Vergangene Mitternacht trat ich wie gewöhnlich für einen letzten Spaziergang aus dem Haus. Doch ich konnte nicht mehr als zwei drei Schritte machen, taumelte, verlor den Weg unter den Füßen und fiel fast in den Rosenbusch. Normalerweise sehe ich sehr gut im Dunkeln, dies aber war anders. Dunstig wars und zugleich stockdunkel, die schwarze Dunstglocke reichte hoch bis zu den Sternen, von denen ich nur einen einzigen schwach leuchten sah. „Ein Faradaykäfig für Schwerkraft“, murmelte ich.
Keine Ahnung, wie ich drauf verfiel. Ich bin ja in der Physik nicht besonders bewandert, aber soviel war mir doch klar, dass es etwas dem Faradayschen Käfig Vergleichbares für die Schwerkraft nicht gibt und nach wissenschaftlichem Ermessen auch nicht geben kann. Man möge mich korrigieren, wenn ich das falsch sehe. Ich aber taumelte, als wäre ich im schwerelosen Raum gelandet, hilflos, richtungslos, meiner Gewissheit beraubt, wo oben und unten ist.
Zum Glück trat mein Mann mit einer starken Taschenlampe hinter mir aus dem Haus, und so fand ich über die Augen mein Gleichgewicht wieder. Mir aber blieb dieser Ausdruck hängen, der mir in der Schrecksekunde kam. Seelisch-geistig fühle ich mich ja schon seit fast einem Jahr in einem Käfig, in dem die normalen Koordinaten nicht mehr funktionieren und ich das Gefühl habe, mich in einem vernebelten Raum zu bewegen. Ich bemühe meine ein Leben lang einstudierten Reflexe, um mich einigermaßen zurechtzufinden. Viele sagen mir: ist doch nichts Besonderes los, du spinnst, knips ne starke Lampe an und die wirst sehen, alles ist an seinem Platz.
Will.i gehört zu diesen Vielen. Er befragte mich, was los sei. Ich schilderte es ihm, er hörte mit einem gewissen Interesse zu, vor allem wollte er wissen, was das für ein Käfig sei und was die Schwerkraft. Und wozu die gut seien. Mit ihm kann ich nicht über meine Ängste reden und darüber, dass ich fühle, in ein gigantisches Menschheits-Experiment geraten zu sein, in dem sogar die Wirkung der Schwerkraft auf die Körper infragegestellt ist. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich auch die G5-Strahlung, deren Ausbau gerade mit Tempo vorangetrieben wird, in Verdacht habe, meinen Gleichgewichtssinn zu ramponieren.

„G5 ist angekommen“ – Werbung von WIND
Die Werbung für G5 fand ich in der heutigen 220-Seiten dicken Beilage unserer Tageszeitung. Die Beilage trägt den Titel „Der nächste Tag für die Unternehmen nach der Pandemie“ und wurde befüllt von bekannten Großunternehmen, Regierungsangehörigen, Bankern, Rating-Firmen und international agierenden Unternehmensberatern. Wir durchforsteten gemeinsam das dicke Heft, ich las ihm einige der Viel-Milliarden-Investionsvorhaben für eine Grüne-Schöne-Zukunftswelt vor, während er die Hochglanzfotos bestaunte.
„Toll! Das alles soll am Tag nach der Pandemie gemacht werden? Also werde ich es noch erleben?“ – „Nein, nicht sofort“, sagte ich, seinen Enthusiasmus dämpfend, „ich hoffe nicht“. – „Du hoffst, nicht? Ja, aber das sieht doch klasse aus, schau nur!“

Entwicklung des ehemaligen Flughafengeländes, mit Casino
„ja“, sagte ich traurig, „sieht klasse aus. Ist eine Großinvestition im Süden von Athen, das seit langem stillgelegte verwilderte Flughafengelände wird jetzt zu einem Casino, wo Menschen hingehen, die zu viel Geld haben und es vergnüglich verspielen wollen. Bei uns in Maroussi bauen sie noch ein Casino, damit auch die, die nicht so reich sind, aber es gerne werden möchten, spielen können.“

