13.1.2021 Will.i beklagt sich.

Armer kleiner Willi! Was musstest du dich auch mit einer alten Frau einlassen. Du vibrierst vor Neugierde und Lebensfreude, und die Alte hatte heute gar keine Lust zum Aufstehen. Hatte wohl gestern etwas zu lage in Bücher reingeguckt, zu viel nachgedacht, hatte freilich auch einiges Sinnvolles getan.

Jedenfalls musste Will.i heute ziemlich viel quengeln und pranzeln, bis er mich aus dem Bett hatte. Dabei leuchtete draußen ein verheißungsvoller Tag. Der 13.1. des Jahres, Willis erster Dreizehnter! Ich mag die Zahl 13 ja, also rafffte ich mich auf und zog mir meine Jacke über. Draußen wars kalt und schön. Sehr schön sogar. Die Wolken am blauen Himmel warfen ihre Schatten auf das Vorgebirge des Taygetos, gaben den Hängen diese besondere Lebendigkeit und Plastizität, die sie an trocken-sonnigen, leicht bewölkten Tagen haben.

Das Meer grüßte kühl zu uns herauf, davor die wohlgeordneten Olivenhaine. In der Ferne die Stadt Kalamata.

Viel Zeit hatte ich nicht für Will.i, denn ich erwartete eine Klientin, die extra von weit her kam, um mit mir zu arbeiten. Und da war für Will-i wirklich kein Platz. Denn mit seinen direkten Fragen: „Warum hast du das gemacht?“ – „Welchen Nutzen hat das?“ oder gar „Was willst du eigentlich erreichen?“ „Warum machst du nicht einach, was du willst?“ war da nichts anzufangen.

Als wir nach drei Stunden fertig sind, ist auch die Sonne weg. Nun jammert Will.i, dass es für ihn ein vergeudeter Tag war. „Warum hast du mich rausgeschmissen?“, fragt er. „Hätte ich nicht doch was lernen können? Ich hätte auch bestimmt den Mund gehalten“. „Das verstehst du noch nicht“, rede ich mich raus, wie es eben Erwachsene gegenüber Kindern gern tun, wenn sie müde sind.

Nun überlege ich, ob ich recht daran getan habe, ihn auszugrenzen. Wann, wenn nicht  jetzt, soll er begreifen, dass es manchmal gar nicht darauf ankommt, hier und jetzt ein Problem zu lösen? Dass es meistens ausreicht, den Boden gut zu lockern, um dann einfach abzuwarten und ganz ruhig zuzuschauen, wie die Saat aufgeht.

Ich habe Will.i in den Garten geschickt, da kann er es am ehesten lernen. Denn da sind, ohne dass wir das geringste dazu getan hätten, fünf wilde Iris erblüht. Und der Klee hat auch angefangen, seine hochstängligen gelben Blüten zu öffnen.

Ich aber lege mich ein bisschen aufs Ohr.

ps. und eine Stunde später. Nun fand ich Will.i sehr vergnügt im Klee.

 

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12.1.2021 Mit Will.i am Hafen von Kalamata (tägliches Zeichnen)

„Kommst du mit, Will.i?“ fragte ich meinen zwölf Tage – oder umgerechnet inzwischen dreieinhalb Jahre alten Freund. „Ich brauch Luft“.

Will.i will zum Glück immer mit, wenn es Neues zu sehen und erfahren gibt. Ich mag seinen Optimismus und seine Tatkraft besonders an Tagen wie heute, der mit einer schlechten Nachricht begann: eine Stiftung, auf deren Unterstützung für die Pilzproduktion mit den Behinderten wir gesetzt hatten, sagte höflich ab. Es gebe leider zuviele Anträge, die Mittel seien beschränkt. „Viel Erfolg für Ihr Vorhaben“. Danke, danke. Aber wo kriegen wir nun das nötige Geld für die Anschubfinanzierung her? Land haben wir, Gewächshaus haben wir, Abfüllanlagen haben wir, Freiwillige haben wir – aber uns fehlen ca 50 000 E, um zu starten. Ist das viel? Ist das wenig? Wenn ich an die Millliardenbeträge denke, die grad in Umlauf gesetzt werden, scheint es mir ein geradezu läppischer Betrag zu sein. Es ist eben alles verdammt relativ. Sogar der Himmel zeigte tiefe Sorgenfalten.

Also fuhren wir an den Hafen. Viel los ist da nie, die Angestellten der Hafenbehörde haben Beamtenstatus und sorgen dafür, dass sich möglichst wenig bewegt. Nur ein paar kleine Kutter und eine riesige Motoryacht haben dort festgemacht. Will.i zog mich zu letzterer (Bild 1), wäre am liebsten an Bord gegangen.  Mir aber gefielen die Kuben der Häuser mit dem blauweißen Farbenspiel und dem angeschnittenen spitzen Dreieck des Bugs weit besser als das aalglatte pompöse Gefährt selbst (Bild 2). Spannend fanden wir es dann beide, wie das kleine Boot der Hafenbehörde sich in den Winkel zwischen Kai und Yacht zwängte und dort festmachte.

