Rom – diachronisch

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Im sieben-hügeligen Rom bin ich gelandet. Der erste Tag bringt mich ins MAXXI  (Museum für die Kunst  XXI Jahrhunderts) – ich berichtete darüber. Kaum trete ich in den ersten Saal des MAXXI ein, stehe ich verblüfft vor Christian Morgensterns Stadt aus Elfenbein! Tatsächlich kenne ich dieses Gedicht sehr gut, immer wollte ich diese Stadt malen, nie gelang es mir.

 

Bau mir die Stadt aus Elfenbein, die Silberflut umschäume!
Durchs Tor der Träume zieht man ein.
Bau mir die Stadt aus Elfenbein,

    die Stadt der Träume!

Die ungebornen Geister auch
begehren ihr Gefilde.
Erschaffe Welt zu ihrem Brauch, –
die ungebornen Geister auch

begehren Weltgebilde.

Auf sieben Hügeln baue sie,
die Silberflut umsäume;
die Elfengeister-Kolonie –
auf sieben Hügeln baue sie,

die Stadt der Träume!

Hier hing sie, vor meinen erstaunten Augen, die Elfengeister-Kolonie, hing an dünnen Fäden im leeren Raum, weißlich, zart und durchscheinend. Das Weltgebilde warf einen feinen lebendigen Schatten auf den Boden, der mich unwiderstehlich anzog, als sei es der matte Widerschein der Zukunft.

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Gebaut haben dies – wie könnte es anders sein –  zart-besaitete Japaner (Sou Fujimoto Architects, Hokkaido). Sie nennen ihre hängende Stadt allerdings nicht Elfengeister-Kolonie, sondern Energy Forest, und gebaut ist sie nicht aus Elfenbein, sondern aus Polycarbonat, Akryll und Nylonfäden.

Und doch, dies ist eine Stadt für noch nicht geborene Geister! Zukünftige Bäume, Menschen, Hunde und sonstige Kreaturen bevölkern sie – hier noch im Modell, in der Realität aber soll sie in Städten wie Tokio und Rom hängen und ganz real für Frischluft und sinnige Spaziergänge sorgen. Auf den verschiedenen Ebenen dieser Stadt, die reichlich „Biomasse“ produzieren soll,  kannst du atmen, flanieren, Licht tanken, wenn unten die Verhältnisse immer dunkler und enger werden.

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Ja, wie, du willst nicht? Du sagst, du seist kein Luftikus? Willst weiterhin festen Boden unter den Füßen spüren und beim Graben nicht bereits nach einem Meter auf eine künstliche Schicht stoßen?  Tja, da sehe ich für dich ein bisschen schwarz, was die Zukunft anbetrifft.

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Denn der Boden ist in den großen Städten längst besetzt. Hoch und immer höher türmen sich die Wohnblocks, an Bäume ist kaum zu denken, bestenfalls an einen Balkonkäfig, auf den du hinaustritts, um …., ja, um das freie Himmelsstück zu beäugen – wie hier, in einem beliebigen Hinterhof an der Piazza dei Fiore.

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Nun, ich übertreibe. In der römischen Innenstadt jedenfalls ist es nicht wirklich schlimm. Hier öffnen sich zwischen den Fassaden gepflasterte Höfe mit rötlichem Anstrich und lieblicher Begrünung. Es empfangen dich die alten Mauern freundlich und geben dir Vertrauen in die Beständigkeit des Seins.

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Doch graben solltest du auch hier besser nicht. Unter dem Pflaster liegt kein Strand, sondern liegen die Bauschichten früherer Epochen. Auf der heute bewohnten Schicht mag es fröhlich zugehen, mögen die Händler wie in alten Tagen frische Blumen, Gemüse und Obst anbieten (Campo de‘ Fiori) …

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aber unterhalb dieser Ebene, gleich unterhalb der feurigen Wasserrösser des Poseidon (Piazza Navone) …

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… tut sich eine andere, eine längst verfallene und vergessene Welt auf.

Steig nur hinunter, hab keine Angst. Die kläglichen Reste des einst gewaltigen Hippodroms*  sind solide gesichert, beleuchtet, befeuchtet.

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und die Welt über dir ist noch da,  jederzeit kannst du hinaufsteigen ans Licht des Tages.

