ludwig folgte Johannes, der leichtfüßig vorausging, mit schleppendem Schritt, fiel dann, wie er war, in das ihm zugewiesene Bett, warf sich noch ein paar Mal stöhnend hin und her und versank in einen tiefen  Erschöpfungsschlaf.

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Schwanenwege: Das ägyptische Mahl

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWeihnachten ists, da soll man mit Geschenkgesten nicht sparen. Also gebe ich jetzt den nächsten Abschnitt meines Romans in Umlauf. Wo waren wir stehengeblieben? Ludwig, frisch gebadet und gewandet und mit einer gehörigen Portion Wiskey im Blutkreislauf, betritt leise den Salon, während Johannes noch in der Küche herumwirtschaftet. Als erstes fällt ihm ein beleuchtetes Gemälde auf: „das Brustbild einer dunkelhaarigen noch recht jungen Frau, ihr Kopf saß graziös auf einem anmutig geneigten Hals, der in ein matt schimmerndes Decolleté überging….Etwas ging von ihrem vollen, müde lächelnden Mund aus, was Ludwig bekannt vorkam und ihn erschütterte, doch konnte er sich nicht entsinnen, wo er es schon gesehen hatte. Neben diesem Bild hing eine kleine kunstvoll gerahmte Reproduktion. Sie zeigte einen jungen Mann, der rätselhaft lächelte und mit einer Hand gen Himmel wies. Es war, wie Ludwig sich erinnerte, Johannes der Täufer, gemalt von Leonardo da Vinci. Ein wenig weiter links war auf einem silbergetriebenen Ständer eine Ikone aufgestellt, auch sie zeigte Johannes den Täufer, doch nun als hagere Gestalt mit riesigen Flügeln. ….            250px-johannes_der_taeufer_ikone

Ludwigs Blick ging zwischen den beiden Johannessen hin und her. Er konnte keine Ähnlichkeit feststellen, und doch war ihm gewiss, dass sie beide auf denselben Menschen verwiesen.“

Ludwig schaut sich weiter um, entdeckt einen Webstuhl, plötzlich beunruhigt von dem Gedanken, dass Johannes mit einer Frau zusammenleben könnte. Misstrauisch inspiziert er den Bücherschrank (keine Romane, keine Lyrik) und betritt einen kleineren Nebenraum, der sich als Johannes Arbeitszimmer entpuppt.1300050a

Und nun also weiter im Text:

Bücherregale bis zur Decke, ein Zeichentisch mit ausgerollten Pergamenten, Zirkeln und Linealen, ein schwerer Schreibtisch mit Globus, Himmelssextant und Stapeln von Büchern, einem Computer, Sets von Disketten, beschriftet und in schönster Ordnung.  Auf das oberste Pergament war sorgfältig eine Landkarte gezeichnet, offenbar eine Pause von einem alten Atlas, schwer zu sagen, welche Küsten hier abgebildet waren. Mit dünner Feder waren farbige Linien eingetragen, die an verschiedenen Punkten ansetzten und sich sternförmig verzweigten.      images

„Gefällt dir mein Portolan?“, hörte Ludwig, bevor er Johannes, der sich über seine Schulter beugte, wahrgenommen hatte. Wie bei etwas Unerlaubtem ertappt, fuhr er herum und stieß dabei mit Johannes zusammen. Der lachte und rieb sich das Kinn. „Na, du hast ja einen ganz schön harten Schädel. Unter welchem Sternzeichen bist du denn geboren? Warte, lass mich raten. Stier vielleicht, mit dem Widder im Aszendenten? Nein?  Na ja, ich mein es nicht im Ernst. Du hast es wohl mehr mit dem Wasser zu tun, oder?“

Ludwig nickte, immer noch benommen. „Krebs“, murmelte er.

150px-the_seven_planets_-_luna_the_moonLuna als Herrscherin des Krebses (Stich von Hans Sebald Beham, 1539)

„Entschuldige, ich hab dich nicht kommen hören. Sag mal, was ist ein Portolan?“ „Erklär ich dir später. Jetzt wollen wir erst essen, ja?“

Der Tisch in der Küche war liebevoll gedeckt. Weißes Porzellan, Schüsselchen mit Vorspeisen, hohe Gläser mit einem wasserklaren Getränk, Kerzen. „Ägyptisch“, sagte Johannes mit einer weitausholenden Geste. „Pharaonisch, soweit das die  bescheidenen Möglichkeiten meiner Küche erlaubten. Ich hoffe, es schmeckt dir. Übrigens steht dir der Morgenmantel sehr gut, und er passt zum ägyptischen Mahl. Ich hätte mich auch umziehen sollen.“

In den kleinen Porzellanschüsseln befand sich allerlei Salatartiges und Püriertes, nichts extrem Exotisches, wie Ludwig, der in den Dingen der Küche Experimente scheute, beruhigt feststellte. Johannes entschuldigte sich, dass er kein Fladenbrot,  sondern nur geröstetes Weißbrot anbieten könne, und auch der Schnaps sei nicht ägyptisch, sondern türkisch, aus Izmir. Doch, so erklärte er stolz, seien alle Pürees frisch von ihm hergestellt worden, er hasse Konserven – und er wies auf einen Auberginenbrei und einen anderen, gelblichen: „Humus, aus Kichererbsen, nicht ganz klassisch vielleicht, mir fehlten einige Zutaten“, empfahl einen Gurkensalat mit Joghurt, frischer Minze und Knoblauch,  füllte eine gelbe schwerflüssige Suppe in bereitgestellte Schalen – Linsensuppe, mit dem feinen Duft des Kardamon, die er mit gerösteten Weißbrotstückchen und feingehackter Petersilie bestreute. Nach den Vorspeisen gebe es Nusskufta, das sei ein Gericht aus Rindfleisch und Nüssen, auch Räucherschinken, Zwiebeln und Tomaten und natürlich frische Petersilie gehörten dazu, er sei selbst gespannt, ob es ihm gelungen sei, denn die ägyptische Küche sei ihm eher fremd, er habe aber ihr Treffen unter dem Himmel der Pharaonen gebührend würdigen wollen.

„Also, was ein Portolan ist, willst du wissen?  Es handelt sich um eine Art Seekarte, die Ende des 13. Jahrhunderts plötzlich aufkam. Zuerst erschienen in Italien solche Karten, dann auch in Portugal, Spanien und England. Sie entstanden irgendwie aus dem Nichts. Sehr merkwürdig und spannend das. Sie waren auf Tierhäute gezeichnet, Schaf oder Ziege, manchmal auch Rind, nie größer, oft kleiner als ein bis anderthalb Meter, so groß wie die Tierhaut eben war, einschließlich des Halses, den man mit benutzte. Keine Karte gleicht der anderen, alles sind Unikate.  Von manchen gibt es heute nur noch Fetzen, andere sind vollständig erhalten. Diese kleinen tragbaren, wie der Name sagt, Karten waren die Vorläufer der großen Atlanten, die dann im 14. Jahrhundert aufkamen. Ein besonderes Wunderwerk ist der sogenannte Katalanische Atlas des jüdischen Kartographen Cresques, Sohn des Abraham. Die Juden waren führend auf diesem Gebiet, das sich damals, zu Beginn der großen Entdeckungsfahrten, sehr schnell entwickelte. Cresques’ Sohn Jehuda, ein Converso, also zwangschristianisierter Jude, der sich dann Jacobus Ribes nannte, lehrte als alter Mann an der berühmten Karthographenschule, die Heinrich der Seefahrer in Sagres, im äußersten Südwesten Portugals, gegründet hatte. Ohne Gelehrte wie Meister Jacopo wären die großen Entdeckungsfahrten der Portugiesen undenkbar gewesen. Kolumbus verließ sich auf die Seekarten und geheimen Logbücher seines verstorbenen Schwiegervaters, des Kartographen Bartolomeu Perestrelo, der übrigens ebenfalls konvertierter Jude war. Aber iss doch! Ist der Humus gelungen?“europe_mediterranean_catalan_atlas-jpeg

Und während Johannes die Speisen zureichte und Schnaps und Wasser in bereitgestellte Gläser goss, auch Eis dazu gab, erzählte er von den in die Portolani eingezeichneten Radien, die von unsichtbaren Kreismittelpunkten ausgingen. „Sie zeigten bis zu 32 Kompassrichtungen an. Durch sie versuchte man, die Verzerrung, die bei der Projektion der sphärischen Form der Erde auf eine ebene Karte entsteht, auszugleichen. Vom Land zeichnete man normalerweise nur die Küstenlinien, die aber mit größter Präzision. Das Hinterland malte man mit schönen Vignetten aus, ich versuche mich auch darin, aber nun ja, vielleicht fehlt es mir an Geduld.