Auf einem Poller hockend und das halbierte Schreibmaschinenblatt mit einer Hand festhaltend, zeichnete ich dann das Gebäude am anderen Ende des Hafenbeckens, in dem ein einsames Boot dümpelte.

Will.i  zählte die Fenster am Gebäude und die Rettungsringe am Boot mit – ob ich auch nichts vergaß. Natürlich wurde er fündig. „Du hast eine Fensterreihe zu wenig gezeichnet!“ – „Wenns nur das ist“, meinte ich gutmütig. „Das nächste Mal passe ich besser auf.“ – „Das nächste Mal“, versicherte Will.i, „habe ich meinen eigenen Zeichenblock, nicht so ein albernes Stück Papier wie du, und ich habe auch Buntstifte, alle Farben! Wart mal, ich mal dir ein bisschen Rot rein. Nur Schwarz ist langweilig! Hast du kein Gelb für die Poller?“

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Wir brauchen ca 50 000 E, um mit der Produktion für biologisch angebaute Pilze (Seitlinge) zu beginnen. Der Betrieb soll sich dann durch den Verkauf der Pilze selbst tragen.

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Falls Du etwas Geld zur Realisierung beitragen möchtest (Spenden  sind steuerlich absetzbar) oder einen einschlägigen Rat hast, wie wir an das benötigte Geld kommen:

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Soziale Genossenschaftliche Unternehmung zur beruflichen Integration behinderter Menschen

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11.1.2021 Danke für den Blaumeier, Jutta! Will.i ist hingerissen

Nicht nur ist dies ein besonders schönes Datum – eine langsame aber eben doch vorhandene Progression 0-1-1-1-1-2-2- , sondern der Tag begann auch besonders und schön. Ein Päckchen sei für mich angekommen, vermutlich ein Buch, sagte mir Evtychia („Glück“) am Telefon. Ein Buch? Ich erwartete nichts. Sofort machte ich mich mit Will.i auf die Socken, denn auch er wollte wissen, was das für ein Päckchen sei.

Nun halten wir es staunend in den Händen: Blaumeier oder der Möglichkeitssinn steht in großen blauen leicht eingestanzten Lettern auf dem weißen Deckel. Und als ich das dicke Buch, das wie ein Baustein in meiner Hand liegt, umdrehe und auf den Kopf stelle,  steht es gleich noch einmal da, diesmal in Gelb und Grau: Blaumeier oder der Möglichkeitssinn.

Ach, Jutta!!! Er ist tatsächlich angekommen, so warm und nah dein Gruß in Zeiten der Abstandsregeln! Am 27.11.2021 hast du es abgeschickt, ein Geschenk für unser Projekt! Und jetzt, wo wir wirklich unseren Möglichkeitssinn stapazieren müssen, um nicht aufzugeben, jetzt, genau jetzt kommt es an und stärkt uns und gibt uns neue Inspiration für unser eigenes Projekt!

Ich kann keinesfalls eine so schöne Rezension schreiben wie Birgit Böllinger von Sätze und Schätze und auch das Projekt nicht so gut darstellen wie Jutta Reichelt, die lange bei der Theatergruppe der Blaumeiers und nun eben an dem Buch entscheidend mitgewirkt hat.  Lies doch dort noch einmal nach, wenn dich interessiert, was es mit den Blaumeiers auf sich hat. Es lohnt sich!

Will.i jedenfalls ist hingerissen. Wie auch nicht? Seine Devise: „Ich will es – also tue ich es“ ist hier auf das Schönste illustriert. Wozu sind Schwierigkeiten da? Um sie zu meistern. Wozu hat man Behinderungen? Um der Gesellschaft ein großartiges Dennoch! entgegenzurufen. Dennoch! Mögen es alle hören, die glauben, von selbst würde sich irgend etwas richten. Nichts richtet sich von selbst, aber alles ist MÖGLICH!

Genau diese Message brauchen wir jetzt, in einer Zeit, wo viele Initiativen zum Erliegen kommen, weil die Kraft nicht reicht against a sea of troubles („gegen ein Meer von Plagen“, Shakespeare, Hamlet-Monolog).

https://i1.wp.com/saetzeundschaetze.com/wp-content/uploads/2020/10/Screenshot-2020-10-20-15.46.31.png?ssl=1

Nun möchte ich all den Menschen, die mit und durch Blaumeier so viel Schönes in die Welt gesetzt haben, meinen herzlichen Dank sagen und meine Hoffnung ausdrücken, dass sie sich nicht unterkriegen lassen, sondern weiter „auf Sendung gehen“. Denn eine Sendung ist es, die sie haben: dass es eine Fähigkeit gibt, „alles was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“. Diesen Möglichkeitssinn, wie Robert Musil ihn definiert, gilt es in sich zu entwickeln und nicht nachzulassen, anscheinend Unmögliches zu realisieren. DANKE euch allen! Auch Will.i zieht seinen Hut und ruft euch zu:

Mut hat auch der kleine Muck!

Und wenn du das Märchen vom Kleinen Muck (Wilhelm Hauff) noch nicht kennst: lies es.

