Ulli ermutigte mich, noch einmal in den uferlosen Fluss meines Romans „Schwanenwege“ einzutauchen und ein Stückchen rauszufischen. Und weil ihre Erinnerungen zurück in den Norden und ihre Sehnsucht vorwärts zum Jokkmokk der Samen lief, gehe ich an den Anfang meines Romans zurück – oder doch fast. Denn dort treffen wir den älteren Bruder von Ludwig (du erinnerst dich? Ludwig und Johannes), den 42-jährigen Harald, der sich seinerseits an die Samin Mirka erinnert.
Es ist Anfang März, der Abend senkt sich über das unwegsame Sumpfgelände nahe bei Hamburg. Harald ist beim Vögelzählen, was seiner Stellung als promoviertem Ornithologen durchaus nicht entspricht. Aber er braucht die Einsamkeit der weiten Natur, um atmen zu können.
Harald, ein beringter Vogel
Schwer lastete der Himmel auf der flachen Landschaft und spiegelte sich grau und düster in den Gräben und Brackwassern, die jetzt, bei steigender Flut, zu flachen Seen zusammenflossen. Bei einsetzender Ebbe würden sie ihren Grund aus Schlick und Modder wieder freigeben. Denn auf unterirdischen Wegen wirkte der Gezeitenstrom der Ozeane noch hinein in diesen einstmals amphibischen Lebensraum.
Gegen Abend löste sich ein silbriger Schein aus dem wüsten Grau des Gewölks und ließ den fernen Horizont des Meeres kurz aufleuchten. Harald richtete sich auf und lockerte seine Schultermuskeln, die sich in der nassen Kälte verkrampft hatten. Von weit her ertönte das durchdringende Krr-krik krk der Krickenten – Werbungsruf für eine kurze Sommerehe. Eine Schar Graugänse ging in einem der verschilften Seen nieder, begrüßt vom Geschrei der Nilgänse, ägyptischen Immigranten, die, ausgewildert aus Hamburger Zierteichen und Parkanlagen, sich in diesem unwegsamen Gelände angesiedelt hatten und ihr neues Terrain wütend verteidigten. Sonst war nichts zu hören außer dem Sausen des Windes im Schilf und dem Saugen und Glucksen des Wassers.
(…)
Bevor die Tümpel unpassierbar wurden, musste Harald noch ein letztes Netz nachsehen. Ein Zaunkönig hatte sich darin verfangen. Mit routinierten Griffen befreite er den heftig flatternden Federball und nahm ihn behutsam in seine großen, ein wenig zu knochigen Hände. Er klemmte das Köpfchen zwischen Mittel- und Ringfinger und begann, das Vögelchen, das nun ganz still war – nur das Herz unter dem unendlich zarten Rippenbogen schlug heftig -, zu untersuchen, zu vermessen und ihm einen Normring anzupassen.
„Auch ich bin ein beringter Vogel“, seufzte Harald mit Blick auf den schweren Siegelring, der an seinem rechten Ringfinger stak.
Ein beringter Vogel. Mirka hatte ihn einst so tituliert, als sie seinen Siegelring entdeckte, der ihn als ältesten Sohn der von Winrod auswies. Ringed goshawk of Winrod, hatte sie in ihrem etwas mühsamen Englisch gesagt und gelacht. Accipiter gentilis, hatte er pariert, „Hühnerhabicht, meinetwegen auch Gänsehabicht“. Sein Profil mit der starken Nase ähnelte tatsächlich einem Raubvogel, doch sein Siegelring zeigte einen Schwan, den man gut und gern auch für eine Gans halten konnte, gehörten doch beide zur selben Familie: Anatidae (Entenvögel), Unterfamilie Anserinae (Gänseverwandte), Gattungsgruppe Anserini (Gänse), Gattung Cygnus (Schwäne).
