Griechisches Alphabet des freien Denkens: O,o wie ….

O,o –  der 15. Buchstabe des griechischen Alphabets, genannt Omikron, das „kleine Ο“, denn es gibt ja auch das Omega, das „große Ω“

Omikron also. O wie ….. ja, wie?

Zunächst dachte ich: o wie όργανο (Organ) mit all seinen Bedeutungen und Ableitungen wäre das passende Wort. Organo bedeutet alles, was eine Arbeit verrichtet, eine Funktion erfüllt, vom Körperorgan über Musikinstrument, Messinstrument bis hin zu Polizei und Parteiorgan…

 Όργανο – Organ des Körpers wie Lunge und Herz, Hirn

220px-blue_eye und Auge.  Nebenher: Ich fand es interessant, bei meiner kleinen Recherche zu erfahren, dass Paracelsus und andere Alchemisten die sieben (alten) Planeten und die wichtigsten menschliche Organe zusammenordneten, und zwar: Sonne – Herz, Mond – Gehirn, Merkur – Lunge, Venus – Nieren, Mars – Galle, Jupiter – Leber, Milz.

 Όργανο –  Musikinstrument wie Geige, Flöte, Klavier und, als mächtigstes, die Orgel. 220px-meister_des_bartholomaeus_1501stececile

Ορχήστρα – Orchester, der Tanzplatz im Theater erst, die Gesamtheit der όργανα (Musikinstrumente) heute.orchester-a

Οργανισμός – Organismus, das schöne Zusammenspiel vieler verschiedener Instrumente.200px-the_principle_organs_and_vascular_and_urino-genital_systems_of_a_woman  Οργάνωση – Organisation, das willentliche, planvolle,  Zusammenfügen von Teilen, Personen, Aufgaben.organisation

 

 

 

Organisch, Orgasmus, Orgie –  all diese schönen Wörter hätte ich abhandeln können unter o=όργανο, das sich selbst ableitet vom altgriechischen οργώ, was nichts anderes heißt als quicklebendig sein, vor Lebenskraft sprühen.

Damit verwandt ist auch „οργώνω“, pflügen. Und insofern ist der „organische Landbau“ eine uralte Angelegenheit.sw_wilat_pflug_abb_4_pfluegender_bauer_b598

Demeter, die jungfräuliche Göttin des Getreides, legte sich in eine dreifach gepflügte Ackerfurche (Symbol für Vulva) und empfing von Iasion den Plutos (Reichtum). Die heiligen Feste des Altertums  waren όργια (Orgien), in denen die „Heilige Hochzeit“ zwischen Mensch und Gottheit begangen wurde, der οργασμός (Orgasmus) erinnert noch heute daran, so dass der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, Theoretiker des Orgasmus, nicht zu Unrecht die von ihm entdeckte Lebenskraft „Orgon“ nannte.  Und οργή (Zorn) – was ist es anderes als ein Übermaß an Lebenskraft, die dich hinausschleudert aus dir selbst und dir Riesenkräfte verleiht. Wenn Helden und Götter davon erfasst wurden – dann wehe!

Schaffenskraft also, Lebenskraft (Vitalität), Tun bedeutet die Wortwurzel, die dem Begriff „Organ“ zugrundeliegt. Aus diesem οργ… entsteht dann das  έργο, das Werk, die Schöpfung.

Es hätte mir gefallen zu spekulieren, was denn diese Lebenskraft, die meine Organe lebendig erhält und mich durch die Musik immer neu belebt – was also diese Lebenskraft mit dem freien Denken zu tun haben könnte.  Oder genauer: in welchem Verhältnis Lebenskraft und Denken zueinander stehen.

Nun habe ich aber nicht das Wort Organo gewählt, und du musst nachlesen, was ich an anderem Ort darüber spekuliert habe.(https://gerdakazakou.com/2016/12/20/griechisches-alphabet-des-freien-denkens-z-wie-%ce%b6%cf%89%ce%b7-leben/, letzter Abschnitt und Kommentare).

Gewählt habe ich, mit einer tiefen Verbeugung vor Ullis mutigem Träumen … NEIN, nicht  όνειρο = Traum. Gewählt habe ich ein verwandtes und doch wieder ganz anderes Wort:

όραμα = Vision.

Du verstehst schon, dass ich dafür einen zweiten Beitrag schreiben muss. Der kommt morgen. Aber soviel schon mal vorweg: ORG- wie Vitalität und ORAMA wie Vision haben mehr miteinander zu tun,  als das gemeinsame OR bzw im Deutschen Vi. Bei meiner kleinen Recherche zu Herkunft und Bedeutung des Omikron erfuhr ich, dass es vom phönizischen Ajin herkommt, was Auge bedeutet und als Auge mit einem Punkt in der Mitte dargestellt wurde. Wenn du deine Fantasie spielen lässt: Vielleicht fällt dir ein, wie sich dies Symbol auf ΟΡΓ und ΟΡΑΜΑ gleichermaßen reimt.

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(Die Abbildungen habe ich alle aus bzw mit dem Netz gefischt, ich hoffe, damit keine copyrights verletzt zu haben)

 

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: Ξ,ξ wie ΞΕΝΟΣ (der Fremde)

1024px-xi_uc_lc-svg  (im lateinischen Alphabet wiedergegeben als X wie in Hexe, Xerxes….) ist der 14. Buchstabe des griechischen Alphabets. Im Phönizischen gab es einen S-K-Laut, von dem das griechische ks abgeleitet wurde.64px-phoenicianx-01-svgEs sah aus wie die Mittelgräte eines Fisches.504488424 Ξιφίας (Xiphias) = Schwertfisch.

Das X in der mathematischen Gleichung bezeichnet das Unbekannte.  Als unsichtbare Strahlen entdeckt wurden, die die bis dato unsichtbaren Knochen im lebendigen Organismus sichtbar machten, nannte man sie X-Rays (Röntgen-Strahlen).