Zusammenfassung (Wikipedia): Mucks Vater Mukrah war ein angesehener, aber armer Mann, der beinahe so einsam lebte wie jetzt sein Sohn. Er schämte sich wegen der Zwergengestalt Mucks und gab ihm deshalb keine Ausbildung. Als der Vater nach einem Sturz starb, zogen seine Verwandten, denen er viel Geld schuldete, das Erbe ein, und Muck erhielt nur einen Anzug mit weiten Hosen, breitem Gürtel, einen Mantel, einen Turban und einen Damaszenerdolch, den er in den Gürtel steckte. Sein Vater war groß, und so schnitt Muck die für ihn zu langen Hosenbeine und Ärmel einfach ab, ohne etwas in der Weite zu ändern. Danach verließ er die Stadt, um sein Glück zu suchen, wie es ihm seine Verwandten rieten. In einer fremden Stadt fand er Unterkunft und eine Anstellung bei der sonderbaren Frau Ahavzi, deren Katzen und Hunde er zu versorgen hatte. Nachdem er einen verbotenen Raum betreten und dort versehentlich den Deckel einer kristallenen Schale zerbrochen hatte, beschloss er, aus dem Dienst zu fliehen. Er hielt sich aber für vorenthaltenen Lohn und ungerechte Bestrafungen schadlos, indem er zwei Gegenstände aus diesem Raum mitnahm, die, wie sich herausstellte, magische Kräfte besaßen: ein Paar Pantoffeln, in denen er schneller als jeder andere Mensch laufen und zu jedem beliebigen Ort fliegen konnte, und einen Spazierstock, der vergrabene Schätze anzeigte….“


Wir haben leider keinen magischen Spazierstock. Daher:

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10.1.2021 Mit Will.i über den Faraday-Käfig und die schöne neue Welt geredet

Vergangene Mitternacht trat ich wie gewöhnlich für einen letzten Spaziergang aus dem Haus. Doch ich konnte nicht mehr als zwei drei Schritte machen, taumelte, verlor den Weg unter den Füßen und fiel fast in den Rosenbusch.  Normalerweise sehe ich sehr gut im Dunkeln, dies aber war anders. Dunstig wars und zugleich stockdunkel, die schwarze Dunstglocke reichte hoch bis zu den Sternen, von denen ich nur einen einzigen schwach leuchten sah. „Ein Faradaykäfig für Schwerkraft“, murmelte ich.

Keine Ahnung, wie ich drauf verfiel. Ich bin ja in der Physik nicht besonders bewandert, aber soviel war mir doch klar, dass es etwas dem Faradayschen Käfig Vergleichbares für die Schwerkraft nicht gibt und nach wissenschaftlichem Ermessen auch nicht geben kann. Man möge mich korrigieren, wenn ich das falsch sehe. Ich aber taumelte, als wäre ich im schwerelosen Raum gelandet, hilflos, richtungslos, meiner Gewissheit beraubt, wo oben und unten ist.

Zum Glück trat mein Mann mit einer starken Taschenlampe hinter mir aus dem Haus, und so fand ich über die Augen mein Gleichgewicht wieder. Mir aber blieb dieser Ausdruck hängen, der mir in der Schrecksekunde kam. Seelisch-geistig fühle ich mich ja schon seit fast einem Jahr in einem Käfig, in dem die normalen Koordinaten nicht mehr funktionieren und ich das Gefühl habe, mich in einem vernebelten Raum zu bewegen. Ich bemühe meine ein Leben lang einstudierten Reflexe, um mich einigermaßen zurechtzufinden. Viele sagen mir: ist doch nichts Besonderes los, du spinnst, knips ne starke Lampe an und  die wirst sehen, alles ist an seinem Platz.

Will.i  gehört zu diesen Vielen. Er befragte mich, was los sei. Ich schilderte es ihm, er hörte mit einem gewissen Interesse zu, vor allem wollte er wissen, was das für ein Käfig sei und was die Schwerkraft. Und wozu die gut seien. Mit ihm kann ich nicht über meine Ängste reden und darüber, dass ich fühle, in ein gigantisches Menschheits-Experiment geraten zu sein, in dem sogar die Wirkung der Schwerkraft auf die Körper infragegestellt ist. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich auch die G5-Strahlung, deren Ausbau gerade mit Tempo vorangetrieben wird, in Verdacht habe, meinen Gleichgewichtssinn zu ramponieren.

„G5 ist angekommen“ – Werbung von WIND

Die Werbung für G5 fand ich in der heutigen 220-Seiten dicken Beilage unserer Tageszeitung. Die Beilage trägt den Titel „Der nächste Tag für die Unternehmen nach der Pandemie“ und wurde befüllt von bekannten Großunternehmen, Regierungsangehörigen, Bankern, Rating-Firmen und international agierenden Unternehmensberatern.  Wir durchforsteten gemeinsam das dicke Heft, ich las ihm einige der Viel-Milliarden-Investionsvorhaben für eine Grüne-Schöne-Zukunftswelt vor, während er die Hochglanzfotos bestaunte.

