In der Fremde

Mit dieser Ballade hoffe ich gleich zwei Spatzen zu fangen. Denn einerseits hab ich nur noch bis Mitternacht Zeit, mich im Mitmachblog zu Fremdartigem zu äußern, und andererseits bläst Christiane zum letzten Aufgebot für das Balladenwochende.

Idee:
„Baladenwochenende“: Christiane von

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/01/13/aufruf-balladenwochenende-die-brueck-am-tay/

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Heines Seegespenst, das ich gestern auswählte, war ja womöglich gar keine Ballade, aber das heutige Heine-Gedicht ist garantiert eine. Ich hab es nämlich bei http://www.balladen.de/ gefunden.

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In der Fremde

Heinrich Heine

1.

Es treibt dich fort von Ort zu Ort,
Du weißt nicht mal warum;
Im Winde klingt ein sanftes Wort,
Schaust dich verwundert um.

Die Liebe, die dahinten blieb,
Sie ruft dich sanft zurück:
O komm zurück, ich hab dich lieb,
Du bist mein einz’ges Glück!

Doch weiter, weiter, sonder Rast,
Du darfst nicht stillestehn;
Was du so sehr geliebet hast,
Sollst du nicht wiedersehn.

2.

Du bist ja heut so grambefangen,
Wie ich dich lange nicht geschaut!
Es perlet still von deinen Wangen,
Und deine Seufzer werden laut.

Denkst du der Heimat, die so ferne,
So nebelferne dir verschwand?
Gestehe mir’s, du wärest gerne
Manchmal im teuren Vaterland.

Denkst du der Dame, die so niedlich
Mit kleinem Zürnen dich ergötzt?
Oft zürntest du, dann ward sie friedlich,
Und immer lachtet ihr zuletzt.

Denkst du der Freunde, die da sanken
An deine Brust, in großer Stund‘?
Im Herzen stürmten die Gedanken,
Jedoch verschwiegen blieb der Mund.

Denkst du der Mutter und der Schwester?
Mit beiden standest du ja gut.
Ich glaube gar, es schmilzt, mein Bester,
In deiner Brust der wilde Mut!

Denkst du der Vögel und der Bäume
Des schönen Gartens, wo du oft
Geträumt der Liebe junge Träume,
Wo du gezagt, wo du gehofft?

Es ist schon spät. Die Nacht ist helle,
Trübhell gefärbt vom feuchten Schnee.
Ankleiden muß ich mich nun schnelle
Und in Gesellschaft gehn. O weh!

3.

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum,
Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.

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Heinrich Heine, Das Seegespenst

Idee:
„Baladenwochenende“: Christiane von

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Ich habe keine Ahnung, ob dies Gedicht von Heine als Ballade durchgeht. Immerhin benutzt er ein tatsächliches Vorkommnis, das sich für eine Ballade bestens eignet: das Versinken der Stadt Vineta bei Rügen – oder auch bei Usedom oder ….

Ich hab dazu schon mal einen Blog-Beitrag geschrieben, kannst du hier alles nachlesen.

https://gerdakazakou.com/2015/06/06/der-poet-und-die-versunkene-stadt-vineta/

und über das, was zu diesem Vineta sonst noch gemunkelt wird, informiere dich hier.

vineta, mythos und geschichte

the-poetHeinrich Heine

Seegespenst

Ich aber lag am Rande des Schiffes,
Und schaute, träumenden Auges,
Hinab in das spiegelklare Wasser,
Und schaute tiefer und tiefer –
Bis tief, im Meeresgrunde,
Anfangs wie dämmernde Nebel,
Jedoch allmählich farbenbestimmter,
Kirchenkuppel und Türme sich zeigten,
Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt,
Altertümlich niederländisch,
Und menschenbelebt.
Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt,
Mit weißen Halskrausen und Ehrenketten
Und langen Degen und langen Gesichtern,
Schreiten, über den wimmelnden Marktplatz,
Nach dem treppenhohen Rathaus,
Wo steinerne Kaiserbilder
Wacht halten mit Zepter und Schwert.
Unferne, vor langen Häuserreihn,
Wo spiegelblanke Fenster
Und pyramidisch beschnittene Linden,
Wandeln seidenrauschende Jungfern,
Schlanke Leibchen, die Blumengesichter
Sittsam umschlossen von schwarzen Mützchen
Und hervorquellendem Goldhaar.
Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,
Stolzieren vorüber und nicken.
Bejahrte Frauen,
In braunen, verschollnen Gewändern,
Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand,
Eilen, trippelnden Schritts,
Nach dem großen Dome,
Getrieben von Glockengeläute
Und rauschendem Orgelton.

