Dora zum Ersten

Heute morgen schon gab mir Dora (*Anmerkung unten) die erste Lehrstunde. Ich hatte mich gegen zwei ins Bett gelegt und bis acht nicht schlafen können, überhaupt nicht.

„Sind das deine versprochenen Gaben?“ frage ich Dora, als sie frisch geputzt im hellen Tageslicht erscheint. „Ist Schlaflosigkeit dein erstes Geschenk im Jahr 2022?“

„Losigkeiten führe ich nicht im Gepäck“, antwortet sie schnippisch.

„Ja, warum aber…, ich bat dich doch um Schlaf, aber du ….“

„Da musst du schon bei dir selbst anfragen“, gibt sie mir Bescheid und verzieht ihr Frätzchen. „Wie war das doch gleich? Abends noch Kaffee trinken, in der Nacht noch schwer essen, bis zwei Uhr am Computer sitzen – was meinst du, wie der Schlaf das findet… ähäm, wie er dich finden soll? Aber wenn du willst, frag ich ihn, vielleicht erbarmt er sich.“ – Und so war es. Der Schlaf kam und blieb bis elf.

So konnte auch ich dem 1. Tag des Neuen Jahres mit offenen Augen begegnen. Dora hatte alles wunderbar eingerichtet: die Sonne schien – der Kaffee war warm – das Auto funktionierte – das Lädchen, in dem ich Oliven und Tomaten kaufen sollte, war geöffnet – das Meer, das der Küste in stürmischen Nächten arg zugesetzt hatte, rollte zufrieden glänzend in seinem Bett – eine Menge Schwemmholz wartete darauf, von mir eingesammelt zu werden, um den Kamin anzuheizen – eine Freundin erschien zum gemeinsamen Bummel – ein alter Mann erklärte uns geduldig, wie er die Algen, die er am Strand sammelte, als Bodendünger zubereitete … Zu Hause war der Tisch auf der Turmterrasse schnell aufgebaut und deckte sich mit leckeren Speisen. Wein und gute Gespäche waren auch zur Stelle. Danach legte ich mich hin, und Dora brachte mir noch ein Mützchen voll Schlaf.

Gaben, Gaben, Gaben. Danke, Dora!

Wenn man so reich beschenkt wird, möchte man gern ein wenig zurückgeben. Womit aber kann ich die kleine Dora beglücken? Vielleicht mit einem Legebild aus Scherben? Hier sieht man sie, wie sie zwei traurige Gestalten mit einem goldenen Ball beschenkt hat. Die eine bolzt gleich los, die andere schaut bedenklich. Vielleicht haben sie keine Ahnung, wozu der goldene Ball dient?

Diese hier erhielten auch einen goldenen Ball, und wie es scheint, hellt sich etwas in ihnen auf, sie spielen zusammen und werden ein ganz klein bisschen glücklicher.

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*Anmerkung: Der Name dieses Jahres ist Dora (ΔΩΡΑ). Das wurde mir bereits vor Tagen, als die Welt mit dem Neuen noch schwanger ging, ins Ohr geflüstert. Dora ist griechisch. Es ist nicht nur ein schöner Frauenname, sondern hat auch eine schöne Bedeutung, nämlich „Geschenke, Gaben“. Als Name ist es eine Abkürzung von Theodora (Gottesgeschenk), männlich auch als Theodor, oder auch in umgekehrter Reihenfolge Dorothea (Geschenkgöttin).

Das letzte Jahr hieß Will.i = ich will.  Wollen ist wichtig,  es gibt dem Handeln eine Richtung. Aber wenn die Umstände dem Wollen entgegenstehen – nützt es etwas, sich den Kopf einzurennen? Nein. Vor allem aber: Macht es glücklich?