Ich kann dir nachher gern ein paar solcher Karten zeigen. Es ist auch eine schöne Reproduktion der Piri-Reis-Karte dabei, die in letzter Zeit wieder sehr in der Diskussion ist. Piri Reis war ein türkischer Admiral, der im 16. Jahrhundert lebte. Bis heute rätselt man, welche Quellen er benutzte. Die Küsten von Südamerika und Westafrika sind so genau abbildet, als hätte er sie von einem Satelliten aus gesehen. Für die Darstellung hat er eine Methode der sphärischen Projektion benutzt, die die Ägypter entwickelten, als sie ihr Land vermaßen und die Plätze für die Pyramiden bestimmten.“   piri_reis_world_map_01

„Machst du das als Hobby, oder verbindest du damit einen beruflichen Zweck?“ fragte Ludwig ungeschickt in eine Pause seines Gastgebers hinein. Die Geschwindigkeit, mit der Johannes seine Kenntnisse ausbreitete und gleichzeitig mit seinen schönen schlanken Händen die Suppe ausschenkte, das geröstete Brot über den Tisch reichte und die Schälchen mit den Musen zurechtrückte, machte Ludwig schwindeln. Unter anderen Umständen hätte ihn die Kartographie der Alten sehr wohl interessiert, doch nun verlangte ihn dringend danach, mehr über Johannes und seine Lebensumstände zu erfahren.

„Weder noch“, antwortete Johannes lachend. „Oder meinetwegen beides. Für mich gibt es diesen Unterschied kaum. Alles tue ich aus eigener Wahl, ohne durch äußere Zwecke und Verpflichtungen gebunden zu sein. Ich interessiere mich dafür, meine Denk- und Vorstellungswelt zu erweitern, Geheimnissen nachzuforschen, die von der üblichen Wissenschaft nicht berührt werden. Wenn ich dabei auf Dinge stoße, die für Gleichgesinnte von Interesse sein können, suche ich nach Wegen, solche Menschen zu finden. So einer bist nun du. Ich habe dich an der Selbstvergessenheit erkannt, mit der du das Lied gepfiffen hast.“

„Johannes Tauler“, sagte Ludwig, denn eine bessere Antwort fiel ihm nicht ein. Ihm wurde die Situation immer rätselhafter. Was wollte Johannes von ihm? Womit finanzierte er seinen aufwendigen Lebensstil? Lebte er allein? Wer war die Frau auf dem Gemälde? Was war mit dem Webstuhl? Gedankenlos – oder jedenfalls nicht bei der Sache, denn all diese Fragen sprossen gleichzeitig in seinem Kopf auf und wucherten dort wie Unkraut – häufte er sich den Teller voll mit einem bräunlichen Gemisch, das Johannes inzwischen aus dem Ofen geholt und auf den Tisch gestellt hatte, und begann, es in sich hineinzuschaufeln.

„Na, wie schmeckt dir meine Nusskufta?“, fragte Johannes, der sich vorsichtig ein Stück von dem Gericht abschnitt.

Ludwig fuhr auf, errötend. „Entschuldige“, stammelte er, „ich war in Gedanken. Das ist also ägyptisch? Woraus besteht es denn eigentlich? Ach, warte, du hast es vorhin schon gesagt. Nüsse und Hackfleisch, nicht wahr? Und hier sehe ich auch noch Tomaten als Dekoration. So, ja, es schmeckt ausgezeichnet.“

Johannes nahm einen Happen auf die Gabel, schnupperte daran, kaute sorgfältig und schien dem Geschmack in Andacht zu lauschen, als wäre es eine ferne Musik. Dann erklärte er: „Das Hack muss aus reinem Rindfleisch sein. Schweinehack ist Moslems verboten,  wie du weißt. Wichtig ist, die Nüsse, übrigens sind es Wal- und Haselnüsse, sehr fein zu hacken. Der Räucherschinken gibt dem ganzen dann die besondere Note, aber auch hier musst du aufpassen, dass du nicht etwa Schinken vom Schwein nimmst, das wäre ein schlimmer faux-pas. Schmeckst du die Petersilie heraus? Ich lege Wert darauf, dass ich immer frische Kräuter im Haus habe, ich ziehe sie in Blumentöpfen. Der Geschmack ist dann doch ein ganz anderer. Damit sich die Gewürze entfalten können, muss man natürlich auch den richtigen Topf wählen, in diesem Fall einen Tontopf, er ist nicht so kalt-neutral wie Metall oder Glas, sondern hüllt alles in das irdische Feuer des Tons ein.“

Ludwig wagte es nicht hinunterzuschlucken, er saß da und kaute, doch beim besten Willen konnte er keinen Petersiliengeschmack ausmachen, ob nun von getrockneter oder frischer oder gar selbstgezüchteter Petersilie. Das irdene Feuer des Tons oder hatte Johannes irdisch gesagt?  – schön klang das, aber schmecken? Gut, die Nüsse, die spürte er jetzt zwischen den Zähnen, sie waren tatsächlich sehr klein gehackt, und ihm kam es so vor, als läge darüber ein feiner Hauch von Räucherschinken. Er schluckte schließlich hinunter, nahm einen Schluck Schnaps, häufte etwas von der Speise auf die Gabel, schnupperte, wie es zuvor Johannes getan hatte, schloss sogar die Augen, um besser riechen zu können  – und tatsächlich, jetzt war alles da: Petersilie, Nuss, Rauch, das Feuer des Tons, Ägypten mit dem schwarzen Schlick des Nils, aus dem die Menschen ihre Gefäße brannten und ihre Häuser bauten. Flog er nicht über dem glitzernden Band des Nils, der durch einen schmalen Streifen Grün mäanderte, während sich nach Westen und Osten in rötlichen Wellen die Wüste dehnte?

In seinen Traum drang erneut Johannes’ melodische Stimme. Wovon sprach sie jetzt? Ach, wieder von der sphärischen Geometrie der Ägypter! Wie machte Johannes es nur, so behände die Abgründe zwischen hier und dort, heute und damals zu überspringen und von der Nusskofta und den Töpfen aus irdenem Feuer zu einer Abhandlung über die  Pyramidengeometrie hinüberzuwechseln? Alles griff bei ihm so glatt ineinander, geschliffen und funkelnd wie die Gläser war seine Rede, füllte die Stille und ließ keine Lücke, um dem Menschen Johannes fragend auf die Spur zu kommen. „Wer bist du, Johannes!“ wollte Ludwig rufen, „wer webt auf dem Webstuhl, wer ist die Frau auf dem Bild? Wie lebst du? Wer sind deine Freunde? Wirst du mich auch morgen kennen?“, doch das war nicht möglich.

„Die älteste der Pyramiden“, sagte er gerade, „und sogar der älteste erhaltene Großsteinbau der Weltgeschichte ist, wie du sicher weißt, die Stufenpyramide von Saqqara bei Memphis, der Waage der Länder. Saqqara liegt genau auf der ursprünglichen Zentralachse Ägyptens. Schlägt man von Saqqara aus einen Kreisbogen mit einem Radius von 200 km, dann wird das Delta exakt eingeschlossen. 200 km, das sind  200 000 m. Und ein Meter ist, na klar, genau der zehnmillionste Teil des Meridians von Paris, gemessen von Pol zu Pol!

Du wirst mir einwenden“, fuhr Johannes fort und schob Ludwig einen Teller mit einer puddingartigen Süßspeise zu, „dass der Urmeter erst Ende des 18. Jahrhunderts festgelegt wurde und die Ägypter ganz andere Maßeinheiten hatten. Aber merkwürdig ist es dennoch, nicht war? Vielleicht kommt man weiter, wenn man berücksichtigt, dass die Lagebestimmung der Cheops-Pyramide offenbar durch Bogenminuten vorgenommen wurde. Kannten die alten Ägypter also die Kugelgestalt der Erde? Oder haben sie sich des Sekundenpendels bedient, der in Europa im 17. Jahrhundert wieder aufkam? Der Radius des Kreisbogens, der die Cheops-Pyramide mit dem äußersten Rand des Deltas verbindet, beträgt jedenfalls genau hundert Bogenminuten, was 100 geographischen Meilen entspricht.“

Ludwig  kannte die Geschichte des Meters, sie gehörte zu seinem Lehrstoff. Mit schiefem Grinsen und um nicht wie ein Blödian am Tisch zu sitzen, murmelte er: „Du kennst dich aus! Dann erzähl ich dir sicher nichts Neues, wenn ich dir sage, dass ein von Punkt hapy-pi geschlagener Kreisbogen, der ganz Ober- und Unterägypten einschließt, einen Durchmesser von exakt einem Zehntel des Erdkreises hat.“

„Stimmt!“ Johannes nickte zufrieden. „Um diesen Punkt mathematisch genau zu kalkulieren, musste man den Umfang der Erde kennen. Das ist schon erstaunlich genug. Aber mir scheint, dass sich dahinter noch ein anderes, tieferes Geheimnis verbirgt. Die großen Bauten Ägyptens liegen auf der Achse des Nils wie die Chakren auf der Wirbelsäule, vom Wurzelchakra im äußersten Süden bis hinauf nach Behdet im Delta. Behdet heißt ja tatsächlich Krone.“

chakra-chart                                   (Bild gefunden bei https://faszinationmensch.com/)*

Bei dieser Wendung schaute Ludwig überrascht auf und traf auf Johannes’ Augen, die groß und dunkel in dem etwas zu bleichen Gesicht standen. Wovon sprach er da? Chakren auf Ägyptens Wirbelsäule? Eben war er doch noch bei der Kartographie und Geometrie der Alten gewesen? Doch warum nicht? Nun waren also die Chakren dran. Ludwig überließ sich widerstandslos der träumerischen Substanz, die sich, vielleicht infolge des ungewohnten Schnapses, in ihm ausbreitete.