Mich selbst ergreift des fernen Klangs
Geheimnisvoller Schauer!
Unendliches Sehnen, tiefe Wehmut
Beschleicht mein Herz,
Mein kaum geheiltes Herz; –
Mir ist, als würden seine Wunden
Von lieben Lippen aufgeküßt,
Und täten wieder bluten –
Heiße, rote Tropfen,
Die lang und langsam niederfalln
Auf ein altes Haus, dort unten
In der tiefen Meerstadt,
Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus,
Wo melancholisch einsam
Unten am Fenster ein Mädchen sitzt,
Den Kopf auf den Arm gelehnt,
Wie ein armes, vergessenes Kind –
Und ich kenne dich armes, vergessenes Kind!

So tief, meertief also
Verstecktest du dich vor mir,
Aus kindischer Laune,
Und konntest nicht mehr herauf,
Und saßest fremd unter fremden Leuten,
Jahrhundertelang,
Derweilen ich, die Seele voll Gram,
Auf der ganzen Erde dich suchte,
Und immer dich suchte,
Du Immergeliebte,
Du Längstverlorene,
Du Endlichgefundene –
Ich hab dich gefunden und schaue wieder
Dein süßes Gesicht,
Die klugen, treuen Augen,
Das liebe Lächeln –
Und nimmer will ich dich wieder verlassen,
Und ich komme hinab zu dir,
Und mit ausgebreiteten Armen
Stürz ich hinab an dein Herz –

Aber zur rechten Zeit noch
Ergriff mich beim Fuß der Kapitän,
Und zog mich vom Schiffsrand,
Und rief, ärgerlich lachend:
Doktor, sind Sie des Teufels?

 

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Was ist die Welt für “Dich”

Schon mehrere Male in der letzten Zeit fand ich auf dem blog von ART OF ARKIS Beiträge, die den Kern des Austausches zwischen Ulli und mir in den ALPHABETEN betreffen. Dieses interview gehört unbedingt dazu. Ich selbst benutze den Systembegriff allerdings nicht mehr.

Avatar von Arkis υιόςA o A

Joanna Macy – Die Welt als Geliebte

Geseko von Lüpke im Gespräch mit Joanna Macy
Wie würden Sie den Zustand der heutigen Welt beschreiben?

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Mischtechnik by Arkis

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„Mutter und Kind“

Während ich noch grübele, ob ich mich erneut dem Thema „p wie paidia“ (Erziehung) zuwenden oder erst mal den nächsten Buchstaben im Alphabet anpeilen soll – „r wie rizes“ (Wurzeln), zeige ich dir eine alte Zeichnung  von einer Skulptur. Die brachte mein Mann vor Jahren aus Afrika mit. Ich hob seinen Koffer an und fragte: „Sag mal, hast du Steine aus Afrika mitgebracht?“

Ja, hatte er. Ein afrikanischer Künstler hat diese Skulptur gemacht. Ich kenne seinen Namen nicht und weiß auch nicht, wie der Stein heißt, aus dem er herausgehauen und anschließend sehr glatt poliert wurde. Aber ich finde, sie passt ins Alphabet: Mutter und Kind zwischen Erziehung und Wurzeln.

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Gezeichnet habe ich nach dem Original, aber ich stelle hier zum Vergleich Fotos mit ein. Wie man sieht, ist mir das Kind zu groß geraten. Oder ich habe eine andere Perspektive gewählt.

Ein in Griechenland sehr bekannter und von mir hoch geschätzter Maler, Chronis Botsoglou, hat dasselbe Thema bearbeitet. Immer wieder malte er sich selbst als erwachsener Mann mit der alten Mutter. Er benutzte dafür große Bögen aus Aquarellpapier. Ich sah eines dieser Bilder (hinter Glas) im November 2016 in einer Ausstellung und fotografierte es, so gut ich konnte.

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Liebe und Gesundheit

Aphrodite und Hygeia – die Göttinnen, die uns die beiden höchsten Güter schenken. Es ist immer wieder schön, sich ihrer zu erinnern, hier mithilfe einer meiner älteren Zeichnungen. Liebe und Gesundheit also allen meinen LeserInnen!

