Friedens-Gedicht von Karl Stamm

Auf der Suche nach Gedichten, die ich der blinden Poetin Domna in den Mund legen möchte, stieß ich auf einen mir unbekannten Schweizer Dichter. Er heißt Karl Stamm, lebte von 1890-1919, wurde nur 29 Jahre alt. Seine Lyrik ist leider wieder sehr aktuell, denn wie damals sind dem Namen nach christliche und der Kultur nach brüderliche Nationen dabei, sich in einem fürchterlichen Krieg gegenseitig zu zerfleischen. Und die Christenheit steht, wie damals in Parteien geteilt, am Rand der Arena, feuert die Gladiatoren an, johlt und stöhnt, je nachdem, wessen Söhne zerfleischt und in Fetzen gerissen werden: die der eigenen Partei oder die des Gegners. Wer in dieser Arena zu rufen wagt: Hört auf! Ihr seid doch Brüder! dem gebietet man wütend Schweigen. Denn weiter soll das Morden gehen, weiter und weiter, bis die „eigene“ Seite, die nichts anderes ist als das aufgeblähte eigene ICH, gesiegt hat.

 

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind

Sieh auf uns, die wir deine Kinder sind!
Du streutest milde Worte über Land,
dir neigten sich die Lilien, Frauen, Ähren –
uns drückten sie die Waffen in die Hand.

Und sind doch Kinder, zucken manchmal irr –
Was soll in meinen Händen das Gewehr?
Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
verhält die bittre Tränenflut nicht mehr.

Und über mir der harte, dumpfe Zwang. …
Bin ich nur Tier, gespannt in hartes Joch?
Zerstampfe auf Befehl? O Herz, erwach!
Wir taumeln, zögern – und marschieren doch.

Des Menschen Mutter, dem die Kugel gilt,
O nimm zurück den hingegebnen Sohn!
Erspare mir die Schuld und dir die Qual!
Du kannst nur weinen? Weinen lacht mir Hohn.

O Feind, mein Feind! Ich fleh aus tiefster Not:
Geliebter Feind, daß ich nicht schuldig sei
ermorde mich! Erlöse mein Gewissen!
So nimmst du von mir meiner Seele Schrei.

Du zauderst, senkst den schon erhobnen Arm?
Entflieht aus deinem Leib des Kämpfers Kraft?
Ist’s Furcht vor eigner, drohend naher Schuld?
Ruft dich die Seele auf zur Bruderschaft?

Entwaffnet steh ich vor dir, blicke weit
und bin verkämpft in Sinn und Widersinn:
Es glaubt das Herz nicht, was das Auge schaut,
weil ich noch nicht zum Kind geworden bin.

O brich aus mir, ersehntes Bruder-Ich!
Erschwing, ersinge dich und werde Ton.
Es steigt das Kreuz unendlich auf ins Licht.
Durch seine Himmel schwebt der Menschensohn.

Karl Stamm

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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35 Antworten zu Friedens-Gedicht von Karl Stamm

  1. Danke fürs Teilen. Ein wirklich eindringliches Gedicht. Ich wünsche Euch noch ein schönes Wochenende! LG Michael

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  2. brigwords schreibt:

    wow… ein wunderschönes und tief berührendes Gedicht!

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    • gkazakou schreibt:

      Danke brigwords! Es ist, wie ich eben schon kommentierend schrieb, heute kaum noch möglich, so zu schreiben. Und wäre doch so nötig! Empfinden, ja, empfinden können wir es auch heute. Aber wir finden nicht mehr die Worte für unsere Empfindung.

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      • Myriade schreibt:

        Nein, da bin ich nicht einverstanden. Es gibt auch sehr starke und beeindruckende Lyrik in einer Sprache, die für heute verständlicher und bewegender ist.

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      • gkazakou schreibt:

        Ich habe mich wohl nicht klar ausgedrückt, Myriade. Es geht um dieses Thema: Krieg! Um das Drama, einem Befehl unterworfen zu sein, der einen entweder zum Mörder oder zum Toten macht (oder zu beidem). Kennst du da entsprechendes in der Lyrik der Gegenwart? Es würde mich sehr interessieren.

