Tagebuch der Lustbarkeiten: Meerspaziergang

Bei weichem Wind bin ich heute am Wasser entlang spaziert. Die Wellenberge sind dunkelgrau von mitgeführtem Unrat, der nun in der großen Meeres-Waschmaschine gereinigt wird. Das hilft, auch eigenen Gedankenmüll auszusondern.

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Welttheater 3. Akt, 7, Szene: Tschinns Auftritt (fortgesetzt)

Was zuletzt geschah: Wir kehrten zurück zur stillen Bucht. Dort fand sich Tschinn mit seinem Biest Kairos ein. Er überlegt, wie er die Bucht wirtschaftlich nutzen kann. Seinen ersten Einfall – ein Hafen mit Spelunken- verwirft Kairos als nicht mehr zeitgemäß.

zwei

Was sagt Kairos? Er brummelt: ‚Ηeute

ist das die falsche Strategie.

Man soll verpacken seine Beute

Als Wohltat sollen sehn die Leute

was du geklaut. Das ist Genie!‘

Tschinn:

Dann machen wir, ja, warte mal,

da gab ers doch die Flüchtlingsfrage?

So Leut, leicht blöd und asozial

für jeden Nachbarn eine Plage,

 

die ohne Obdach unter Brücken

in Höhlen, Wäldern, Gruben hausen

wo sie zerfressen von den Mücken

sich wie die Affen selber lausen?

 

Die könnte man hier einquartieren.

Der Staat macht dafür Gelder locker.

Den Strand, den werd ich betonnieren

weil sie da sonst nur urinieren.

Und wer da sagt, ich sei’n Abzocker,

Dem zeige ich die Ehrurkunde

die mir die Stadt hat ausgestellt:

weil ich geheilt von einer Wunde

die ordentliche Menschenwelt.

 

Die Armen werdens auch bezeugen

was für ein guter Mensch ich bin.

Sie werden sich vor mir verbeugen

weil ich Gemeines hab im Sinn*.

 

Kairos das Biest, es denkt und spricht:

so ganz gefällt dein Plan mir nicht.

Du kriegst zwar Geld, doch nur einmal.

Dann ist es weg, das wär fatal.

———–

* Gemeinsinn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: TÜV

Eigentlich sind solche Termine wie der TÜV nicht gerade lustvoll. Doch wenn man, wie ich heute, einen Termin auf den letzten Drücker bekommt, der Service stimmt, ich selbst nichts zu tun brauche als zu bezahlen (40E) und der Check-Up keinen Schaden zu Tage fördert – dann ist die damit einhergehende Erleichterung eben doch eine Lustbarkeit.

mein Auto (Fiat Tipo, in der Türkei zusammengeschraubt) auf der Prüfstraße

Mein FIAT TIPO (in der Türkei zusammengeschraubt) in der Prüfung: tipptopp!

Am Eingang von Kalamata gibt es gleich drei I-KTEOs – private staatlich zugelassene Unternehmen zur technischen Überwachung der Autos. Blitzblank sind sie, mit freundlicher Sekretärin und sauber kostümierten Mechanikern, die dir den Autoschlüssel, sobald du dein Begehr geäußert hast,  abnehmen, um ihn dir, sobald sie die Kontrolle beendet haben, wieder auszuhändigen. 20 Minuten alles in allem. Luxus pur. Nun muss ich erst wieder in einem Jahr zur Abgaskontrolle und in zwei Jahren erneut zum TÜV.

Wie anders sind diese privaten Unternehmen doch als die staatlichen, zB wenn man, wie ich, wegen meines Alters alle zwei Jahre einen neuen Führerschein beantragen muss, mit neuen Passfotos, kräftigen Gebühren, 4 Arztbesuchen  und pipapo! Kosten ca 280 E. Um dann zu hoffen, nach drei Monaten auch in den Besitz dieses neuen Dokuments zu kommen, während du dich in der Zwischenzeit mit einem Zettel behelfen musst.

Da fällt mir ein: ich sollte mal nachfragen, ob meiner da ist, denn den Antrag habe ich nicht vor drei, sondern vor sieben Monaten gestellt 😉 .

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Welttheater: 3. Akt, 6. Szene. Rückblick zur Bucht und Tschinns Auftritt

Wir verließen die Gesellschaft (die blinde Poetin Domna, das spielende Kind Clara, Jenny theKid, Flüchtlingin Danai, die Fragende Trud), als sie den zauberischen Wald betritt, begrüßt von Hera.

