Hin und her habe ich überlegt, ob ich mit der Teilveröffentlichung der „Schwanenwege“ weitermachen soll. Und kam zu einem Ergebnis: Heute gebe ich die Geschichte von Johannes rein, denn die schulde ich dir irgendwie, ich kann dich doch nicht einfach in der Luft hängen lassen. Danach ist für eine Weile Schluss. Denn ich muss erst mal mit mir selbst ins Klare kommen, was aus dem Manuskript werden soll.
Der heutige Abschnitt schließt nicht genau an den vorigen an, denn es fehlt das Kapitel „Nacht“. Wir treffen unsere Helden wieder am nächsten Morgen. Ludwig versucht, seinen älteren Bruder Harald zu erreichen, um zu erfahren, ob die Mutter bei ihm in Genua ist. Aber das Handy von Harald antwortet nicht. Warum? Das hat seinen besonderen Grund, den ich euch aber nicht verraten möchte. Hättest du das ganze Manuskript, wüsstest du es, und du wüsstest auch, wo die Mutter der fünf Geschwister und diese selbst sich befinden. Aber Ludwig weiß es nicht. Er ist ahnungslos und macht sich große Sorgen, zumal er ja auf die Mutter aufpassen sollte.
Johannes Geschichte
Am Frühstückstisch, den Johannes fürstlich bestückt hatte, hätte Ludwig sich gern als charmanter Plauderer gezeigt, doch immer wieder driftete seine Aufmerksamkeit ab. Was war nur mit Mutter passiert? Wie ging es den Geschwistern? Den Zwillingen? Seine ganze Familie war wie vom Erdboden verschwunden. Er kam sich vor wie der einzige Überlebende einer Katastrophe, und das sagte er auch.
„So, ja“, antwortete dieser und verfiel in ein so tiefes Schweigen, dass es sogar dem zerstreuten Ludwig auffiel.
„Ich meinte“, versuchte er zu witzeln, „wie Noah in der Arche, als der Rabe ihn verließ“.
Doch Johannes blieb stumm, stand auf und räumte die Tassen ab, machte sich am Ausguss zu schaffen, kam dann an den Tisch zurück, fahl im Gesicht.
„Was ist, Johannes?“ fragte Ludwig zaghaft. „Habe ich was Falsches gesagt?“
„Nein, nichts“, antwortete Johannes schroff, und sein Gesicht verschloss sich noch mehr. „Nichts, ich versichere dir, es ist nichts, was mit dir zu tun hat“. Nach einer Pause, die Ludwig endlos zu sein schien, brach es aus ihm heraus: „Es ist nur wegen dem, was du gesagt hast. Dass du dich wie der einzige Überlebende einer Katastrophe fühlst. Du weißt sicher nicht, was du mir da sagst. Es ist nämlich so: Ich bin’s“.
„Was bist du, Johannes?“
„Was ich bin, willst du wissen? Warum, glaubst du wohl, lebe ich hier allein? Sie sind alle verschwunden. Tot. Ausradiert, verbrannt.“