„Toll! Das alles soll am Tag nach der Pandemie gemacht werden? Also werde ich es noch erleben?“ – „Nein, nicht sofort“, sagte ich, seinen Enthusiasmus dämpfend, „ich hoffe nicht“. – „Du hoffst, nicht? Ja, aber das sieht doch klasse aus, schau nur!“

Entwicklung des ehemaligen Flughafengeländes, mit Casino

„ja“, sagte ich traurig, „sieht klasse aus. Ist eine Großinvestition im Süden von Athen, das seit langem stillgelegte verwilderte Flughafengelände wird jetzt zu einem Casino, wo Menschen hingehen, die zu viel Geld haben und es vergnüglich verspielen wollen. Bei uns in Maroussi bauen sie noch ein Casino, damit auch die, die nicht so reich sind, aber es gerne werden möchten, spielen können.“

Plan für einen Casino-Bau in Maroussi, Kostenvoranschlag 200 Mio E

„Kann ich dann auch dort spielen? Ich will auch reich werden“ – „Nun ja, im Prinzip könntest du dort spielen, aber reich werden immer nur die, die das Casino betreiben. Die anderen verlieren ihr Geld. Aber du wirst es nicht mehr erleben, so schnell wird es nicht fertig. Immerhin werden wir eine schöne Baustelle in unserer Nachbarschaft haben.“

Will.i hatte schon weitergeblättert, blieb bei einem eindrucksvollen Hochhaus hängen.  Was das sei?„Och, das ist ein Firmensitz, die machen vor allem Umwelttechnologie. Also genau gesprochen, sie importieren sie und bauen sie dann hier auf, zB Windräder. Hier, schau mal, so soll es dann bei uns aussehen: unser Meer, unsere Berge. Die Dinger machen einen ziemlichen Krach, und um sie aufzubauen, muss man breite Trassen in die Berge hauen und dicke Kabel verlegen. Den Vögeln, Insekten und Fischen gefällt das nicht besonders. Den Anwohnern auch nicht. Man nennt das grüne Politik.“

„Grüne Politik? Aber die sind ja nicht grün?“ – „Nein, das stimmt“, sage ich lachend, „grün sind die nicht. Sie sollen Strom erzeugen für all die schönen Casinos, Firmensitze und Ferienanlagen für reiche Leute, die auch geplant sind.  Und erst die Elektroautos, die bald anstelle der Benziner fahren sollen! Da wird man viel Strom brauchen. Und denk mal an die vielen Computer, die die Leute benutzen, damit sie sich weltweit unterhalten können! Weißt du, wieviel Strom im Internet verbraucht wird? Also man hat ausgerechnet, dass das Internet der drittgrößte Stromverbraucher ist gleich nach den USA und China. Und da man nun keine Kohle und bald auch kein Erdgas mehr für die Stromerzeugung nehmen will, baut man halt die Welt voll mit solchen Windrädern oder mit Solaranlagen, wie du schon ein paar gesehen hast.“

Werbung für Elektro-Porsche aus Stuttgart

„Du magst die nicht besonders?“ fragte Will.i vorsichtig. Ich grummelte vor mich hin. Denn es stimmt, ich mag sie nicht. Wenn man aber solche künstlich beleuchteten Welten wie die auf den Fotos haben will, oder nur noch Elektroautos fahren sollen, muss man halt für Strom sorgen, und wenn man „Digital-Nomaden“ aus reicheren Ländern anlocken will, muss man G5 anbieten. Das ist logisch.  1.85 Billionen (1 850 000 000) Euro hat die EU für die nächsten sieben Jahre in Aussicht gestellt, um Europa in dieser Hinsicht auf Vordermann zu bringen….

„Schöne neue Welt“, murmelte ich, denn ich wollte Will.i nicht entmutigen. Ihm gefiel das ja alles, und nun gar das kleine Mädchen, das neben seinem netten Vater am Computer sitzt – da kam dann auch gleich Will.is Standard-Forderung: „Ich will auch so einen Computer! Dein altes Klapperding ist vollkommen aus der Mode.“ Ich aber dachte an ein vierjähriges Mädchen, das nach einem Fernsehtag seine Mutter fragt: „Mama, sind wir lebendig oder auf Video?“ (Dies las ich gestern in einem Essay von Manuel Schneider: „Den Engeln gleich – Anmerkungen zur Metaphysik der Medien in Zeiten von Corona“.)

Werbung einer Bank

Alle Fotos dieses Beitrags sind abfotografiert aus der heutigen Beilage der Kathimerini.

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„Das fehlte uns noch!“ – Katastrophisch-Ungereimtes (abc-etüde)

Zetermordio
weichmütig
backen.

abc-etüden, von Christiane organisiert und betreut

Wortspender: Ludwig Zeidler

 

Das fehlte uns noch!

Kaum sagt sie ein Wörtchen

Gegen die Maßnahmen,

 die nicht Maß nahmen

sondern maßlos sind –

so scheint ihr,

erhebt sich ein

vielstimmiges

Zetermordio

„Wie kannst du bloß!

Weichmütig, dachten wir, wärst du

Und nicht so hartgesotten!

Hast du die Bilder

Herangezoomt aus Bergamo und Wuhan

Nicht gebührend beachtet?