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Die vergangene Welt, auch sie kannst du hier unten sehen – nicht als Modell, nicht als Elfengeisterkolonie, aber nicht minder geisterhaft als Video in 3D-Format. Da wachsen  blitzesschnell aus den edlen Ruinen die vollkommenen Formen des vergangenen römischen Imperiums, der ewigen Stadt Rom.

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Ja, sie hielt sich für ewig – mindestens. Da wunderst du dich, was? Du bist klüger, du weißt es besser: auch sie verfiel.

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Heute ist sie nur noch „ein Wunder virtueller Archäologie“, nicht realer als die Elfengeisterkolonie, deren Modell ich im MAXXI von der Decke hängen sah.

______________

*

Wikipedia: Von Julius Cäsar wurde 46 v. Chr. hier auf dem Marsfeld ein erstes, eher provisorisches Stadion für Spiele griechischen Typs, das heißt athletische Wettkämpfe, errichtet.

Kaiser Domitian baute dieses Stadion 85 n. Chr. monumental aus. Es hatte die Ausmaße von 275 mal 106 Metern und bot über 30.000 Zuschauern Platz. Die Außenseite war im Erdgeschoss mit Arkaden aus Travertinpilastern umgeben. … Das Stadion war mit etlichen Kunstwerken, vornehmlich griechischen Stils, geschmückt.[1]
 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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19 Antworten zu Rom – diachronisch

  1. Ulli schreibt:

    Ich kannte das Gedicht nicht und habe es jetzt dreimal gelesen, es wirkt nach … eigene Bilder entstehen und legen sich zu der silbrigen Wälder der Zukunft- ja, die Menschen müssen in vielen Gebieten ganz neu denken und handeln, und können heute noch gut sehr Altes mit Ultraneuem verbinden- ich mag das! Hoffe aber gleichzeitig noch lange immer mal wieder Waldboden unter meinen Füßen zu haben.
    Ich denke auch an das Buch/den Film: Das Ende ist mein Anfang von Tiziano, es gibt dort eine Stelle in dem Plot, da steht er mit seinem Sohn auf einem malerischen Berg der Toscana und sagt (sinngemäß), dass wir Lebenden uns über einen Friedhof bewegen, Unzählbare sind vorher gewesen, sind gewachsen, gestorben, vermodert, alles Vergangene bildet den Humus der Wälder, des Landes … wie der Geist der Antike der Humus der gegenwärtigen Welt ist-
    ja, lass uns Humus sein und werden …
    ich grüße dich herzlich, liebe Gerda
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      du magst diese Verbindung des sehr Alten mit dem Ultraneuen? Das finde ich stark. Das mit dem Humus stimmt allerdings nur bedingt: Zwar schreiten wir in gewisser Weise über Friedhöfe, aber die menschlichen Leichen eignen sich nicht für Kompostierung. Sie vergiften die Böden und widersetzen sich dem Recycling der Natur.. Viel wichtiger ist der geistige Kompost (oder auch Müll), durch den wir geistig wachsen (oder verkümmern)

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      • Ulli schreibt:

        dass die Menschen die Böden vergiften ist aber auch noch nicht lange so … Tiziano meinte aber auch nicht nur die Menschen, sondern schlichtweg alles Leben, dass uns voraus gegangen ist. Ich finde, egal, ob es jetzt vom wissenschaftlichen Anspruch her stimmt oder nicht, diesen Gedanken faszinierend, ebenso, wie den, als ich einmal die Lofoten besuchte, dass diese zu diesem Zeitpunkt und somit auch immer noch, schon das dritte Mal aus dem Meer „auferstanden“ sind …

        Das meinte ich, als ich schrieb: lass uns Humus sein/werden, dass wir Gedanken hegen, pflegen, nähren, in die Welt hinaussenden, die nähren, ob jetzt oder später. Nicht immer eine einfache Aufgabe!

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    • gkazakou schreibt:

      Lofoten? Auch Griechenland ist schon x mal aus dem Meer aufgetaucht und wieder versunken. (Die bis zu 2.800 m hohen Gebirge bestehen zum größten Teil aus Sedimenten). Daher die Sintflutsagen. Nur die Rhodopen im Nordosten sind reines Tiefengestein (Granit). Ich habe Sehnsucht nach diesem Gebirge, um einmal zu fühlen, wie es sich auf nicht-Abgestorbenem lebt. 🙂

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      • Ulli schreibt:

        Nordosten … das ist doch eine wunderbare Richtung …

        Wir leben hier auf solch uraltem Gestein: Granit, Gneis und so … manchmal ist es fast zu alt, zu hart …
        dass es sich mit Griechenland auch so verhält wusste ich auch nicht, ach, was weiss ich überhaupt? 😉

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    • gkazakou schreibt:

      was meinst du mit „auch so verhält“? der größte Teil Griechenlands besteht, wie ich sagte, aus jungem Gestein (zB Marmor), aus abgelegten Meerestierschalen. Das im NO liegende Gebirge der Rhodopen (zwischen Türkei, Griechenland und Bulgarien) ist die Ausnahme.

