Montag ist Fototermin: Die zwei Seiten einer Sonnenblende (Das Behindertenprojekt)

Wenn ich von meinem Schreibtisch durch die Glastür zur hinteren Veranda hinaussehe, bleibt mein Blick an den mysteriösen Mustern der Sonnenblende hängen. Bei diesem Ding handelt es sich um eine Matte aus Bast (?), die ich dort hinhängte, weil die Sonne mich sonst brät und blendet.

Heute fotografierte ich die Matte  von draußen, damit ihr das schlichte Gewebe sehen könnt. Und von Innen, wie sieht sie da aus?

Verrückt? Wie ist das möglich? Ich untersuchte die Matte und bemerkte erst jetzt, dass es zwei übereinander gehängte Bahnen sind. Also hob ich die eine Bahn ein wenig an, wodurch sich ein noch verwirrenderes Muster aus hellen und dunklen Streifen bildete.

Und die Moral von der Geschicht? Manchmal sieht eine Sache von Außen schlicht und einfach aus, von Innen aber stelllt sie sich höchst kompliziert dar.

  • Bist du außen vor, fragst du: warum machen die Leute so ein Gedöns? Die Sache ist doch ganz einfach, die Lösungen liegen doch auf der Hand. Und du neigst du Kritik.
  • Engagierst du dich aber, bewegst du die Dinge gar, um ihnen auf die Schliche zu kommen und um sie zu verändern, können sie sich als noch komplexer darstellen als du ohnehin schon ahntest. Und du möchtest die Kritiker am liebsten auf den Mond schicken.

Und was gehts mich an? Nun …. Ich habe gerade eine Entscheidung getroffen. Wie manche von euch wissen, bin ich an einem Projekt der beruflichen Integration von Behinderten beteiligt. Ich helfe hier und da, bin aber nicht verantwortlich, betrachte die Sache von außen. Zu meinem Leidwesen ging es nicht in dem Tempo voran, wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles stockt. Warum geht es nicht voran? Wo liegen die Schwierigkeiten? Von meinem Standpunkt aus waren sie nicht zu erkennen, und ich begann zu nörgeln, wollte schon frustriert meinen Hut nehmen. Nun aber will die bisherige Leiterin, die die Themen „von Innen“ kennt,  das Handtuch werfen. Sie kann nicht mehr. Und niemand hat Zeit, Lust, Mut, Kompetenz, ihre Nachfolge anzutreten. Es wäre das Ende unserer Bemühungen.

Daher habe ich mich entschlossen, selbst die Leitung zu übernehmen.  Ich bin momentan die einzige, die die nötige Übersicht hat. Ein bisschen mulmig ist mir ja. Übernehme ich mich nicht? Werde ich die nötigen Helfer finden und motivieren können? Wird die Gemeinde mitspielen,  werden sich Finanzmittel für Löhne und Gehälter finden lassen? Was ist mit den Covid-Maßnahmen, Hygienekonzepten, Impfpässen etc pp? Welche neuen Schwierigkeiten kommen dazu?  Aber mein Lebensmotto ist eben: „Mut hat auch der kleine Muck“ (Hauffs Märchen). Drückt mir den Daumen!  Ich werde gelegentlich berichten, wie es weitergeht.

Wie es bisher ging und welcher Art die Probleme sind, das kannst du u.a. hier nachlesen: https://gerdakazakou.com/2021/01/09/9-1-2021-will-i-lernt-eleftheria-und-das-behindertenprojekt-kennen/ Da erklären wir nämlich dem damals noch kleinen Will.i, woran es hapert. Und er schließt mit folgenden Worten:

„Ihr habt ja manchmal will gesagt, aber viel öfter habt ihr könnte und können und brauchen und dürfen und müssen gesagt. Ich hab mitgezählt. Das gefällt mir gar nicht. Wenn ich etwas will, dann tue ich es auch.“ – „Ja, Will.i! Auch wir wollen, und es ist gut, wenn du uns die Stange hältst, so dass wir schließlich alle Schwierigkeiten überwinden. Es wäre doch gelacht!“

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Autobiografisches, Behindertenprojekt, Erziehung, Fotografie, Leben, Projekt Alternativen abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

27 Antworten zu Montag ist Fototermin: Die zwei Seiten einer Sonnenblende (Das Behindertenprojekt)

  1. lachmitmaren schreibt:

    Oh, ich drücke die Daumen! Pass auf dich auf, dass du dich nicht übernimmst! Es sind schwierige Zeiten für solche Projekte. Vielleicht könnt ihr es verkleinern? Erst einmal nur ein kleines Café und dann weiter schauen?

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    • gkazakou schreibt:

      Genau das habe ich vor, Maren. Das (ein) Problem ist freilich Covid. Und ich bin ungeimpft, wie auch die meisten meiner Freunde und Freundinnen, die helfen wollen. Vielleicht beginnen wir mit einer Werkstätte, das ist bei dieser Hetze leichter zu handhaben.