Hast du vielleicht gar

Weggeschaut und nicht gesehen

Dass nur Nazis marschieren gegen den Strom

Der täglichen Zahlen der Toten

Die morgens und mittags, auch abends

Wenn du dachtest, nun könntest du schlafen,

In langen Kolonnen über die Bildschirme liefen

Flankiert von besorgten Augen über blassblauen Masken

Müden und tüchtigen Kämpfern

Gegen den Tod?

Doch du

Hast nicht sehen wollen, was alle doch sahen und wussten

Schautest verblödet dich um bei den Nachbarn

Sahst nur das übliche Leiden, das übliche Sterben

Dazu auch neue Ängste und Nöte.

Sahst nicht, hast nicht begriffen

Dass endlich die schreckliche, die alle hinraffende

Pandemische Plage die Menschheit getroffen

Dachtest, vielleicht, dass morgen

Wenn der Bäcker das erste Brot

Frisch gebacken aus dem Ofen dir zieht

Alles vorbei sei, der Spuk sei zu Ende.

Das fehlte uns noch!

Dass alles wieder

 Zurückgekehrt wäre

dahin, wo zuvor es schon war!

Denn übel war es zuvor

und besser, viel besser die Zukunft.“

Das Brot des Bäckers. Gezeichnet am 1.1.2020

 

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9.1.2021 Will.i lernt Eleftheria und das Behindertenprojekt kennen

Ich kenne Eleftheria („Freiheit“) schon lange. Sie ist die Leiterin des Behindertenprojekts, von dem ich immer mal wieder erzählt habe.  Hier sieht man sie (rechts) auf einer Zeichnung von vor einem Jahr, 11.1.2020.

Heute kam sie zu mir, um ein paar Themen zu besprechen, auch konnte ich ihr Spenden in Höhe von 625 E übergeben. Will.i war sehr bei der Sache, um zu verstehen, worum es geht, wo es hakt, wie es weitergehen soll.

So ein Projekt in Bewegung zu setzen, während wir seit fast einem Jahr zum Stillstand verurteilt sind, ist nicht grad einfach. Das hatte ich Will.i schon im Vorfeld erklärt, damit er uns mit seiner Ungeduld nicht allzu sehr plagte. Aber kaum war Eleftheria da, begann er sie zu löchern:

„Hast du nun den Strom für die Werkstatt angemeldet?“ – „Ich habe drei Stromanbieter um Preise gebeten, der eine will 0.12, der andere 0.087 und der dritte 0.064 Euro pro Kilowattstunde, lieber Will.i.“ Eleftheria hatte ja keine Ahnung, worauf sie sich einließ…. „Und? Wen hast du genommen?“ „Noch gar keinen“, erklärte sie ihm geduldig. „Der eine will eine Kaution, bei zweien gibt es gestaffelte Preise je nach Verbrauch, und dann ist da auch noch das Problem der Bindung, also ob wir jederzeit aus dem Vertrag aussteigen können, falls uns der Anbieter nicht gefällt oder wir den Raum schließen müssen.“  – „Schließen müssen? Ich denke, ihr wollt aufmachen!“ – „Ja, Will.i, wollen tun wir es schon, aber können wir es denn? Wir müssen zuvor allerlei Dinge einkaufen und erledigen und brauchen auch eine Genehmigung von der Gemeinde!“ – „Ist das der, der auch die Rohre rumliegen lässt?“. Fragend sah mich Eleftheria an, und ich erzählte ihr von unserem Fund und dass Will.i verlangt hatte, den zuständigen Vizebürgermeister aufzusuchen.  Sie zuckte nur müde mit den Achseln und meinte: „Nee, da sind andere zuständig. Jedenfalls müssen wir nun Strom anschließen, sonst kommen wir mit der Renovierung nicht voran, und dann müssen wir hoffen, dass die Stiftung, die uns Geld zugesagt hat für die Geräte, das Geld auch überweist, und wenn wir die Genehmigung und das Geld haben, können wir vielleicht aufmachen. Aber sicher ist das nicht, denn momentan dürfen wir es nicht, und wer weiß, wann wir es dürfen und ob sich vorher die Ausbilder und die Behinderten impfen lassen müssen, damit wir überhaupt eine Werkstatt betreiben können. All das wissen wir momentan nicht“.

Will.i zeigte leichte Anzeichen von Verwirrtheit. Stromanschluss-Renovieren-Stiftungen-Geld-Geräte-Genehmigung-impfen… das war etwas zu viel für ihn, um es auf die Reihe zu bringen. 