Sein schmaler Mund verzog sich zu einem selbstironischen Grinsen wie damals, als er für Mirka die Familienverhältnisse seiner Schwanensippe herunterbetete; doch war der Belustigung jetzt ein peinigendes Gefühl beigemischt, dem er unter keinen Umständen nachgehen wollte.
Er öffnete die Hand und blickte dem Zaunkönig nach, der mit raschem Flügelschlag davonschnurrte (…)
Da erschienen wie aus einer anderen Welt drei Schwäne im Abenddämmer. Sie landeten mit solcher Kraft, dass die trübe Oberfläche des Sees aufriss und ein Sprühregen aus leuchtenden Tropfen um die weißen Gestalten stob. Harald hob sein Fernglas und bestätigte sich, was er schon wusste: eine Zwergschwanfamilie. Zwei erwachsene Tiere, ein Jungschwan.
Er schaute auf die Digitalanzeige seiner Armbanduhr, um sich das Datum für die seltenen Besucher zu merken: 03.03.. Etwas spät waren sie dran. Kein Wunder bei dieser anhaltend kalten Witterung. Bei besserem Wetter würden sie weiterziehen. Zu ihren Brutplätzen in Finnland oder Russland. Vielleicht auch an einen der baltischen Seen mit ihren ausgedehnten Schilfwäldern. Er spürte ein schmerzliches Ziehen in der Brust. Könnte er doch mit ihnen reisen, in weltabgelegene menschenferne Gebiete mit ihren höheren Himmeln! Zum Onegasee. Zu Mirka.
Besov Nos, das Kap der Dämonen
Da war sie wieder, Mirka, tauchte vor ihm auf wie damals, als er in das Seengebiet zwischen Russland und Finnland gereist war, um seine Forschungen über die Lebens- und Wandergewohnheiten des Sterntauchers (Gavia stellata) abzuschließen.
(…)
Während er, die schweren Gummistiefel bei jedem Schritt mühsam aus dem morastigen Grund ziehend, zum Rand des Sumpfes stakste, sah er sich wieder in der primitiven Station sitzen und sich radebrechend mit drei jungen Russen unterhalten, die eben eingetrudelt waren, um sich bei einem Glas Tee aufzuwärmen. Als die Tür erneut aufging, blies der Wind eine Frau herein, fast ein Kind noch, so schien ihm. Sie war kleinwüchsig und in eine unförmige wattierte Jacke verpackt. Um den Kopf mit den dunklen Krusellocken hatte sie einen dicken Schal gewickelt. Lachend und mit lebhaftem Wortschwall begrüßte sie die Tischgesellschaft, während sie sich aus ihrer Vermummung schälte. Mirka.
(…) Ihr Gesicht, flach und fast so breit wie hoch, mit Knopfnäschen und Katzenaugen, hatte für Harald etwas Fremdartig-Apartes. Samischer Abstammung sei sie, erklärte sie ihm lachend, Spross der balto-finnischen oder finn-ugrischen Urbevölkerung dieses Seengebiets – die Gelehrten und Politiker stritten sich noch über die richtige Bezeichnung.
Wie begeistert erzählte sie von den mysteriösen Zeichnungen, die ihre steinzeitlichen Vorfahren in allen Größen und Formen in die Felsen am See geritzt hatten und die nun, bei sinkendem Wasserspiegel, eine nach der anderen wieder zum Vorschein kamen!
Übervoll war sie von einem Mitteilungsdrang, der sich ihrem Schulenglisch schlecht fügen wollte, weshalb sie die Figuren mit ihrem Taschenmesser in die Fichtenbretter des Tisches schnitt. Schwanenmänner entstanden unter ihrem ritzenden und kratzenden Messer, aufgehende Monde, Sonnen, Elche, magische Mühlen, Kopulationsszenen von Strichmännchen und -weibchen, flache Langboote mit Schwanenhälsen, Wale, Lebensbäume.
Und immer wieder Schwäne, deren überlange Hälse wie Schlangen aus Felsspalten hervorragten und sich spiegelnd verdoppelten.
