
Diese Hochzeiter, liebe Myriade, wissen, was sich für den „schönsten Tag im Leben einer Frau“ gehört! Man kleide sich aufwendig (türkisblau die Braut, mit gleichfarbigem Schlips der Bräutigam! ist das eine neue Mode im Islam?), bestelle einen Fotografen und mache sich auf, an einem der herausragenden Punkte der Heimatstadt für das Foto zu posieren, das dann in einem Silberrahmen auf dem Büffet stehen wird, inmitten der anderen Fotos, die an die Umstände und Folgen dieses Ereignisses erinnern.
Solche Fotosessions zu beobachten und meinerseits zu fotografieren, habe ich manche Gelegenheit gehabt. Zum Beispiel am Niarchos-Zentrum in Faliron/Athen (hier), das ähnlich wie die Brücke in Istanbul Kultwert für Hochzeiter hat.

Im Oktober 2023 in Cadiz war die strahlende Braut, wie es sich gehört, aufwendig und anmutig verschleiert in Weiß erschienen. Der Brautvater im feierlichen Frack führte sie zur Kirche, um sie dem künftigen männlichen Beschützer zu übergeben. Weiße Zettelchen aus einer Kanone wirbelten um sie herum zu Boden – Glück verheißend.

Die Mitwirkenden an diesem Schauspiel waren nicht weniger aufwendig gewandet, die Frauen wie die Blüten Andalusiens, die Männer mit glatt gegeeltem schwarzem Haar. Ach, wann würden auch sie feierlich die Schwelle der Kirche überschreiten, raus aus dem jungfräulichen, rein in den ehrenwerten verheirateten Stand? Oder hatten sie letzteren schon erreicht?

Die Kirche hatte an diesem schönen Tag ein umfangreiches Programm zu bewältigen. Offenbar ist es der beliebteste Ort für derartige Veranstaltungen weit und breit.

Hier sieht man noch mal die glücksverheißenden Zettelchen durch die blauen lauen Lüfte wirbeln.

Auch „meine Bucht“ hat es geschafft, so manchen Hochzeitern als Kulisse zu diesen. Ein Foto-Shooting sah sie im September 2018. Ich fotografierte und skizzierte, während Tito fürs Photo posierte (hier sind noch mehr Fotos und Skizzen zu besichtigen).



Und ich selbst?
Wir haben zwar zwei Mal geheiratet, aber es ging ohne Brautkleid, Starfotos und Festivitäten ab. Unsere pekunären und ideologischen Verhältnisse waren der Hochzeitszeremonie nicht gewogen. Überhaupt: wozu sollte das Heiraten gut sein? Wir liebten uns, das reichte uns vollkommen. Aber wir wollten zusammenziehen, und das ging nicht ohne Trauschein. Ein damals (1967) in Schleswig-Holstein noch gültiges Gesetz verbot die Vermietung an unverheiratete Paare (Kuppeleiparagraph) – also eilten wir zum Standesamt, einen Freund und den vorbeireisenden Bruder als Trauzeugen anheuernd. Unsere Trauringe erstanden wir für wenig Geld beim Trödler und verloren sie bald wieder. Mein Mann trug den einzigen Anzug, den er als armer Gastarbeiter aus Griechenland mitgebracht hatte, und ich mein anthrazitfarbenes Konfirmationskostüm, das mir immer noch passte, wie ich erfreut feststellte.
Acht Monate später heirateten wir erneut, dieses Mal in Hamburg und griechisch orthodox, und auch jetzt trug ich kein Brautkleid, sondern ein schwarzes Schwangerschaftskleid mit hell-violetten Chiffonärmeln, das meine Mutter für diesen Zweck geschneidert hatte. Mein Mann trug den bereits bekannten einzigen Anzug. Ich war im achten Monat schwanger, und wir wollten den bürokratischen Hürdenlauf der Vaterschaftsanerkennung vermeiden. Sobald das Kind meinen Bauch verlassen würde, wäre es nämlich nach griechischem Recht ein „Bastard“ geworden. Die standesamtliche Eheschließung wurde von Athen nicht anerkannt („hinkende Ehe“) .
Durch die orthodoxe Trauung aber wurde unser Sohn Grieche, nur Grieche nach damaligem Recht, und ich als Mutter hatte, wie ich dann erfuhr, überhaupt keine Rechte. Um mit ihm zu verreisen, brauchte ich die Erlaubnis meines Mannes, auf dessen Pass er eingetragen war. Herrjeh! Entweder „unehelich“ oder entmündigt!
Ich bin sehr dankbar, dass all diese frauenfeindlichen Gesetze jetzt nicht mehr gelten. Der Kuppeleiparagraph wurde 1970 bundesweit abgeschafft (in Frankfurt, wohin wir 1970 zogen, galt er schon nicht mehr, aber es war schwierig für mit „Ausländern“ verheiratete Frauen, eine Wohnung zu finden).
Um diese Zeit etwa verschwand langsam die zuvor weit verbreitete Vorstellung, dass „Gastarbeiter“, deren Vertrag abgelaufen war, oder Studenten, die ihr Studienziel erreicht hatten, in ihre Heimatländer zurückkehren sollten – alle, also auch die mit einer Deutschen verheirateten. („Wenn die Frau ihren Mann liebt, wird sie ihm folgen“, meinte ein schleswig-holsteinischer Politiker. Und so hätte mein Mann nach Griechenland zurückgehen müssen – trotz Diktatur – , ein Grund mehr, 1970 ins liberale Frankfurt zu ziehen).
1974 konnte ich endlich für meinen Sohn einen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft stellen, und so wurde er Doppelstaatler.
Die Verpflichtung zur griechisch-orthodoxen Trauung wurde 1982 durch die PASOK-Regierung abgeschafft, die standesamtliche Trauung als ausreichend anerkannt.
Diese Anpassungen des Familienrechts wurden nicht von oben verhängt, sondern wurden von den Betroffenen mühevoll erkämpft. Die politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Widerstände gegen solche Reformen waren beachtlich, und von allen akzeptiert sind die meisten wohl bis heute nicht. Immer noch gibt es Menschen, die das Zusammenleben Unverheirateter unsittlich, die Eheschließung zwischen ethnisch Verschiedenen unerhört, die Selbstbestimmungsrechte der Frauen für übertrieben halten. Auf der Gegenseite gibt es die, denen die Reformen nicht weit genug gehen und/oder die alle staatlichen oder kirchlichen Ansprüche als übergriffig empfinden und zurückweisen. Die Mehrheit aber, vermute ich, denkt und fühlt im Grund liberal, heiratet aber religiös, weil sie alte Rituale wertschätzt und weil man sonst ja keine eindrucksvollen Hochzeitsfotos vorweisen könnte.
Möge jeder nach seiner Facon selig werden – meinte der Alte Fritz. Und das meine ich auch. Solange der Gesellschaft durch die Lebensentscheidungen des Einzelnen kein Schaden entsteht und die Rechte Anderer nicht verletzt werden, ist mir die Vielfalt lieb und recht.
Dies ist ein Beitrag zu Myriades „Impulswerkstatt“, 3. Foto.

Vor zwei Jahren schenkte er mir Blüten zum Weihnachtsgruß.



























