Schwanenwege: „Die Kette reißt“

Liebe Leute, ich kanns nicht lassen. Schon wieder rücke ich mit einem Stück aus meinem Romanfragment „Schwanenwege“ heraus. Der Köder war diesmal das Wörtchen „Perle„, das zum Wochenthema im Mitmachblog gewählt wurde. Da habe ich doch so ein hübsches Kapitelchen fertig, dachte ich mir, da brauche ich mir nichts Neues aus den Fingern zu saugen.

In diesem Stück geht es um Elisabeth, die betagte Mutter der fünf Geschwister, von denen ihr, die ihr mir folgt, bereits den Ludwig und den Harald ein wenig kennen gelernt habt. Elisabeth war eine junge, im Aufwind der Nachkriegsjahre nach oben getragene  Wiener Konzertpianistin, bevor sie den dänisch-deutschen Mathematik-Professor Nils heiratete, zuerst mit ihm in Kopenhagen lebte, dann aber auf das grenznahe Gut „Swaneby“ verschlagen wurde und versauerte.

An diesem „Vorabend“ des Romangeschehens hat die älteste Tochter, Gise, ihren Bruder Harald in Hamburg angerufen, um ihn heimzubeordern. Etwas Schreckliches sei passiert. Er rast, wie er ist, vom Naturschutzgebiet bei Hamburg Richtung Norden. Wir wenden uns unterdessen der Mutter zu.24-cognac15x19mm-1182-ei

Die Kette reißt

Plötzlich sehr müde, stand Elisabeth von ihrem Klavierhocker auf, schloss leise den Flügel und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Sie schluckte zwei Tabletten und legte sich hin. Die Tabletten nahmen dem Gefühl des Unglücks die Schärfe, hüllten ihr Bewusstsein in mildtätiges Vergessen. Sie brauchte sie, seit Nils so plötzlich starb. Nun, auch die schwierigen Jahre davor hatten sie ihr bisweilen über Stimmungstiefs hinweggeholfen und das Leben erträglicher gemacht. Sie legte sich hin, warf noch einen Blick auf das leere Bett neben sich und wartete. Die wohltuende Wirkung der Medizin würde nicht lange auf sich warten lassen.

Warum quälte sie sich? Waren es nicht schöne Jahre gewesen?

Und während sie sich langsam entspannte, wurden ihr die Ereignisse ihres Lebens rund und glatt wie die Perlen jener kostbaren Gebetskette aus Bernstein, die sie von der Griechenland-Reise heimgebracht hatte und die immer griffbereit auf ihrem Nachtisch lag. Sie nahm sie auch jetzt in die Hand und ließ die golden schimmernden Perlen langsam durch ihre Finger gleiten. Jede hatte einen kleinen Einschluss oder eine Blase oder sonstige Unregelmäßigkeit, und somit eine Individualität. Mit jeder verband sie Personen und Orte, die an ihrem Lebensfaden aufgereiht waren: Vater, Mutter, Wien, die Musikerfreunde, die Konzerte, Nils, die Verlobungsfeier – wie jung und lustig war sie damals! -, dann Italien, Kopenhagen, die Geburt von Gise. Harald, das Schloss an der Ostsee und wie der Flügel seinen Platz fand, die Schlosskonzerte, die Reisen, immer wieder Italien, Wien, Bayreuth. Ludwig, und wieder Konzerte und Reisen. Die Zwillinge – -.

Hier riss die Kette, die Perlen entglitten ihr, fielen ins Dunkel. Sie grübelte. Die Zwillinge. Etwas Entsetzliches war geschehen. Ein Polizist war hier gewesen, ja, ein dicker blonder Mann, er hatte etwas gesagt. Was war es nur? Und in der Tür stand ein großer Mann in schmutzigen Stiefeln und nasser Windjacke, die Haare zerzaust. Was wollte er von ihr? Jetzt sagte er wieder. „Mutter, ich bin’s, Harald“.

Ah, Harald, ja, ihr Ältester. Sie erinnerte sich. Aber warum waren seine Stiefel so schmutzig? Was suchte er mit den schmutzigen Stiefeln in ihrem Schlafzimmer? Sie fühlte, dass sie ungehalten werden sollte, aber es fehlte ihr dazu an Kraft. Also sagte sie nur: „Gib mir, da du schon einmal hier bist, bitte, meine Gebetskette, sie ist mir entfallen. Aber zieh erst deine schmutzigen Stiefel aus. Mit den Stiefeln kannst du nicht hereinkommen.“

Harald fand, dass ihre Stimme verwaschen klang, als mache ihr die Artikulation Mühe. Dennoch war an Widerspruch nicht zu denken. Gehorsam zog er seine Stiefel aus. Ihm war dabei, als schrumpfe er auf die Hälfte seiner beträchtlichen Körpergröße, als würde er wieder zum kleinen Jungen. Er musste sich auf die Knie niederlassen und halb unters Bett kriechen, um die zerrissene Gebetskette und die verstreuten Perlen aufzusammeln. Er legte alles zusammen auf den Nachttisch und bemühte sich, seine Männlichkeit wieder herzustellen. Doch das war schwer ohne Schuhe und in diesem Raum, in dem, wie ihm schien, der Geist des Vaters ein Vakuum hinterlassen hatte.