Er ließ sich auf dem Strom des Nils treiben, von den Katarakten des Südens bis hinauf in die Krone des Deltas, spürte ihm in seiner Wirbelsäule nach, dachte sich den Punkt Hapy-Pi auf der Höhe seines Kehlkopfes, nahm einen großen Schluck aus dem Schnapsglas und fühlte die Hitze abwärts steigen, meinte aber zugleich zu spüren, wie sich die Mündungsarme des Nils radienartig außer- und oberhalb seines Kopfes in den Raum verströmten. Hapy-Pi, dachte er verschwommen, „glückliches Pi“, und er schlug versuchsweise einen Kreisbogen hinab zu seinem nun heftig klopfenden Herzen. Die Vereinigung des Nils mit dem Delta, dachte er vage, daraus wurde ich geboren.how-long-is-the-nile-river_2

Und wie aus einem Traum heraus und ganz zusammenhanglos murmelte er: „Weißt du, Johannes, mein Vater hieß Nils. Wie der Nil. Er ist plötzlich gestorben, als ich zwölf war. Auf einmal war er tot. Meine Mutter hat es gar nicht bemerkt. Sie hat auch mich nicht bemerkt, als sie gestern ohne Nachricht verschwunden ist, auf Reisen gegangen, wer weiß wohin, vielleicht ist sie jetzt in Genua, der Swen ist nämlich abgestürzt, und Swantje ist abhanden gekommen. Auf deinen Portolani sind 32 Kompassrichtungen eingetragen, sagst du, wie soll ich da Mutter und Schwester finden?“

Ludwigs Zunge wurde immer schwerer, während er fortredete: „Es gibt so viele Richtungen, die Erde ist ja eine Kugel, das wussten schon die Alten und maßen sie aus. Mein Vater Nils wusste viel davon zu erzählen, er war Mathematiker und ein Gelehrter, aber ich bin nur ein Lehrerlein und schwul und wüsste gern, was du an mir findest“.

Durch den Tränenschleier, der sich vor seinen Augen ausbreitete, sah er Johannes’ Gesicht, das sich – oder kam es ihm nur so vor? – in einer Grimasse des Widerwillens verzog. Erschrocken wischte sich über die Augen, nuschelte „Entschuldigung, mir ist der Schnaps anscheinend schlecht bekommen“ und stand auf. „Ich geh dann wohl besser“, brachte er noch heraus und wandte sich zur Tür.


*Auge des Horus (zitiert nach https://faszinationmensch.com/)

„Das Kronen-Chakra … In der ägyptischen Mythologie wird das geöffnete Dritte Auge das Auge des Horus genannt. Das physische linke Auge beherrscht den Mond und die weibliche, manifeste physische Welt, und das rechte Auge beherrscht die männliche, nicht-manifeste spirituelle Welt. deshalb bringt das rechte Auge des Horus Spirit hinunter in die Materie und bringt dann diesen Geist/Spirit in das linke Auge von Horus. Auf diese Weise bleibt das Dritte Auge geöffnet und ist in der physischen Welt geerdet und voll aufnahmebereit.“

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Schwanenwege: Ludwig bei Johannes (1)

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(c) gerda kazakou

Also gut. Für dich, die heute, am Heiligabend, gerne etwas anderes als Weihnachtsgeschichten lesen möchte, und für dich, die zu keiner Familienfeier eingeladen ist, für dich auch, die du mich gedrängt hast, meine Schwanenweg-Geschichten unter die Leute zu bringen, und für dich, der einfach nur neugierig ist, wie es mit Ludwig und Johannes weitergeht, und natürlich auch für dich, die eine solche Geschichte ganz und gar unpassend findet, besonders an einem solchen Tag … gibts heute noch ein Kapitel aus dem Romanfragment „Schwanenwege“. Zwischen dem vorigen Absatz und diesem geschieht allerlei – denn der Roman besteht aus sechs Erzählsträngen, die ich zu einem Zopf verflechte. Ludwigs Geschichte ist nur ein Strang, die anderen betreffen seine vier Geschwister und seine Mutter, und dann gibt es auch noch ein Kind und die Ex-Frau des älteren Bruders. Und den verstorbenen Vater der Fünfe. Macht fünf Hauptsterne und vier Nebensterne. Exakt wie im Sternbild des Schwans, dem Cygnus (von griechisch Kyknos=Schwan). Den aber wirst du erst wieder im Sommer in der Milchstraße fliegen sehen.

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Wir bleiben heute bei Ludwig, der als Sandwichkind familiär nicht so recht zum Zuge kam und daher meine besondere Sympathie genießt. Er trifft – du last es gestern – im Planetarium den ominösen Johannes, die beiden unterhalten sich lebhaft, und schließlich lädt Johannes Ludwig ein, bei ihm zu übernachten. Und da sind wir nun.

Ludwig bei Johannes

Johannes ging leichten Schrittes voran. Von der Uferstraße bog er in einen grob gepflasterten Weg ein, öffnete nach wenigen Metern ein Gatter und folgte einem überwachsenen Fußpfad, der sich durch einen nächtlichen Park dem Ufer entgegensenkte. Am Ende des Pfades wurde eine einzeln stehende zweistöckige Villa sichtbar. Licht und Schatten huschten über die weiße Vorderfront hin, denn die einzige Lichtquelle, eine Laterne in schmiedeeiserner Fassung, wurde halb vom beweglichen Gezweig eines großen Baumes verdeckt. Jugendstil, dachte Ludwig, mit dem Blick dem pflanzenhaft sich verzweigenden Dekor des großen ovalen Fensters über der Eingangstür folgend.

„Da sind wir“, sagte Johannes, sich halb nach Ludwig umwendend, dem das Gesicht seines Begleiters in der ungewissen Beleuchtung plötzlich sehr blass zu sein schien. Doch gleich flammte das Licht auf und überflutete Johannes’ schlanke Gestalt, ein geräumiges Vestibül und einen hölzernen Treppenaufgang, der sich im Dunkel des Oberstocks verlor. „Da sind wir“, wiederholte Johannes. „Komm herein, hier entlang geht es zum Wohnzimmer und zur Küche, oben sind dann die Schlafzimmer und Bäder. Möchtest du dich frisch machen, während ich uns etwas zum Essen zubereite?“ und ohne Ludwigs Antwort abzuwarten, führte er ihn die Treppe hinauf und öffnete eine Tür.

Ludwig blickte sich etwas benommen um, denn unvermutet sah er sich in eine luxuriöse Poollandschaft versetzt, mit prächtigen Grünpflanzen, Schränkchen und Spiegeln und mitten darin ein großes glänzendes Oval: die in ein breites Podest eingelassene Badewanne.

„Fühl dich ganz zu Haus, mach es dir bequem, du kannst einen von meinen Schlafanzügen nehmen, dieser grüne hier dürfte dir gut zu den Augen stehen, und hier sind allerlei Morgenmäntel, nimm dir, was dir gefällt. Seifen, Cremes, Shampoos, ist alles da, auf dem Regal dort sind frische Handtücher, in dem Schrank drüben gibt es ein paar Getränke und Gläser, auch eine Stereoanlage und jede Menge CDs, na, du findest dich schon zurecht, entschuldige mich jetzt, ich brauche etwas Zeit fürs Kochen.“

Dann stand Ludwig allein in dieser spiegelnden Welt aus Porzellan, Glas und vergoldeten Armaturen. Sein Blick fiel in einen der großen Spiegel, und er sah sich selbst: seinen runden Kopf mit den kurzgeschorenen Haaren auf einer untersetzten Gestalt in verknautschtem Anorak und in alten Jeans, sah sich in einer Spiegelflucht auch von hinten, mehrmals sogar, und kam sich plötzlich alt, grau und hässlich vor. Was tat er hier in diesem Haus? Zögernd legte er den Anorak ab, hängte ihn über einen Stuhl mit schön geschwungener Lehne, blickte wieder in den Spiegel. Ja, er hatte einen Bauchansatz, das war unverkennbar.

Jetzt zog er auch das karierte Hemd aus, stand im weißen Unterhemd vor dem Spiegel, strich sich über Stirn und blonden Stoppelkopf und versuchte, sich selbst in ein Verhältnis zu setzen zu dem, was er vor sich sah.

In seinem eigenen Bad gab es nur einen kleinen Spiegel, der ausreichte, um sich beim Zähneputzen und Rasieren zuzuschauen. Von hinten hatte er sich nicht mehr gesehen, seit er den photografischen Arrangements bei Kristof entwachsen war. Er  bewegte seine Hände, hob die Arme, besah sich das Muskelspiel unter der Haut. Mit einer schnellen Bewegung entledigte er sich auch des Unterhemdes, schaute auf seine weiße Brust mit dem geringen Haarwuchs und auf den sich leicht vorwölbenden Bauch,  auf die sich dunkler abhebenden Arme und den kräftigen Hals, betrachtete den Rücken, der ihm besser geformt vorkam als die Vorderansicht, streifte auch die Schuhe, die Jeans und die Unterhose ab und sah sich nun ganz, weiß und ein wenig bräunlich, mit kräftigen Armen und stämmigen Beinen in schlaffen Socken, sah seine weißliche ein wenig zu weiche Leiblichkeit, darüber einen runden Schädel, der sich gerötet hatte – oder war es der Kontrast zur Farbe des Leibes, dass er ihm rot und geradezu bunt vorkam? Er näherte sich dem Spiegel noch mehr, schürzte pfeifend die Lippen, schnitt sich Grimassen, wandte sich ab – und sah sein Bild von einem anderen Spiegel zurückgeworfen.