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      • Myriade schreibt:

        Ach so, ich dachte du meinst die Sprache und Wortwahl in der Lyrik im allgemeinen. Ich bin da leider die falsche Ansprechpartnerin, weil ich wenig Lyrik lese. Ich halte es aber für undenkbar, dass das Thema Krieg und der furchtbare Konflikt zu töten oder selbst getötet zu werden in den letzten 50 Jahren nicht thematisiert worden wäre. Kriege gab es schließlich immer …

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Am meisten beeindrucken mich Deine eigenen Worte zu Beginn, Gerda. Es ist ein mahnender Aufruf an das Gewissen.
    Zu dem Gedicht: Wieso gilt die Kugel der Mutter? Das verstehe ich nicht. Auch der Schluß enthält für mich Fragen.

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  4. sagemaere schreibt:

    In der Tat ein sehr schönes und bewegendes Gedicht, danke!

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    • gkazakou schreibt:

      Tja, da bin ich nun auch um ein Jahrhundert zurückgegangen, auf der Suche nach Worten für das, was sich heute kaum jemand zu sagen getraut. Und sagt ers heute, so sagt er es nicht dichterisch, sondern argumentativ. Es scheint mir, dass uns, seit wir unsere Standpunkte kühl-rational und ergebnisoffen austauschen, auch die Sprache abhanden gekommen ist.

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      • brigwords schreibt:

        Ja, das ist so, liebe Gerda. Wir finden keine Worte mehr. Erfinden dafür nichtsnutzige, wie gendern, gell. Auch mir fehlen oft die Worte, um auszudrücken, was mich bewegt. Ich bin oft sprachlos. Liebe Grüsse Brig

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      • gkazakou schreibt:

        Da du das Thema aufbringst: Wie klingt das Gendern im Krieg? Heißt es nun: die das Land Verteidigenden, die Angreifenden, die getöteten Armeeangehörigen, die Befehlenden, die Sabotierenden, die Vergewaltigten, die Waffengeschwister, … oder soll man immer die männ*weibliche Form wählen, Saboteur*innen, Waffenbrüder*innen, Angreifer*innen, Kriegsherren und Kriegsdamen, Befehlshaber*innen …. Ich finde das schwierg, um wenig zu sagen.

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      • brigwords schreibt:

        Gendern und Krieg… es wird immer verwirrender…immerhin hat mich unser Wortwechsel zu einem Gedicht inspiriert 🙂 demnächst auf Brigwords.

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      • sagemaere schreibt:

        Ich danke Dir, mich auf diesen Dichter aufmerksam zu machen! Vor allem sein späteres, vom Expressionismus geprägtes Werk wird in einem meiner Kurse dieses Semester von Interesse sein!

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      • gkazakou schreibt:

        Das freut nun wieder mich sehr. Ich bin schon auf deine Gedichtsauswahl und seine Besprechungen gespannt. Womöglich könnte dieser Zufallsfund dem Dichter eine neue Chance geben, doch noch ein Publikum zu finden, das ihm zuhört?

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  5. Kriege sind Mord und Morde sind es Menschen nicht würdig.
    Und doch immer wieder dieses Hauen und Stechen…
    Wieviel Leid auf der Welt. Ich fasse es nicht, Gerda!

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  6. kopfundgestalt schreibt:

    Ich auch mal hier.

    In meiner weiteren Heimat gab es in letzter Zeit eine Diskussion um ein Denkmal. Wo es stehen sollte und so fort.

    Hitlerjungen, keine 16 Jahre alt, mussten damals Gefangene erschiessen. Ein Rollkommando hat das durchgesetzt.
    Ein Junge sagte zu seinem Vater: „Ich konn doch ken erschiess!“. Der Vater sagte: Wenn Du es nicht machst, sind wir dran.
    Mir stieg das Blut in den Kopf, als ich das letztes Jahr las.
    WAs ein Ausmass an Schuld/an Qual/ auch in den folgenden Generationen.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, Gerhard. Und das ist ja kein Ausnahmefall, es braucht auch kein Denkmal. Oder vielleicht doch, ein Denk-Mal wär schon richtig und wichtig. Es greift ja wieder die Ansicht um sich, dass ein Krieg zu irgendetwas Gutem taugt. Und mehr Waffen mehr Gutes bringen. Dabei bringen mehr Waffen nur mehr Kriegstage, mehr Tote, mehr Mörder, mehr Schuld, mehr Leid.