Er suchte daher seine Rettung in der Flucht: „Mutter, ich muss mit dir sprechen, bevor ich abreise. Ich warte auf dich im Salon“, und er verließ das Zimmer, die Stiefel in der Hand, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Abreisen? Wohin? Wieso war Harald überhaupt hier? Ich muss mich selbst kümmern. Auf die Kinder ist kein Verlass. Elisabeth seufzte und blickte sich hilfesuchend um. Das Glöckchen. Martha soll kommen und mir helfen. Doch so oft sie das Band der Glocke auch zog, Martha kam nicht. Martha war längst den anderen Dienstboten gefolgt, die es bei Elisabeth von Winrod  schwer aushielten. Da sank sie erschöpft auf ihr Kissen zurück, und ihrer Brust entrang sich ein hohes Wimmern, das klang wie bei einem sehr kleinen Kind, vielleicht auch einem verlassenen Hündchen.

So fand sie Gise, die gekommen war, um Elisabeth mitzuteilen, dass sie Harald nach Italien begleiten würde.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Schwanenwege: „Die Kette reißt“

  1. gkazakou schreibt:

    Hat dies auf MitmachBlog rebloggt und kommentierte:

    Zum Wochenthema : Perlen.
    Dies ist keine unabhängige Geschichte, sondern ein Abschnitt aus meinem Roman „Schwanenwege“. Ein paar weitere Abschnitte habe ich auf meinem Blog veröffentlicht. Bitte Copyright beachten.

    Gefällt 1 Person

  2. kunstschaffende schreibt:

    Liebe Gerda,
    wieder ist dieser Ausschnitt spannend zu lesen und ich bin sehr begeistert von Deiner Schreibkunst!
    Allerdings ist wieder alles offen, gerade wo es am Spannendsten ist!😕
    Dein ganzer Roman ist sicher ein Meisterwerk und es macht mich ein wenig traurig, dass es noch nicht verlegt wurde und damit käuflich wäre!
    Ich bin der festen Überzeugung, er wäre ein Bestseller!

    ❤ gute Nacht Grüße Babsi

    Gefällt 2 Personen

  3. finbarsgift schreibt:

    Feine Perlen hast du auf den Schwanenwegen gefunden und uns gezeigt…
    Dankeschön dafür!

    Gefällt 2 Personen

  4. Ulli schreibt:

    Auch hier finde ich nun eine Perlenkette, wenn auch eine, die zerriss und ich denke an einen Moment in der Meditationshalle, als meine Mala (=Gebetskette) aus Rosenholz riss, ich schaute in die Augen des Lamas, der lachte- damals wusste ich noch nicht, dass in der tibetischen Philosophie dies als ein Reissen von etwas Altem angesehen wird, also sehr positiv ist- ich habe alle Perlen wiedergefunden und sie neu aufgefädelt, seitdem ist sie anders und das ist gut so! Das wünsche ich auch Elisabeth, dass sie etwas Neues findet, dass sie das Alte loslassen kann und vielleicht dann nicht mehr auf „Mothers little helpers“ angewiesen sein wird.
    Liebe Gerda, schön, wieder ein Stück Schwanenweg lesen zu dürfen!
    Herzlichst
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

  5. sonnenspirit schreibt:

    Ich sehe die Bernsteinperlen, die hier vom Norden schon von tausenden Jahren Richtung Griechenland gehandelt wurden, und die Orte wie aufgereiht auf der Kette…ja, den Roman würde ich nun auch gern lesen! Er gibt mir auch von meiner Familiengeschichte einiges zurück

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    • gkazakou schreibt:

      O, herzlichen Dank! Ich habe die Familiengeschichte erdacht, aber wenn sie in dir resonniert, ist sie ja nicht falsch erdacht. Das freut mich sehr!

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      • sonnenspirit schreibt:

        Wie du von deinem Vater schriebst, habe ich an meinen Opa gedacht, der aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte. Er sprach nie davon, bis kurz vor seinem Tod mit 86. Und dies hier, Wüstensand, liess mich an den Onkel-seinen Sohn- denken, der kurz nach dem überstandenen Krieg als ganz junger Mann zur Fremdenlegion weglief, und in Algerien war. Wir wussten nie was genaues als Kinder. Da helfen die Geschichten, die genau so gut wahr sein könnten. Ich habe in zahlreichen Familienaufstellungen diese Themen wieder miterlebt und es wurde mir klar, wie sehr es in uns allen noch drin ist. ich bin allerdings nun auch schon 60.

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank auch für dieses. Außer der Geschichte meiner Familie kenne auch ich sehr sehr viele andere durchs Familienstellen, das ich seit vielen Jahren praktiziere. Die Familienkonstellation, die ich im Roman zugrunde lege, ist davon stark geprägt. Vielleicht kommt es daher leichter zu Identifikationen der Leser. Jedenfalls: danke schön! Und alles Gute!

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