Und da kommt nun das neue Jahr heraufgezogen und verkündet: „Ich heiße Dora. Hör auf zu wollen; empfange!“ Als ich das hörte, zog eine Seligkeit in mich ein. Wie schön! Alles wird sich von selbst schön richten. Ich muss nicht mehr wollen und mir den Kopf einrennen, ich darf empfangen. Ein Jahr des Segens. Aber schon kamen Zweifel auf: Geschenke – ist das nicht auch ein zweischneidiges Schwert? Ich bekomme zwar gern Geschenke, aber einfach so, unbesehen, in Empfang nehmen, was kommt? Was steckt im wohlverschnürten Päckchen drin?  Wenn mir das Geschenk nicht zusagt – kann ich es zurückgeben? Und grundsätzlich: Ist Empfangen nicht entsetzlich passiv? Ich mag die Kontrolle über mein Leben und seine Umstände nicht an ein unbekanntes Wesen abgeben.

Was es mit Dora TATSÄCHLICH auf sich hat – ich werde es ja erleben.

 

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Guten Morgen, du Schöne!

Guten Morgen, du Schöne! Da bist du ja, kommst aus Himmelshöhen zu uns herab, Neues Jahr, kleine Dora! Dora wie „Geschenke“! Nomen est omen, sagten die Römer, und wenngleich sich auch Römer so manches Mal geirrrt haben – hier hatten sie recht! Der Name zeigt an, was man erwarten darf.  Du bist ja selbst ein Geschenk, eine Gabe!

Ich will dich mit Freuden empfangen und begrüßen. Und alles für mich behalten, was es an Sprüchen gibt, die vor Geschenken warnen. Wie der Spruch: „Fürchte dich vor den Danaern, wenn sie Geschenke bringen“ – der bezieht sich auf das hölzerne Pferd, das die Griechen („Danaer“) den Trojanern schenkten und hat mit uns gar nichts zu tun.  Auch die andere griechische Erfindung, die berühmt-berüchtigte Pandora, erstes künstliches Weib der Geschichte, die Gott Hephaistos persönlich herstellte, um Prometheus‘ Menschengeschlecht zu verderben – was geht sie uns an? Nichts. Die Alten dachten sich so etwas aus – heute ist es völlig unpassend. Trojaner gibt es schon lange nicht mehr, und Götter auch nicht. Du bist einfach nur: Dora, vom Himmel herabgestiegen, um uns arme Menschen und sonstigen Erdbewohner mit deinen Geschenken zu erfreuen.

So freue ich mich auf dich, du liebe Gefährtin, bereit, all deine Gaben fröhlich entgegenzunehmen. Und da ist es ja schon, dein erstes Geschenk! Der Gipfel des Taygetos, ein wenig beschneit, leuchtet in rosigem Schein.

 

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Zäune (kleine Beobachtungen zum Jahreswechsel)

Beim Spazierengehen begrüßte ich gestern den schönen kräftigen Hund, der in einem eingezäunten Käfig weit entfernt von den nächsten Behausungen lebt. Eine Zeitlang war er angekettet, sein gegenwärtiger Zustand ist besser, da der Käfig geräumig und sauber ist, er hat eine gute Hütte und bekommt ausreichend Futter. Er muss auf die Hühner aufpassen, die im Gehege daneben leben. Die Hühner sinds zufrieden, sie scharren und gurren. Aber der Hund? Er schaut mich misstrauisch an. Manchmal bellt er auch versuchsweise. Er wedelt nicht.  Aber als ich zur Pforte in seinem Zaun gehe, folgt er hoffnungsvoll. „Nein“, sage ich zu ihm, „ich kann dich nicht rauslassen. Erstens ist da ein Schloss an der Pforte, und zweitens, drittens, viertens, was soll aus dir werden? Ich kann nicht für dich sorgen.“

Ich kenne den Hund von früher. Da lebte er noch frei, wie hier, im Dezember 2019, als er mit Tito spielte – Tito ist nun tot, und der andere muss Hühner bewachen. Auch wir waren damals noch frei.