Ludwig war, als wäre ein Hammer auf seinem Kopf niedergesaust. Dieser Johannes war -, aber das konnte doch nicht sein! Er war ja viel zu jung! „Deine Leute sind Opfer des Holocaust geworden?“ brachte er schließlich heraus.
Johannes, immer noch sehr blass, hob abwehrend die Hand. „Lass, ich mag das nicht. Ich mag nicht über mich sprechen. Nein, wenn es dich beruhigt, es waren nicht Theresienstadt oder Auschwitz, wo die Meinen umgekommen sind. Das Schicksal kennt viele Wege, dich zu vernichten.“ Johannes verfiel erneut in Schweigen, finster brütete er vor sich hin.
Ludwig nahm seinen ganzen Mut zusammen, blickte seinen jungen Freund innig an und bat leise: „Bitte, Johannes, vertrau mir, erzähl. Wenn du dich verschließt, wie soll ich mich öffnen?“
Johannes blickte auf, in seinem Gesicht arbeitete es. „Nun gut, wenn du so drauf erpicht bist.“ Seine Stimme war bitter. Ja, er sei ein Überlebender, Sohn einer Frau, die selbst nicht überleben mochte.
Wieder stockte er, fuhr dann gleichmütig fort: „Es ist, bei Licht besehen, eine ziemlich banale Geschichte, die keinen Vergleich aushält mit all den anderen dramatischen Schicksalen des vergangenen Jahrhunderts. Meine Mutter, sie hieß Rahel, wurde 1947 in Brasilien geboren, ihre Eltern aber stammten aus Hamburg. Sepharden, zu Hause sprach man noch immer portugiesisch, obgleich die Ersten schon Ende des 16. Jahrhunderts nach Hamburg gekommen waren, als ihnen der Boden in Portugal zu heiß unter den Füßen wurde. Sie waren Conversos, also zwangschristianisierte Juden, die Inquisition verbrannte ihresgleichen mit besonderem Eifer. Die katholische Kirche hatte, wie man gut verstehen kann, kein Vertrauen in die Zwangs-Christen. Rahels Mutter Rebekka stammte mütterlicherseits ab von der Linie der Ribes, das war der christliche Name von Jehuda Cresques, von dem ich dir gestern erzählt habe. Du erinnerst dich. Der im Auftrag von Johannes dem Seefahrer auf dem Cabo de Sao Vicente unterrichtete.“
Ludwig versuchte sich zu orientieren. Johannes Mutter hieß Rahel, deren Mutter Rebekka, deren Mutter war eine geborene Ribes. Von Mutter zu Mutter zu Mutter. Er hatte schon davon gehört, dass die Juden ihre Stammbäume über die mütterliche Linie führten. Dennoch war es seltsam, dass Johannes keinen Vater erwähnte. „Du sagst also – “.
Johannes ignorierte Ludwigs Versuch, ihn zu unterbrechen. Hastig fuhr er fort: „Ich bin mal hingefahren, nach Portugal, zum Cabo de Sao Vicente. Im Altertum nannte man es Promontorium Sacrum, Heiliges Kap.
Es wurde angeblich von zehn Raben bewacht. Nichts als nackte Felsenküste, sag ich dir, schroff, wie mit dem Messer abgeschnitten, geht es in die Tiefe. Ständig heult der Sturm, dazu das Geschrei der Seevögel und weit unten die Klippen, an denen sich der endlose Ozean bricht. O Fim do Mundo, verstehst du? Weltende. Endstation Sehnsucht. Schluss, aus.
An diesem extremen Punkt, so denke ich mir, träumten sie sich hinaus und hinüber in eine neue, bessere Welt.

Zufall oder nicht: auch Kolumbus landete hier, 1476, als Schiffbrüchiger. Man munkelt, auch er sei jüdischer Abstammung gewesen, aber das ist nicht sicher. Er war damals noch Handelsagent zwischen Genua und England, fuhr auch auf Schiffen mit, die die portugiesischen Niederlassungen im Golf von Guinea anliefen. Das waren abenteuerliche Reisen, denn sie mussten vorbei am Kap Bojador, dem ‘Kap des Schreckens’, das als Punkt ohne Wiederkehr galt. Bis die portugiesischen Seefahrer es bezwangen. Kap Bojador bildet den westlichen Ausläufer des Dschebel el Aswad. Komm, ich zeig es dir mal auf der Karte. Dann kannst du dir auch gleich die Weltkarte von Piri Reis ansehen. Du wirst dich wundern, wie genau dort bereits die Küsten von Westafrika und Brasilien eingezeichnet sind“.