„Und was tust du jetzt genau?“ fragte er schließlich eingeschüchtert. „Na ja“, meinte sie, „wir tun jetzt einfach mal so, als ob alles klappen würde: also wir streichen den Raum, dafür und für Miete und Strom reicht das Geld erst mal, wir besorgen auch gebrauchte Sitzmöbel und Tische und Regale, falls wir ein Cafe betreiben dürfen, und auch einen soliden Arbeitstisch für die Werkstatt.“-  „Und was macht ihr dann in der Werkstatt?“ fragte Will.i erleichtert, denn was eine Werkstatt ist, konnte er sich gut vorstellen. „Es gibt da verschiedene Möglichkeiten“, erläuterte Eleftheria ihm geduldig. „Wir haben da den S, der macht sehr schöne Aktenschuber, das können die jungen Leute bei ihm lernen und sie dann verkaufen, und dann haben wir die W, die macht schönen Schmuck, und die J kann mit ihr und noch zwei anderen Schmuck herstellen und verkaufen. Ich kenne die S, die ist Expertin für Seide. Früher war Kalamata für Seidenproduktion bekannt, es gibt auch noch all die Maulbeerbäume, und dafür könnten wir vielleicht auch Stiftungsgelder bekommen. –  Ja und wie ist es mit der K, die kennt sich mit Pflanzenfarben aus wie sonst niemand, hatte früher eine Weberei, ist leider pleite gegangen, Wolle können wir von den Schäfern beziehen und selbst verspinnen und färben, ich hab da so schöne Sachen gesehen, in einer Behinderten-Gemeinschaft in Deutschland  …. Ja, und der F, du weißt, der Heilpflanzen sammelt und daraus Medikamente herstellt, der könnte vielleicht auch  ……   Aber wir müssen auch einen e-shop einrichten, denn wo sollen sie ihre Sachen sonst verkaufen? Basare wird es wohl so bald nicht geben. Außerdem könnten auch die, die nicht zur Werkstatt kommen können, ihre Produkte über unseren e-shop anbieten. Aber dann müssen wir auch das Problem der Verpackung lösen, und wie wir die bestellten Sachen günstig verschicken, wir wolllen ja auch ins Ausland verkaufen….“

Das war nun ein neues Thema: E-shop. und wie man so was einrichtet und wer das machen kann und wie es überhaupt mit der Website steht, und mit unserem Logo – ich schicke den Entwurf mal zur St, vielleicht macht sie uns eins, nein, lieber nicht die St, die hat schon eins gemacht, das uns nicht so gefiel, sie wird jetzt kein neues…. –  und wann wir den Haushaltsplan fürs laufende Jahr fertig haben …

Will.i schwieg derweil und ließ uns auch beim folgenden Dialog in Ruhe. Aber seine Augen wanderten zwischen uns hin und her und in seinem Hirn arbeitete es, das konnte man sehen. „Und wie steht es mit deinem Vorschlag, das Feld, das wir zur Verfügung haben, schon mal für Gemüseanbau vorzubereiten?“ fragte ich. – „Der T will fragen, ob wir die Fräse ausleihen können, dann könnte er damit beginnen. Die Beete könnten dann der A, der F und die T bearbeiten, unter meiner Anleitung“. „Und wer holt und bringt die Behinderten?“ „Das könnte ich machen.“ „Brauchst du da keine Mitfahrer-Versicherung?“….

Am Ende resümierte Will.i: „Ihr habt ja manchmal will gesagt, aber viel öfter habt ihr könnte und können und brauchen und dürfen und müssen gesagt. Ich hab mitgezählt. Das gefällt mir gar nicht. Wenn ich etwas will, dann tue ich es auch.“ – „Ja, Will.i! Auch wir wollen, und es ist gut, wenn du uns die Stange hältst, so dass wir schließlich alle Schwierigkeiten überwinden. Es wäre doch gelacht!“

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9.1.2021 Gerda und Will.i – ein ungleiches Paar (Scherbenlegebild)

„Gerda und Will.i – ein ungleiches Paar“ Legebild aus beschmutzten Glasscherben auf schwarzer Pappe, bei Tageslicht fotografiert.

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Der verflixte achte Tag mit Will.i – modus vivendi

Der verflixte siebte Tag, wollte ich diesen Eintrag betiteln, da merkte ich, dass es ja schon der achte ist, und mithin die Hauptgefahr gebannt ist.  Und das ist auch gut so. Denn heute kriselte es in unserer Beziehung, aber dann gelang es uns doch, einen modus vivendi zu finden, der uns hoffentlich über die nächste Zeit trägt.

Am Vormittag hatten Will.i und ich uns auf den Weg zum benachbarten Dorf gemacht, um Brot zu kaufen. Ich wanderte stumm, war nicht bei der Sache, denn meine Gedanken kreisten um Texte, die ich zuvor gelesen hatte.  „Wo bist du eigentlich?“ fragte Will.i, nachdem er nur ein „hm“ und „ja“ zur Antwort auf seine Beobachtungen bekam. „Ich? Ich schreib grad ein Kapitel vom Narrativ meines Lebens um“, murmelte ich geistesabwesend. „Deines was?“ – „Ach lass man, davon verstehst du noch nix“, gab ich zur Antwort. „Dein Leben ist noch zu kurz, da gibt es kein Narrativ zum Umschreiben“. Nun war er echt geknickt, der kleine Will.i. Aber wie sollte ich ihm erklären, dass ich vorher bei Sandra von Siebenthal einen Text u.a. über Narrative gelesen hatte, und dann auch noch einen anderen bei Blütensthaub, mit einer ausgezeichneten Besprechung von Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer“ – meiner wichtigsten geistigen Nahrung mit 17. „So also war mein Lebensgefühl damals?“ sinnierte ich. „Das Leiden der Kreatur, Mensch und Tier hingeworfen dem Tod. Und heute? Habe ich nicht den gesamten geistigen und auch geografischen Raum Europas durchschritten und bin angekommen dort, wo das Geistige den Tod überwunden und zur Nebensache erklärt hat?“ Zugleich aber dachte ich, ob ich Will.i unrecht tat, und das Narrativ, das ich grad über sein Leben spann, nicht viel zu kurz griff. Wie viel ließ ich aus! Und vieles mehr dachte ich und sah nicht die Felder und die Olivenbäume, und auch die Steine auf meinem Weg vermied ich nur, weil ich sie seit langem kenne. Reine Routine.