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Für den Neugierigen ist X das Unbekannte, noch zu Erforschende. Für den Ängstlichen, der sich nur im Altbekannten sicher fühlt, ist  X  das Fremde, Gefährliche, zu Vermeidende. Der Bedachtsame aber wägt ab.

X ist eine Variable. Das heißt, es kann jede denkbare Größe annehmen. Welche, das müssen wir halt herausfinden, indem wir es befragen. Das X ist ein Fremder, ein Ξένος.

Die Befragung des Fremden war in alten Zeiten die wichtigste Quelle für neue Kenntnisse. Man erfuhr, was in der großen weiten Welt geschah, man ließ sich von Bergen und Meeren und fremden Städten mit fremden Sitten erzählen, man erkundigte sich nach Wegen und Transportmitteln, Waren und Preisen und nach den Materialien, aus denen der Mantel des Fremden gewebt war, man fragte ihn auch nach den Göttern, die er anbetete und wozu sie nützlich waren. So lernte man. Und wenn man selbst reisen musste, konnte man hoffen, irgendwo freundlich aufgenommen und nicht totgeschlagen zu werden.

Wehe dem, der einen fremden Reisenden beraubte oder tötete oder ihm sonstwie Unrecht zufügte! Auf Verstöße gegen die heilige Gastfreundschaft standen schwerste Strafen. Die Götter selbst verhängten sie. Am bekanntesten ist wohl der Mythos von Tantalos, dem Urvater des unglückseligen Geschlechts der Atriden. Er hatte das Gastrecht gleich doppelt missbraucht: Als Gast der Götter hatte er Dinge aus deren Besitz entwendet, und als Gastgeber setzte er den Göttern seinen eigenen geschlachteten Sohn als Speise vor, um ihre Allwissenheit zu testen. Diese Art der „Befragung“ erzürnte die göttlichen Gäste allerdings sehr. Nicht jede Methode ist erlaubt, um das X, das Unbekannte, zu ergründen (heutige Stichworte: Menschenversuche, Vivisektion, Folter).  Die Götter erweckten das Kind wieder zum Leben. Es war Pelops, der Gründervater der Pelops-Insel (Peloponnes).

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Tantalos, der mit üblen Methoden seine Wissbegier befriedigen wollte, wurde schwer bestraft: In alle Ewigkeit wird er hungern und dursten, obgleich um ihn herum alles reichlich vorhanden ist: Wasser und Früchte scheinen in Reichweite zu sein, doch kaum streckt er seine Hand aus, entziehen sie sich seinem Zugriff. Das sind die sprichwörtlichen Tantalos-Qualen. tantalos-aggeio-4aiGut und den Göttern genehm ist, dem X, dem Unbekannten, seine Geheimnisse mit lauteren Mitteln und in freundschaftlichem Gespräch abzulauschen. Wenn du dem Ξένος deine Tür öffnest, wird er seine Erfahrungen mit dir teilen. Verschließt du ihm deine Tür, kannst du nichts dazu lernen. Denk nur! Da kommt so viel Geistesnahrung in deine Reichweite, aber du kannst nicht davon kosten. Angst, Hochmut, Engstirnigkeit, Geiz verschließen dir die Quellen, aus denen du schöpfen könntest. Du bleibst, wie du bist, anstatt dich im lebendigen Austausch mit dem Unbekannten zu bereichern. Schade. Du verlierst, wo du gewinnen könntest.

img_2682https://gerdakazakou.com/2015/07/22/lebe-deinen-mythos/

Du allzu Wissbegierige/r aber, auch du hüte dich, damit deine Begier, dir das unbekannte X gefügig zu machen, nicht zur Hybris wird! Versuche die Götter nicht! Sie könnten dir zürnen und an die Stelle von Wohlstand, Wachstum und Frieden treten Dürre, Hunger, Krankheit und Not.

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Griechisches Alphabet des freien Denkens Ν wie Νους/Νοος=Verstand

96px-nu_uc_lc-svg ist der dreizehnte Buchstabe des griechischen Alphabets. Ja, der dreizehnte, der verhexte, der zwiespältige, der mysteriöse, der gefährliche, der zauberische – wer will das beurteilen. Er leitet sich vom phönizischen Nun = Schlange ab 34px-phoeniciann-01-svg. Das Wort, mit dem ich es verbinde, ist NOUS (zu sprechen Nus mit gelängtem u) oder NOOS (vergl. Noosphäre). Und in gewissem Sinn ist er ein Gegenbegriff zu Ullis heutigem Wort G=Güte.

Νους  ist am besten mit Verstand zu übersetzen. Er wird auch als Vernunft oder gar als Geist wiedergegeben, aber das führt, finde ich, in die Irre. Geist ist πνεύμα, und Vernuft ist λόγος.

Νους ist ein sehr altes Wort, so alt wie die Überlieferung der griechischen Sprache, und es hat natürlich einige Wandlungen durchgemacht. Aber der Bedeutungskern hat sich, meine ich, nicht geändert. Und was ist Nous? Mein kluger Gewährsmann Heraklit sagt:  „Vielwisserei führt nicht zu NOUS.“ Sofort kam mir das berühmte Paar Faust-Wagner in den Sinn. Der eine sagt: ich will wissen, was die Welt im Inneren zusammenhält – der Faust hat NOUS. Der andere sagt: Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen – das ist offenbar Un-NOUS.

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des Pudels Kern, Bildausschnitt mit Wagner und Faust

Wie meist, wenn ich meinen täglichen Meeresspaziergang mache, dachte ich auch heute über den nächsten Buchstaben nach. Nous – Verstand -, was ist das eigentlich? Ich schaute mich um, sah das weißliche Geröll der Steine, das sich in allerlei Mustern am Strand abgelagert hatte. Ich lauschte auf das Heranrollen der Wellen und das leise klirrende Tönen des Wassers, das ins Meer zurückströmte. Ich fühlte den Meeresatem und eine große Freude, dort herumzuspazieren und das vergnügte Wedeln und Schnüffeln meines Hundes mit dem Blick zu verfolgen. Ich fühlte mich als Teil der Welt, der ich „innewohnte“. Nun aber dachte ich: was ist Verstand? Und fing an zu fragen: Welche Kräfte wirken denn eigentlich auf die Steine, dass sie sich so und nicht anders anlagern? Welche Gesetze sind es, die das Meer in atmender Bewegung halten? Wie lässt sich das Knirschen der Steine unter meinen Sohlen erklären? Wenn ich über Sand gehe, klingt es anders. Warum?