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  7. Danke! Ich habe es auf facebook geteilt, weil ich es für wichtig halte.
    Liebe Grüße Gerel

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  8. Elsbeth schreibt:

    Danke, Gerda für dies Gedicht ! Wenn auch in der Sprache des frühen 20.Jh und in gereimter Form, es trifft einen–und seine Aussagen sind überzeitlich gültig.
    Ich fand vor einiger Zeit dies Gedicht von MacLeish,
    mit der Übersetzung von Erich Fried….
    Junge Soldaten sterben. Und –nicht nur sie !!!
    Auf BEIDEN Seiten.
    Auch in diesem Krieg. Immer …
    ____________________________________________________

    Archibald MacLeish * (1892-1982)

    The young dead soldiers do not speak
    Nevertheless they are heard in the still houses: who
    has not heard them?
    They have a silence that speaks for them at night and
    when the clock counts.
    They say: We were young. We have died. Remember us.
    They say: We have done what we could but until it is finished it is not done.
    They say: We have given our lives but until it is
    finished no one can know what our lives gave.
    They say: Our deaths are not ours:
    they are yours:
    they will mean what you make them.
    They say: Whether our lives and our deaths
    were for peace and a new hope or for nothing we cannot say: it is
    you who must say this.
    They say: We leave you our deaths: give them their
    meaning: give them an end to the war and a true peace: give
    them a victory that ends the war and a peace afterwards: give
    them their meaning.
    We were young, they say. We have died. Remember us.
    ________________________________________________________________
    Die jungen toten Soldaten sprechen nicht.
    Aber man hört sie in stillen Häusern: Wer
    hat sie nicht gehört?
    Sie haben ein Schweigen, das spricht für sie, nachts,
    wenn die Uhr schlägt.
    Sie sagen: Wir waren jung. Wir sind gestorben. Denkt an uns.
    Sie sagen: Wir haben getan, was wir konnten, aber bevor es vorbei ist, ist es nicht getan.
    Sie sagen: Wir haben unser Leben gegeben, aber bevor es
    vorbei ist, kann keiner wissen, was unsere Leben gaben.
    Sie sagen: Unser Tod ist nicht unser:
    Er ist euer:
    Er wird bedeuten, was ihr daraus macht.
    Sie sagen: Ob unser Leben und Tod
    für Frieden war, und für neue Hoffnung, oder für nichts, können wir nicht sagen,
    denn ihr müsst es sagen.
    Sie sagen: Wir lassen euch unsere Tode. Gebt
    ihnen Sinn.
    Wir waren jung, sagen sie. Wir sind gestorben. Denkt an uns.
    Übersetzung Erich Fried

    *Archibald MacLeish nahm als Artillerie-Hauptmann der amerikanischen Armee am Ersten Weltkrieg teil. Wurde später Kulturbeauftragter der UNESCO, geriet in der McCarthy-Ära unter Verdacht mit linksgerichteten Ideen zu sympathisieren und verließ die politische Bühne. Er war Mitverfasser der Präambel der UNESCO, die mit dem Satz beginnt :
    “ Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Elsbeth, deine Kommentare sind mir immer sehr wertvoll, danke. Das von dir zitierte Gedicht löst bei mir diesmal sehr ambivalente Gefühle aus. McLeish war Hauptmann, er war Soldat, hat getötet und überlebt. Und geht nun her und nimmt denen, die nicht überlebt haben, auch noch ihren Tod weg? Nein, es WAR ihr Tod, und nachgeschobene Rechtfertigungen machen ihren Tod nicht richtiger, nicht wertvoller. Er, der Überlebende, unterschiebt den hilflosen Toten Worte und Gedanken, die seine und nicht ihre sind. Das ist Missbrauch. Ich verstehe natürlich die gute Absicht: Sie mögen nicht umsonst gestorben sein. Ich aber sage: Sie SIND TOT, ihr Leben ist weggeworfen worden, nichts anderes gibt es da zu sagen. Frieden wird nicht durch militärische Siege errungen, sondern durch friedliches Denken, durch das Fühlen des Bruder-Ichs im Anderen, durch das „Liebe-deine-Feinde“-Gebot. Die Präambel von UNESCO ist prinzipiell richtig. Aber auch dort gefällt mir nicht dies „muss“ und die passive Formulierung: „muss verankert werden“- Wer wirft sich da zum Menschheitserzieher auf? Die weitaus meisten Menschen wollen ja gar keinen Krieg, sie brauchen keine Erziehung zum Frieden. Leider werden sie stets zum Krieg erzogen, man macht ihnen den Krieg schmackhaft, nennt ihn „gerecht“,“alternativlos“, und mörderisch ist immer nur der andere, der Feind.

