112 Stufen, 44: Besonnenheit (Ludwig Uhland)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Noch einmal kehre ich zum „Vormärz“ zurück, diesmal aber handelt es sich nicht um den feurigen Heinrich Heine oder den umtriebigen Georg Herwegh, sondern um den besonnenen Ludwig Uhland (1787-1862), dessen Namen ich erst im Gymnasium und dann später in meinen Tübinger Studienanfängen begegnete.

Mein Verhältnis zu Uhland war nicht liebevoll, sondern eher kritisch-naserümpfend. Dieser Tübinger Dichter und Politiker schien mir der Inbegriff der bisslosen akademischen Republikaner, die sich 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung mit den Fürsten und dem preußigen Königshaus um die Verfassung eines noch zu gründenden Deutschland balgten. Und seine zu seinen Lebzeiten und noch weit darüber hinaus so geschätzte volkstümliche Dichtkunst schien mir verdächtig. War es nicht Uhland, der das Lied „Ich hatt einen Kameraden“ dichtete, das der SA so lieb war und das auch heute noch vom deutschen und österreichischen Heer mit Inbrunst gesungen wird?

War er nicht besonders geehrtes Mitglied der Tübinger Schlagenden Verbindung „Germania“ (in der Nazizeit überführt in die Kameradschaft Ludwig Uhland), die mir samt all den anderen Burschenschaften, die ihre Häuser entlang des Neckar unterhielten, zutiefst verhasst war? Auch Carl Ludwig Sand (1795-1820), der den Dichter Kotzebue (1761-1819) – er hatte sich die Deutschnationalen und Antisemiten rund um den „Turnvater Jahn“ zu Feinden gemacht -, ermordete, gehörte dazu…

Kurzum, ein Rattenschwanz von Negativ-Gefühlen und Vorurteilen verband sich mir mit dem Namen Ludwig Uhland. Schade eigentlich, denn er selbst war ein ruhiger, besonnener Mann, der es gut mit Deutschland meinte und sich niemals fanatisierte. Ihm schwebte zwar eine „großdeutsche Lösung“ unter Einbeziehung von Deutsch-Österreich vor, aber ein gewaltsamer „Anschluss“ hätte ihm ferngelegen. Er stritt für die Abschaffung des Adels und wünschte sich, wenn sich das Königtum nicht ganz vermeiden ließ, das mittelalterliche Wahlkönigtum für das zu gründende Deutschland. Er vertrat diese seine Auffassungen in den Parlamenten, in die er von seinen Mitbürgern geschickt wurde, in ruhiger verständlicher Sprache und oft genug auch in Gedichtsform. Er war Jurist, ein wenig trocken und schüchtern und ziemlich wortkarg, vor allem aber war er ein Mediavelist, der sich der Mühe unterzog, das deutsche Mittelalter anhand der auf viele Orte verstreuten Dokumente ans Licht der Moderne zu ziehen. Seine Dichtung sprach zu den Deutschen seiner Zeit, und durch die Kompositionen von Franz Schubert, Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy wurden sie zu einem Bestandteil des deutschen Liederbes. Politisch steht er am Beginn des Gedankens der deutschen Einheit in demokratischer Verfassung, als Volksvertretung noch meinte, was das Wort sagte: Vertretung des Volks durch frei gewählte Repräsentanten. Kann man ihn verantwortlich machen für das, was weniger gemäßigte Nachgeborene mit seiner Dichtung anstellten? Sicher nicht.

Und so mag sein 1816 verfasstes politisches Gedicht „An die Volksvertreter“ hier für den Begriff „Besonnenheit“ stehen.

An die Volksvertreter (1816)

Ludwig Uhland

Schaffet fort am guten Werke
Mit Besonnenheit und Stärke!
Laßt euch nicht das Lob betören!
Laßt euch nicht den Tadel stören!

Tadeln euch die Überweisen,
Die um eigne Sonnen kreisen:
Haltet fester nur am echten,
Alterprobten einfach Rechten!

