Welttheater, 3. Akt, 6. Szene: Im Wald

Was zuletzt geschah: Trud, die sich fast ganz im Fragen verloren hatte, findet den Anschluss an die Gruppe. Es kann weitergehen.

Wilhelm:

Hier entlang meine Damen. Und verliert euch nicht wieder!

Der Wald ist verwunschen, das sage ich euch

So mancher sieht Zwerge, ein andrer hört Lieder

von Sylphen und Elfen, und denkt, im Gesträuch

da glänzen Najaden

und lassen Kaskaden

von Lichtern uns sehn

Ja, ich muss gestehn

dass ich schon sehr oft in den einsamen Nächten

mir wünschte, dass sie mir, dem Einsamen, brächten

die Liebe, den Frohsinn, das Spiel und den Tanz

die ich, so allein, schon vergessen fast ganz.

Spinnwebwald

Jenny (zu Wilhelm):

Ein komischer Wald, so einen sah ich noch nicht.

Sind Bäume und Büsche, und was ist dazwischen?

ein wenig wie Spinnweb, ein wenig wie Licht,

in das sich die Zweige der Bäume einmischen.

Was du da erzähltst von den Elfen und so

das ist wohl eher dein Pipapo?

 

Domna: 

„Du wacher Wald, inmitten wehen Wintern
hast du ein Frühlingsfühlen dir erkühnt,
und leise lässest du dein Silber sintern,
damit ich seh, wie deine Sehnsucht grünt.

Und wie mich weiter deine Wege führen,
erkenn ich kein Wohin und kein Woher
und weiß: vor deinen Tiefen waren Türen-
und sind nicht mehr.“*

Clara:

Domna, sag, von welchen Tieren

hast du eben grad gesprochen?

Ich möchte es so gern kapieren!

Sind Tiere da herumgekrochen?

Domna (lächelnd)

Nicht von Tieren liebes Kind

spricht der Dichter, den ich gern zitiere dann und wann.

von Türen spricht er, die oft sind

geschlossen, so dass mancher meint, dass er nicht weiter kann.

Doch selbst wenn dir die Wege sind verworren

und du nicht weißt woher wohin

soll niemals dir die Hoffnung ganz verdorren.

Es reicht, du weißt: ich bin.

Der Wald ist auch, er steht in Finsternis und Nächten

er steht in Kälte da, in Schnee und Eis

Er weiß von Göttern und von dunklen Mächten

und rührt, wenn Wind durchgeht, sein grünes Reis.

 

Wahrscheinlich gibts in diesem Wald auch Tiere.

jedweder Art, sehr große, mittlere und kleine

mit Flügeln, Beinen, manchmal sind es viere

dann wieder sechs und manchmal sinds gar keine.

Clara:

Gar keine Beine? Wie soll das wohl gehn?

Domna:

Die Schlänglein kriechen auf dem Bauch, hast du das nie gesehn?

Trud:

Ich hör euch fragen, also seid auch ihr

des Fragens noch nicht müd geworden?

Dann schaut mal her, was wimmelt hier?

Sind das Taranteln, die Insekten morden?

Wilhelm (hinzutretend):

Taranteln sind es nicht, sind kleine Spinnen

die in den Wäldern gern die Netze spannen.

Versuche, ihre Freundschaft zu gewinnen.

denn ganz kannst du sie leider nicht verbannen.

Danai:

Die Gottheit naht! und mit ihr Segen!

Wie freundlich alles glänzt und lacht!

Wie hell das Licht nun auf den Wegen

das ist der hohen Gottheit Macht.

Das Licht hat sich verändert. Hera die Göttin tritt zwischen den Bäumen hervor.

Verklärter Wald**

Hera

Ich grüß das Kind und euch, ihr lieben Frauen,

Und auch den Mann, der euch hierhergebracht.

Es möge Segen mit euch sein!  und wenn die lauen

Die Frühlingswinde durch die Wälder singen

Und wenn die Vögel ihre Nester bauen

Wenn Amselsang durch Aberndwolken klingen

Und wenn der Kuckuck ruft und lacht –

Dann seid gewiss: ich bin euch nah

Dann pflückt ein Kraut und zündet es euch an

Dass Rauch empor zum Himmel steigen kann

Wie es in alten Tagen noch geschah.

 

Doch jetzt setzt eure Wandrung fort

Schon bald seid ihr an Wilhelms Ort

———————————————————————————————————-*Rainer Maria Rilke „Du wacher Wald“
Aus der Sammlung Mir zur Feier

**Die Foto-Legebild-Collage (oben) habe ich hier mit einem weiteren Foto überblendet. Es ist ein  Ausschnitt eines Fotos, das ich heute bei Hannah sah und hier verwendete in der Erwartung, dass du, Hannah, es mir erlaubst. Wenn nicht, entferne ich es wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Antworten zu Welttheater, 3. Akt, 6. Szene: Im Wald

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Als Theater und Dichtung ist das alles wunderbar, Gerda. (Wie es im realen Leben weiterginge, weiß ich nicht, versuche aber manchmal, eine Verbindung herzustellen.)

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Diese Dichtung kommt an die großen Dichter schon nahe heran. Und so vieles kommt in uns in Bewegung. Das ist sehr belebend und anregend.

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    „Wenn Amselsang durch Abendwolken…“ Da hat sich ein r eingeschlichen.

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  4. Mitzi Irsaj schreibt:

    Wunderschön die Szenenbildner, Gerda. Ich bin beeindruckt von diesem Theaterstück und mag es die Figuren kennenzulernen. 🙂

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