Wo waren hier die Lichtschalter? Gut, das Licht ließ sich dämpfen, jetzt schimmerte das Porzellan matter und blinkten die Armaturen in dunklerem Goldton. Seine eigene Gestalt wurde unscharf, und er sah sich etwas freundlicher zu, wie er inmitten spiegelnder Flächen in den Hintergrund des Raumes schritt, um sich an dem Getränkeschrank zu bedienen. Im Vorbeigehen bemerkte er ein Fenster, und in dem Fenster den Schemen seiner Figur, zurückgespiegelt von der Schwärze der Nacht draußen. Er trat in den Schemen ein, durch ihn hindurch nahe ans Fenster, und die Welt dahinter wurde sichtbar: eine bewegte Wasserfläche, die die bunten Stadtlichter spiegelte, darüber eine schwere rötlich angestrahlte und das Licht der Stadt zurückstrahlende Wolkenschicht, die den Sternenhimmel verbarg.

Er drückte die Nase am Fenster platt, um hinunterzuspähen: Das Haus stand direkt über der Alster. Zu gern hätte er das Fenster geöffnet, um das Uferstück ausfindig zu machen, auf dem er vor wenigen Minuten mit Johannes gestanden hatte, denn ihm schien fast, als sei er in dem dort zurückgelassenen Bild wirklicher gewesen als hier oben in Fleisch und Blut, in diesem spiegelnden funkelnden Bad, doch fürchtete er die Kälte und wandte sich ab, der Getränkebar zu, schenkte sich einen Whiskey ein, nahm auch gleich einen tüchtigen Schluck, obgleich er sich aus Whiskey eigentlich nichts machte. Der Alkohol durchlief brennend seine Speiseröhre und breitete sich als Wärme im Magen aus. Musik? Ja, das könnte er jetzt brauchen. Im Player lag eine CD, er schaltete das Gerät ein und ging, immer noch auf Socken, zur Badewanne, und während eine ihm unbekannte Musik den Raum zu erfüllen begann, beäugte er die Flacons und Dosen, öffnete einige, schnupperte und entschied sich für einen Badezusatz mit süßherbem Kräuterduft, entledigte sich der Socken und stieg hinein in das glänzende Oval, drehte die Hähne auf, regulierte die Temperatur, ließ den Badezusatz kräftig aufschäumen und versank auf dem Grund – eine umgekehrte Aphrodite.

Aus dem Schaum hob er dann und wann einen Arm, reichte hinüber zum Whiskey-Glas, ließ die Flüssigkeit im Glas kreisen, bernsteinfarben, und nahm einen Schluck, während der Schaum ihm vom Arm troff und tropfte. Die Musik war seltsam, ein zeitgenössischer Komponist wohl, mit elektronisch erzeugten Effekten, oder waren es menschliche Stimmen, die da so hoch und engelhaft sangen? Ludwig flötete ein wenig mit, blies dann Brust und Bauch auf und ließ sich zwischen Wasser und Schaum floaten, bog die Knie, die, wie neu entstandene Bergkuppen, aus dem Schaum emporwuchsen, spreizte sie auseinander, ließ seine Genitalien treiben, suchte und fand einen Knopf, durch den das Wasser in quirlende Bewegung versetzt wurde, und überließ seinen Leib dem sanften Drücken und Drängen des durch Düsen gezwängten Wassers, ganz so, als seien es unterseeische Quellen.

Als sich die Musikanlage ausstellte, ernüchterte sich die Atmosphäre. Ludwig stand auf und sah zu, wie der Schaum von seinem Körper tropfte, nahm noch einen letzten Schluck Whiskey und stieg aus dem Oval. Er zog den Stöpsel und schaute dem Wasser zu, das gurgelnd nach unten, ins Dunkle gesogen wurde. Er wickelte sich in ein großes flauschiges Handtuch, rieb Kopf und Körper gründlich trocken und  bekleidete sich mit dem empfohlenen Schlafanzug aus einem meergrünen seidigen Stoff. Gerne hätte er die Hosenbeine und Ärmel umgekrempelt, doch der Stoff war zu glatt, um den Umschlag zu halten, und glitt immer wieder über Hände und Füße zurück.

Ludwig verstärkte das Licht und wandte sich einem Spiegel zu, aus dessen leicht beschlagener Oberfläche ihm sein gerötetes Gesicht über dem zu großen meergrünen Schlafanzug entgegenglänzte. Das also war er, Ludwig? Grün steht gut zu deinen Augen. Seine Augen waren, so glaubte er, graugrün oder graublau oder grau, je nach den Umständen, doch jetzt kam es ihm vor, als seien sie von einem klaren Grün. Grün und tief. Ernsthaft schaute er sich in die gespiegelten Augen und, nach einem tiefen Atemzug, bestätigte er seinem Spiegelbild: „Ja, ich bin du, Ludwig, Sohn des Nils und der Elisabeth. Getauft zum Ruhme der Musik auf den Namen des Königs und Schwanenritters Ludwig. Du bist ich.“ Er schob die zu Boden gefallenen Kleidungsstücke mit dem Fuß zu einem Haufen zusammen, als sei es eine abgestreifte Schlangenhaut. Als sei es das verkorkste Lehrerlein mit dem ewig schlechten Gewissen. Als sei es das gescholtene Kind, das vom Lehrer am Ohr der Klasse vorgeführt und von der Mutter verlassen wurde. Vaterlos. Er ließ den Haufen, wie er war, und wandte sich den Bademänteln zu, die in großer Zahl an einem Ständer hingen. Seine Wahl fiel auf einen Morgenmantel aus glattem leicht schillerndem Material, das sich gut auf der Haut anfühlte. Forschend besah er sich noch einmal im Spiegel und fand seinen Blick sehr belebt, beseelt wie von einem tieferen Glanz. Leise und auf bloßen Füßen glitt er die Treppe hinab, ging durch das Vestibül  und öffnete eine weißlackierte Tür, deren oberer Teil aus mattem Glas bestand, in das zu Ludwigs nicht geringem Vergnügen zwischen ornamentalem Rankenwerk ein Schwanenpaar eingraviert war.

Ludwig trat in einen großen kunstvoll ausgeleuchteten Salon. Aus einer nur angelehnten Tür im Hintergrund, die offenbar zur Küche führte, drangen Geräusche, wie sie beim Kochen entstehen. Eine eigentümliche Duftmischung lag in der Luft, gewoben aus feinen Essenzen und den Gerüchen der Küche. Zögernd blieb er stehen. Sollte er Johannes seine Hilfe anbieten? Doch nein, nein, es war zu früh für eine erneute Begegnung. Er wollte sich erst ein wenig vertraut machen mit Johannes’ Umgebung. Wer war dieser junge Mann, wie lebte er?

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Es kommt ein Schiff geladen

 

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Heute gibts was zu lesen: einen Abschnitt aus einem Romanprojekt, das ich vor einigen Jahren begann. Es wuchs auf 700 Seiten an und erhielt den Namen „Schwanenwege“. Seither liegt es in der Schublade. Aber heute hole ich mal wieder ein Stück hervor.

(Kontext: Ludwig, der mittlere von 5 Geschwistern und homosexuell, ist Hauptschullehrer in Eckernförde und Sterngucker aus Leidenschaft. Und so fährt er in einem Moment großer seelischer Verlassenheit nach Hamburg ins Planetarium, wo eine Show über den Sternenhimmel Alt-Ägyptens läuft.)

„Das große Planetarium wimmelte von Jungvolk, ganze Schulklassen mit ihren Lehrern waren gekommen, es gab auch ein paar Studenten und Rentnerinnen, die übliche Mischung bei solchen Veranstaltungen eben. Kaum hatte Ludwig Platz genommen, fühlte er die altbekannte Ehrfurcht in sich aufsteigen, die ihn immer ankam, wenn sich der Weltenraum ein wenig für ihn öffnen sollte. Nicht der aktuelle Hamburger Sternenhimmel natürlich. Nieselregen und städtisches Streulicht hätten sowieso keine spektakulären Ausblicke zugelassen. Nein, ein in anderen Längen und Breiten ausgespanntes, längst versunkenes Himmelszelt würde sichtbar werden. Ob sie wohl zeigen würden, wie die Sternenbewegung sich den Herren von Alt-Ägypten darstellte, die ihr Planetarium auf dem Inselchen al-Warraq, im Brennpunkt des heutigen Kairo, errichtet hatten?“

….. (Hier folgen Ludwigs innere Erlebnisse beim Anschauen des ägyptischen Sternenhimmels. Es geht dann weiter:)

„Ludwig schwindelte bei dieser Gedankenflucht. Halt suchend wandte er sich rückwärts, in seine Kindheit, und fand sich wieder in der Dorfkirche, es war Advent, oder doch schon Weihnachten? und die Gemeinde sang von einem anderen Schiff: „Es kommt ein Schiff geladen bis an sein’ höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort“. Auch Vater und Mutter sangen mit.