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: Π wie παιδί, παίζω, παιδεία (Kind, spielen, Erziehung)

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Παις (altgr. Kind, neugr. παιδί) ist das Wurzelwort für zwei der wichtigsten Begriffe im Alphabet des freien Denkens: Spielen (παίζω) und Erziehung/Bildung (Παιδεία).

„Hapi-Pi“ nannte Ludwig es, als er beim ägyptischen Mahl mit Johannes in Träume abdriftete (hier). Es gefiel ihm, es klang nach Glück.

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Berlin, Mathematisches Institut (aus dem internet)

Π ist, wie du natürlich weißt, wenn du irgendwann die Schulbank gedrückt hast (wenn du παιδεία genossen hast) und dir nicht alles entfallen ist, der Wert, der das Verhältnis zwischen Kreisumfang und Durchmesser des Kreises bezeichnet. Dieser Wert ist immer gleich, egal wie groß der Kreis ist. Aber wie groß ist dies Π ??? Darüber haben sich die Mathematiker seit uralten Tagen den Kopf zerbrochen, und bis heute weiß es niemand genau. Denn bis zu welcher Stelle hinter dem Komma du den Bruch Radius/Kreisumfang auch berechnest – an ein Ende kommt du nie. Es ist eine irrationale, sogar eine transzendente Zahl, die sich der Darstellung innerhalb unseres rationalen Zahlensystems entzieht. Und so scheint sich mir auch παιδεία zu παιδί, Erziehung zu Kind zu verhalten.  Kind ist eine irrationale, eine transzendente Größe, die durch Erziehung berechenbar gemacht werden soll. Aber das gelingt nie vollständig. Es bleibt immer ein Rest. Und das ist dann der Kern, aus dem sich das Ich nach abgeschlossener Erziehung von neuem aufbauen muss.

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Wien, Opernpassage (Foto aus dem internet)

Dennoch haben die Mathematiker (und die Erzieher) Jahre, Jahrzehnte ihres Lebens dran gesetzt, um diese Größe Π festzunageln. Georges-Louis Leclerc de Buffon probierte 1733 eine Methode aus, die ich dem παίζω (spielen) zuordnen möchte: Er „warf Stöcke über die Schulter auf einen gekachelten Fußboden. Anschließend zählte er, wie oft sie die Fugen trafen“. So kam er auf die Zahl  π = 3,14159 26535 89793 23846 26433 83279 50288 41971 69399 37510 58209 74944 59230 78164 06286 20899 86280 34825 34211 70679 … (Wikipedia)

Nicht schlecht. Inzwischen hat man Computer und ist natürlich viel viel weiter: Den Rekord der Berechnung von π hielt im Jahre 2010 – für ein paar Monate – ein französischer Software-Entwickler mit rund 2,7 Billionen Stellen hinter dem Komma. Wieviele es heute sind, weiß ich nicht. Das Memorieren der Stellen ist zu einem Rekord-Spiel für Guiness geworden: wieviele Stellen kann jemand in welcher Zeit korrekt wiedergeben?

O ihr Kindsköpfe! Auch wenn ihr noch so lange rechnet und Stöcke hinter euch werft: Nie nie werdet ihr den Kreis begreifen!

Παις also: altgriechisch für Kind, neugriechisch παιδί) ist das Wurzelwort für beides: für Spielen (παίζω) und für Erziehung/Bildung (Παιδεία).

Du kennst das Wort von Pädagogik, Pädagoge, Pädiatrie und Päderastie, aber auch von Wikipedia und deren Vorläuferin Enzyklopedia (gr „Kreis der Bildung„)

Ich persönlich, obgleich promovierte Erziehungswissenschaftlerin, habe ein höchst ambivalentes Verhältnis zur Pädagogik. Einerseits, klar, ohne Erziehung, ohne Schule und Ausbildung  geht es nicht. Andererseits, ebenso klar, haben die herkömmlichen Erziehungsmethoden das freie Denken nicht grad gefördert. In den Familien wird mehr verformt als geformt, und in den Schulen, mit ihrem Konkurrenzsystem und Leistungsdruck, ihren formalen Anforderungen und Ptüfungen und einem in Lehrbücher gepressten Wissensstoff können Kinder selten die für sie richtige Geistesnahrung finden. schule2