Plan für einen Casino-Bau in Maroussi, Kostenvoranschlag 200 Mio E
„Kann ich dann auch dort spielen? Ich will auch reich werden“ – „Nun ja, im Prinzip könntest du dort spielen, aber reich werden immer nur die, die das Casino betreiben. Die anderen verlieren ihr Geld. Aber du wirst es nicht mehr erleben, so schnell wird es nicht fertig. Immerhin werden wir eine schöne Baustelle in unserer Nachbarschaft haben.“
Will.i hatte schon weitergeblättert, blieb bei einem eindrucksvollen Hochhaus hängen. Was das sei?
„Och, das ist ein Firmensitz, die machen vor allem Umwelttechnologie. Also genau gesprochen, sie importieren sie und bauen sie dann hier auf, zB Windräder. Hier, schau mal, so soll es dann bei uns aussehen: unser Meer, unsere Berge. Die Dinger machen einen ziemlichen Krach, und um sie aufzubauen, muss man breite Trassen in die Berge hauen und dicke Kabel verlegen. Den Vögeln, Insekten und Fischen gefällt das nicht besonders. Den Anwohnern auch nicht. Man nennt das grüne Politik.“
-
„Grüne Politik? Aber die sind ja nicht grün?“ – „Nein, das stimmt“, sage ich lachend, „grün sind die nicht. Sie sollen Strom erzeugen für all die schönen Casinos, Firmensitze und Ferienanlagen für reiche Leute, die auch geplant sind. Und erst die Elektroautos, die bald anstelle der Benziner fahren sollen! Da wird man viel Strom brauchen. Und denk mal an die vielen Computer, die die Leute benutzen, damit sie sich weltweit unterhalten können! Weißt du, wieviel Strom im Internet verbraucht wird? Also man hat ausgerechnet, dass das Internet der drittgrößte Stromverbraucher ist gleich nach den USA und China. Und da man nun keine Kohle und bald auch kein Erdgas mehr für die Stromerzeugung nehmen will, baut man halt die Welt voll mit solchen Windrädern oder mit Solaranlagen, wie du schon ein paar gesehen hast.“

Werbung für Elektro-Porsche aus Stuttgart
„Du magst die nicht besonders?“ fragte Will.i vorsichtig. Ich grummelte vor mich hin. Denn es stimmt, ich mag sie nicht. Wenn man aber solche künstlich beleuchteten Welten wie die auf den Fotos haben will, oder nur noch Elektroautos fahren sollen, muss man halt für Strom sorgen, und wenn man „Digital-Nomaden“ aus reicheren Ländern anlocken will, muss man G5 anbieten. Das ist logisch. 1.85 Billionen (1 850 000 000) Euro hat die EU für die nächsten sieben Jahre in Aussicht gestellt, um Europa in dieser Hinsicht auf Vordermann zu bringen….
„Schöne neue Welt“, murmelte ich, denn ich wollte Will.i nicht entmutigen. Ihm gefiel das ja alles, und nun gar das kleine Mädchen, das neben seinem netten Vater am Computer sitzt – da kam dann auch gleich Will.is Standard-Forderung: „Ich will auch so einen Computer! Dein altes Klapperding ist vollkommen aus der Mode.“ Ich aber dachte an ein vierjähriges Mädchen, das nach einem Fernsehtag seine Mutter fragt: „Mama, sind wir lebendig oder auf Video?“ (Dies las ich gestern in einem Essay von Manuel Schneider: „Den Engeln gleich – Anmerkungen zur Metaphysik der Medien in Zeiten von Corona“.)

Werbung einer Bank
Alle Fotos dieses Beitrags sind abfotografiert aus der heutigen Beilage der Kathimerini.