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Wie hoch steht die Sonne? Jahrezeit? Uhrzeit? Ort? wieso werfe ich diesen Schatten? Formuliere das Gesetz.

Gestern schrieb ich über M=Μusik und Pythagoras. Als der, an einer Schmiede vorbeigehend, den Klang der Hämmer auf dem Eisen hörte, sagte er nicht: o wie schön der Klang oder wie grässlich der Lärm, sondern er fragte sich: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Gewicht jeden Hammers und dem Klang? Und wenn ja, welchen? Das muss ich ausprobieren“. Was er tat. „Aha, ja, es gibt einen Zusammenhang. Der lässt sich mathematisch darstellen. Und wenn ich nun das Verhältnis zwischen den Gewichten (zB 2:3 kg oder 3:4 kg) auf ein anderes Material übertrage und aus dem Gewicht eine Länge mache – habe ich dann dasselbe Ergebnis?“ Er baute sich ein Monochord und stellte fest: „Ja, so ist es. Es gibt offenbar eine Gesetzmäßigkeit zwischen der Tonschwingung und Größe/Länge/Gewicht eines Gegenstandes. Und wenn ich zwei verschiedene Gegenstände habe, so stehen ihre Schwingungen in einem bestimmten Verhältnis. Als harmonisch empfinde ich ein Verhältnis, wenn es sich in ganzen Zahlen darstellen lässt. Gebrochene Zahlen wirken unharmonisch“ – auch das stellte er fest……und kam schließlich, in immer erneuerter Denktätigkeit (nun ohne Hilfsgeräte und Instrumente, durch reine Schlussfolgerung) zu dem Ergebnis, dass die Planeten in einem harmonischen Verhältnis zueinander klingen.

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In der Schmiede (c) Gerda Kazakou

So also arbeitet der NOUS. Er schlussfolgert aus sinnlichen Beobachtungen und geht dann denkend über sie hinaus. Er stellt Hypothesen auf, er kann sich irren, er kann Irrtümer erkennen, er kann Wissen generieren und weiterentwickeln. Der Nous ist mithin ein unverzichtbarer Vorantreiber der menschlichen Entwicklung.

Verstand, das wissen wir alle, hat keinen besonders guten Ruf. Denn immer steht er im Verdacht, frei von Moral zu sein, und sich also in gute wie schlechte Dienste zu stellen. Die christliche Kirche (und nicht nur diese) ist sogar ausgesprochen negativ gegen den Verstand eingestellt. Er führe in die Irre, vielleicht sogar auf dem kürzesten Weg in die Hölle. „Selig sind die Armen im NOUS“, predigen die Priester aller Religionen, „denn ihrer ist das Himmelreich“ – was sie freilich nicht hindert, ihrerseits Wissen zu sammeln, zu schulen und zu verfeinern (die Jesuiten sind dafür ein gutes Beispiel).

Der Verstand – soviel stimmt – hat den Menschen aus dem Seinszusammenhang herausgelöst, in dem er lebte. Der Mensch hat sich quasi aus der Welt herauskatapultiert, als er begann, systematisch über ihre Gesetze nachzudenken. Ich/Welt – der Dualismus, unter dem wir bis heute leiden – wurde in der griechischen Antike geboren, als der NOUS sich als Funktion des ICH gewaltig zu entwickeln begann. Zunächst funktionierte er noch innerhalb des intuitiven Denkens und der allgemeinen Seelentätigkeit, aber immer mehr löste er sich heraus und wurde zu einer alles beherrschenden Lebenshaltung, die man seit dem 19. Jh als „naturwissenschaftliches Denken“ bezeichnet.

Der Mensch stellte sich außerhalb und bald auch gegen die Welt (Natur, Schöpfung), in der er lebte und aus der er sein Wissen schöpfte. Und so begann er, seine eigene Existenz zu unterminieren.

Aber können oder sollen wir zurück zum vor-wissenschaftlichen Denken? Ich sage: Nein. Wir müssen da durch. Wir brauchen den Verstand, wir brauchen ihn sogar nötiger denn je, um der Katastrophen Herr zu werden, die der Mensch mit seinem Verstande angerichtet hat und weiter anrichtet. img_2589-inversUnd um den Zusammenhang mit Ullis „mutigen Träumen“ herzustellen: wir brauchen ihn ganz besonders, um Frieden zu sichern. In meinem Kommentar zu Ulli https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/01/03/alphabet-mutig-getraeumt-f-frieden/ schreibe ich: „Um ihm (dem Frieden) näher zu kommen, muss ich jeden Tag die richtigen Entscheidungen treffen, die vielleicht nicht Frieden bringen, aber doch meine Mitbeteiligung am Krieg und seiner Vorbereitung verhindern. Soweit es an mir liegt.“  Wie aber kann ich die richtigen Entscheidungen treffen? Indem ich die Ursachen für Kriege analysiere. Kriege fallen ja nicht vom Himmel, sie sind menschengemacht. Es gibt Gründe, warum sie stattfinden (nationale Interessen, Bündnisverpflichtungen), es gibt Mittel, sie durchzuführen (Waffen, Armeen), es gibt Politiker, die sie für nötig erachten, es gibt Wirtschaftsinteressen (Waffenindustrie, Ölkonzerne, Bodenschätze), an denen auch der Wohlstand meines Landes hängt …. Es gibt vielleicht darüberhinaus noch andere Gesetze, zB alte Atavismen, Unvereinbarkeiten von Lebensformen, Rivalitäten, Gewaltkultur, soziale Spannungen usw. Um Frieden zu schaffen, muss ich zu allererst das Meine dazu beitragen, einen Krieg zu verhindern – hier und jetzt, in meinem Lebensumfeld. Dafür muss ich die Tatsachen kennen und die Gesetze, wie Konflikte entstehen und wie sie ohne Krieg gelöst werden können. Und muss entsprechend meine Bürgerrechte ausüben.