Wir lassen ihnen ein wenig Zeit, sich umzusehen und wenden uns der Bucht zu, die sie am Vortag wegen eines aufkommenden Gewitters verlassen hatten. Du erinnerst dich?

Vor dem Unwetter hatten sie in Danais Höhle Zuflucht gesucht….

Am Morgen hatten sie dann den Berg erkundet, waren hungrig geworden, hatten den Überlebenskünstler getroffen….und eine finstere Schlucht durchquert…

Nun also sind sie im Wald, wo wir sie nun ihren diversen Beschäftigungen überlassen (später werden wir zu ihnen zurückkehren, versprochen!), und wenden uns der Bucht zu. Denn solche Orte haben ja ihre eigene Geschichte.


Still liegt die Bucht im hellen Mittagslicht.

Still und leer. Träumend. Empfänglich.

Das spürt das Biest Kairos (günstigen Gelegenheit) und führt seinen Meister Tschinn, den Macher zur Bucht.

Tschinn

Als Tschinn-der-Macher bin ich bekannt

mich kennt ein jedes Kind im Land.

Kairos so heißt mein Lieblingstier

das immer rückwärts schaut zu mir.

Mit seiner langen Nase, dem Vermiligua* gleich

riecht er die fette Beute und macht dich reich.

 

Jetzt führt er mich an diese Bucht.

fast so, als hätt ich sie gesucht.

Sie ist fantastisch gut geeignet

(und wird mithin gleich angeeignet)

für ne Bebauung jeder Art

Auf gehts, eins zwei und drei zum Start!

 

Eins

Soll ich hier nen Hafen bauen

mit Yachten und mit Handelsschiffen,

Matrosen kommen, die nach Frauen

begierig sind und auch nach kiffen …

 

Dann kommt ein schicks Bordell dazu

das wird mir reichlich Kohle bringen,

das bringt auch den Matrosen Ruh

die elend auf dem Deck rumhingen.

 

Wo’s Mädchen und Matrosen gibt

da ziehts dann auch den Rubel hin

denn immer da, wo man sich liebt

und wo es Whisky gibt und Gin

 

da tauchen auf die reichen Gönner

mit dicken Autos und Tamtam

Darunter ist so mancher Könner

der weiß zu händeln die Madame.

zwei

Was sagt Kairos? Er brummelt: ‚Ηeute

ist das die falsche Strategie.

Man soll verpacken seine Beute

Als Wohltat sollen sehn die Leute

was du geklaut. Das ist Genie!‘

(wird fortgesetzt)

*Vermiligua = Ameisenbär.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Welttheater, 3. Akt, 6. Szene: Im Wald

Was zuletzt geschah: Trud, die sich fast ganz im Fragen verloren hatte, findet den Anschluss an die Gruppe. Es kann weitergehen.

Wilhelm:

Hier entlang meine Damen. Und verliert euch nicht wieder!

Der Wald ist verwunschen, das sage ich euch

So mancher sieht Zwerge, ein andrer hört Lieder

von Sylphen und Elfen, und denkt, im Gesträuch

da glänzen Najaden

und lassen Kaskaden

von Lichtern uns sehn

Ja, ich muss gestehn

dass ich schon sehr oft in den einsamen Nächten

mir wünschte, dass sie mir, dem Einsamen, brächten

die Liebe, den Frohsinn, das Spiel und den Tanz

die ich, so allein, schon vergessen fast ganz.

Spinnwebwald

Jenny (zu Wilhelm):

Ein komischer Wald, so einen sah ich noch nicht.

Sind Bäume und Büsche, und was ist dazwischen?

ein wenig wie Spinnweb, ein wenig wie Licht,

in das sich die Zweige der Bäume einmischen.

Was du da erzähltst von den Elfen und so

das ist wohl eher dein Pipapo?

 

Domna: 

„Du wacher Wald, inmitten wehen Wintern
hast du ein Frühlingsfühlen dir erkühnt,
und leise lässest du dein Silber sintern,
damit ich seh, wie deine Sehnsucht grünt.

Und wie mich weiter deine Wege führen,
erkenn ich kein Wohin und kein Woher
und weiß: vor deinen Tiefen waren Türen-
und sind nicht mehr.“*

Clara:

Domna, sag, von welchen Tieren

hast du eben grad gesprochen?