„Innerhalb des Zauns stehst du in deinem Eigentum, da bist du der Herr“, sage ich zum Hund. „Wenn ich versuche, da rein zu kommen, wirst du mich beißen, ich seh’s an deinen Augen. Genau gesprochen ist es freilich nicht dein Eigentum, lieber Hund, denn ein anderer hat den Schlüssel, und der ist es auch, der dir das Futter bringt. Ohne den bist du aufgeschmissen, stimmts? Klar, drum tutst du alles, was er von dir verlangt, und du liebst ihn. Und bewachst seine Hühner.“

Ich gehe und fühle seinen Blick in meinem Rücken. Bald wird er in seine Hütte zurückgehen, sich seufzend niederlassen und warten, dass irgendetwas geschieht.

Wir sind wie Schafe im Pferch, Hühner im Gehege, manche auch wie Hunde, um auf uns aufzupassen. Unser Gehege ist größer, aber es ist ein Gehege, mit Zäunen, zu deren Pforten andere die Schlüssel besitzen. So denke ich im Weitergehen.

Unten im Dorf fällt mir ein Zaun auf. Er bildet ein silbrig-rostiges Muster. Denn ein fast neu wirkender und ein verrosteter Draht sind ineinander geflochten. Vielleicht sind sie aus verschiedenem Material – oder wie sonst lässt sich dieser Unterschied erklären?

Wie gemacht zum Jahreswechsel, denke ich. Das eine Jahr verrostet – das andere neu. Sie greifen ineinander, wie die Drähte dieses Zauns hier. Wie wäre es, ich nähme die große Drahtschere und verschnitte den Zaun, jeden Zaun, den zwischen den Jahren nicht ausgenommen?

Kommt gut rüber!

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Liebe Petra (Leseempfehlungen)

Liebe Petra, alle Welt veröffentlicht dieser Tage Übersichten über Gelesenes und verfasst Buchempfehlungen. Du, die schon als Kleinkind „in die Buchstabensuppe gefallen“ bist, bist nicht mehr dabei. Bist in diesem Jahr von uns gegangen. Ich blättere heute ein wenig in deinem Blog, der noch nicht in den Weiten des internet verschwunden ist.

Im nun zuende gehenden Jahr hast du nur noch wenig geschrieben, aber im Januar verfasstest du eine Übersicht über all die Bücher, die dir im Jahr zuvor wichtig waren. Wer weiß, vielleicht lässt sich auch heute die eine und der andere davon inspirieren.  Denn was ist ein Jahr angesichts der Zeitlosigkeit, in der du dich nun befindest?

Du nennst dein zurückliegendes Lesejahr „das Jahr der Frauen“. Denn ob Zufall oder nicht: deine meistgeliebten Bücher des Jahres waren von Frauen geschrieben. Hier ist der Link:

Blick zurück: 2019, das Jahr der Frauen?

Zur Erinnerung und für die, die dich nicht kannten: Was motivierte dich, dein Blog zu führen? Hier steht es, in deinen eigenen Worten.

Über Philea’s Blog

Augustinus von Hippo befand: „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ Sein Vergleich lässt sich auch umkehren, denn jedes Buch birgt eine eigene Welt in sich, weshalb dem, der nie liest, ganze Welten verschlossen bleiben.

Philea’s Blog erkundet diese Welten unter dem Motto „Leselust & Reisefieber“. Mit Buch-Tipps, die zur Lektüre ermuntern möchten (nicht gelesen wird ja schon genug), mit Beiträgen zu literarischen Themen, über Schriftstellerinnen und Schriftsteller, mit Interviews, Reiseberichten und Fundstücken von unterwegs. Seien sie aus dem echten Leben, den virtuellen Räumen oder aus der Welt der Bücher.

Bei den Serien „Leseplätzchen“, „Sammelstückchen“, „Bücherkoffer“, „Bücherparadiese weltweit“ und den „Shelfies“ sind die Bloggäste herzlich zum Mitmachen eingeladen. Und natürlich sind Kommentare hochwillkommen. Gerade bei den Beiträgen zur Literatur können wir durch unseren Austausch eine Art Fortführung der literarischen Salons von einst mit virtuellen Mitteln etablieren. Für mich jedenfalls sind Literaturblogs schon lange eine Variante jener Salons. Und einen Salon zu führen, war schon immer einer meiner Träume.