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Damit ich den Frieden will, brauche ich eine geistige Haltung, brauche ich einen mutigen Traum. Aber um aus diesem Traum die richtigen – dh erfolgversprechenden – Schritte abzuleiten, dafür brauche ich Verstand. Genauso viel Verstand, genauso viel Wissen wie die, die Kriege vorbereiten. Und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.

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Alphabet des freien Denkens: M wie ΜΟΥΣΙΚΗ (Musik)

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Raffael, Parnass (Apoll und Musen), ca. 1510, Stanzen Vatikan

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ist das phönizische Mem = Wasser.  Im Griechischen heißt es My,  und ist der 12. Buchstabe im Alphabet.  Wenn  Atem und Ton die weichen Lippen des Säuglings öffnen, entsteht sein erstes Wort: Mama. In allen Sprachen. Ich wähle für den tönenden Laut M ein tönendes Wort: Musik.

Endlich ein Wort, das sich von selbst versteht:  Μουσική = Musik.

So dachte ich.

Aber dann schaute ich vorsichtshalber bei Wiki vorbei. Da las ich: „Musik ist eine Kunstgattung, deren Werke aus organisierten Schallereignissen bestehen.  ….“ Es folgt dann noch ein ganzer Rattenschwanz an Definition.

Also, ehrlich, von „organisierten Schallereignissen“ wollte ich eigentlich nicht reden. Und auch die Definitionen von Schönberg und Strawinsky, die ich bei Wiki fand, halfen mir nicht wirklich weiter (*siehe Anm. unten). Seither quäle ich mich durch diesen Beitrag. Weiß ich denn, was Musik ist?

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Die Musen sind Schutzgöttinnen der Kunst, und das, was sie betreiben, ist „Mousike  tehne“, Musenkunst. Daher das Wort Musik. Die Dichtung, der Tanz, der Chor im Theater, die religiösen Rituale, die Volksbelustigungen, die Gastmähler, die Sportveranstaltungen und die Heeresschauen, der Herdenaustrieb im Frühjahr, die Frauen am Webrahmen, die Mänaden und die Gottesdienste – nichts, aber auch gar nichts kam ohne die Musik aus.

Dem Phänomen der Musik gingen die Philosophen und Mathematiker des Altertums nach, zuerst und am bekanntesten Pythagoras (ca. 550-500 v.Chr.). Der formulierte die erste Harmonielehre, indem er ein Monocord anstrich. Wenn er die Saite teilte, ergaben sich neue Töne, die in einem spezifischen Verhältnis zueinander standen. (2/3 = Quinte, ¾ = Quarte, 1/2 = Oktave.)  Darauf war er gekommen, weil ihm die unterschiedlichen Klänge aufgefallen waren, die die Schmiede beim Schlagen aufs Eisen erzeugten. Von diesem zufälligen Klangmuster bis zur Planetenharmonie durchschritt der alte Weise alle Stufen des mathematischen Denkens.pythagorean

Doch weiß ich, was Musik ist, wenn ich die Harmoniegesetze kenne? Nein. Das sind Dinge, die den Komponisten und Theoretiker angehen, nicht aber den Hörer. Was ist es, das den Menschen im Innersten ergreift, wenn er eine Melodie oder einen Zusammenklang hört, und was zwingt ihn aufzuspringen und zu tanzen als sei er von der Tarantel gestochen, oder im Gleichschritt zu marschieren bis in den Tod? Warum jubelt er innerlich bei einer Melodie oder bricht über einen Akkord in Tränen aus, warum meint er, in einem Flötenton das Göttliche zu erkennen oder tanzt sich beim Trommeln in wilde Ekstase?

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Emil Nolde, Tanz

Die Musik erschüttert die Nerven und beruhigt sie, bringt das Blut in Wallung und lässt es erstarren, verlangsamt den Puls und lässt das Herz so gewaltig schlagen, dass es ins Stolpern gerät – sie wirkt mächtig auf den gesamten inneren Menschen. Sehr schwer ist es, sich ihrer Wirkung zu verschließen, wenn sie Massen in rhythmische Bewegung bringt, und du bist Teil der Masse.

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Dionysos und zwei Tebanerinnen

Das, was so gewaltig  auf den gesamten „inneren Menschen“ (also das, was wir das Gefühl nennen) wirkt, wird seit Nietzsche (ich diskutiere hier nicht, ob zu Recht) als das Dionysische der Musik bezeichnet.

Das, was den menschliche Geist als Ordnung und Harmonie anspricht, nennt er das Apollonische.    148354658

Als  ich die griechischen Wörter durchging, die mit Μ beginnen, fand ich erstaunlich viel „Dionysisches“:

Μαγεία (Magie), Μάγος (Magier), μάγειρας (Koch), Μαντείο (Orakelstätte), μυστήριο (Mysterium), μύστης (Eingeweihter), μανιτάρι (Pilz), μανία (Raserei), μαινάδες (Mänaden), μεθύσι (Rausch), μύθος (Mythos), μαγνήτης (Magnet), μυρωδιά (Duft), μεταμόρφωση (Metamorphose).dionysos_on_a_cheetah_pella_greece

Und für den „apollinischen“ Aspekt?

μορφή (Gestalt), μαθαίνω (lernen), μαθητής (Schüler), μαΐστρος (Meister, Dirigent), μέθοδος (Methode), μελέτη (Übung), Μαθηματική (Mathematik), μακρόκοσμος (Makrokosmos), μικρόκοσμος (Mikrokosmos).