Ich möchte es so gern kapieren!

Sind Tiere da herumgekrochen?

Domna (lächelnd)

Nicht von Tieren liebes Kind

spricht der Dichter, den ich gern zitiere dann und wann.

von Türen spricht er, die oft sind

geschlossen, so dass mancher meint, dass er nicht weiter kann.

Doch selbst wenn dir die Wege sind verworren

und du nicht weißt woher wohin

soll niemals dir die Hoffnung ganz verdorren.

Es reicht, du weißt: ich bin.

Der Wald ist auch, er steht in Finsternis und Nächten

er steht in Kälte da, in Schnee und Eis

Er weiß von Göttern und von dunklen Mächten

und rührt, wenn Wind durchgeht, sein grünes Reis.

 

Wahrscheinlich gibts in diesem Wald auch Tiere.

jedweder Art, sehr große, mittlere und kleine

mit Flügeln, Beinen, manchmal sind es viere

dann wieder sechs und manchmal sinds gar keine.

Clara:

Gar keine Beine? Wie soll das wohl gehn?

Domna:

Die Schlänglein kriechen auf dem Bauch, hast du das nie gesehn?

Trud:

Ich hör euch fragen, also seid auch ihr

des Fragens noch nicht müd geworden?

Dann schaut mal her, was wimmelt hier?

Sind das Taranteln, die Insekten morden?

Wilhelm (hinzutretend):

Taranteln sind es nicht, sind kleine Spinnen

die in den Wäldern gern die Netze spannen.

Versuche, ihre Freundschaft zu gewinnen.

denn ganz kannst du sie leider nicht verbannen.

Danai:

Die Gottheit naht! und mit ihr Segen!

Wie freundlich alles glänzt und lacht!

Wie hell das Licht nun auf den Wegen

das ist der hohen Gottheit Macht.

Das Licht hat sich verändert. Hera die Göttin tritt zwischen den Bäumen hervor.

Verklärter Wald**

Hera

Ich grüß das Kind und euch, ihr lieben Frauen,

Und auch den Mann, der euch hierhergebracht.

Es möge Segen mit euch sein!  und wenn die lauen

Die Frühlingswinde durch die Wälder singen

Und wenn die Vögel ihre Nester bauen

Wenn Amselsang durch Aberndwolken klingen

Und wenn der Kuckuck ruft und lacht –

Dann seid gewiss: ich bin euch nah

Dann pflückt ein Kraut und zündet es euch an

Dass Rauch empor zum Himmel steigen kann

Wie es in alten Tagen noch geschah.

 

Doch jetzt setzt eure Wandrung fort

Schon bald seid ihr an Wilhelms Ort

———————————————————————————————————-*Rainer Maria Rilke „Du wacher Wald“
Aus der Sammlung Mir zur Feier

**Die Foto-Legebild-Collage (oben) habe ich hier mit einem weiteren Foto überblendet. Es ist ein  Ausschnitt eines Fotos, das ich heute bei Hannah sah und hier verwendete in der Erwartung, dass du, Hannah, es mir erlaubst. Wenn nicht, entferne ich es wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Mittagstisch

Ich denke, ich muss nicht viel dazu schreiben. Das Foto machte ich mittags, als wir auf unserer Turmterrasse zu Mittag speisten (es gab Spagetti mit Brokkoli und Pinienkernen). So ist es fast täglich: klares sonniges Wetter. Blau.

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Welttheater 3. Akt, 5. Szene: Irritationen

Was zuletzt geschah: Clara hat Angst vor Schlucht und Wald, denn sie kennt zu viele Märchen mit Kinderfressern. Domna setzt die freundliche Natur- und Geisterwelt dagegen. Alle stehen abmarschbereit vor dem dunklen Spalt im Gebirge, als der Vorhang fällt.

——————————————————————————————————

Als der Vorhang wieder aufgeht, haben unsere Freunde den dunklen Durchgang schon hinter sich. 

Jenny:

Ganz schön finster, meine Leut!

fast hätte ich den Plan bereut.

Du, Clara, hast es fein gemacht

dein Dosenlicht hat es gebracht.

Clara:

Die Domna sagte mir Verse auf

Zusammen gings den Weg hinauf.

Nun ist es hell, ich seh den Wald

Wann machen wir denn endlich Halt?