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  9. Elsbeth schreibt:

    Liebe Gerda, ich kann deine Argumente durchaus verstehen….
    Aber,
    –ich sehe keinen Grund, so den Stab über Mac Leish zu brechen. Was wissen wir denn schon ?Wie wurde er überhaupt Soldat ? Kann ich ihm etwa sein Soldatsein vorwerfen ?Hätte er eine Chance gehabt, dazu nein zu sagen ? (Wie mein Vater und Zigtausende Väter dieser Generation auch nicht, die einfach 1939 eingezogen wurden? )
    Was ich in dem Gedicht lese, ist , dass er genau aus diesen furchtbaren Erfahrungen offenbar gelernt hat: Schreibt Antikriegsgedichte. Gerade, weil er weiß, was es heißt, Soldat zu sein. Deshalb kann ich in seinen Worten auch nichts Falsches sehen. Schon gar keinen „Missbrauch“ .
    Du kritisierts dann auch heftig das “ muss“ in der Präambel der Verfassung der UNESCO . Nur— dies wird im November 1945 so formuliert, wenige Monate nach all dem unfassbaren Grauen des II. Weltkrieges…Mit einem deutlichen Willen zum “ Nie Wieder !… Für mich liegt in diesen, von Mac Leish mit-formulierten Worten, viel eher der Schwerpunkt darauf, dass Krieg UND Frieden keine Naturereignisse sind, sondern jeweils “ im Geist des Menschen“ entstehen, bevor sie „Taten“ werden.
    Liebe Gerda, mir sagt das Gedicht durchaus etwas. Aber nimm es wieder raus. Es muss ja nicht sein. ..
    Herzlich, Elsbeth

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Elsbeth, es liegt mir ganz und gar fern, einen Stab zu brechen über irgendeinen Menschen, und nun gar über einen so gutwilligen wie McLeish. Nein, es ging nicht gegen ihn, sondern gegen den Inhalt dessen, was ja nicht nur er immer wieder verkündet; dass es so etwas wie eine Rechtfertigung für den Krieg geben könnte. Und dass man, indem man die toten Soldaten dadurch ehrt, dass man das ehrt und rechtfertigt, was sie in den Tod geschickt hat: der „Dienst am Volk und Vaterland“, „Ruhm und Ehre des Vaterlands“ oder eben auch den „gerechten Krieg“. Natürlich nehme ich das Gedicht nicht aus dem Blog, denn es gab mir einen wichtigen Anstoß, noch einmal meine eigenen Gedanken und Gefühle zu klären. Dennoch bleibe ich bei dem, was ich „ambivalentes Gefühl“ nannte, und das auch das Wort „Nie wieder“ bei mir auslöst. Wenn man nicht begreift, warum es immer wieder zu dem kommt, das „nie wieder“ geschehen soll, ist es nur eine leere Worthülse. Es wird immer und immer wieder geschehen, solange die Menschen nicht bemerken, dass der „Feind“ ist wie sie selbst: Gut und böse, menschlich, hilflos, anmaßend, hilfsbereit, bestialisch, kindlich …. Wenn sie nicht im anderen sich selbst sehen und lieben. Wenn sie nichts und niemanden besiegen wollen, auch nicht sich selbst und ihre Schwäche.

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