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Quintenspirale, basierend auf Pythagoras reinen Quinten

Meine erste große Musik-Liebe galt den Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach, gespielt von Pablo Casals. Das Apollinische und das Dionysische – für mich fallen sie in dieser Musik zusammen. „Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quintessenz aller Musik,“ meinte der unvergleichliche Pau Casals.

Danke, Casals! Ich war schon drauf und dran zuzugeben, dass ich nicht weiß, was Musik ist.

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Matis der Maler, genannt Grünewald, Isenheimer Altar

Und was hat die Musik nun mit dem freien Denken zu tun?


*„Kunst ist auf der untersten Stufe einfache Naturnachahmung. Aber bald ist sie Naturnachahmung im erweiterten Sinne des Begriffs, also nicht bloß Nachahmung der äußeren, sondern auch der inneren Natur. Mit anderen Worten: sie stellt dann nicht bloß Gegenstände oder Anlässe dar, die Eindruck machen, sondern vor allem diese Eindrücke selbst. Auf ihrer höchsten Stufe befaßt sich die Kunst ausschließlich mit der Wiedergabe der inneren Natur. Nur die Nachahmung der Eindrücke, die nun durch Assoziation untereinander und mit anderen Sinneseindrücken Verbindungen zu neuen Komplexen, zu neuen Bewegungen eingegangen sind, ist ihr Zweck.“

– Arnold Schönberg: Harmonielehre

 

„Denn ich bin der Ansicht, daß die Musik ihrem Wesen nach unfähig ist, irgendetwas ‚auszudrücken‘, was es auch sein möge: ein Gefühl, eine Haltung, einen psychologischen Zustand, ein Naturphänomen oder was sonst. Der ‚Ausdruck‘ ist nie eine immanente Eigenschaft der Musik gewesen, und auf keine Weise ist ihre Daseinsberechtigung vom ‚Ausdruck‘ abhängig. Wenn, wie es fast immer der Fall ist, die Musik etwas auszudrücken scheint, so ist dies Illusion und nicht Wirklichkeit. (…) Das Phänomen der Musik ist zu dem einzigen Zweck gegeben, eine Ordnung zwischen den Dingen herzustellen und hierbei vor allem eine Ordnung zu setzen zwischen dem Menschen und der Zeit.“

– Igor Strawinsky: Chroniques de ma vie

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Montag ist Fototermin: Hausbesichtigung im Taygetos

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Heute nahm mich eine Freundin mit in „ihr“ Dorf im Taygetos-Gebirge. Alle Griechen haben, wenn irgend möglich, „ihr“ Dorf, das Dorf ihrer Eltern und Großeltern und Urgroßeltern, das Dorf ihrer Kindheitserinnerungen. Davon zehren sie in den großen Städten, in der Fremde (fast die Hälfte der Griechen lebt im Ausland).

Kalt war es da oben, auf dem Fußweg war das Regenwasser überfroren. Bei der Kirche Ag. Nikolaos machten wir halt. Dieses Kirchlein aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts – ein einfaches Kreuz mit Troullos (Kuppel) – wurde kürzlich mithilfe von EU-Geldern glänzend renoviert.  Grad daneben steht das Geburtshaus des Ökumenischen Patriarchen Prokopios (1734-1803), der, nachdem er bei der Hohen Pforte (Osmanisches Reich, Istanbul) in Ungnade gefallen war, hier auch seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Das Kirchlein war leider geschlossen, doch das machte uns nicht viel aus, denn wir waren diesmal nicht seinetwegen gekommen. Sondern wegen eines Hauses, das ein paar Meter darüber steht:

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Auch hier war die Pforte geschlossen, aber das alte Vorhängeschloss war leicht aus dem morschen Holz herauszuhebeln. Um hineinzukommen, musste der Nachbar freilich erst seine Motorsäge holen und durch das Baumgestrüpp einen Weg zur Treppe frei legen. img_9374        img_9382

Ich bin zum ersten Mal auf solchem Wege in ein Haus gelangt 🙂 Drinnen tasteten wir uns vorsichtig über den Holzfußboden, der an einigen Stellen durchlöchert war. Wir befanden uns im ersten Stock, darunter waren früher die Stallungen für die Tiere, von denen im Winter die Wärme aufstieg zu den Menschen. Nachdem wir die Jalousien aufgestoßen hatten, hatten wir einen freien Blick nach draußen:

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Nicht schlecht! Doch wird meine Freundin die Ruine restaurieren können? Wenn sie dafür EU-Gelder bekommen könnte – hach, das wär schön! Eine kleine Pension für Besucher der Kirchleins und des Geburtshauses des Patriarchen, das zu einem Museum wird, wäre eine nützliche Investition und würde der verarmten Gegend einen kleinen Schupps nach vorn geben.

Ich weiß, das ist ferne Zukunftsmusik. Näherliegender bzw. näherstehender waren da zwei  Kälbchen, die uns über einen Zaun hin bestaunten – und wir sie.

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Dies geschah am zweiten Januar 2017 in Alagonia im Taygetos.

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Prosit!

Ein Schluck Sonne im Wasserglas. (Prosit!=es möge nützen!)

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Was es sonst noch so gab an diesem Ersten? Eine Ziegenherde schnitt meinem Hund und mir den Weg ab. Ich traute mich nicht näher ran, denn der Bock war gewaltig groß, die Ziegen sahen auch nicht schüchtern aus, und da sie süße kleine weiße Zicklein hatten, hielt ich meinen Hund auf Distanz.

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Das Meer war hellblau und still, wie es sich für einen ersten Januar gehört,

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….und so trank ich meinen leicht gesüßten Nachmittags-Kaffee an meinem Lieblingstisch am Meer. Das frische Wasser, das immer dazu gestellt wird, fing das Sonnenlicht auf und spiegelte das rissige rohe Holz des Tisches.

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Ein guter Beginn des Jahres 2017

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Die Uhr, sie tickt ticketack

Die Uhr sie tickt, sie zerschreddert dein Leben.  Die Uhr ist der König, sie bläht sich auf.