Wilhelm

Bist du sehr müde, musst du’s sagen

Ich kann dich auf dem Rücken tragen.

Doch glaube mir, der Wald ist schön,

da wirst du lieber selber gehn.

Danai

Wo ist die Trud, sagt mir, ihr Lieben:

Ist sie vielleicht zurückgeblieben?

 

Alle schauen sich suchend um. Jenny entdeckt sie als Erste.

 

Jenny.

Die Trud sitzt dahinten, am Anfang vom Pfad

Sie hat da wohl wieder Fragen

über den Weg, ob er krumm oder grad.

Ihr kennt ja der Trud ihre Plagen.

Ich denke, wir lassen sie hocken.

Der Boden ist dort warm und trocken.

Wilhelm:

Ich denke grad wie du

wir lassen sie in Ruh

Domna

Wer immer nur fragt, der findet

sein Ziel nicht, und er erblindet.

Ich habe es selber erfahren

als ich noch jung war an Jahren.

Nun frag ich nicht mehr viel.

und finde stets mein Ziel.

 

Das Ziel das ruht im Herzen

Es ruht dort immer schon

In Freude und in Schmerzen

In Freiheit und in Fron:

Du kannst es nicht ausmerzen.

Es ist dein Seelenton.

 

Die Trud wird es begreifen

wenn sie zu End gedacht

Die Wahrheit wird sie streifen

bevor es wieder Nacht.

 

So lasst uns gehn, sie folgt uns nach

sobald sie sich besonnen,

dann ist sie auch dem Ungemach

der Fragerei entronnen.

 

Alle wollen gehen, aber Clara zögert.

Clara:

Ich glaub, ich brauch die Dose nicht mehr.

ich stell sie hier hin,

und wenn die Trud kommt hinterher

dann weiß sie, wo ich bin.

 

Und wo ich bin, da seid ihr auch

dann freut sie sich

Sonst sucht sie hinter jedem Strauch

und find uns nich.

Jenny (empört, zornig)

Sag mal, du spinnst wohl, Kleine?

Erst schimpfst und heulst und jammerst du 

bis du erweichst die Steine

und gibst nicht einen Moment Ruh

und nennst mich Diebin, nennst mich schlecht

weil ich das Dingsda tauschen wollte!

Das find ich wirklich ungerecht!

Sei froh, wenn ich nicht länger grollte.

 

Jetzt lässt du es hier einfach stehn

Wo jeder, der des Weges zieht

und um sich blickt und ist nicht blind

es aus dem Augenwinkel sieht

und nimmt. Du bist verrückt, mein Kind!

 

Claras generöse Handlung und Jennys Zornesausbruch machen die Frauen ratlos.

Jennys Geschrei ist auch zu Trud durchgedrungen. Sie steht auf und wandert langsam, tief über den Pfad gebeugt, auf die Gruppe zu.

 

Wo bin ich? Wo die anderen?

Muss ich alleine wanderen?

 Braucht niemand die Trud und ihre Fragen?

Können sie mich nicht mehr ertragen?

Sind die Antworten alle gefunden?

Wielange hockt ich dort, wieviele Stunden?

Wie dunkel es ist! Aber da vorn, ist das Licht?

Das Licht von Kind Clara? ich täusche mich nicht?

 

Ohne Claras Licht wär ich verloren?

Bin ich denn selber ohne Licht geboren?

Wer bin ich, Trud? Wer hat mich so gemacht?

Wer hat mich so auf diese Welt gebracht?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Friedens-Gedicht von Karl Stamm

Auf der Suche nach Gedichten, die ich der blinden Poetin Domna in den Mund legen möchte, stieß ich auf einen mir unbekannten Schweizer Dichter. Er heißt Karl Stamm, lebte von 1890-1919, wurde nur 29 Jahre alt. Seine Lyrik ist leider wieder sehr aktuell, denn wie damals sind dem Namen nach christliche und der Kultur nach brüderliche Nationen dabei, sich in einem fürchterlichen Krieg gegenseitig zu zerfleischen. Und die Christenheit steht, wie damals in Parteien geteilt, am Rand der Arena, feuert die Gladiatoren an, johlt und stöhnt, je nachdem, wessen Söhne zerfleischt und in Fetzen gerissen werden: die der eigenen Partei oder die des Gegners. Wer in dieser Arena zu rufen wagt: Hört auf! Ihr seid doch Brüder! dem gebietet man wütend Schweigen. Denn weiter soll das Morden gehen, weiter und weiter, bis die „eigene“ Seite, die nichts anderes ist als das aufgeblähte eigene ICH, gesiegt hat.

