όραμα = Vision.
Gestern schrieb ich, zum Abschluss meiner Überlegungen zu „o wie Organ“, dass das „kleine O“, das Omikron, vom phönizischen Ajin = Auge hergeleitet wird. Dargestellt wurde es als Auge mit einem Punkt in der Mitte. Bei der Suche nach einem passenden Symbol stieß ich auf die „Vulva von Mekka“(*), ein schönes in Silber getriebenes Schmuckstück in Augenform, aber ohne Punkt in der Mitte. Nach einer kleinen Bearbeitung war das Bild fertig: ein Ajin – ein Auge. Voila! Ein Organ für das Orama, die Vision.
Da ich das Symbol von der Vulva abgeleitet habe, steht es für mich auch im Zusammenhang mit dem gestrigen ORG-, der gewaltigen Lebenskraft, die sich im Orgasmus entlädt und zeugend und empfangend das Leben weiter gibt.
Das Auge ist ein empfangendes und ein sendendes Organ. Es empfängt Bilder der Welt und es sendet Seelenanteile in die Welt. Der Abwehrzauber des „Auges der Fatima“ soll gegen die bösen Seelenanteile helfen, die in einem neid- oder hasserfüllten Blick tranportiert werden. Dass auch gute Seelenanteile zwischen den Menschen hin und hergehen, wissen wir alle: wie wohl wird dir, wenn dich ein liebevoller Blick trifft. Der erste innige Blickkontakt zwischen Mutter und Kind gilt sogar als Voraussetzung für ein stabiles Vertrauen des Kindes. 
Noch etwas anderes wird in meinem Augen-Symbol deutlich: Das linke Auge öffnet sich nach Innen, ins Dunkle der eigenen Seele; das rechte Auge hat nur eine kleine runde Öffnung, die Pupille, durch die der Mensch hinausblickt auf das Äußere, auf Gegenstände der umgebenden Welt. (Mehr dazu hier)
Όραμα (sprich: orama mit Betonung auf dem o) leitet sich her vom altgriechischen Wort für Sehen: ορώ. Andere heute noch gebräuchliche, davon abgeleitete Wörter sind όραση (Sehfähigkeit), ορατός (sichtbar), τηλεόραση (Fernsehen, Television).
„Vision“ ist die korrekte Übersetzung von Όραμα, beides heißt das Geschaute. Doch diese Gleichsetzung ist irreführend, denn anders dachten und fühlten die alten Griechen, anders die christlichen Völker, die sich des lateinischen Wortes Vision bedienen.
Worin besteht der Unterschied? In einer Vision tritt mir etwas aus der unsichtbaren geistigen Welt entgegen, wird für mich sichtbar. Ein Όραμα hingegen ist eine geistig-seelische Vorstellung, die ich mir über die Zukunft mache. Ich möchte das etwas erläutern, damit deutlich wird, wie sich das eine und andere mit dem freien Denken verbindet.

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Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion – und so sind Visionen ein integraler Bestandteil des Glaubens. In einer Vision wird eine höhere Wirklichkeit „offenbar“. Maria hat die Vision eines Engels, der zu ihr sagt: „Fürchte dich nicht“. Die meisten solcher Visionen werden so angekündigt. „Gegen Ende des Frühjahrs 1916 … erschien drei einfachen Kindern in Fatima ein Junge von übernatürlicher Schönheit. Bei den Kindern angekommen sagte er freundlich:“Habt keine Angst! Ich bin der Engel des Friedens! Betet mit mir mit.“ Verzückt starren die Kinder auf die Erscheinung. Ihre Augen sind weit aufgerissen, sie sehen, was sonst niemand sieht, hören, was für die anderen unhörbar ist. Die Verzückung erzeugt Symptome, die denen der Epilepsie und Hysterie vergleichbar sind. Die Dramatik einer solchen Vision wurde höchst eindrucksvoll von El Greco wiedergegeben Offenbarung des Johannes, Lösung des 5. Siegels . 