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Noch ein wenig, noch ein tick tack ticketicketack tick tack ticketacketack

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Sie hat dich am Wickel, sie treibt dich herum, die Uhr ….

Ja zapple du nur! Sie geht wie sie geht. Vorwärts im Kreis, ticketack, tiecketack, ticketack.

Heute hat sie ihren Ehrentag. Mit dir starren die Völker auf ihre Königin, die Uhr. Festlich hat sie sich gekleidet. Gleich, sagst du, gleich! Gleich was? Gleich kommt das Neue! Ticketack, ticketack, tick tack.

Obs schneit, ob die Stürme brausen, die Uhr treibt dich um, rundum im Kreis, ticketack, ticke tack ticke tack.

Doch jetzt! Schau, sie erzittert!

Ihr Ticken erlahmt, sie stottert  t i c k e tacke t ic k  t  a ck t i   t a  i ck t a k

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Spring in die Freiheit, spring! Na also. War gar nicht so schwer….

Freie Fahrt und prost Neujahr!

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: Λ wie λαμβάνω/ empfangen

100px-lambda_uc_lc-svgAls ich vorhin meinen gewohnten Nachmittagsspaziergang am Meer machte, ließ ich den Buchstaben Lambda vor mir aufsteigen. Mit welchem Wort wollte er sich vorstellen, um mein Alphabet des freien Denkens damit zu bestücken? Lambda ist der elfte Buchstabe und kommt vom phönizischen Lamed, was Pflug bedeutet. Die urälteste Pflugschar bestand aus einem Stamm und einem abgewinkelt daran wachsenden Ast (links), später gab es dann zusammengesetztere Formen, wie zB den mittelalterlichen Hakenpflug (rechts).  Auffällig ist die formale Ähnlichkeit mit dem Buchstaben Λ, λ.

Aber wie ich auch mein Hirn durchpflügte, mir kamen ausschließlich deutsche L-Wörter in den Sinn. O, viele, schöne Wörter waren das, wie Liebe und Licht, Lachen, Lernen und Leuchten, Loben und Leben und Lied. Griechische Wörter wollten mir partout nicht einfallen. Λαμβάνω dachte ich schließlich – empfangen. Oder vielleicht λάμψη, der Glanz, das schnelle Aufblitzen zum Beispiel einer Idee.  Ja, und dann war da noch λαβύρινθος, das Labyrinth, und  λήθη, das tiefe Vergessen. Nur eines meiner Lieblingsworte wollte sich nicht einstellen: ΛΟΓΟΣ (logos).

Nun sitze ich da und versuche einzukreisen, was das denn sei: der Logos. Und was er mit dem freien Denken zu schaffen hat. ΛΟΓΟΣ ist ein uranfängliches Wort genauso wie ΑΝΘΡΩΠΟΣ (Mensch), und vielleicht sogar noch uranfänglicher. Denn, wie es im Johannes-Evangelium heißt:  „Εν αρχή ην ο Λόγος, και ο Λόγος ην προς τον Θεόν, και Θεός ην ο Λόγος.  Ούτος ην εν αρχή προς τον Θεόν.  πάντα δι‘ αυτού εγένετο, και χωρίς αυτού εγένετο ουδέ εν ό γέγονεν. Am Anfang war der LOGOS.  Und der LOGOS war bei Gott.  Und göttlich war der LOGOS. Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist gar nichts von dem geworden, was geworden ist. Von ihm kommt das Leben, und das Leben ist das Licht der Menschen, und das Licht scheint in die Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. …“

In diesem Wort LOGOS stecken all die anderen großen L-Wörter drin: Licht und Liebe, Leben und auch….λαμβάνω = begreifen (empfangen, aufnehmen), das mir zuallererst ins Bewusstsein aufstieg, dort am Meer.

Begreifen, was der LOGOS ist! Das ist, als ob die Finsternis das Licht aufnimmt. Licht und Leben, Geist und Liebe, die Sonne selbst ist der Logos. Aber nicht der alte Helios, der mit dem leuchtenden Stern gleichzusetzen wäre, um den unsere Erde kreist, apoll-vaseund auch nicht der jüngere Apoll, der Sonnengeist, der den Menschen Weisheit, Wahrsagung und Musik, Tanz, Heilung und den Sinn für Harmonie beibrachte. Der Logos, von dem Johannes spricht, ist in einem noch höheren Sinne die Sonne des Menschen, er ist alles, was ihn lebendig erhält und erleuchtet. Er ist das „Wort, das Fleisch geworden ist“. Er ist Christus.sol-invictusIkonographisch sind der altgriechische Helios, der persisch-römische Mithras, der klassisch-griechische Apoll und der christliche Christus inander übergegangen. Das frühchristliche Christusbild übernahm Merkmale des in der römischen Welt sehr starken Mithraskultes. Apollon war wegen seiner bekannten Leidenschaft für Knaben und Mädchen als Vorbild weniger geeignet, aber in der Renaissance-, Barock- und romantischen Malerei verfließen die Grenzen. Vom Mithras entlehnte schließlich die Freiheitsstatue von NY den bekannten Strahlenkranz.

Als Sonnengeburt stellt Matis der Maler (genannt Grünewald) den auferstehenden Christus dar (Isenheimer Altar).

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Lange vor Johannes dem Evangelisten lebte am selben Ort, in Ephesos, der Philosoph Heraklitos, der als erster dem LOGOS die Stellung einräumte, die er dann im Christentum einnahm. Manche meinen, mit Logos sei das folgerichtige Denken, die Logik, gemeint. Doch nein, das ist die λογική, die sich ableitet von Logos, wie so vieles andere auch. Wie die Philologie (Liebe zum Wort), Biologie, Anthropologie – die Lehre vom Leben, vom Menschen. Wie der Dialog, die Rede (λόγος), die Wörter (λόγια), das Sprechen , das Versprechen, der Grund und die Absicht, das Verhältnis zwischen zwei Größen, die Analogie, und auch die Gelehrten (λόγιοι).. Sie alle sind Ableitungen vom LOGOS, sind aber nicht dieser selbst. Nach Heraklit ist LOGOS das erste bewegende Prinzip überhaupt: Feuer und Liebe. Womit ich wieder nichts gesagt habe. Denn was ist dieses Ur-Feuer? Was ist diese alles hervorbringende Liebe? Es ist der LOGOS. Und der war am Anfang „προς τον Θεόν“ = in Richtung auf Gott.