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  2. Leela schreibt:

    wie es bisher ging, habe ich nachgelesen und all die tollen Pläne gesehen… da hast du dir echt was vorgenommen. Ich wünsche, dass du viele begeisterte, langzeitmotivierte Mitstreiter findest…

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  3. juergenkuester schreibt:

    Deine Entscheidung ist mit Sicherheit bewundernswert und mutig und zeugt von der Liebe zum Menschen. Ich wünsche Dir viel Erfolg, Kraft und Durchhaltevermögen.

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  4. linienspiel schreibt:

    Alles Gute für den weiteren Weg dieses Projektes! Mit Will.i(e) und deinem Lebensmotto hast du zwei ganz starke Verbündete/Begleiter an deiner Seite. Und auch kleine Schritte führen voran …
    Liebe Grüße!

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    • gkazakou schreibt:

      ❣️lichen Dank! Als ich vorhin den Eintrag mit Will.i vom Januar las, musste ich über so viel Entschlossenheit lächeln und freute mich über das willensstarke Neugeborene Jahr. Nun bin ich ja gespannt, wie er die neue Situation einschätzt. Ich nehme an, er wird sie begrüßen. Ich freu mich auf seinen Besuch…..

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  5. Leinwandartistin schreibt:

    Toll, liebe Gerda, dass Du das anpackst. Nörgeln ist einfach, verändern und anpacken erfordert Kraft und Mut. Da möchte ich Dein Beispiel gerne mal den Nörgelnasen, die mir so bekannt sind, vor die Nase halten und sagen: guck mal, merkste was?
    Ich wünsche Dir viel viel Kraft und dann auch sichtbare Fortschritte und den Erfolg, den Euer Projekt gebrauchen kann.
    Liebe Grüße
    Ines

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    • gkazakou schreibt:

      Danke Ines. Bisher ist es ja nur meine Bereitschaft, die vielleicht lobenswert ist. Wie sich die guten Absichten dann umsetzen und die Betroffenen wirklich etwas von haben – das ist die Herausforderung. Mir ist ziemlich bange zumal wegen der Corona-Auflagen, die wie Blei an den Füßen sind, wo Flügel gefragt wären.

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  6. Friedrich schreibt:

    Ich finde Deinen Mut bewundernswert! Es ist nicht einfach, so ein „hingeworfenes“ Projekt wieder oder überhaupt auf die Füße zu stellen. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Gelernt habe ich dabei: kleine Schritte – und kleine Erfolge auch als solche feiern.
    Alles Gute!

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  7. Verwandlerin schreibt:

    Genau, guten Mutes zu sein, ist ein prima Motto! Ich wünsche eurem Projekt gutes Gelingen!

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  8. Allerdings sind die Moirémuster in der einen Blickrichtung auch nicht zu verachten. Sie fügen ein weiteres Phänomen hinzu.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke,Joachim, dass du dieses Phänomen würdigst. Kannst du es auch erklären? Ich nehme an, es liegt an der Doppelung der Matten, aber wie?

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      • Moirémuster treten immer dann auf, wenn eine (möglichst periodische) Struktur mit einer anderen periodischen Struktur, in diesem Fall der Schatten der Struktur überlagert. Genaueres erforderte einen ausführlicheren Beitrag. Ich werde dies zum Anlass nehmen bei Gelegenheit (im Moment läuft mir die Zeit davon) einen entsprechenden Beitrag zu geben.

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    • gkazakou schreibt:

      ein großes DANKE, Joachim. Meine Manie, alles als Analogie zu nehmen, ist gleich hellwach: die Schatten der einen Struktur überlagern die beleuchtete andere Struktur. Aha! Daher also die oft schwierigen Muster in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und ziehst du zwei miteinander verbundene Menschen auseinander, ergibt sich ein verdammt schwieriges Licht-Schatten-Muster. ich seh das zB bei Scheidungen, aber auch bei Scheidungskindern. Welcher Schatten gehört zu wem? 😉

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  9. Was dein Engagement betrifft, so bewundere ich deinen Mut und wünsche dir viel Erfolg bei deinem Einsatz!

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    • gkazakou schreibt:

      Danke Joachim. Der Mut verlässt mich grade schon wieder. Was soll ich mit einem Behindertencafe, wenn der nächste Lockdown droht und Innenräume sowieso nur von Geimpften betreten werden dürfen? Ich gehöre nun mal zur neu entdeckten Menscheitsrasse der Ungeimpften. .

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  10. Du packst das, Gerda! Mut hat auch der kleine Muck ,
    Du sagst es und wenn jemand es packt, dann Du! Leicht wird es nicht sein, aber es ist eine Aufgabe, die Dich fordert, aber bestimmt nicht überfordert!

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  11. pflanzwas schreibt:

    Toll, daß du das machst. Ich wünsche dir alles Gute dafür!!!

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  12. Johanna schreibt:

    Gerda, ich drücke Dir die Daumen! Und dennoch, mit frischem Mut ist schon viel gewonnen… ich bin mir sicher, dass sich gute Lösungen finden lassen werden 😊

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