Will-i aber plagte sich ab, mich ins Hier und Jetzt zu verführen, und bei einem besonders schönen Zitronenbaum gelang es ihm schließlich auch. Ich sog die Gegenwart des von Früchten überladenen Baums mit einem so intensiven Gefühl ein, als wäre ich 17 und stünde staunend und verzweifelt zugleich vor den Tatsachen des kreatürlichen Lebens.

Danach wurde unsere Kommunikation unkomplizierter. Wir ließen uns gegenseitig gelten und hörten uns zu. Seine Begeisterung für die Fotovoltaik-Anlage mitten in der Landschaft dämpfte ich ein wenig, indem ich ihm zu bedenken gab, dass hier uralte Olivenbäume abgeholzt und entwurzelt wurden, dass die erhitzten Panelen ein Loch in das Mikroklima rissen und die Verkabelung so kleiner Anlagen weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll sei. Klar, die Bauern, so erklärte ich ihm, sähen darin eine attraktive Einnahmequelle, denn für ihr Öl bekämen sie nicht genug zum Leben und nicht genug zum Sterben. Aber ob das denn wirklich eine gute Lösung sei, um die Natur zu schützen?

Auch ein anderes Bauwerk erregte sein Interesse: „Wozu dient das?“ „Ach“, sagte ich, „ein Amerika-Grieche wollte hier mit einem runden Tempel einen Sonnenkult begründen“. – „Aber die Sonne scheint ja nicht durch die Betondecke“, meinte er altklug. „Genau, Will.i. Es reicht eben nicht, etwas zu wollen, man muss es auch durchdenken“ („geistig durchdringen“, wollte ich sagen, doch würde er das verstehen?). „Und so wurde es eben nichts. Und steht seit vielen vielen Jahren an diesem schönen Platz. Im Untergeschoss gibt es noch ein paar verschimmelnde Bücher und Zeitschriften, und die Zellen, wo die Anhänger des Kultes wohnen sollten,  sind von Unkraut überwuchert.“.

vergessener Sonnenkult-Tempel

„Und warum reißt man es nicht ab?“, fragte er noch. „Kosten, Eigentumsrechte, Erbstreitigkeiten. Es ist gar nicht leicht, etwas, was mal falsch gemacht wurde, wieder aus der Welt zu schaffen.“ Das leuchtete ihm ein.

Unsere unterschiedlichen Interessen lassen sich nun besser unter einen Hut bringen. Während ich mich an der Farbsinfonie von Bougainvillia, Kumquat-Bäumchen, Olivenhain und dem dumpfen Blau des Himmels erfreute, machte er mich aufmerksam, dass an einem Baum noch Oliven hingen („wollen wir sie nicht ernten?“) und genoss die säuerliche Frische einer Kumquat-Frucht. Der Hausbesitzer, der grad einen frischen Salatkopf und junge Zwiebeln aus seinem Garten geholt hatte, erlaubte uns, einige zu pflücken.

So wird es gehen. „Ja, das Gerümpel dort unten war ein Schafskral, der Schäfer hat aufgegeben“ – „Warum?“ -„Es war ihm zu einsam, ein Leben lang schon sorgte er für die Schafe, nun will er seinen Lebensabend mit ein paar Menschen genießen“.

aufgegebener Kral

Ich aber verlor mich in der Weite der Landschaft. Schönheit, nicht Nutzen ist es, was mich lockt, was mich begeistert. Doch ich sehe auch ein, dass es solche wie Will.i geben muss. Wohin kämen wir ohne sie?

Taygetos und Oliven-Terrassen, wilde Zypressen

Und so bleiben wir zusammen. Am Nachmittag konnten wir sogar ein schönes Geschäft abschließen: Öl für Deutschland, mit weit besseren Preisen als sie hier sonst gegeben werden. Die durch den Lockdown arbeitslos gewordenen Brüder der Freundin, für die ich den Verkauf eingefädelt hatte,  können das Geld brauchen. Praktischer Sinn ist auch was wert.

 

 

 

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Die Sonne – ein Spiegelei. (Rückbesinnung mit Legebildern)

Wenn die Welt schwierig wird – und sie ist schwierig – , ist es gut, sich zurückzubesinnen auf den Beginn. Der Beginn steckt immer noch in allem, was wir tun und treiben.

So beginnt ein Eintrag vom September 2015. Dass die Sonne ein Spiegelei ist, habe ich damals vermutet. Und seit gestern habe ich den Beweis:

Sonnenuntergang, 6.1.2021

 

Wenn du magst, schau mal hier:

Am Beginn

 

 

 

 

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7.1.2021 Mit Will.i vom Hörgerät-Techniker zum Rohrstapel – ein Ausflug

Heute morgen war ich übellaunig. Missmutig schaute ich raus: grau. Doch es half nichts, Ich musste in die Stadt, um mein Hörgerät reparieren zu lassen. „Will.i“, sage ich, „du kannst genauso gut zu Hause bleiben.“  Doch natürlich will er mit und sitzt bereits im Auto, als ich noch meine Brille suche.