Den Logos können wir nicht beherrschen, nicht kommandieren, sondern nur empfangen und versuchen zu begreifen. Λαμβάνω (lamvano – ich empfange, begreife) ist daher das Wort, mit dem ich den Buchstaben Λ und das freie Denken demütig verbinde.

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Alphabet des freien Denkens: K wie ΚΕΦΑΛΙ/Kopf und ΚΑΡΔΙΑ/Herz

K, κ wie ΚΕΦΑΛΙ/kephali und ΚΑΡΔΙΑ/kardia

(Du kennst Enzephalographie (EEG) bis Elektrokardiogramm (EKG), und noch viele andere medizinische Begriffe, die Cephalus oder Kardia enthalten.)

Kappa ist der zehnte Buchstabe des griechischen Alphabets. Er kommt vom phönizischen kaf, was Handinnenfläche bedeutet.

In die beiden Handinnenflächen sind Linien eingeprägt, die die Hauptmerkmale eines Menschen widerspiegeln. K wie κεφάλι (Kopf) und K wie καρδιά (Herz) beherrschen den oberen Abschnitt der Fläche – so, wie sie die oberen Funktionen des Menschen regieren.

handlesen-gross(Dieses Bild fand ich in einem Artikel über die Schweizer Handleserin Alice Funk, von Ela Dobrinkat, 2009)

In welchem Verhältnis stehen Herz und Kopf zu einander? Laufen sie getrennte Wege, weit voneinander entfernt? Oder rücken sie eng zusammen, überschneiden sich gar? In gutem Gleichgewicht, sagte ich gestern, sollen Denken und Fühlen stehen. Das Gefühl soll das Denken nicht überschwemmen, aber das Denken soll auch nicht abgekoppelt sein vom Herzen. Es bedarf einer Verbindung, eines Ausgleichs, es bedarf der Kommunikation zwischen Kopf und Herz, damit freies Denken möglich wird.

Wenn sich  die Denktätigkeit aufs Hirn zurückzieht, wird sie einseitig-rational und kann für jedweden Zweck eingesetzt werden. Sie gewinnt an Schärfe, verliert aber an Breite und Tiefe. Und an Wärme. Sie wird zum angespitzten Pfeil, der jederzeit vom Bogen der Lippen sich lösen möchte, um ein Ziel zu treffen. Oft genug ist dieses Ziel ein Herz.

Ich kenne diese Gefahr, denn ich bin das, was man eine „Intellektuelle“ nennt.  Ein scharfes, treffendes Wort zu finden, ist mir ein Leichtes. Schwerer fällt es mir, es zurückzuhalten, denn es ist so herrlich … treffend!

Die alten Griechen haben die Technik, treffende Argumente zu entwickeln, zur Kunst erhoben: die Rhetorik der Alten stand unter dem Schutz der Muse Kalliope – der ältesten und elegantesten der neun Schwestern, die für die epische Dichtung, die Rhetorik, die Philosophie und die Wissenschaft zuständig war.

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Und so ist die Rhetorik bis heute in hohen Ehren geblieben, wenngleich sie kaum noch als Kunst gelehrt wird: im griechischen Parlament muss man frei, ohne Manuskript sprechen und den Gegner möglichst gekonnt aufspießen. Für eine gelungene scharfe Pointe (frz =Spitze) gibt es stürmischen Beifall von der eigenen Partei und wütende Zwischenrufe von der gegnerischen, die sich sogleich zu Wort meldet, um ihrerseits ihre Pfeile zu platzieren.

In der modernen Rhetorik steht selten das Argument im Mittelpunkt, vielmehr werden vor allem die Emotionen der Zuhörer angesprochen und aufgewühlt. Insofern weicht der heutige Gebrauch rhetorischer Mittel deutlich von seinem klassischen Ideal ab, das Aristoteles formulierte.*  Sicher wollten immer schon alle Redner das Herz des Zuhörers ergreifen, aber Aristoteles hielt nur solche Emotionalisierung für redlich, die sich vom Gegenstand selbst speiste. Das Herz zu entflammen für eine gerechte Sache, indem man nachwies, dass sie gerecht war – das war das edle Ziel seiner Rhetorik-Schulung.

In meiner Anfangszeit in Griechenland, als ich, kaum etwas verstehend, als einzige Frau mit am Tisch des Dorf-Kafeneion saß, war ich oft erschrocken, dachte: gleich gehen sie sich an die Gurgel, gleich ziehen sie ein Messer und stechen es dem politischen Gegner ins Herz.  Dann aber standen sie auf, schlugen sich auf die Schulter, stichelten noch ein bisschen, lachten auch, und gingen zufrieden heim.img_2589-sw

Sind die Griechen wegen ihrer Freude an rhetorischer Polemik (Polemos=Krieg) unfriedlich und herzlos? Nein, natürlich nicht. Sie sind anders an die meisten Deutschen, die dieses Spiel weder kennen noch goutieren. Die so gar keine Freude an geschliffenen Rededuellen haben. Die das schnelle, oft sich überlagernde Hin und Her von Worten für Geschwätzigkeit halten und nicht verstehen, dass es sich um ein raffiniertes Übungsfeld handelt, auf dem man lernen kann, zu kommunizieren und „bis an die Grenze zu gehen“ – also auszuprobieren, wo die eigenen Grenzen und die des anderen sind. Wer von klein auf die scharfen und zuweilen fast erbarmungslosen πειράγματα* kennt und übt, lernt etwas über Grenzen und respektiert sie später fast instinktiv: den anderen im Herzen zu treffen – das gehört sich nicht, das ist „unter der Gürtellinie“ (wie man im Deutschen sagt). Und natürlich brauchst du ihm auch nicht die Freundschaft aufzukündigen oder ihn gar tot zu schlagen, nur weil er dich geärgert hat. Es ist ein Spiel.