Ende der 60er Jahre begannen wir, für unsere Kinder anti-autoritäre Kindergärten und Schulen zu erträumen, in denen spielend gelernt wurde. Denn mit παίζω (spielen, zu sprechen päso) hatten wir kein Problem. Spielend sich entwickeln – wunderbar! Aber παιδεύω (erziehen) war uns ungeheuer. Und den Griechen anscheinend auch. Denn παιδεύω bedeutet nicht nur erziehen, sondern auch quälen, foltern.schule-gefesselt

 

 

 

 

 

Quelle

Wegen dieser Verwechslungsgefahr wurde vor das παιδεύω ein εκ- gesetzt. Doch was war gewonnen? Εκπαιδεύω bedeutet zwar eindeutig und nur Ausbilden, Erziehen, aber das ek- kommt von ex = aus, und so ist die eigentliche Bedeutung von Εκπαιδεύω: dem Kind das Spielen, die Kindlichkeit auszutreiben.

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W. Busch, Lehrer Lämpel


Hier kann ich verschnaufen und euch auf einen früheren Beitrag von mir verweisen.

Da du aber wahrscheinlich keine Lust hast nachzublättern, folgen hier auch gleich Bild und Text, die ich im Mai 2015 erstmals zeigte.

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Erziehung

Welch große Hoffnung setzen doch die Philosophen und sonstigen Nachdenklichen in die Erziehung! Aus dem Stande der Natur und der dunklen Instinkte soll sie die Kinder herausführen ins Licht der Vernunft und Tugend. Die Mütter hatten und haben weniger hohe Ziele. Ihnen genügt es meist, wenn die Kinder ihr Essen essen und ihre Hausaufgaben machen. Jedenfalls ist es so in den meisten griechischen Familien, die ich kenne. „Iss!“ sagt die Großmutter (γιαγιά) zum störrischen Kind, das die gesunde Mittelmeerkost, die die Oma so köstlich zu bereiten weiß, ablehnt. Junk food ist doch viel cooler. „Mach deine Hausaufgaben“ sagt die Mama in Lockenwicklern, bemüht, ihren diversen Verpflichtungen nachzukommen, und hält dem widerstrebenden Kind das Buch unter die Nase. Das aber hört den fröhlichen Lärm seiner Kumpane (Freundinnen), die draußen Ball spielen. Es wird sich von den Alten nicht den Spaß verderben lassen. „Lass sie reden, lass sie schreien“, denkt es. „Irgendwann werden sie schon aufhören. Ich tue sowieso, was mir gefällt.“ Hier nun eine Illustration dessen, was ich „griechische Erziehung“ nenne.

Als kleiner aktueller Kommentar dazu: Es dürfte für eine deutsche Kanzlerin nicht leicht sein, die so erzogenen Griechen dazu zu bringen, „ihre Hausaufgaben zu machen“. Und Hand aufs Herz: Wer findet es nicht angenehmer, im Licht der Sonne mit Freunden zu spielen, als im dumpfen Zimmer über Hausaufgaben zu brüten?

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Schnee auf dem Vorgebirge

Schnee auf dem Vorgebirge! Das ist immerhin eine Meldung wert. Zwar gibt es hier bei uns in der Südpeloponnes keinen Schnee vor der Haustür, aber von fern sendet er doch sein feines kaltes Licht bis zu uns her. Dazwischen die Olivenkulturen. Nahm ich heute morgen von unserer Turmterasse aus auf.

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Montags ist Fototermin: ein Holzschiff

ich liebe es, Schwemmholz zu sammeln. Dieses war zu groß zum Abschleppen.

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Allen LeserInnen und FreundInnen wünsche ich einen guten Start in die Woche!

Für Babsi ein Nachtrag: das Holzschiff ist ein Krokodil.

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Kunst am Sonntag – Die alles zerma(h)lende Zeit

„Die alles zerma(h)lende Zeit“. Ein Bild in verschiedenen Phasen seiner Existenz – über mehrere Jahre. Kann fortgesetzt werden.

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Griechisches Alphabet des freien Denkens: O wie ΟΡΑΜΑ (Vision)

όραμα = Vision.