Gefahren des LesensAuch Du, liebe Petra, hast der Welt zwei Bücher geschenkt. Das eine hältst du stolz in der Hand – oben auf dem Foto: „Gefahren des Lesens“ nanntest du es. Ich habe damals das Manuskript gegengelesen, und musste oft schmunzeln. Ja, das Lesen ist eine gefährliche Tätigkeit, der man sich nur in sicherem Umfeld und in kleinen Dosen hingeben sollte. Es war dein zweites veröffentlichtes Büchlein.

Das erste hat einen Titel, der meine Tränen fließen lässt. „Ganz weit weg“ heißt es. Denn nicht nur Lesen, auch Reisen wolltest du, und wenn du unterwegs warst, hattest du oft literarische Ziele. „Leselust & Reisefieber“ war ja das Motto deines Blogs und in gewissem Umfang wohl auch deines Lebens. Zu deinem Kummer musste der kleine Verlag, in dem dein feines kleines Buch erschien, bald danach schließen. https://phileablog.wordpress.com/2015/08/26/letzte-chancen-ganz-weit-weg/

Du bist nun in den Weiten des Lichts. Mögen die, die dich verloren haben, getröstet sein.

 

 

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Fingerübung mit Schneckenhaus (tägliches Zeichnen und Überblenden)

Heute hat es nur zu kleinen, etwas zittrigen Fingerübungen gereicht. Denn statt zu zeichnen, war ich einkaufen (es regnete), und als es aufhörte zu regnen, ging ich stundenlang spazieren. Das Schneckenhaus nahm ich von einem gestrigen Spaziergang mit heim. Am Abend sah ich im TV einen Film über das Leben und Forschen von Johannes Kepler (Ende 16.-Beginn 17. Jahrhundert) – und da war sie wieder: die Schneckenhausspirale. Ich sah sie – und husch, war das Bild auch schon wieder weg. Also suchte ich im internet, was es bei Kepler mit der Spirale auf sich hat. Und o Wunder! Ich fand einen Artikel, der eine Brücke zur … Symmetrie der Schneeflocke baut.

Wer Lust hat, liest unter dem link, wer keine Lust hat, guckt hier weiter.

Als erstes zeichne ich das Schneckenhaus von der Seite, auf der die Spirale mir entgegenwächst.

Dann drehe ich das Schneckenhaus um und blicke in das Innere, in dem die Schnecke wohnte, die sich dies perfekte Haus erhaute. Sie ist nun nicht mehr da, ihr Haus ist unbewohnt.

Mir fällt auf, dass diese Öffnung wie das Negativ meines Daumennagels wirkt. Sie sind ja auch aus ähnlichem Stoff gemacht Ich halte beide nebeneinander und zeichne sie.

Ich mache auch ein paar Fotos, die ich mit den Zeichnungen überblende.  (Ja, ich weiß, mein Daumennagel ist schmutzig. Ist er meistens, immer grabe ich irgendwas aus…)

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Drei Aprikosenblätter (Jahresende)

Drei von der Morgensonne durchglühte Blätter am Aprikosenbaum lächeln mich an, als ich die Augen aufmache und in den Garten hinausschaue.

„Das sind mehr als die Tage, die jetzt noch vom Baum meines Lebens fallen“ – sagt das Will.i-Jahr. „Also halt ein, nimm wahr, freu dich, lass Licht dich durchströmen.  Kommt das Neue Jahr, denkst du, du schöpfst aus der Fülle von 365 Blättern. Aber leben kannst du immer nur Blatt um Blatt.“

Und das ist wahr. Dieses Blatt, das ich vorgestern aufnahm – mitsamt seinem Schatten, den es an die Wand warf – , dieses Blatt ist abgefallen.

Jedes Blatt hat seine Schönheit und sein Eigenleben. Jedes einzelne Blatt. Ich kann es anschauen, zeichnen und rahmen. Aber halten kann ichs nicht, es fällt ab.