Ludwig pfiff leise die vertraute Melodie – und schrak auf. Er hatte vergessen, wo er war. Menschen sahen sich nach ihm um, tadelnd, ironisch. Beschämt zog er sich in sich zurück.

Da berührte ihn ein Blick, der war freundlich und voll von geheimem Einvernehmen. Dunkle Augen in einem schmalen jungen Gesicht, ein feiner sinnlicher Mund, kaum Flaum über den Lippen. Sein Haar floss ihm in dunklen Wellen bis auf die Schultern. Ludwig errötete, wie ertappt, seine Augen wandten sich ab, der Show zu. Aber es gelang ihm nicht mehr, sich zu konzentrieren. Während die Kamera im Tempel von Edfu herumfuhr und der Kommentator über Horus’ rechtes und linkes Auge sprach, die Sonne und Mond darstellten, fühlte Ludwig immer noch die dunklen Augen des Fremden auf seinem Gesicht.

Als das Licht anging und die Menschen zum Ausgang strömten, stand er ein wenig benommen auf. Er war nicht in Edfu, war nicht in Theben oder in Canopus, der versunkenen Stadt am Delta des Nils, sondern im abendlichen Hamburg. Er musste sehen, wo er in der Nacht blieb. Zögernd ließ er sich dem Ausgang zutreiben.

Da war plötzlich dieser junge Mann neben ihm und sagte: „Haben Sie Lust und Zeit für einen Spaziergang? Ich heiße übrigens Johannes.

*

„Sicher, klar hab ich Zeit“, brachte Ludwig heraus. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Schräg von unten – er war ja etwas untersetzt, während Johannes’ schöner Kopf auf einem langen schlanken Körper saß – warf er verstohlene Blicke auf seinen Begleiter. Sehr elegant, ja extravagant war dieser gekleidet in seinem schwarzen, rot unterfütterten Mantel, der auf Taille gearbeitet war und sich nach unten glockenförmig öffnete. Um den Hals hatte er einen weichen weißen Schal geschlungen, der sehr gut zu seinem dunklen Teint stand. Ludwig kam sich neben diesem Prinzen schmutzig und schäbig vor. Normalerweise war ihm sein Aussehen ganz unwichtig, wie er überhaupt nicht viel Wert auf seine Person legte. Am besten fühlte er sich in bequemen Hosen und Pullover und in ausgetretenen Schuhen. Eine Windjacke mit oder ohne Kapuze komplettierte seine Garderobe. Sein Haar war sehr kurz geschnitten, wodurch die Kugelform seines Schädels betont wurde.

Johannes spürte wohl Ludwigs Befangenheit, jedenfalls sagte er mit einem leichten Lächeln: „Johannes Tauler“.

Ludwig beeilte sich, sich seinerseits vorzustellen: „Ludwig Winrod“ – das „von“ fand er unpassend und verschwieg es.

„Nein, nein“, lachte Johannes, wobei sich an seinem sonst tadellosen Gebiss eine leichte Störung zeigte, die Ludwig besonders apart erschien – ein Eckzahn war spitz wie bei einem Raubtier – „Johannes Tauler ist der Dichter des Liedes, das du vorhin gepfiffen hast“.

Du, hatte Johannes gesagt, so vertraulich, als ob sie sich seit langem kannten. In Ludwigs einsamem Herzen ging ein Licht auf und strahlte aus seinen Augen, als er etwas dümmlich zurückfragte: „Der Dichter des Liedes?“

„Ja. Der Tauler Johannes war Mystiker, Schüler von Meister Eckhart. Ein Gottesfreund. Ich weiß das, weil ich mich für die Johannesse dieser Welt besonders interessiere“, fügte er lachend hinzu, und wieder erschien der Raubtierzahn in seinem weichen, sensiblen Mund. „Übrigens hat Tauler das Lied wohl aus noch älteren Quellen geschöpft. Das Schiff bedeutet, wie du vielleicht weißt, die schwangere Maria als Himmelskönigin.“

Und unbekümmert um die Menschen, die durch den abendlichen Park eilten, sang Johannes, sich zu Ludwig leicht hinabbeugend, mit schöner Stimme:

Es kumpt ein schiff geladen
recht uff sin höchstes port,
’s bringt uns den sune des vatters,
daz ewig wore wort.

Daz schifflin daz gat stille
und bringt uns richen last,
das segel ist die minne,
der hailig gaist der mast.

Das Segel ist die Minne! Ludwigs Herz öffnete sich noch einen Spalt, und die zurückgestaute Liebessehnsucht vieler Jahre drohte ihn zu ersticken.“…….

*

Soweit das Romanfragment. In Griechenland ist das Weihnachtssymbol nicht der Tannenbaum, sondern das Schiff. Und so habe ich für meine diesjährige Grußkarte ein Weihnachtsboot in den Farben Griechenlands gebastelt. Frohe Weihnachten!

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: H wie ΗΤΤΑ (Niederlage)

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H, auszusprechen Ita,  ist der 7. Buchstabe des griechischen Alphabets. Er sieht aus wie H in Heer und wurde früher auch so gesprochen, nämlich als angehauchtes gelängtes e, also hḗ.  Heute spricht man es als i – genauso wie die anderen vier (!) Schreibweisen von i.

Dass es einmal HE war, siehst du an Wörtern wie Ηρα =Hera und Ηρακλής=Herakles, Ήλιος=Helios und Ηδονή =Hedonie, Ηράκλειτος=Heraklit und Ηγεμονία=Hegemonie. Auch das Wort Ethik beginnt mit H und hat gleich noch zwei weitere H im Gefolge: HΘΗΚΉ.

So viele und noch mehr schöne Wörter habe ich zur Auswahl, um mein Alphabet des freien Denkens zu bestücken  – und wähle ein so unschönes Wort wie HTTA – Niederlage? Wer mag schon Niederlagen? Wir hatten das ja schon mal, als ich bei Δ, anstatt des schönen Wortes Demokratie das unschöne ΔΟΥΛΕΙΑ=Arbeit, Sklaverei wählte. Ja, warum nur? Was hat die Niederlage mit dem freien Denken zu tun?

Du vermutest vielleicht: weil das freie Denken von einer Niederlage zur nächsten schreitet und wir trotz aller Bemühungen um Klarsicht im Sumpf des Postfaktischen und der Fake News zu versinken drohen? Doch nein, an so was denke ich nicht, überhaupt nicht.

Ich denke an etwas ganz anderes. Ich stelle mir, nur mal versuchsweise,  vor, das „Dritte Reich“ hätte sich triumphal in ganz Europa durchgesetzt. Das ist der Alptraum vom Endsieg über den letzten Krümel freien Denkens, der sich vielleicht noch irgendwo versteckt hatte! Die Niederlage der deutschen Truppen rettete uns vor diesem Alptraum. Zu Recht wurde sie als Befreiung gefeiert – leider nicht in Westdeutschland. Oder nehmen wir das Sowjet-Regime. Als es zusammenbrach, konnte sich aus seinen Trümmern der freie Geist retten, soweit er nicht in den Gulags umgekommen war. Und wie wars im alten Rom? Wurde es etwa freiheitlicher, als es von Sieg zu Sieg schritt? Natürlich nicht. Es versklavte immer ungehinderter Menschen und Völker. Such in der Geschichte, so viel du willst: Du wirst keine bescheidenen Sieger finden. Erst die eigene bittere Niederlage bringt ihn zur Besinnung. Doch was hilfts? Jetzt ist es ein anderer, der siegt – und die Chose geht von vorne an. „Sieg ist vor allem Revanche“, stellte ein kluger Schweizer (Alain de Botton) fest.

Ich habe bei meinem „Lob der Niederlage“ freilich noch mehr im Sinn. Ich denke, das ganze mörderische Spiel von Sieg und Niederlage – diese endlose Abfolge von wenigen glücklichen Siegern und einem Haufen unglücklicher Verlierer – gehört abgeschafft. Legen wir die Waffen nieder! Das wäre die schönste Niederlage! Oder, wie Orwell sagt: „Der schnellste Weg, einen Krieg zu beenden, ist die Niederlage“.

Brecht meint, dass die Siege der wenigen „da oben“ die Niederlage der vielen „da unten“ mit einschließe. Wie recht er hat! Man braucht sich ja nur irgendeine berühmte Schlacht vor Augen zu führen. ZB die „Völkerschlacht zu Leipzig“.

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Vladimir Moschkow, Völkerschlacht von Leipzig, 1815)

Wer siegte? Wer erlitt eine Niederlage? Weißt du’s noch? Rührt es dich? „Von den rund 600.000 beteiligten Soldaten wurden 92.000 getötet oder verwundet“ – weiß Wikipedia. „Rund“, klar, es kommt auf den Einzelnen hier nicht an, es war ja nur ein Vater, ein Bruder, ein Sohn, er hatte nur ein ganz unbedeutendes Schicksal. Was gehen uns die bitteren Tränen von irgendwem an? 1913 wurde ein Denkmal für diesen Sieg – denn ja, es war ein Sieg und keine Niederlage – eingeweiht, grad rechtzeitig, bevor noch weitere solche großartigen Siege stattfanden..