Johannes hatte sich belebt, die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt, leichtfüßig stand er auf und machte sich auf den Weg in sein Arbeitszimmer. Ludwig folgte ihm zögernd. Diese ungeheure Ansammlung von Wissen und die Geschwindigkeit, mit der Johannes von einem Gegenstand zum anderen glitt, erregten nun nicht mehr seine Bewunderung. Sie machten ihm angst. Johannes wirkte auf ihn wie ein Schlittschuhläufer, der, elegante Pirouetten drehend, ein klaffendes Loch in der Eisdecke umfuhr und davonsauste. War es gut, ihm seine Eskapaden durchgehen zu lassen?
Da fiel Ludwigs Blick auf das Frauenbildnis neben der Tür. Er blieb davor stehen, fest entschlossen, einen weiteren Versuch zu wagen, Johannes auf die eigene Geschichte zurückzulenken.
„Das hier, sagtest du gestern, ist deine Großmutter Elisheeba, die dir das Haus vererbt hat. Die ist dann wohl die Mutter deines Vaters? Ist sie auch nach Brasilien gegangen?“
Johannes drehte sich abrupt um. „Nein, nein. Sie ist übrigens meine Urgroßmutter“, und er wollte wieder in seinem Arbeitszimmer verschwinden.
Aber Ludwig blieb wie angewurzelt stehen. „Elisheeba ist hier geblieben?“ rief er Johannes nach.
Eine einfache Frage, die angesichts der Zeiten, über die er Johannes befragte, einen bedrohlichen Unterton hatte, wie Ludwig mit Schrecken bemerkte. Was war dieser Elisheeba passiert? Voller Unruhe blickte Ludwig auf Johannes, der zurückgekommen war und finster das Bild betrachtete.
„Du willst also unbedingt meine Geschichte hören. Beklag dich aber nachher nicht, wenn sie dir nicht gefällt. Die Sippe von Rebekkas Mann, ebenfalls Sepharden, hatte in Porto und Buenos Aires Besitz und Geschäftspartner, also beschloss man 1934, nach Brasilien auszuwandern. Aber Elisheeba, Rebekkas Mutter, war nicht einverstanden. Sie weigerte sich hartnäckig mitzukommen. Sie war in Hamburg verwurzelt, sie war christlich verheiratet, ihr Mann hatte Beziehungen zu Senat und Bürgerschaft, warum sollte ihr etwas zustoßen? Außerdem war sie dickköpfig bis zur Tyrannei.“
Ludwig fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Diese Urgroßmutter also war der wunde Punkt, das schwarze Loch. Und er hatte Johannes gezwungen, darüber zu reden. Was war er doch für ein gefühlloser Trottel.
Da hörte er Johannes mit dünner Stimme sagen: „Elisheeba blieb hier und überlebte schließlich alle.“
Also nicht? Elisheeba überlebte Krieg und Verfolgung? Mit neuem Interesse blickte Ludwig auf die Dame im Goldrahmen. Dieser volle, müde lächelnde Mund in ihrem jungen Gesicht, das war – ohne Zweifel – ja, das war Johannes’ Mund. Und die Kurve des Halses – ja, auch sie fand sich an Johannes wieder, der nun, den Kopf schräg geneigt, versunken vor dem Gemälde stand.
„Ich kannte sie ja nur als sehr alte Frau“, murmelte Johannes schließlich. „Sie war zweiundachtzig, als meine Mutter mich bei ihr ablieferte.“
„Deine Mutter?“ Nur nicht wieder eine dieser heiklen Pausen einreißen lassen! “Die Rahel, die in Brasilien geboren wurde?“
„Ja, ja, die Rahel. Welche sonst“. Johannes’ Stimme klang bitter. „Meine Mutter wurde, wie gesagt, 1947 geboren. Als sie drei war, kamen ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Sie waren dem Alptraum in Europa entkommen, nur um irgendwo in Brasilien in ihrem Auto zu verbrennen. Ironie des Schicksals.“