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Wer warst du, Will.i? Und wer kommt nach dir? (Jahresende 2021)

„Ich ziehe mich jetzt langsam zurück“, höre ich eine Stimme aus dem Off. Woher kommt die Stimme? und wohin geht sie? Leicht verwirrt schaue ich mich um.  „Wer bist du und wohin…“ murmele ich. Aber eigentlich weiß ich es ja längst. Fast immer kennen wir die Antworten auf unsere Fragen, nur hindert uns etwas, sie auch zu verstehen.

„Du gehst“, sage ich.“Ja, ich weiß, Will.i (*Anm. unten), dein Ende ist gekommen. Ich erinnere mich noch lebhaft an deine Geburt, an die erste Zeit unseres Zusammenseins! Du warst so lernbegierig und so willensstark. ‚Ich will‘ sagtest du bei jeder Gelegenheit. Drum hattest du ja auch den Namen Will.i.  Und zu mir sagtest du: ‚Wenn du etwas willst, warum tust du es dann nicht?‘

Ja, ich erinnere mich, und es fällt mir schwer auf die Seele. Du warst noch sehr jung, als du Eleftheria und das Behindertenprojekt kennenlerntest. Du hörtest dir an, was wir zu sagen hatten, und resümiertest am Ende: „Ihr habt ja manchmal ‚will‘ gesagt, aber viel öfter habt ihr ‚könnte‘ und ‚können‘ und ‚brauchen‘ und ‚dürfen‘ und ‚müssen‘ gesagt. Ich hab mitgezählt. Das gefällt mir gar nicht. Wenn ich etwas will, dann tue ich es auch.“ – Und ich antwortete dir: „Ja, Will.i! Auch wir wollen, und es ist gut, wenn du uns die Stange hältst, so dass wir schließlich alle Schwierigkeiten überwinden. Es wäre doch gelacht!“

Nun, es wurde nichts. Ich habe gewollt und gewollt, aber die Dinge fügten sich nicht so, wie ich es wollte. Bis in den Oktober hinein schleppte sich das Projekt, dann scheiterte es endgültig. Und so ist dieses Jahr für mich ein Jahr des Scheiterns. Sicher, anderes begann, nie ist ein Scheitern endgültig….

Du, Will.i, hattest inzwischen anderes zu tun, reistest ins Land der Aufgehenden Sonne und zu den Indianern, hattest diesen und jenen Berufswunsch. Weißt du noch, wie du Katzenpflegerin werden wolltest? Das war, als der Kater Max uns besuchte und du dann lange Zeit in Afrika verschwandest. Als du dich ziemlich fertig wieder bei uns einfandest, war Max tot.

Unser Kontakt wurde immer flüchtiger, und langsam verlor ich die Übersicht. Wer warst du wirklich, Will.i? Mal warst du ein dunkelhäutiger Junge, mal eine Tänzerin mit Indianerschmuckfeder, mal eine schwarze Frau, dann wieder hellhäutig und männlich… Ich sah in dir einen Technikbesessenen und eine verstörte Jugendliche, ein neugieriges Kind und eine abgedriftete ältliche Person….Einmal kamst du sogar in einer Wolke aus Saharastaub mit einer ganzen Bühne an und hieltest Reden, die niemand hören wollte.

Unzählige Gesichter hattest du, Will.ie (*Anm. unten), und ebenso viele Geschichten. Nur weniges, was dich beschäftigte, passte zu meinen Interessen und meiner Lebenswelt.

Ja, du warst oft umtriebig und nervös, widersprüchlich und ein wenig kurzatmig, liebe Will.ie, mit vielen Willensimpulsen, aber geringer Nachhaltigkeit. Ich schelte dich nicht dafür. Ich stelle nur fest: Wir hatten es nicht immer leicht miteinander. Nun geht es mit dir zu Ende, und ich weiß nicht, wer du wirklich gewesen bist. Ich aber bin wie der Narr, der dir die Elpis (*Anm. unten) hinterherträgt. Dein Kind! Du hast sie irgendwann bei mir zurückgelassen, in einem Bündel zusammen mit seinem Geschwisterkind, der Apelpis (*Anm. unten).  Zwei arme Waisenkinder.  Als du aus Afrika kamst, habe ich dir die Elpis mitgeben wollen, aber du warst so in deinen Gram vertieft, dass es hoffnungslos war.