Wie zum Beispiel die von Verdun:

Wie überhaupt diese Siege in den ersten fünf Monaten des Ersten Weltkriegs: bis Weihnachten waren in Flandern „160.000 britische Soldaten gefallen, Frankreich und Deutschland verloren je über 300.000 junge Männer“. So berichtet der Spiegel in einer Reminiszenz an das Weihnachtswunder von 1914: Denn auch das geschah: „Gegen 10.00 Uhr morgens“, schrieb ein britischer Captain an seine Mutter,  „sah ich von meinem Unterstand aus einen mit den Armen wedelnden Deutschen sowie zwei weitere, die aus ihrem Schützengraben kletterten und auf uns zukamen. Wir wollten schon auf sie feuern, als wir sahen, dass sie unbewaffnet waren, also ging einer von unseren Männern zu ihnen hin – und binnen zwei Minuten wuselten zwischen den Gräben Soldaten, und Offiziere beider Seiten schüttelten sich die Hände und wünschten sich fröhliche Weihnachten.“fuer-einen-tag-brueder-das

Ein paar Tage dauert das Wunder, dann wird es von den Vorgesetzten im weit entfernten Berlin gewaltsam beendet. Auf Fraternisieren zu Kriegszeiten steht die Todesstrafe. Das fehlte ja noch, dass alle so dächten wie dieser britische Veteran: „dass endlich Schluss sein möge. Wir litten doch alle gleichermaßen unter Läusen, Schlamm, Kälte, Ratten und Todesangst“. Wenn alle so dächten! Unsere schönen Siege wären dahin! (Foto und Zitate  stammen vom Spiegel-Wissenschaft online, 2014)

Wer siegt, denkt ans Siegen und immer Weitersiegen. O, die deutschen Heere eilten im Zweiten Weltkrieg von Sieg zu Sieg, der Jubel wollte kein Ende nehmen. „Noch mehr solche Siege, und wir sind verloren“, sagte Pyrrhus I (319/318–272 v. Chr.) nach einer gewonnenen Schlacht. Der Pyrrhus-Sieg ist seither sprichwörtlich, aber manche scheinen ihn vergessen zu haben. Brecht dichtete für die glücklichen Frauen der siegenden deutschen Soldaten ein Ständchen.

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Berthold Brecht
Und was bekam des Soldaten Weib / Aus der alten Hauptstadt Prag? / Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh / Einen Gruß und dazu die Stöckelschuh / Das bekam sie aus der Stadt Prag.

Und was bekam des Soldaten Weib / Aus Warschau am Weichselstrand? / Aus Warschau bekam sie das leinene Hemd / So bunt und so fremd, ein polnisches Hemd! / Das bekam sie vom Weichselstrand.

Und was bekam des Soldaten Weib / Aus Oslo über dem Sund? / Aus Oslo bekam sie das Kräglein aus Pelz. / Hoffentlich gefällt’s, das Kräglein aus Pelz! / Das bekam sie aus Oslo am Sund.

Und was bekam des Soldaten Weib / Aus dem reichen Rotterdam? / Aus Rotterdam bekam sie den Hut. / Und er steht ihr gut, der holländische Hut / Den bekam sie aus Rotterdam.
Und was bekam des Soldaten Weib / Aus Brüssel im belgischen Land? / Aus Brüssel bekam sie die seltenen Spitzen / Ach, das zu besitzen, so seltene Spitzen! / Die bekam sie aus belgischem Land.
Und was bekam des Soldaten Weib / Aus der Lichterstadt Paris? / Aus Paris bekam sie das seidene Kleid. / Zu der Nachbarin Neid das seidene Kleid. / Das bekam sie aus Paris.
…. Die Fortsetzung kennst du, kennen wir alle.
Es braucht eine tüchtige Niederlage, damit man mit dem Siegen aufhört und mit dem Denken anfängt.

Wer frei denkt, versteht: Die Siege des Einen sind die Niederlage des anderen. Es gibt keine Siege ohne Niederlagen – außer, der Kampf spielt sich im eigenen Inneren ab. Aber von dem rede ich hier nicht.

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Leonardo, Die Schlacht von Anghiari, Kopie von Rubens. Das Original ging verloren.

Ich habe die Fotos dieses Artikels aus dem www zusammengetragen in der Hoffnung, keine copyrights verletzt zu haben. Wenn doch, bitte ich um Benachrichtigung. Ich werde die entsprechenden Bilder umgehend entfernen.

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: Z wie ζει (er lebt)

Der sechste Buchstabe des griechischen Alphabets ist Zήτα. Wir hatten ihn gestern schon. Die ursprüngliche phönizische Bedeutung sei Schwert gewesen, die Schreibweise I. Um es nicht mit dem Vokal I zu verwechseln, sei dann die Senkrechte zur Diagonale geworden:  1024px-zeta_uc_lc-svg

Z ist also … ein zweischneidiges Schwert? Ja, vielleicht.

Denn wer lebt, stirbt. Und wer getötet wurde – lebt er?

Ja. Das genau ist es, was der Buchstabe Z im griechischen politischen Leben bedeutet: er, sie, es lebt  – auch wenn es den Mördern nicht passt.

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Die Rede ist von Grigorios Lambrakis, der am 22. Mai 1963 in Saloniki ermordet wurde. Nach seinem Tod füllten sich die Hauswände der Städte mit dem Zeichen Z:  ζει, er lebt! Zu seiner Beerdigung strömten die Massen.

Auf dem Foto siehst du ihn dreimal: Als Leichtathlet, als Politiker, als Arzt und Sohn. Geboren wurde er 1912 in einem armen Dorf in Arkadien, als 14. von 18 Kindern. Er studierte mit Begabtenstipendium Medizin, wurde leitender Gynäkologe und Dozent an der Uni-Klinik von Athen, blieb 20 Jahre lang panhellenischer Meister im Weitsprung, war erfolgreicher Sprinter und Dreikämpfer und nahm 1936 an den Olympischen Spielen in Nazi-Deutschland teil. Von da stammt auch dieses seltene Foto von Jesse Owens und Grigoris Lambrakis (http://hdl.handle.net/1811/53262)

Jesse Owens posed with Gregory Lambrakis, Berlin, 1936

Jesse Owens posed with Gregory Lambrakis, a Greek athlete, at the Berlin Olympics, 1936,

Jesse Owens war bei den Olympischen Spielen 1936 4facher Goldmedaillen-Gewinner, ein Nigger, wie peinlich. Hat Hitler vorzeitig das Stadion verlassen, damit er ihm nicht die Hand schütteln musste? Darüber streiten sich die Gelehrten heute noch. Unstreitig ist, dass der US-Präsident dem vierfachen Sieger nicht mal ein Glückwunschtelegramm zukommen ließ. Und natürlich war es nicht opportun, sich mit einem Nigger zusammen fotografieren zu lassen, wie es Gregorios Lambrakis tat, der im Weitsprung den 14. Platz erreichte.

Aber so war Lambrakis, und deshalb wurde er auch ermordet. Er kämpfte für Frieden und Völkerverständigung und gegen die Aufrüstung, gegen die NATO, gegen den Krieg in Vietnam, gegen die US-Stützpunkte in Griechenland. Am 21. April 1963 organsierte er, inzwischen Abgeordneter der linken Partei, in Athen den ersten Friedens-Marathonlauf. Der wurde verboten, und so lief er, im Schutz der parlamentarischen Immunität, allein.

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Einen Monat später war er tot. Ein dreirädriger offener Lieferwagen überfuhr ihn, als er, von einer Friedensdemonstration in Saloniki zu seinem Hotel ging, und einer der Männer auf der Ladefläche schlug ihm mit einem Knüppel auf den Kopf. Fünf Tage später starb er an den Folgen der Verletzungen.

Und die Wände der Städte füllten sich mit dem Zeichen Z.  Zει = er lebt!

Vier Jahre nach dem historischen Marathonlauf von Lambrakis, auf den Tag genau, nämlich am 21. April 1967, putschten dieselben Kräfte, die ihn umgebracht hatten, und es begann die siebenjährige Militärdiktatur der Obristen. Hier siehst du ihr offizielles Emblem. Das Vieh auf dem Bild soll ein Phönix sein, der aus der Asche wiedergeboren wird. Nun ja.

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Vielleicht kennst du ja den FilmZ Anatomie eines politischen Mordesvon Costa-Gavras, einem griechischen Regisseur, der nach Frankreich emigrierte? Gedreht wurde der Film 1969, was nicht so einfach war, denn niemand wollte sich die Finger verbrennen. Schließlich war das Thema den Obristen nicht genehm, und dieser Lambrakis war irgendwie Kommunist, wenn auch kein Parteimitglied. Die NATO mochte ihn natürlich auch nicht. Als Drehort fand sich schließlich Algier. Yves Montant spielte Lambrakis, Jean-Louis Trintignant den Staatsanwalt Tzartzetakis, der trotz aller Repressalien versuchte, einen fairen Prozess zu führen (dieser Staatsanwalt wurde später Präsident der Republik und war eine ziemliche Enttäuschung, denn er sah gar nicht wie Trintignant aus), die Filmmusik schrieb Mikis Theodorakis.