 

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind!
Du streutest milde Worte über Land,
dir neigten sich die Lilien, Frauen, Ähren –
uns drückten sie die Waffen in die Hand.

Und sind doch Kinder, zucken manchmal irr –
Was soll in meinen Händen das Gewehr?
Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
verhält die bittre Tränenflut nicht mehr.

Und über mir der harte, dumpfe Zwang. …
Bin ich nur Tier, gespannt in hartes Joch?
Zerstampfe auf Befehl? O Herz, erwach!
Wir taumeln, zögern – und marschieren doch.

Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
O nimm zurück den hingegebnen Sohn!
Erspare mir die Schuld und dir die Qual!
Du kannst nur weinen? Weinen lacht mir Hohn.

O Feind, mein Feind! Ich fleh aus tiefster Not:
Geliebter Feind, daß ich nicht schuldig sei
ermorde mich! Erlöse mein Gewissen!
So nimmst du von mir meiner Seele Schrei.

Du zauderst, senkst den schon erhobnen Arm?
Entflieht aus deinem Leib des Kämpfers Kraft?
Ist’s Furcht vor eigner, drohend naher Schuld?
Ruft dich die Seele auf zur Bruderschaft?

Entwaffnet steh ich vor dir, blicke weit
und bin verkämpft in Sinn und Widersinn:
Es glaubt das Herz nicht, was das Auge schaut,
weil ich noch nicht zum Kind geworden bin.

O brich aus mir, ersehntes Bruder-Ich!
Erschwing, ersinge dich und werde Ton.
Es steigt das Kreuz unendlich auf ins Licht.
Durch seine Himmel schwebt der Menschensohn.

Karl Stamm

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Welttheater, 3. Akt, 4. Szene: Ankündigung der Wanderung durch die waldige Schlucht

Was zuletzt geschah: Jenny und der Überlebenskünstler Wilhelm steigen zu den „Damen“ hinunter, um sie einzuladen, gemeinsam zu Wilhelms Lager zu gehen.

Jenny (zu Clara):

Hier hast du die Superschachtel zurück

sie brachte mir ganz wirklich Glück

Clara:

O gut, ich hatte schon gemeint

dass du mir die Dose geklaut hast

und habe deshalb auch ziemlich geweint

Jetzt fällt sie herunter vom Herzen, die Last.

Doch hungrig bin ich immer noch

In meinem Bauche ist ein Loch.

Hast du nicht was zum Essen?

Du hattest es versprochen doch

Hast du das ganz vergessen?

Jenny:

Du bist ja gut! die Dose willst du

und essen willst du Omelett!

Mich, Jenny, eine Diebin schiltst du,

Versprechen brech ich, o wie nett!

Nein, Clara, was ich mal versprech

das tu ich auch, red keinen Mist!

Vielleicht bin ich ja manchmal frech.

doch klau ich nur, wenns nötig ist.

 

Nun komm schon, dieser Mann ist nett

wir gehn mit ihm gleich in den Wald

Da hat er Essen, richtig fett,

gesättigt sind wir alle bald!

Jenny (laut rufend):

Kommt alle her und folget mir

und diesem Mann, der lebt allein

an einem Ort, nicht weit von hier!

Er lädt uns alle zu sich ein.

Wilhelm (an die Damen gerichtet)

Gern möcht ich mein Lager euch zeigen

das ich mit eigenen Händen erbaut

aus Stein und Lehm, aus Planen und Zweigen.

All meine Habe hab ich dort verstaut.

Wir müssen nur die Schlucht durchqueren

der Weg ist angenehm

Dort wachsen süße Walderdbeeren

Ihr sammelt sie bequem.

Auch Erdbeerbäume gibt es dort

Wacholder, Feigen, Ginster

Es ist ein sehr verwunschner Ort

und nur am Anfang finster.

Clara klammert sich ängstlich an Domna

 

Im Wald da lebt die Hexe Vlad

die gibt den Kindern Essen

und wenn sie richtig rund und satt,

dann werden sie gefressen!

Domna

Hab keine Angst, wir sind bei dir

die Angst kann niemand nützen.

Und Wilhelm, dieser Starke hier

der wird dich schon beschützen.  