10 km Fahrt, Parkplatz, o Wunder, es gibt einen freien Platz.

Ich finde schnell das Gebäude, in dem mein Hörgeräte-Techniker Nikos  neuerdings sein Büro hat, und wir steigen die Treppen hoch. Auf halber Treppe zwei enge Büroräume, hinter einem Schreibtisch eine traurige Gestalt mit Maske. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Ja, eine Treppe höher, bedeutet mir die Gestalt auf meine Frage hin. Im engen Flur zu Nikos Büro sitzt ein maskierter Uralter, dahinter steht eine maskierte Frau, wir stellen uns hinter sie, auch ich mit Maske. Will.i scheint bedrückt, sagt kein Wort, fragt mich nicht mal, warum ich eine Maske aufgesetzt habe, schaut sich nur mit großen Augen um. „Kannst du nicht fragen, ob wir die Hörgeräte dalassen können?“ flüstert er schließlich. Ja, können wir, und in einer Stunde können wir sie wieder abholen.

Diesmal nehmen wir den Fahrstuhl. Nur raus! Schön wärs ja jetzt, sich in ein Cafe zu setzen oder in einer Buchhandlung herumzustehen und in Büchern zu blättern. Geht aber nicht, ist alles zu. Bleibt nur die schäbige Grünanlage neben dem Zementkanal, in den man den Fluss Nedontas eingesperrt hat. Tatsächlich gibt es Wasser und sogar einen kleinen Wasserfall über einer hässlichen Staustufe. Will-i belebt sich, sein Eifer wirkt ansteckend, meine Laune hebt sich. Auch am Himmel zeigt sich das erste Blau. Gemeinsam betrachten und kommentieren wir die kleinen Wellen und Strömungsbilder am Grund.

Und während wir an diesem traurigen Flussbett entlangspazieren, erzähle ich ihm vom Nedontas, wie hübsch und schön er ist dort oben in den Bergen. Und dass er später, wenn Schneeschmelze ist, auch recht wild sein kann. „Und wann gehen  wir dahin?“ fragt Will-i begierig. „Mal sehen, bald, irgendwann…“ „Irgendwann – wann ist das?“ „Na, wenn du so scharf darauf bist, vielleicht am Sonntag?“ „Abgemacht!

Eine gute Idee, lieber Will.i! Allein wäre ich wohl kaum drauf gekommen. Gut, dass du mich dran erinnert hast, dasss man nicht nur träumen, sondern auch tun kann. (Ein Nebenflüsschen des Nedontas im Juli : https://gerdakazakou.com/2018/07/20/natur-pur-gestern-imtaygetos/)

Jetzt aber gelangen wir an eine Stelle, an der riesige Rohre gestapelt sind. Will-is Interesse ist sofort hellwach. Er inspiziert sie gründlich, schaut hindurch, kriecht sogar in eine hinein, klopft dran, freut sich an den Tönen, fragt mich aus: „Wozu sind die? Und was ist das? Dichtungen? Die sind ja schon ganz angenagt! Warum liegen die hier rum? Schau, das Gras ist schon drum herum gewachsen.“ –  „Wozu die sind? Na, Abwasserrohre werden es sein, keine Ahnung, wie lange die hier schon liegen und wozu sie mal dienen sollten. Vermutlich ist ihnen das Geld ausgegangen“ – „Ihnen?“ – „Na, denen, die sie bestellt haben.“ – „Und wer hat sie bestellt?“- „Vermutlich die Gemeinde“.  – „Gemeinde?“ – „Ja, die Stadt, das Rathaus, der Bürgermeister“. – „Wer denn nun?“- „Der zuständige Vizebürgermeister, denke ich“.   „Sollen die jetzt immer so rumliegen? Warum gehen wir nicht hin und fragen ihn, wozu sie dienen?“  – „Ach Will.i, ich kann doch jetzt nicht dahin …“ – „Warum nicht?“ – „Da ist doch jetzt niemand, und selbst wenn, zuständig ist ja sowieso keiner“.  -„Und du willst das einfach so lassen?“ – „Ja, warum nicht? Stört es dich denn?“

In meinem Herzen aber denke ich: Eigentlich hat er ja recht. Ich könnte ja der Gemeinde schreiben und dem Lokalblatt auch, denn diese Rohre müssen ein kleines Vermögen gekostet haben, und wenn wir Geld für unser Behinderten-Projekt haben wollen, gibt es keins. Vielleicht schreibe ich, vielleicht bekomme ich eine Antwort. Aber ich sage es Will.i nicht, sonst fängt er an zu drängeln und fragt mich tagtäglich, ob ich den Brief schon geschrieben habe.  Uff! Immer soll ich alles selbst tun.  Ist denn niemand sonst da?

Und weil wir alle so denken – oder fast alle, denn Will.i denkt anders -, sieht es eben in der Welt so aus, wie es aussieht.

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