10376298_1135642543133466_5251526771254656493_nDie Filmhandlung beruht auf der „fantastischen Dokumentation eines Verbrechens“ von Vassilis Vassilikos:  „Z“ = er lebt! %ce%b5%ce%b9%ce%ba%cf%8c%ce%bd%ce%b1-011 Während der Diktatur wurde  dieses Z zum Freiheits-Symbol schlechthin und folgerichtig verboten, zugleich mit dem Tragen von langen Haaren (junge Männer), Miniröcken (junge Frauen), Sophokles, Tolstoi, Euripides, dem Zerschlagen von Gläsern nach Trinksprüchen, Streiks, Aristophanes, Sartre, Pressefreiheit, Soziologie, Beckett, Dostojewski, Popmusik, moderne Mathematik… (heißt es im Abspann des Films).

Als ich von der neuen Form des Terrors – zuerst in Nizza, nun in Berlin – erfuhr, dachte ich automatisch an Lambrakis. Ein Auto als Mordwerkzeug. Damals war es ein dreirädriger klappriger Lieferwagen, und Ziel war ein bestimmter Mensch, ein politischer Gegner, der für Freiheit und Frieden stand. Heute sind es riesige Sattelschlepper oder Gefrierlaster, und Gegner ist die ganze Zivilgesellschaft. Bei Licht besehen ist der Unterschied nicht groß: immer ist der Gegner die Freiheit des Denkens. Die Aufklärung des Mordes an Lambrakis dauerte drei Jahre, die Täter wurden wegen Totschlag verurteilt. Die Hintermänner gingen selbstverständlich straffrei aus.

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Gregoris Lambrakis am 21. April 1963,

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: Z wie ΖΩΗ (Leben)

Mein Alphabet des freien Denkens enthält bis jetzt sechs Buchstaben:  A wie ΑΝΘΡΩΠΟΣ – Mensch, B wie ΒΙΟΣ – Leben, Γ  wie ΓΕΛΙΟ – Lachen, D wie ΔΟΥΛΕΙΑ – Arbeit/Sklaverei, E wie ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ – Freiheit, Z wie ZΩΗ – Leben

Moment mal, Leben hatten wir doch schon! Der zweite Buchstabe hieß B wie ΒΙΟΣ – Leben und nun auch der sechste Z wie ZΩΗwieder Leben? Ja, so sieht es aus. Darf ich erinnern? „Bios heißt Leben. Aber nicht das Leben als solches, das uns gegeben ist, sondern das, was wir aus ihm machen, entsprechend unserem Charakter und den Umständen unseres Lebens. Wir bauen uns ein „Haus“, eine Vita, eine Biographie», so schrieb ich hier.

ZOI ist nicht Bios, ist nicht das, was der Mensch zwischen Geburt und Tod aus sich macht. Es ist das Leben „als solches“, ist die bewegende Lebenskraft, die allem Lebendigen innewohnt. Du kennst das Wort von Zoologie  – die Tiere (ζώον) und die Kinder sinds, die es uns am deutlichsten vorleben: voller Kraft, Beweglichkeit, leidenschaftlichem Hiersein.

006 Aber auch die Pflanzen haben es. Alles was sterben kann, hat Leben. Was nicht sterben kann, gehört zur leblosen, mineralischen Natur.

Was ist Leben? Am besten verstehen wir es aus seiner Negation: Das Leben „entweicht“, wenn etwas, jemand stirbt. Da ist ein grünes Blatt am Baum, es beginnt zu schrumpfen, verliert seine Lebensfarbe, löst sich vom Ast, fällt herab. Seine Form erhält sich noch eine Weile, vielleicht nimmt es eine lebhafte, Leben vortäuschende Farbe an – aber es ist vorbei mit ihm. Das Leben ist gewichen. Wo ist das Leben nun? Rätselfrage.

Im Normalfall entweicht das Leben langsam und allmählich aus dem lebendigen Organismus: es zieht sich zurück. Auch beim Menschen ist das nicht anders, trotz aller Versuche, diesen Prozess aufzuhalten: die Haut wird schrumpelig, die Augen werden trübe, das Gehör lässt nach, die Beine werden steif, das Haar verliert seine Jugendfarbe, wird weiß oder grau. Langsam, unaufhaltsam zieht sich das Leben zurück aus den Sinnenorganen und Gliedmaßen, bis es ganz entweicht. Zurück bleibt eine steife kalte Hülle, die noch eine kurze Weile die alte Form bewahrt und dann in Auflösung übergeht.

Es ist das Leben, das die Form aufgebaut hat und ständig von Neuem aufbaut. Leben und Absterben halten sich in einem gesunden, kräftigen Organismus die Waage. Doch langsam nehmen die Sterbeprozesse zu, die Lebenskraft erschöpft sich und schwindet schließlich ganz. Die Form löst sich auf. Das Mineralische wird am längsten standhalten: Knochen, Schädel  erinnern an die lebendige Formkräfte, die da gewirkt haben.

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Was ist Leben? Keiner weiß es, keiner kann es machen. Es wird erkennbar in seiner Wirkung. Das Kind, aus dem Mutterleib ausgestoßen, schreit und läuft rot an: es ist lebendig. Ich lache, ich tanze, ich laufe: ich bin lebendig.

Was hat das Leben zu tun im Alphabet des freien Denkens?  Damit ich denken kann, muss ich lebendig sein. Das ist die erste Antwort. Doch halt!  Die Stoffwechselorgane, insbesondere die Leber (die deshalb so heißt), aber auch das Blut, die Lungen sind es, die den Lebensprozess aufrechterhalten. Das Gehirn, das Denken baut sie ab. Leben ist die Voraussetzung fürs Denken, ja, aber Denken findet nur statt, wenn die Vitalprozesse zurückgedämmt werden, sich quasi opfern, damit sich das Bewusstsein entwickeln kann.

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Eleusis und Triptolemos

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Der liebliche Jüngling auf dem altgriechischen schwarzgrundigen Krater ist Triptolemos, Sohn des Königs von Eleusis, der die großmütige Getreidegöttin Demeter gastfreundlich aufnahm, als sie verzweifelt nach ihrer Tochter Persephone suchte. Hades  hatte sie geraubt….

Zum Dank für die Gastfreundschaft überreicht Demeter dem Jüngling Ähren, auf dass er die Menschen den Ackerbau lehre. Sie schenkt ihm auch einen Wagen, der von zwei Drachen gezogen wird. Mit dem macht sich Triptolemos auf die Reise und lehrt die Völker,  wie sie Getreidekörner in die aufgebrochene Erde ausstreuen können. Nach anständiger Wartefrist werden aus der dunklen Erde grüne Halme sprießen, dass es eine Lust ist. Und nach weiterer Wartezeit werden sich neue Ähren am Halm bilden, und wenn man sie nicht vorzeitig zertritt oder von den Tieren auffressen lässt, kann man die Ähren schneiden. Man kann sie dann mit Knüppeln schlagen, um das Spreu vom Weizen zu trennen. Und die so gewonnenen Körner –  viel viel mehr Körner als die, die man wenige Monate zuvor in die Erde streute – kann man mithilfe von Steinen zermahlen. So gewinnt man ein grobes  weißliches Pulver, das man mit Wasser verrühren und auf heißen Platten zu Fladen backen kann.

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Am Beginn: die Aussaat (c) gerda kazakou

Ich weiß nicht, ob Triptolemos die Sache des Getreideanbaus und Brotbackens genauso vermittelte, wie es mir eben einfiel zu erzählen. Wie auch immer, er ist derjenige, der am Anfang unserer Landwirtschaft steht (siehe auch: https://gerdakazakou.com/2015/09/19/am-beginn/). Oder vielmehr: Kornmutter Demeter steht am Anfang.

fig_1 Diese herrliche Stele, die links Demeter, rechts Persephone und in der Mitte den Menschen Triptolemos zeigt, befindet sich im Archäologischen Museum von Athen. 

In manchen Weltgegenden ist man heute froh, wenn man im Frühjahr ein paar Körner zusammenscharren kann, um sie in den vertrocknenden Boden auszusäen und später, wenn nicht Kriegerhorden sie zertrampelt haben, sein dürftiges Brot auf heißen Steinen zu backen.

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Mama Afrika (c) gerda kazakou

In anderen Gegenden zieht man immer noch mit dem Ochsen und dem Pflug dreimal den Kreis – wie Triptolemos es empfahl (daher sein Name). Am dreimal umpflügten Feld (du kennst das Wort Triptichon) entstanden die ersten Städte – Polis. Es entstanden die Politia (Gemeinwesen), der Politismos (Kultur, du kennst es zB aus dem englischen polite=höflich), der Politis (Bürger), die Politik und die Polizei ….

Schon damals gab es menschliche Eigenschaften, die heute noch die Politik bestimmen. So wird erzählt, dass der König der Geten, die im heutigen burgarisch-rumänischen Grenzgebiet siedelten,  kaum hatte er den Getreideanbau erlernt, den einen Drachen  von Triptomeos‘ Gespann tötete, um zu verhindern, dass auch andere Völker von dem Wissen profitierten. Heute macht man das bekanntlich, indem man Saatgüter patentieren lässt….