Clara

Die Schlucht, sie ist ein dunkler Schlund

der mich verschlingen will

Siehst du denn nicht, es ist ein Mund

steht keinen Moment still.

Domna

Ich bin zwar blind, doch hör ich gut.

Der Wilhelm ist ein Mann mit Mut.

So lass uns gehn und schauen

und unsern Geist erbauen

an Schlucht und Wald und Dämmerschein

wo Gnome sich und weise Frauen

  geben ein Stelldichein

Wo Sylphen, Elfen und Najaden

in verborgnen Teichen baden

und die Spinnen ihren Faden

ohn zu krackseln, ohn zu krickeln

um die Erdbeerbäume wickeln.

 

Alle gehen ab. Der Vorhang schließt sich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die mich im Krieg am Leben halten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Quellwasser

Schon wieder Wasser? Erst „Segnung der Gewässer“, dann „Regen“ und jetzt „Quellwasser“ als Thema der Lustbarkeiten? Jawohl. Ich lebe in Griechenland, da ist Wasser  ein Thema, von dem man nicht genug bekommen kann. Orte werden danach unterschieden, ob sie „gutes“ oder „schlechtes“ Wasser haben, Sonntagsausflügler fahren oder wandern zu Quellen und Brunnen, um mitgebrachte Flaschen zu füllen mit Wasser, dessen Heilkraft seit Jahrhunderten bekannt ist. Kirchen tragen den Namen „Ζωοδόχος Πηγή“ (Lebenspendende Quelle) – seit die Theotokou („die den Gott gebar“, dh Maria) dem späteren Oströmischen Kaiser Leon I (457-474) eine „heilige Quelle“ bei Konstantinopel zeigte, wo dieser dann eine Kirche hinbaute. So geschah es an vielen Orten. Der neue christliche Glauben stellte sich da in die Tradition der Alten, die jede Quelle mit einer Quell-Nymphe verbunden sahen.  Welche beherrschende Rolle dem Wasser zukommt, zeigt sich auch darin, dass die orthodoxen Kirchen die „Lebenspendende Quelle“ an einem der höchsten Feiertage, dem Karfreitag, feiern.

Upps! Ich wollte doch eigentlich nur erzählen, wie froh es mich macht, dass in Tavernen und Cafes als erstes immer ein Wasserglas und eine Flasche oder Karaffe frischen Wassers auf dem Tisch erscheint. Das gehört einfach zum Service. So wie gestern diese Flasche in unserer Stammtaverne.

Es handelt sich um eine Flasche mit dem 60 mal preisgekrönten Quellwasser ΘΕΟΝΗ, das in 1100 m Höhe im Gebirgsmassiv von Agrafa von der Quelle ΓΚΟΥΡΑ gewonnen wird (unbezahlte Reklame).

Warum dieses Gebirge „Agrafa“ – die Nicht-Registrierten – heißt,  lies bei Interesse unter dem Link nach.

Ich weiß natürlich, dass viele jetzt automatisch an den entsetzlichen Plastikmüll denken werden, der mit dieser Trinkgewohnheit verbunden ist. Auch ich denke daran, und ich wünschte mir, dass dieses köstliche Wasser in recycelbaren Glasflaschen erhältlich wäre. Tatsächlich gibt es ein paar Firmen, die auch Glasflaschen anbieten, doch das schiere Gewicht von Glas – abgesehen von den Produktionskosten – macht die Umstellung kompliziert.

Du sagst vielleicht: Warum trinkst du nicht das Wasser aus dem Hahn? Wenn es nicht gut ist, kannst du es ja filtern. Das stimmt natürlich, meistens tue ich es ja auch. Aber Wasser ist eben durchaus nicht einfach nur Wasser, genauso wenig wie Wein einfach nur Wein ist. Man schaut auf Inhaltsstoffe und Geschmack, man träumt sich an den Ort, an dem es dem Boden entquillt, geheimnisvoll, unerschöpflich.

Unerschöpflich? Wirklich? Mögen die Najaden, Dryaden, Danaiden oder meinetwegen auch die Jungfrau Maria stets über den Quellen wachen, auf dass sie trotz aller menschlichen Untugenden weiter sprudeln, uns zum Segen.

Nun aber genehmige ich mir noch ein Glas von diesem köstlichen Getränk.

„Lebenspendende Quelle“ – Kirchlein im Taygetosgebirge

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