Heute habe ich mich ans Werk gemacht. Unbrauchbares soll aus der Wohnung verschwinden. Ich will diese alten Energien nicht mehr um mich haben. Ich brauche Leere – sagte ich mir.
Lass nur das übrig, was du im täglichen Gebrauch hast, und wirf weg, was sich bei dir angesammelt hat und was deine Erben sowieso nicht haben wollen. Dieser fremde Blick half mir. Im Bad und Schlafzimmer ging es flott. Zwei Plastiktüten waren im Nu gefüllt. Bei den Schubladen mit den vielen Papieren aber geriet ich ins Stocken und konnte schließlich gar nicht weitermachen, als ich zwei Linolschnitte hervorzog. Die hatte mir ein Wohnungsnachbar in Frankfurt geschenkt. Er hatte Frau und Kind, beklagte seine beschränkten Verhältnisse und war totunglücklich, denn Künstler wollte er sein, nichts als Künstler. Was wohl aus ihm geworden war?

Dieter Bauer, „Gruppe I und II“, Linolschnitt, 1974
Das internet ist ja dafür da, solche Fragen zu beantworten. Ich fand tatsächlich eine Adresse, Bilder, Fotos. Ein Mann gleichen Namens unterhielt ein Künstleratelier im Odenwald, auch dieser war Autodidakt, und das Gesicht schien mir zumindest ähnlich. Dieser hier malte bunte Stadtansichten und bot Kurse an. War er das? War das unser Wohnungsnachbar von damals? Hatte er den Schritt getan und sich seinen Lebenstraum erfüllt? Leider datierten die letzten Kursangebote von 2018. Hatte er aufgegeben? War er verstorben? Ich schrieb an die angegebene Adresse, fragte an.
Und anstatt aufzuräumen, war ich zurück in der Frankfurter Arbeitergegend, wo wir damals wohnten. Im Hinterhof zwischen den schweren Eisenstangen einer Schlosserei spielten unsere Kinder – sein Sohn Andreas und unser drei Jahre jüngerer Sohn. Einmal hatte ich Andreas mitgenommen nach Griechenland. Zusammen mit zwei Kinderladenkindern und unserem Sohn waren wir runtergefahren, 60 Stunden Zugfahrt. Wohlhabende griechische Bekannten hatten Andreas eingeladen, er sollte mit ihren Kindern spielen, deutsch sprechen. Sie hatten einen Swimmingpool und waren bemüht, dass Andreas, damals etwa 8, schöne Erinnerungen an seinen ersten Griechenlandurlaub behielt. Aber es ging nicht gut, denn Andreas war vom Wohlstand eingeschüchtert und sein Frankfurterisch entsprach nicht den Anforderungen seiner Gastgeber. Wir erlösten ihn und so blieb er bei uns, bis wir zusammen zurückreisten nach Deutschland.

Das also war mein erster Aufräumtag. Jedenfalls eine Episode darin, denn es gab natürlich noch mehr solcher Rückführungen in die Vergangenheit. Wie jeder weiß, gehört es zum Schwierigsten, das, was unsere Erinnerung trägt, einfach wegzuwerfen, ohne sich noch einmal umzudrehen.