Dieser König hieß übrigens Karnavos, und der Mythos erzählt, dass er schließlich zusammen mit dem Drachen, den er getötet hatte, am Himmel landete, als Sternbild Ophiouchos (Schlangenträger). Es ist das dreizehnte Tierkreiszeichen, benachbart dem Skorpion. Gerade gestern verließ die Sonne es, um den Schützen zu begrüßen. (So reimte ich es mir zusammen).

250px-kepler_drawing_of_sn_1604Diese Zeichnung stammt von Kepler

Doch was kümmert mich der alte Schlangenträger – es sei denn, ein anderer Mythos hätte recht, der in ihm Asklepius sehen  möchte – den Halbgott, der den Menschen die Heilkunst brachte  – ihr wisst schon, den mit dem Schlangenstab, den die Römer … (siehe mein Beitrag „Rom – Auf der Insel“)

Und so schlage ich den Bogen zu dem, was mich gegenwärtig am meisten beschäftigt: dem Projekt, in dem junge Menschen mit mentaler Behinderung lernen, den Boden zu bearbeiten, ohne ihn zu verletzen, Saaten auszustreuen, die aus alten Sorten gewonnen werden, Gemüse zu ernten, das nicht vergiftet ist. In Lysos Garten unter dem alten Olivenbaum.

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Und grüße alle, die mutig davon träumen, dass Erde, Mensch und Tier in schönem Gleichgewicht zusammenleben und anstatt Elend Fülle haben..

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Am Beginn: im Gleichgewicht (c) gerda kazakou

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E wie ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ, unterwegs nach Eleusis.

ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ – ΕΛΕΥΣΙΣ

Freiheit – Eleusis

Wir leben jetzt in der Vorweihnachtszeit, und es ist verführerisch, die Stimmung des Advent, was ja nichts anderes bedeutet als Ankunft, auf Eleusis zu beziehen. Denn Eleusis heißt, wie ich bereits ausführte: Ankunft: Eine Geburt wird erwartet. (https://gerdakazakou.com/2016/12/16/alphabet-des-freien-denkens-der-fuenfte-buchstabe-eleutheria-elysium/)

Ein drittes verwandtes Wort soll mir die Brücke bilden zwischen Freiheit und Eleusis: ΕΙΛΕΙΘΥΙΑ, die göttliche Geburtshelferin.

Dazu eine kleine vorweihnachtliche Geschichte: Als ΛΗΤΩ (Leto) mit den Zwillingen Apollon und Artemis schwanger ging, konnte sie nirgends ein Fleckchen Erde finden, um zu gebären. Denn Hera hatte die Erde durch Eid gebunden, Leto nicht aufzunehmen. Warum? Sie fürchtete, Letos Kinder würden einst ihre eigene Macht untergraben. (So dachte später auch Herodes bezüglich Marias Sohn….). Schließlich ließ Poseidon eine winzige schwimmende Insel mit vier diamantenen Säulen am Meeresgrund befestigen: ΔΗΛΟΣ (Delos), wo Leto, angeklammert an den Stamm eines Feigenbaumes, in schwere Wehen kam. Aber gebären konnte sie nicht. Denn Ειλείθυια, die Geburtshelferin, traute sich nicht, gegen Herodes Heras Gebot zu handeln. Erst als sie mit einem herrlichen Geschmeide, das Hephaistos aus Mondlicht geschmiedet hatte, bestochen wurde, half sie, und so konnte Leto Artemis zur Welt bringen. Die half dann ihrerseits, ihren Zwillingsbruder Apollon zu entbinden. Apollon, der Sonnengeist – Gott der Musik, der Weisheit und Prophetie, war geboren.

Wenn du auf der Heiligen Straße von Athens antikem Friedhof nach Eleusis gingest – 22 km etwa sind es -, träfest du auf halber Strecke eine im 6. Jahrhundert gebaute Klosterkirche, die mit herrlichen Mosaiken geschmückt ist. Leider wurden sie 1999 durch ein Erdbeben schwer beschädigt.

 

Das Kloster ist Weltkulturerbe. Es heißt Daphne=Lorbeer. Ja, warum nur? fragst du dich. Und wenn du dann ein bisschen nachforschst, findest du heraus, dass am selben Ort früher ein mächtiges Apollon-Heiligtum stand. 320px-%ce%bf_%ce%ba%ce%af%ce%bf%ce%bd%ce%b1%cf%82_%cf%83%cf%84%ce%b7_%ce%bc%ce%bf%ce%bd%ce%ae_%ce%b4%ce%b1%cf%86%ce%bd%ce%af%ce%bf%cf%85_%ce%b1%cf%80%cf%8c_%cf%84%ce%bf_%ce%b9%ce%b5%cf%81%cf%8c_%cf%84  Der gemanische Stamm der Gothen hat es im 4. Jahrhundert n.Chr. dem Erdboden gleichgemacht, dabei eifrig unterstützt von „Schwarzröcken“, christlichen Mönchen, die gegen die alten Götter wetterten. (Aber das ist eine andere Geschichte).

Apolls erste Liebe und Leidenschaft war die Nymphe Daphne – er verfolgte sie, doch in letzter Sekunde entkam sie seiner Gewalt, indem sie sich in einen Lorbeerbaum verwandelte. Apoll, reumütig, machte die Blätter zum Zeichen des Sieges.

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Seither bekränzen sich Diktatoren, Poeten und Sportler gern mit dem Laub dieses Baumes. (Aber das ist wieder eine andere Geschichte).

Der Apollon-Tempel war der Platz, wo sich die Menschen, die zu den Mysterien nach Eleusis strömten, noch einmal ausruhen, reinigen und innerlich sammeln konnten, bevor sie sich den seelischen Erschütterungen aussetzten, die die in Eleusis gespielten Dramen unweigerlich in ihnen auslösen würden.

Eine Geburt wird in Eleusis erwartet. Aber welche? Meine eigene vielleicht? Und wird die Geburtshelferin zur Stelle sein?

Der vierte Advent ist heute, wo ich dies schreibe. Drum verzeiht mir, dass ich immer wieder ins Christliche abschwenke, anstatt auf der antiken Heiligen Straße nach Eleusis voranzuschreiten. Auch wir erwarten ja eine Geburt. Wieder ist eine Hochschwangere unterwegs, die keinen Ort finden kann, um niederzukommen. Schließlich findet sich eine Höhle, findet sich ein Stall  … und geboren wird das „Licht der Welt“ – ein anderer Apoll.leonardo_da_vinci_-_vergine_delle_rocce_louvre

Geburt ist Befreiung. Im Griechischen wünscht man der Schwangeren „gute Befreiung“. Wenn aber das „Licht der Welt“ geboren wird, wird nicht nur die Mutter glücklich befreit,  sondern die ganze Welt. Von der Sündenlast, sagen die einen. Von Krieg und Verderben, Krankheit und Hungersnot, sagen die anderen.  Oder aber auch: vom Tod.

Was geschah in Eleusis? Wir wissen es nicht wirklich, denn es war ein Mysterium, das sich dort vollzog. Und der Μυημένος (Eingeweihte) hatte zu schweigen über das, was er dort erlebte. Dennoch wissen wir so viel: es ging um Tod und Wiedergeburt. Persephone, die Tochter der Demeter, wurde von Hades geraubt. Im Frühling (zu Ostern) durfte sie wieder auferstehen, durfte wieder auf der Erde gehen, und ihre Mutter ließ wieder die Halme sprießen. Ein anderes Drama, das dort gespielt wurde, war das von Dionysos – dem „zweimal Geborenen“. Er starb, wurde zerrissen und „im Vater“ (Zeus) erneut geboren. Auch bei der Geburt Jesu geht es um Tod und Auferstehung, nicht wahr? Alles läuft darauf zu. Er muss sterben, um im Frühling aufzuerstehen und uns vor Augen zu führen, dass es den Tod nicht gibt.

Wie der Same, der ins Erdreich gelegt wird und erstirbt ….

Das ist das Mysterium von Eleusis. Im Mysteriendrama erfährst du, dass es den Tod nicht gibt. Wenn du danach in dein normales Leben zurückkehrst, bist du gewandelt. Die Angst vor dem Tod kann dich nicht mehr erschüttern. So verstanden es die Alten, so verstehe ich es.

Auch im christlichen Heilsgeschehen geht es um die Überwindung des Todes. Die Griechen, geschult durch die Mysterien, wussten das, und so ist es kein Wunder, dass die griechisch-orthodoxe Kirche nicht die Geburt oder Kreuzigung, sondern die Auferstehung Christi zum Hauptfest erklärte.

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Die Auferstehung, Kloster Chora, Istanbul

In Eleusis erfuhren die Adepten: Ihr werdet nicht sterben, sondern wieder geboren werden. Wie die Saat, die in den Boden gesenkt wird, wie Persephone, die von Hades geraubt wird, wie Dionysos, der zerrissen wird. Dein Körper stirbt, aber dein Leben wird weitergehen. Denn den Tod gibt es nicht wirklich.

Darin  liegt zugleich der Kern des Freiheitsgedankens. Denn er besagt: du selbst bestimmst dein Schicksal, von Leben zu Leben zu Leben schaffst du es dir. An dir liegt es, wie du lebst, wie du stirbst und welchen Bedingungen du unterworfen bist. Du bist frei, dir eine Hölle oder einen Himmel zu schaffen.

Es liegt an dir.

 

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