Lieber Will.i, nun gehst du dahin zurück, woher du gekommen bist. Wen du dort im Reich der abgelebten Jahre wohl treffen wirst? Mit wem wirst du dich wohl austauschen? Manche sagen: mit 1984 wirst du Händchen halten, andere profezeien, dass du dich mit 1928 prächtig verstehen wirst, dem Jahr vor der Weltwirtschaftskrise, die dann in der Folge das Unterste und Dunkelste nach Oben kehrte, andere unken, du würdest dich mit dem Jahr 78 anfreunden, dem Jahr vor dem Untergang von Pompeji und Herculaneum. Die meisten halten das für dummes Zeug und sagen: 2021 ist nur mit 2020 verwandt, und Schluss. So was wie euch beide gab es noch nie. Ihr seid Sonderwesen, einmalige Erscheinungen. Etliche wiederum meinen: Ab jetzt werden alle Jahre wie du sein,  „postmodern und neunormal“.

Nun, ich weiß es nicht, und ich will auch nicht darüber spekulieren. In späteren Jahren wird man dich vielleicht besser einordnen können.

Danke, dass ich dich kennenlernen durfte, Will.i, und …. Adieu! Mit Gott! στο καλό!

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*Für Leser*innen, die nicht auf dem Laufenden sind:

Will.i ist der Name des  Jahres 2021. Er wurde am 1. Januar 2021 geboren und wird sich am 31.12.2021 zurückziehen.. Im Laufe des Jahres machte Will.i verschiedene Wandlungen durch, wurde als Will.ie auch weiblich.

Elpis (ελπίδα)  ist griechisch und bedeutet Hoffnung, Apelpis (απελπισία) ist Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Eingeführt wurden sie hier.

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Am Hafen (tägliches Zeichnen und Spiel mit Überblendungen)

Ich war nicht am Hafen, sondern im Atelier. Endlich spannte ich mal wieder ein großes Papier von der Rolle auf und zeichnete frei mit Kohle. Es war eine Art Befreiungsschlag, denn zuletzt wurden meine Formate immer kleiner und kleiner. Das Ergebnis entstand in mehreren Phasen.

Erste Phase:

Ich ließ nur einen Ausschnitt stehen und verwischte den Rest, zeichnete dann mit dem Pinsel und weißer Akryllfarbe in den verwischten Teil hinein. Danach ging es mit Kohle weiter. Inzwischen war mir klar, dass ich das riesige leerstehende Hafengebäude im Kopf hatte.

Letzte Phase:

und ein Bildausschnitt.

Natürlich musste ich noch mit dem Fotoshop weiterspielen. Vieles habe ich ausprobiert. Ein paar der Ergebnisse möchte ich zeigen.

Ich suchte eine kleine, früher vor Ort gezeichnete Skizze heraus  …

überblendete sie mit zwei Phasen der heutigen Kohlezeichnung und setzte einen Scheinwerfer, durch den die nächtliche Szene in ein unruhiges Licht versetzt wird.

Ich suchte dann nach weiteren Möglichkeiten der Verfremdung. Hier habe ich die verdoppelte Zeichnung mit dem entfärbten Foto der Rosenblüte überblendet.

Schließlich suchte ich eine weitere frühere Skizze heraus….

und überblendete sie und meine heutige Zeichnung mit der entfärbten Rosenblüte. Wie eine gewaltige Welle schlägt die Rose über dem alten Fabrikgebäude zusammen und hüllt es ein ihren duftenden Schaum ein.