(*Für das urgriechische Wort πειράγματα gibt es keine deutsche Übersetzung. Am nähesten kommt vielleicht: sich mit Worten lustig machen, jmd aufziehen.)

Der Kopf – er beherrscht das Spielfeld. img_3619

Oder ist es doch das Herz, das triumphiert? img_3615

Vielleicht. Doch wenn das Herz übermütig ist und Klarheit vermissen lässt, img_3620-blau

fällt das Ich genauso vom Ross, wie wenn es in den kalten Sphären des Verstandes gefangen bleibt.img_3617-halb

Was ist, so fragst du vielleicht, das Herz, η καρδιά, für einen Griechen? Meine Antwort: Es ist ein geschützter Raum, ist der fruchtbare mütterliche Boden, aus dem das Leben sprießt. Die Herzenskräfte nähren den Menschen, aus ihnen lebt er. „Halte Herz und Kopf auf getrennten Bahnen! Übe deinen Kopf und setze dein Herz nicht den Pfeilen deiner Mitmenschen aus!“ Das würde eine griechische Mutter wohl ihrem Kind empfehlen. „Dein Kopf leite dich klug, dein Herz aber sei dein Refugium in den Kämpfen des Lebens, so wie ich, deine Mutter, dein Refugium bin, solange ich lebe.“

So wortfreudig die Griechen sind, so schweigsam sind die meisten über das, was sie innerlich bewegt. Ihr Herz ist ihr persönliches Heiligtum, in das niemand eindringen darf. Selten decken sie es auf.  Viele bauen um ihr Herz eine Grenze, einen hohen Zaun, manchmal auch eine Mauer – und wehe, du versuchst, da hinein- und hinüberzusteigen.

Die Lyrik und die Musikcharts sind voll von Herzensergüssen. Aber übers eigene Herz gilt es zu schweigen.

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*Tέχνη ῥητορική téchnē rhētorikḗ) ist eines der Hauptwerke des Philosophen Aristoteles (384–322 v. Chr.)

Aristoteles unterscheidet drei Überzeugungsmittel, d. h. drei Arten, wie eine Überzeugung zustande kommen kann:

  1. Der Charakter des Redners (ἦθος ē̂thos)
  2. Die Emotionen des Publikums (πάθος páthos)
  3. Das Argument (λόγος lógos)

Das Argument hält er für das wichtigste Überzeugungsmittel. Diese drei Arten sind kunstgemäße Überzeugungsmittel, d. h. solche, die zur Rede selbst gehören. Nach Aristoteles kann es neben diesen dreien keine weiteren kunstgemäßen Überzeugungsmittel geben. Es gibt aber kunstfremde Überzeugungsmittel (πίστεις ἄτεχνοι písteis átechnoi), d. h. Überzeugungsmittel, die nicht zur Rede selbst gehören. Hierunter fallen etwa Zeugenaussagen, Präzedenzfälle, schriftliche Zeugnisse, Zitate, Eide und Folter……

Aristoteles kritisiert die alleinige Verwendung von Emotionen ohne argumentative Elemente sowie eine Verwendung der Emotionen, die nicht sachorientiert ist. Seine Emotionstheorie ist daher primär darauf ausgerichtet, dass beim Zuhörer Emotionen hervorgerufen werden, indem sie aus dem verhandelten Sachverhalt selbst herbeigeführt werden. Derartige Emotionserregung unterstütze eine sachorientierte Rhetorik. (zitiert nach wikipedia, Aristoteles, Rhetorik)

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: i wie Ισορροπεία/Gleichgewicht

I – wie  ιδέα?

Auf Deutsch wäre das in etwa „Idee“ – mit all ihren Ableitungen, darunter Idealismus und Ideologie. Es ist ein grundlegender Begriff des Denkens, es lohnt sich, sich damit zu befassen – aber nicht hier, nicht jetzt! Sobald ich mich hineinbegab in die philosophischen und dann auch politischen Verzweigungen dieses Wortes, erfasste mich ein anderes i-Wort, das ich gar nicht liebe: ίλιγγος / Schwindel.

Dagegen half nur ein anderes i-Wort: ισορροπεία / Gleichgewicht. „Zustand eines Körpers im Ruhezustand, da er gleich starken entgegengesetzten Kräften ausgesetzt ist, die sich wechselseitig neutralisieren“ – definiert mein griechisches Lexikon. Sogleich fühlte ich mich auf sicherem Boden: Ja, dachte ich, um frei zu denken, braucht man inneres und äußeres Gleichgewicht. Man muss ausbalancieren zwischen Gefühl und Verstand. Wenn man sich dem Sturm oder der Lähmung der Emotionen ausliefert, erst himmelhoch jauchzt, um im nächsten Moment zu Tode betrübt darniederzuliegen, wie kann man da frei denken? Abwägen muss man können, das vor allem! Denn sonst verfällt man leicht den groben Reizen einer Ideologie oder dem Himmelblau eines illusionären Idealismus. Auch auf das Tempo gilt es zu achten: wenn du zu schnell vorwärtspreschst, begreifst du dein Umfeld nicht mehr,  und wenn du allzu zögerlich auf der Stelle trittst, stagniert auch dein Denken.

Kurzum: Es gilt, die polaren Kräfte im Gleichgewicht zu halten und sie innerlich auszubalanzieren. Παν μετρον αριστον – In allem die Mitte halten, das ist das Beste!

Da ich über dieses Wort schon mal sinniert habe, begnüge ich mich heute mit einem link https://gerdakazakou.com/2016/01/14/gruebeleien/ und einem Lege-Bild, das ich sehr mag:

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