Gestern schrieb ich, zum Abschluss meiner Überlegungen zu „o wie Organ“, dass das „kleine O“, das Omikron, vom phönizischen Ajin = Auge hergeleitet wird. Dargestellt wurde es als Auge mit einem Punkt in der Mitte. Bei der Suche nach einem passenden Symbol stieß ich auf die „Vulva von Mekka“(*), ein schönes in Silber getriebenes Schmuckstück in Augenform, aber ohne Punkt in der Mitte. Nach einer kleinen Bearbeitung war das Bild fertig: ein Ajin  – ein Auge. Voila! Ein Organ für das Orama, die Vision.

Da ich das Symbol von der Vulva abgeleitet habe, steht es für mich auch im Zusammenhang mit dem gestrigen ORG-, der gewaltigen Lebenskraft, die sich im Orgasmus entlädt und zeugend und empfangend das Leben weiter gibt.

Das Auge ist ein empfangendes und ein sendendes Organ. Es empfängt Bilder der Welt und es sendet Seelenanteile in die Welt. Der Abwehrzauber des „Auges der Fatima“ soll gegen die bösen Seelenanteile helfen, die in einem neid- oder hasserfüllten Blick tranportiert werden. Dass auch gute Seelenanteile zwischen den Menschen hin und hergehen, wissen wir alle: wie wohl wird dir, wenn dich ein liebevoller Blick trifft. Der erste innige Blickkontakt zwischen Mutter und Kind gilt sogar als Voraussetzung für ein stabiles Vertrauen des Kindes. anh_zirkonia_auge_s

Noch etwas anderes wird in meinem Augen-Symbol deutlich: Das linke Auge öffnet sich nach Innen,  ins Dunkle der eigenen Seele; das rechte Auge hat nur eine kleine runde Öffnung, die Pupille, durch die der Mensch hinausblickt auf das Äußere, auf Gegenstände der umgebenden Welt. (Mehr dazu hier)

Όραμα (sprich: orama mit Betonung auf dem o) leitet sich her vom altgriechischen Wort für Sehen: ορώ. Andere heute noch gebräuchliche, davon abgeleitete Wörter sind όραση (Sehfähigkeit), ορατός (sichtbar), τηλεόραση (Fernsehen, Television).

„Vision“ ist die korrekte Übersetzung von Όραμα, beides heißt das Geschaute. Doch diese Gleichsetzung ist irreführend, denn anders dachten und fühlten die alten Griechen, anders  die christlichen Völker, die sich des lateinischen Wortes Vision bedienen.

Worin besteht der Unterschied?  In einer Vision tritt mir etwas aus der unsichtbaren geistigen Welt entgegen, wird für mich sichtbar. Ein Όραμα hingegen ist eine geistig-seelische Vorstellung, die ich mir über die Zukunft mache. Ich möchte das etwas erläutern, damit deutlich wird, wie sich das eine und andere mit dem freien Denken verbindet.

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Raffael: die Verklärung Christi und die Heilung des epileptischen Knaben

Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion – und so sind Visionen ein integraler Bestandteil des Glaubens. In einer Vision wird eine höhere Wirklichkeit „offenbar“. Maria hat die Vision eines Engels, der zu ihr sagt: „Fürchte dich nicht“. Die meisten solcher Visionen werden so angekündigt. „Gegen Ende des Frühjahrs 1916 … erschien drei einfachen Kindern in Fatima ein Junge von übernatürlicher Schönheit. Bei den Kindern angekommen sagte er freundlich:“Habt keine Angst! Ich bin der Engel des Friedens! Betet mit mir mit.“ Verzückt starren die Kinder auf die Erscheinung. Ihre Augen sind weit aufgerissen, sie sehen, was sonst niemand sieht, hören, was für die anderen unhörbar ist. Die Verzückung erzeugt Symptome, die denen der Epilepsie und Hysterie vergleichbar sind. Die Dramatik einer solchen Vision wurde höchst eindrucksvoll von El Greco wiedergegeben Offenbarung des Johannes, Lösung des 5. Siegels . poster-die-vision-des-heiligen-johannes-1436005

Kapitel 6, Verse 9 bis 11: „Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen? Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müssten wie sie.“

Kirchliche Experten überprüfen sorgfältig, ob eine Vision „echt“, also eine „Erscheinung“ aus dem göttlich-geistigen Raum ist oder ob es sich nur um eine „Einbildung“ und „Krankheitserscheinung“ handelt. Wird sie für echt befunden, wird ein Wallfahrtsort gestiftet, eine neue Heiligsprechung erwogen.