Dass er einen Siegelring trug, in den ein wütend zischender Schwan eingraviert war, war für Mirka eine freudige Entdeckung. Schon am nächsten Tag lud sie ihren ‘Schwanenritter’ ein, sie auf dem Ruderboot eines befreundeten Fischers zum Kap der Dämonen zu begleiten. Und da sah er sie selbst, die magischen Schwäne.
Was sie darstellten, sei den Wissenschaftlern ein Rätsel, erklärte Mirka, doch sie selbst vermutete schamanische Beschwörungen von Seelen, Seelen der Verstorbenen, die aus den Ritzen und Spalten der Felsen hervorquollen und sich in den dunklen Wassern des Sees spiegelten.

Gemälde von Hilma af Klint
Während er die Ruder ins Wasser tauchte und sie langsam über den im Abendlicht verglühenden See zurückglitten, fragte Mirka: „Kennst du den Schwan von Tuonela? Das Stück von Sibelius, worin er eine Szene aus dem Kalevala-Epos vertont hat? Die Kalevala ist, musst du wissen, eine Sammlung uralter Runenlieder meines Volkes. Der weiße Schwan, Boot und Seelenführer zugleich, trägt die Seelen der Verstorbenen über das schwarze Wasser ins Totenreich.“ https://www.youtube.com/watch?v=HE8HvYqfTPc&list=RDHE8HvYqfTPc
Und sie erzählte mit vor Begeisterung schwirrender Stimme: „Ein breiter Fluss mit schwarzem Wasser umströmt Tuonela, das Reich des Todes. Auf den schwarzen Fluten zieht majestätisch ein Schwan seine Kreise und singt. Horch! Er bringt die Seelen der Toten hinüber ans andere Ufer. Doch sieh, da kommt der Held Lemminkainen und steigt hinunter zum Fluss! Louhi, die Herrin des Nordlands, hat ihm ihre Tochter zur Frau versprochen, wenn er drei schwere Aufgaben erfüllt. Zwei hat er schon glücklich bestanden, und nun bleibt noch die dritte. Er soll den Schwan von Tuonela schießen. O, o, warum den herrlichen Schwan töten? Er kann es nicht tun. Stattdessen wird er selbst von einem Hirten getötet. Und dann, denk doch, wie grässlich, kommt der Knabe des Totenreichs, zerstückelt den Leichnam und wirft die Teile in den schäumenden Wasserfall. Währenddessen sitzt Lemminkäinens Mutter zu Hause und wartet auf ihn. Doch was ist das? Blut läuft aus seinem Kamm! Sie versteht, dass ihrem Sohn etwas Schreckliches passiert ist. Sie macht sich eilends auf den Weg zum Totenfluss und sucht so lange, bis sie alle Stücke des Leichnams eingesammelt hat. Sie setzt sie mühsam wieder zusammen. Und dann“, endete Mirka triumphierend, „erweckt die Mutter den Sohn wieder zum Leben.“
Ihr Eifer amüsierte ihn. Natürlich kannte er die Lemminkäinen-Suite des großen finnischen Komponisten, schließlich war er in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Aber erst durch Mirka erschloss sich ihm ihr tieferer Sinn.
Kleine Mirka! Angehende Paläontologin im Mutterland des real existierenden Sozialismus! Sie hatte merkwürdige Theorien über Weltentstehung und Weltentwicklung. Anstatt aus den vorgeschriebenen Lehrbüchern schöpfte sie ihr Wissen aus den Märchen und Mythen ihres Volkes. Verliebt wie er war, vergaß er vorübergehend seine wissenschaftliche Skepsis und hörte ihr fasziniert zu.
„Um höheres Wissen zu erreichen, müssen die Helden Schreckliches erdulden“, erklärte sie und riss die Augen auf, als wollten sie die Abendnebel durchbohren, die sich über dem See zusammenzogen. „Sie werden von Dämonen zerstückelt, ihre Glieder werden gekocht, bis ihre Knochen sich weiß aus dem Fleisch herauslösen, ihr Schädel wird auf dem Amboss zerschlagen und dann wie Eisen geschmiedet“.