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  2. afrikafrau schreibt:

    interessante Sichtweisen …Gedanken in die senden…versuchen wir es..besser als nichts zu tun…..
    darüber nachzudenken…dazu regt dieser Beitrag allemal an…dankeschön……

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  3. mmandarin schreibt:

    Du schaffst es doch immer wieder Sehnsüchte zu wecken. Ich habe mir meine geliebten Kaschnitzbücher vorgenommen und las eben „Abschied von Rom“ – Hab weiterhin viel Freude an luftigen und irdischen Genüssen. Marie

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  4. karfunkelfee schreibt:

    Liebe Gerda, ich möchte so gern glauben, dass Rom die ewige Stadt ist. Sie fasziniert mich schon seit jeher. Sie ist das beste Beispiel dafür, wie auf alten Strukturen etwas Neues entsteht, vor meinem inneren Auge entsteht das Bild einer Zwiebel ähnlich wie Troja auf dem Hügel des Hisarlik. Heinrich Schliemann pellte eine Zwiebel aus, als er Kultur um Kultur unter den Schichten der Zeit entdeckte und frei legte.
    Als Fee bezauberte mich natürlich am allermeisten Christian Morgensterns Elfenbein-Stadt…schwebend filigran, ein luftiges Gebilde. Doch der Mensch ist bezaubert von den begrünten Hinterhöfen, palavernden Römern, dem Geruch der Stadt, den Mauern zum anfassen und begreifen. Dass das japanische Modell, das so sehr an Morgensterns Elfenbeinstadt erinnert, ein bewegter Energie-Wald in der asiatischen Idee ist, finde ich natürlich umwerfend. Na ja. Als Feld, Wald, – und Wiesenfee liegt das in der Natur der Sache.
    Danke für Deine Eindrücke, Deine Beschreibungen…so kann ein Tag gut beginnen! Ich wünsche dir einen ebensolchen✨
    Liebe Grüße von Stefanie Karfunkelfee

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  5. bruni8wortbehagen schreibt:

    Faszinierend, wie Du schreibst, was Du BEschreibst, das Vergangene unter Dir, das dann doch so Vergängliche, und sofort wieder der (beruhigende?) Zugang ins Jetzt.

    Natürlich staunte ich zuerst mit Dir über unseren Morgenstern, der Dir sofort im MAXXI einfiel.
    Die Stadt aus Elfenbein ist wunderschön, aber die über allen Gedanken hängende Stadt der Zukunft flößt mir kein Zutrauen sein. Ich als erdverbundenes Lebewesen mag nicht in luftigen Etagen hängen und mir schon gar keine sinnigen *g* Spaziergänge dort ausdenken, liebe Gerda.
    Interessant anzuschauen ist sie gewiß, aber als Kunstwerk, nicht als zukünftige Plattform, um Alltag zu leben… wobei sich meine Gedanken vielleicht allzusehr im Althergebrachten bewegen 🙂
    Ich versuche mal, in mich zu gehen, vielleicht hilft mir das zu einer etwas luftigeren Sichtweise…

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, nun muss ich lächeln! Auch ich bin kein Luftikus. Ich gestehe gern, dass ich Morgensterns Gedicht angesichts dieser Luftstadt uminterpretiert habe. Denn vorher habe ich unter „ungeborenen Geistern“ nicht die künftigen Menschen, sondern die ungeborenen verstanden – also all die, die eine Inkarnation nicht schafften. Ich vermute mal, Morgenstern hat es auch so gemeint. ….
      Ich hab übrigens eine Legearbeit, die sich Luftspaziergänger nennt, veröffentlicht.

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  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    Morgenstern meinte ganz sicher die Ungeborenen, die als Geister leben müssen, keine Menschwerdung schaffen …
    Anders hätte ich es nie verstanden, liebe Gerda

    Gefällt 1 Person

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