All dies sage ich nicht, um über die visionären Erfahrungen von Menschen ein Urteil abzugeben – ich bin da wirklich keine Spezialistin – , sondern nur, um den Unterschied zu dem Begriff όραμα deutlich zu machen.

Das „Orama“ der Griechen entstammt einer ganz anderen Vorstellungswelt als die ekstatische „Vision“ des Christentums. Es enthält Absicht, Mittel und Wege und ein deutliches Ziel. All das bündelt sich in einem Entwurf, der in unermütlicher denkerischer Arbeit zu einem großartigen Bild erweitert wird.

Die Crux ist freilich, dass solche „Visionen“  höchst verschiedene Ziele betreffen können, die oft genug mit den „Visionen“ anderer in Konflikt geraten. Sie sind sogar der häufigste Grund für Katastrophen. So führte die Μεγάλη Ιδέα (Große Idee), die seit Mitte des 19. Jahrhunderts die griechischen Herzen entflammte und 1920 ihren Höhepunkt erreichte, %ce%b7-%ce%bc%ce%b5%ce%b3%ce%ac%ce%bb%ce%b7-%ce%b9%ce%b4%ce%ad%ce%b1-%ce%ba%ce%b1%ce%b9-%ce%bf-%ce%b5%ce%b8%ce%bd%ce%b9%ce%ba%ce%b9%cf%83%ce%bc%cf%8c%cf%82-%cf%86%ce%bf%cf%84%ce%bf21923 schließlich zur Austreibung von 2 Millionen aus ihren kleinasiatischen Siedlungsgebieten.

Gestern nannte ich ein paar andere Beispiele: Viele Kommunisten kämpften für ihre „Vision“ einer gerechten Welt ohne Kriege, in der es keine Ausbeutung und Unterdrückung gibt und jeder Mensch das Nötige zum Leben hat. Diesem Ziel wurden Millionen Menschen geopfert, und erreicht wurde es natürlich nicht. kpdHitler hatte die „Vision“, Führer einer rassereinen germanischen Großmacht zu werden – und er erreichte es leider schreckliche zwölf Jahre lang. 36be007c23e640d4e8d36b2048d4bfbbDie Gründungsväter der EU hatten eine „europäische Vision“, die  viel Gutes bewirkte, im Moment aber grad im Absterben begriffen zu sein scheint.

Kolumbus folgte gegen alle Widerstände seiner „Vision“ von einer Westroute nach Indien, und ein ganzer Kontinent wurde aufgerollt.kolumbus

Keine große Politik kommt ohne Orama aus. Wenn wir den Zustand der politischen Parteien beklagen, dann wegen ihres Mangels an Vision. „Ihr habt keine klaren Vorstellungen von dem, wo ihr hinwollt. Ihr stümpert, stolpert von Tag zu Tag, verwickelt euch in Widersprüche. Ihr habt keine klare Linie, und wir sehen nicht, wohin uns das Ganze führen soll. Was wollt ihr erreichen?“

Um etwas Großes zu erreichen, musst du eine große Vision haben – das ist wahr. Gewaltig ist die Kraft, die von einer Vision ausgeht. Sie setzt alle Lebensgeister in Bewegung, aktiviert, begeistert. Doch leider! heute

Die Vision des Einen wird oft genug zum Alptraum des Anderen. Drum heißt es abzuwägen zwischen dem Gut, das ich anstrebe, und dem Schaden, den ich anrichte. Die allzu große Vision des Einen hat immer wieder Elend und Tod der Vielen bedeutet.

Ein humanes ORAMA gleicht weitgehend dem, was Ulli in ihrem „Alphabet des mutigen Träumens“ ausführt und das ich mit meinem „Alphabet des freien Denkens“ unterfüttere. Wenn wir alle Aspekte zusammengebracht haben – auch die, die in den Kommentaren hinzugefügt wurden -, dann haben wir vielleicht einen ersten gemeinsamen Entwurf von der Karte, die uns zeigt, wohin wir steuern wollen, welche Klippen und Gefahren zu vermeiden sind und welche Mittel uns zur Verfügung stehe

Dies ist mein kleines größenwahnsinniges o wie Όραμα. auge

* Wie mir Deutsche Muslima mitteilt (du kannst das im Kommentarstrang nachlesen), ist diese Bezeichnung falsch. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Halterung des Steins.

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