 

 

 

 

 

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Und das segelt so hin – und das kommt auch mal an (gläsernes Boot)

„Und das segelt so hin – und das kommt auch mal an…“ (B Brecht: „Matrosen-Tango“, aus „Happy End“, Musik Kurt Weill)

(Fotocollage mit Glasscherben-Legebild)

Jetzt braucht da nur einmal ein Sturm zu kommen
Na ja, da ist’s ja schon das Dock von Birma –
Halt du, das ist doch nur ’ne schwarze Wolkenwand
Mensch und die Wellen, ’s ist ja allerhand!
Mensch, das verschlingt uns ja die ganze Firma –
Ja, da sind wir jetzt glatt am Rand
Ja, da sind wir eben jetzt am Rand!
Bald sinkt das Schiff zu Grund, das Meer geht drüber
Und die versunken sind, sieht nur der Hai im See –

https://lyricstranslate.com


„https://youtu.be/_nciv_sfhMg

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Eine Rosenblüten-Biografie (und Novalis)

„Heute möchte ich mich zurückbesinnen auf mein Leben als Rosenblüte, denn ich fühle, dass es mit mir bald zu Ende geht. Ein Blick in den Himmel verspricht nichts Gutes. Nicht für mich jedenfalls, denn mein weitgeöffnetes schwach gewordenes Blütenkleid wird dem starken Regen nicht standhalten können. Der Aprikosenbaum über mir bietet keinen Schutz mehr, seine Blätter sind gefallen, sie liegen neben mir auf der Erde und vermodern

Als ich jung war, umwebte mich des Nachts das bleiche Licht des zunehmenden Mondes und am Tage lockte die Sonne mit ihrem Strahlen und ihrer wärmenden Kraft. So wuchs ich heran.

Vor zwei Wochen dann – der Mond hatte sich fast gerundet – war ich in schönster Bereitschaft, mich dem Himmelslicht zu öffnen.

O ja, ich war bereit, und ich öffnete mich wie die Rosenblüten vor mir sich geöffnet haben

und wie die nach mir sich öffnen werden.

Der Regen hat aufgehört.  Ich atme noch einmal ins Licht. Noch ein Weilchen halte ich mein Kleid um mich. Bis zum Schwarzmond vielleicht.

Ich habe nur einen harten mit Dornen besetzten Stab als Stütze, ich, die Rose.“

„Du bist schön“, sage ich zur Rose, „Schönheit ist, was dich ausmacht, immer, auch jetzt. Mit deiner Schönheit bist zu mir eine Stütze, du, die Rose.“

Und damit auch die Dichtung zu Ehren kommt, lese ich der vergehenden Rosenschönheit das Märchen von Hyazinth und Rosenblüt vor, das Novalis in seinen „Lehrlingen zu Sais“ erzählt.

»Wohl«, sagen Mutigere, »laßt unser Geschlecht einen langsamen, wohldurchdachten Zerstörungskrieg mit dieser Natur führen. Mit schleichenden Giften müssen wir ihr beizukommen suchen…

Hier stutze ich. Nein, das ist kein Märchen. Das ist wohl weiter unten im Text.

Ein muntrer Gespiele, dem Rosen und Winden die Schläfe zierten, kam herbeigesprungen, und sah ihn in sich gesenkt sitzen. »Du Grübler«, rief er, »bist auf ganz verkehrtem Wege. So wirst du keine großen Fortschritte machen…Ein Märchen will ich dir erzählen, horche wohl.

Aha, ja, hier geht es offenbar los. Also dann!

Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut, aber auch über die Maßen wunderlich. Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts, ging immer still für sich hin, setzte sich einsam, wenn die andern spielten und fröhlich waren, und hing seltsamen Dingen nach. Höhlen und Wälder waren sein liebster Aufenthalt, und dann sprach er immerfort mit Tieren und Vögeln, mit Bäumen und Felsen, natürlich kein vernünftiges Wort, lauter närrisches Zeug zum Totlachen. …

Wenn du Lust hast, liest du auch die Geschichte, in der von der Liebe zwischen Hyazinth und Rosenblüt erzählt wird und wie es einer langen Irrfahrt bedarf, um…. Zum Glück gibt es ja das Projekt Gutenberg mit dem Volltext der Dichtung : https://www.projekt-gutenberg.org/novalis/sais/sais.html

 

 

 

 

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