Ihre Begeisterung für die Dämonen konnte er nicht nachvollziehen. Er fand den Mythos, wie übrigens die meisten Märchen und Mythen, übertrieben grausam. Wozu all diese erfundenen Schrecknisse? Reichten die realen Gräuel, reichten Gulag und KZs nicht aus? Aber er sagte nichts, sondern sah sie nur an, wie sie mit glänzenden Augen verkündete:
„Es geht darum, die Substanz des Menschen zu verwandeln und ihn höher zu entwickeln. Du darfst die Beschreibung nicht wörtlich nehmen. Zerstückeln, kochen, zerschlagen, schmieden – das sind Schritte im alchemischen Prozess. Was tut man, um ein Metall von seinen Schlacken zu befreien? Na also! Und wenn die Mutter den Leichnam von Lemmenkäinen zusammenfügt und ihn wieder zum Leben erweckt – weißt du, was das heißt?“, fragte sie triumphierend. „Na, was meinst du? Liegt doch auf der Hand! Mutter heißt lateinisch mater. Mutterstoff ist Materie. Klar?“. Sie sagte in ihrem komischen Englisch motherstuff, und er konnte sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen. Unbeirrt fuhr sie fort: „Materia prima ist der Mutterstoff, die Grundsubstanz. Damit kannst du alles in alles und jedes verwandeln. Damit machst du aus Dreck Gold und aus einem schlechten Menschen machst du einen Weisen. Den Neuen Menschen, wie man heute sagt. Die Materia prima ist nämlich nichts anderes als der Stein des Weisen, nach dem die Alchemisten immer schon gesucht haben.“
Er hörte sich ihre Tiraden geduldig an, amüsierte sich und machte seine Witzchen. Inhaltlich musste er passen, denn mit Alchemie kannte er sich überhaupt nicht aus, und er hatte auch nicht vor, sich damit zu befassen. Und was die Erziehung zum neuen Menschen anbetraf, so grauste ihm davor. Hatten nicht alle ideologischen Schreckensbewegungen seit je versucht, den neuen Menschen zu schaffen, indem sie den wirklich existierenden niedermetzelten und zertraten? Keine Mutter würde die Toten wieder auferstehen lassen. Sie waren vergangen zu schwarzem Moder und weißen Knochen, verweht in Asche und Rauch.
Aber Mirka sah so reizend aus, wie sie, klein und lebendig in ihrer übergroßen Jacke, mit vor Eifer glühendem Gesichtchen, ihm gegenüber auf der Bank des Ruderbootes hockte! Er wollte nicht mit ihr zanken, wollte ihr den Spaß nicht verderben, als sie nun raunend von der Chymischen Hochzeit der Alchemisten zu erzählen begann. Mit gewaltsamem Tod hatte diese Hochzeit zu tun und mit Liebe und Erneuerung im Fleische, soviel verstand er. Ob sie etwas wie die Bluthochzeit des spanischen Dichters Lorca meinte? fragte er und freute sich, ihr mit einem Wissen imponieren zu können, das sie nicht hatte. Als er ihr aber die Handlung des Dramas erklärte, protestierte sie heftig: Nein, nein, da höre ja alles mit Mord und Totschlag auf! Das sei ihr Fall nicht. Also nein! Die Chymische Hochzeit habe zu tun mit der glücklichen Vereinigung von Frau und Mann und der Zeugung neuen höheren Lebens.
Staatstheater Karlsruhe
Bluthochzeit, Oper in sieben Szenen von Sándor Szokolay, Text von Gyula Illyés, nach der Lyrischen Tragödie „Bodas de sangre“ von Federico Garcia Lorca (Foto entnommen der Ankündigung des Theaters)
Die Nacht verbrachten sie miteinander, nicht chymisch vereint vielleicht, doch ihre Chemie passte vorzüglich.“