Kapitel 6, Verse 9 bis 11: „Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen? Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müssten wie sie.“
Kirchliche Experten überprüfen sorgfältig, ob eine Vision „echt“, also eine „Erscheinung“ aus dem göttlich-geistigen Raum ist oder ob es sich nur um eine „Einbildung“ und „Krankheitserscheinung“ handelt. Wird sie für echt befunden, wird ein Wallfahrtsort gestiftet, eine neue Heiligsprechung erwogen.
All dies sage ich nicht, um über die visionären Erfahrungen von Menschen ein Urteil abzugeben – ich bin da wirklich keine Spezialistin – , sondern nur, um den Unterschied zu dem Begriff όραμα deutlich zu machen.
Das „Orama“ der Griechen entstammt einer ganz anderen Vorstellungswelt als die ekstatische „Vision“ des Christentums. Es enthält Absicht, Mittel und Wege und ein deutliches Ziel. All das bündelt sich in einem Entwurf, der in unermütlicher denkerischer Arbeit zu einem großartigen Bild erweitert wird.
Die Crux ist freilich, dass solche „Visionen“ höchst verschiedene Ziele betreffen können, die oft genug mit den „Visionen“ anderer in Konflikt geraten. Sie sind sogar der häufigste Grund für Katastrophen. So führte die Μεγάλη Ιδέα (Große Idee), die seit Mitte des 19. Jahrhunderts die griechischen Herzen entflammte und 1920 ihren Höhepunkt erreichte,
1923 schließlich zur Austreibung von 2 Millionen aus ihren kleinasiatischen Siedlungsgebieten.
Gestern nannte ich ein paar andere Beispiele: Viele Kommunisten kämpften für ihre „Vision“ einer gerechten Welt ohne Kriege, in der es keine Ausbeutung und Unterdrückung gibt und jeder Mensch das Nötige zum Leben hat. Diesem Ziel wurden Millionen Menschen geopfert, und erreicht wurde es natürlich nicht.
Hitler hatte die „Vision“, Führer einer rassereinen germanischen Großmacht zu werden – und er erreichte es leider schreckliche zwölf Jahre lang.
Die Gründungsväter der EU hatten eine „europäische Vision“, die viel Gutes bewirkte, im Moment aber grad im Absterben begriffen zu sein scheint.
Kolumbus folgte gegen alle Widerstände seiner „Vision“ von einer Westroute nach Indien, und ein ganzer Kontinent wurde aufgerollt.
Keine große Politik kommt ohne Orama aus. Wenn wir den Zustand der politischen Parteien beklagen, dann wegen ihres Mangels an Vision. „Ihr habt keine klaren Vorstellungen von dem, wo ihr hinwollt. Ihr stümpert, stolpert von Tag zu Tag, verwickelt euch in Widersprüche. Ihr habt keine klare Linie, und wir sehen nicht, wohin uns das Ganze führen soll. Was wollt ihr erreichen?“
Um etwas Großes zu erreichen, musst du eine große Vision haben – das ist wahr. Gewaltig ist die Kraft, die von einer Vision ausgeht. Sie setzt alle Lebensgeister in Bewegung, aktiviert, begeistert. Doch leider! 
Die Vision des Einen wird oft genug zum Alptraum des Anderen. Drum heißt es abzuwägen zwischen dem Gut, das ich anstrebe, und dem Schaden, den ich anrichte. Die allzu große Vision des Einen hat immer wieder Elend und Tod der Vielen bedeutet.
Ein humanes ORAMA gleicht weitgehend dem, was Ulli in ihrem „Alphabet des mutigen Träumens“ ausführt und das ich mit meinem „Alphabet des freien Denkens“ unterfüttere. Wenn wir alle Aspekte zusammengebracht haben – auch die, die in den Kommentaren hinzugefügt wurden -, dann haben wir vielleicht einen ersten gemeinsamen Entwurf von der Karte, die uns zeigt, wohin wir steuern wollen, welche Klippen und Gefahren zu vermeiden sind und welche Mittel uns zur Verfügung stehe
Dies ist mein kleines größenwahnsinniges o wie Όραμα. 
* Wie mir Deutsche Muslima mitteilt (du kannst das im Kommentarstrang nachlesen), ist diese Bezeichnung falsch. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Halterung des Steins.