Rom – Auf der Insel

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Michelangelo, St. Bartolomeo, der seine abgezogene Haut vorweist. Drauf hat Michelangelo sein eigenes Portrait gemalt (Uffizien, Letztes Gericht).

 

 

 

 

 

Inmitten img_8266 des  Tiber img_8268 liegt das Inselchen mit der Kirche des St. Bartolomeo, mit dem Festland verbunden durch zwei altehrwürdige Brücken. Eine Legende sagt, die Insel sei entstanden, als die Bürger der Stadt Tarquinius Superbus stürzten und das von ihm zusammengeraffte Getreide – es war wohl eine ganze Menge – in den Tiber kippten. Das war so um 590 vor unserer Zeitrechnung. Obs stimmt? Ich möchte es nicht beschwören.

Richtig ist, dass mit dem Sturz von Tarquinius die Römische Republik entstand. Und glauben will ich, dass sie in Delphi besiegelt wurde. Denn die drei möglichen Erben des Königs Tarquinius eilten zum Orakel von Delphi und erfuhren dort, derjenige würde das Erbe antreten, der als erster die Mutter küsste. Einer der drei, Brutus genannt (was Dümmling heißt – wir kennen das aus den Märchen), stolperte absichtlich und küsste heimlich Mutter Erde. Er wurde der erste Konsul. Und Delphi bewies sich mal wieder als Nabel des Weltgeschehens.

Solch ein Inselchen ist für mich eine Delikatesse, die ich nicht auslassen konnte. Der sonst so träge Tiber rauscht hier über niedrige künstliche Stufen herab, und man kann, gelehnt an das steinerne Geländer der Brücke,  hinablauschen in die uralte Geschichte des Ortes. Da glaubt man dann auch, dass die Insel als Schiff geformt wurde, um an eine andere Reise nach Griechenland zu erinnern: an die nach Epidaurus. In Rom herrschte die Pest, und so reiste eine Delegation ins ferne Heiligtum des Asklepios, nach Epidaurus. Zurück kamen sie mit dem Gott in Gestalt einer riesigen Schlange, die sich hoch am Mast aufrichtete : der Äskulapstab des Heilwesens war entstanden, und die Pest verschwand aus Rom. Ovid berichtet davon in der ersten Metamorphose.

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Brunnen im Altarraum. Hier sprudelte die hl Quelle des Asklepios-Tempels

 

Schöne sinnreiche Legenden. Wie gern wäre ich dabei stehengeblieben! Gern hätte ich auch die Gebeine des Heiligen Bartholomäus (der einer der zwölf Jünger war und wegen seines Glaubens bei lebendigem Leib gehäutet wurde) und einer Menge anderer Heiligen angeschaut, die der deutsche König Otto II hierher schaffen ließ, in die von ihm gestiftete Kirche.

Solche Toten – meinetwegen. Sie haben den Tod gesucht und gefunden, um ins Paradies einzugehen.

Doch die kaum vergangene, noch gar nicht abgelagerte deutsche Geschichte holte mich ein. Anderer Toten sollte ich gedenken. Zum Beispiel dieser:

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Vor dem Morgengrauen kamen sie, am 16. Oktober 1943 war es, und trieben sie zusammen. Vor allem Alte, Frauen und Kinder, denn die Männer, die glaubten, man habe es auf sie abgesehen,  waren untergetaucht. Arme Leute, die letzten Bewohner des im 19. Jahrhundert aufgelösten Ghettos,  zweitausendeinundneunzig Seelen. Wer kam? Deutsche, die nach Musolinis Sturz zur Besatzungsmacht Italiens avanciert waren.

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Es gibt Listen zum Abhaken und Durchstreichen. Oben die qualmenden Schlote von Auschwitz-Birkenau. Acht der Eingesammelten haben überlebt.

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Jemand versuchte hier, die Geschehnisse der Razzia aufzuschreiben, hatte offensichtlich Probleme bei der Formulierung. Es gibt auch Fotos vom Ghetto, als es noch existierte.

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von Ghettokindern auf der Insel im Tiber

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und von Männern, die zu Arbeiten an der Befestigung der Insel herangezogen wurden.

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Es gab auch Fotos von den vor Ort verantwortlichen Tätern, junge und ältere deutsche Männer der Militärpolizei. Gewöhnliche Zeitgenossen. Auch ihr weiterer Lebensweg wurde beschrieben: der eine starb im folgenden Jahr, der andere brachte sich um, der dritte blieb in Italien und wurde dort alt. Ich las all diese Geschichten und ging dann hinaus aus den niedrigen Gedenkräumen, ging hinein in die Kirche des St. Bartolomeo, um mich dort hinzusetzen. Da drehte sich ein Engel zu mir um, traurig und ein wenig streng, wie mir schien, wegen unserer Taten.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Rom – Auf der Insel

  1. Ulli schreibt:

    Da werde ich ganz still und ernst, da muss ich nix sagen … doch, danke

    Gefällt 5 Personen

  2. kunstschaffende schreibt:

    Ich schließe mich Ulli an!
    Und danke Gerda für Deinen Bericht, der an das unfassbare erinnert!

    ❤Abendgrüße Babsi

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Babsi, unfassbar ist für mich auch, dass im deutschsprachigen Wikipedia zum Römischen Ghetto für die Zeit des Faschismus und der deutschen Besatzung eine große Lücke klafft. Alles kann man da erfahren – von der ersten jüdischen Gemeinde im Altertum -, aber nichts über die Deportation der 2000. Zufällig fand ich diesen bescheidenen Ort des Gedenkens. Diese Verdrängung macht mich fertig. Man muss zu seiner Geschichte stehen – nicht nur zu den schönen Aspekten, nicht nur zu Dürers oder Goethes Italienreisen, sondern auch zu den finsteren Aspekten.

      Gefällt 4 Personen

  3. gkazakou schreibt:

    Nein, weder Scham noch Verdrängung. Vielmehr dies unsägliche „Es muss doch irgendwann mal Schluss sein“, und „ich habe nichts damit zu tun gehabt“, – dazu die Sorge, es gebe womöglich offene Rechnungen (ja, die gibt es) …
    Damit etwas zuende sein kann, muss es zuerst einmal genommen werden. Bitterer Stoff.

    Gefällt 1 Person

  4. bruni8wortbehagen schreibt:

    Diesen Satz *Es muß doch irgendwann Schluß sein*, hasse ich wie die Pest, die mit dem ÄskulalapStab aus Rom verschwand, liebe Gerda.

    Es kann nie zu Ende gehen, weil es geschehen ist und nicht ungeschehen gemacht werden kann…
    Nun werde ich nach und nach nachlesen, was ich mal versäumt habe

    Lieber Gruß an Dich

    Gefällt 2 Personen

  5. San-Day schreibt:

    Danke für deine Gedanken und Bilder zu diesem Thema. Grau legen sich meine Lider vor die aufkommenden Tränen und halten inne.

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    • gkazakou schreibt:

      ja, es tut immer noch sehr weh. Das ist merkwürdig, nicht wahr? Wir kannten sie ja nicht, und wir waren auch nicht die Täter. Sie wurden nicht getötet wegen irgendeiner Verfehlung, sondern weil sie zu einem Kollektiv gehörten. Wir fühlen uns als ihre Mörder, weil es „im Namen des deutschen Volkes“ geschah. Es ist dies kollektive Bewusstsein, das uns hält, im Guten und im Schlimmen.

      Gefällt 1 Person

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