Johannes lächelte gequält und sah Elisheebas Jugendportrait ähnlicher denn je.
„Die Verwandten brachten sie hierher zu ihrer Oma Elisheeba.“
Nach einem tiefen Seufzer fuhr er fort: „Also gut, ich erzähl dir die Familienlegende, wie ich sie selbst gehört habe. Elisheeba war noch recht gut beieinander, als Rahel ankam. Sie war da erst so um die fünfzig. Aber Rahel war ein rebellisches Kind. Sie weinte und trotzte, weil sie zu ihrer Mutter wollte. Sie hasste Hamburg, wo sie mit ihrem dunklen Lockenkopf auffiel. Elisheeba sagte mir, dass sie das Aufsehen anfangs wohl auch genoss, aber andererseits, nun, du kannst dir denken, dass ein jüdisches Kind damals nicht gerade genehm war. Es erinnerte die Leute an zu vieles, was sie lieber vergessen wollten. In der Schule bombardierte Rahel ihre Lehrer mit Fragen, auf die sie keine Antwort bekam. Bleiernes Schweigen oder Herumgestottere. Dann die Nazis, die wieder in hohe Positionen einrückten*. Der Kalte Krieg deckte die ganze Kloake mit einem dicken Betondeckel zu. All das machte sie rasend. Sie zerrte an dem Deckel, aber wenn sie ihn ein bisschen lüftete, drang ein widerlicher Gestank in ihre Nase und ihr wurde schlecht. Sie begann die Schule zu schwänzen und kam nur noch selten nach Haus. Die Polizei fragte nach ihr, es gab Verfahren wegen Sachbeschädigung, später auch wegen Drogendelikten. Nur wenn sie dringend Geld brauchte, ließ sie sich bei der Oma noch blicken. Von Jahr zu Jahr ging es mit ihr bergab. Mehrmals versuchte sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Als sie dreißig war, wurde sie schwanger, brachte das Kind auch zur Welt und lieferte es bei der Oma ab. Das war dann ich.“
Das war dann ich. Um den Satz herum baute sich ein Schweigen auf, dunkel wie eine Gewitterfront. Bevor sie sich ganz schloss, schluckte Johannes kurz und sagte hastig, wie wegwerfend:
„Elisheeba zog mich mithilfe diverser Hausmädchen groß. Bis ich fünfzehn war. Sie war siebenundneunzig, als sie starb. Was aus meiner Mutter geworden ist, weiß ich nicht. Sie ist verschollen. So bin nur ich übrig geblieben, um das Haus zu hüten, das Elisheeba mir hinterlassen hat.“
Nach einer kurzen Pause fügte er fast kokett hinzu: „Das übrige Erbe habe ich verkauft und in Wertpapieren angelegt. Davon lebe ich, wie du siehst, nicht schlecht. Na, wie gefällt dir meine Geschichte?“
Ludwig wandte seinen Blick von dem Bild ab und sah Johannes voll an. Was sollte diese Frage? Da traf er auf Johannes’ Blick. ‘Er hat etwas Lauerndes’, dachte Ludwig und schämte sich sogleich. Und doch: Da war etwas in dem Blick, ein merkwürdiger Glanz, eine Herausforderung, ein Lauern eben. Die Augen funkelten intelligent, spöttisch; sie schienen die Frage zu wiederholen: ‘Na, wie findest du meine Geschichte?’ Keine Klage, kein tränenreicher Schluss….
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(Das Kapitel geht noch weiter, aber es betrifft nicht mehr die Geschichte von Johannes, sondern die Reaktion von Ludwig.
Und du? Beklag dich nicht, wenn dir die Geschichte nicht gefällt.)
*Falls dich das Thema interessiert: Ich fand folgende gute Übersicht über Karrieren deutscher Nazis in der Nachkriegsgesellschaft im internet. Kannst du ergoogeln.
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Weihnachten ists, da soll man mit Geschenkgesten nicht sparen. Also gebe ich jetzt den nächsten Abschnitt meines Romans in Umlauf. Wo waren wir stehengeblieben? Ludwig, frisch gebadet und gewandet und mit einer gehörigen Portion Wiskey im Blutkreislauf, betritt leise den Salon, während Johannes noch in der Küche herumwirtschaftet. Als erstes fällt ihm ein beleuchtetes Gemälde auf: „das Brustbild einer dunkelhaarigen noch recht jungen Frau, ihr Kopf saß graziös auf einem anmutig geneigten Hals, der in ein matt schimmerndes Decolleté überging….Etwas ging von ihrem vollen, müde lächelnden Mund aus, was Ludwig bekannt vorkam und ihn erschütterte, doch konnte er sich nicht entsinnen, wo er es schon gesehen hatte. Neben diesem Bild hing eine kleine kunstvoll gerahmte Reproduktion. Sie zeigte einen jungen Mann, der rätselhaft lächelte und mit einer Hand gen Himmel wies. Es war, wie Ludwig sich erinnerte, Johannes der Täufer, gemalt von Leonardo da Vinci. Ein wenig weiter links war auf einem silbergetriebenen Ständer eine Ikone aufgestellt, auch sie zeigte Johannes den Täufer, doch nun als hagere Gestalt mit riesigen Flügeln. …. 


Luna als Herrscherin des Krebses (Stich von Hans Sebald Beham, 1539)
(Bild gefunden bei 














Die Filmhandlung beruht auf der „fantastischen Dokumentation eines Verbrechens“ von Vassilis Vassilikos: „Z“ = er lebt!
Während der Diktatur wurde dieses Z zum Freiheits-Symbol schlechthin und folgerichtig verboten, zugleich mit dem Tragen von langen Haaren (junge Männer), Miniröcken (junge Frauen), Sophokles, Tolstoi, Euripides, dem Zerschlagen von Gläsern nach Trinksprüchen, Streiks, Aristophanes, Sartre, Pressefreiheit, Soziologie, Beckett, Dostojewski, Popmusik, moderne Mathematik… (heißt es im Abspann des Films).
Aber auch die Pflanzen haben es. Alles was sterben kann, hat Leben. Was nicht sterben kann, gehört zur leblosen, mineralischen Natur.



Diese herrliche Stele, die links Demeter, rechts Persephone und in der Mitte den Menschen Triptolemos zeigt, befindet sich im Archäologischen Museum von Athen. 
Diese Zeichnung stammt von Kepler

Der gemanische Stamm der Gothen hat es im 4. Jahrhundert n.Chr. dem Erdboden gleichgemacht, dabei eifrig unterstützt von „Schwarzröcken“, christlichen Mönchen, die gegen die alten Götter wetterten. (Aber das ist eine andere Geschichte).