Höhnen euch die herzlos Kalten,
Die Erglühn für Torheit halten:
Brennet heißer nur und treuer
Von des edlen Eifers Feuer!

Schmähn euch jene, die zum Guten
Lautern Antrieb nie vermuten:
Zeigt in desto schönrer Klarheit
Reinen Sinn für Recht und Wahrheit!

Was ihr Treues uns erwiesen,
Sei von uns mit Dank gepriesen!
Was ihr ferner werdet bauen,
Sei erwartet mit Vertrauen!

Beerdigung Ludwig Uhlands auf dem Tübinger Stadfriedhof. Das Das Senken der Fahnen über dem Sarge, Zeitgenössischer Holzstich. (Abb bei Wikipedia)

 

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112 Stufen, 43: Lügen (Carlo Collodi, Alexej Tolstoi)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Wer kennt nicht Pinocchio? Er ist geradezu das Urbild kindlicher Helden, die zwecks Erziehung und Unterhaltung der Kleinen erfunden wurden. Die message: Lass das Lügen, es kommt eh raus. Denn dem Lügner wächst eine lange Nase, und so oft er sich auch daran greift, sie verschwindet nicht, bevor er nicht mit der Wahrheit herausrückt. Carlo Callodi hat mit diesem sympathischen Helden die Kinder und Eltern des ausgehenden 19. Jahrhunderts unterhalten – 1881 als Fortsetzungsgeschichte unter dem Titel Le Avventure Di Pinocchio: Storia Di Un Burattino (Geschichte eines Hampelmanns), woraus 1883 dann das Buch Le avventure di Pinocchio wurde.

Seither hat Pinocchio nicht nur unzählige Kinder in aller Welt, sondern auch viele Autoren, Puppenspieler und -schnitzer, Filmemacher, Schauspieler, Theaterleute, Komponisten inspiriert. Er ist wahrhaftig unsterblich.

Auch in unserer Athener Wohnung hängt er:

Mein Mann erwarb ihn einst in Palermo.

Dora, der Jahresgenius von 2022, liebte ihn besonders.

Pinocchio mit Dora, dem Jahresgenius von 2022

Auf Wahlzetteln, die ich mit nach Hause nahm, fand er seinen höchst passenden Platz.

 

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Der russische Schriftsteller Alexei Nikolajewitsch Graf Tolstoi (1882-1945) hat den Stoff 1936 aufgegriffen, aber den kleinen Kerl ganz anders interpretiert. Und ich muss sagen: diese Geschichte gefällt mir noch viel besser als das Original. Denn Pinocchio hat seine lange Nase gar nicht durchs Lügen, sondern durch einen Schnitzfehler des „Papas“ erhalten. Und am Ende seiner Abenteuer erhält er von der Schildkröte den verloren gegangenen goldenen Schlüssel zu einer geheimen Tür, die den Raum zu einer freien Puppenbühne öffnet, die nicht unter der tyrannischen Gewalt des Oberpuppenspielers Karabas Barabas steht und ihm und seinen Freunden ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung ermöglicht.

Dieser „Burattino“ von Alexej Tolstoi (nicht zu verwechseln mit Leo Tolstoi) ist in Russland immer noch sehr populär. Vier mal, in den Jahren 1939, 1959, 1975 und 2009 wurde seine Geschichte auf russisch verfilmt. Sein Ebenbild schmückt viele Stätten des alten Russland, des ehemaligen Sowjetreiches und der neuen daraus hervorgegangenen Staaten, so auch vier Orte in Kiev. In ganz Osteuropa (auch in Athen) gibt es Cafes, Theater, Bars mit seinem Namen, und 1992 hat sogar eine Briefmarke bekommen.

Über den Autor kann man bei Wikipedia wenig Schmeichelhaftes nachlesen. Es ist die Biografie eines Mannes, der erst die Weisrussische Armee gegen die Bolschewiki unterstützte, dann ins Exil ging, sich später mit der sowjetischen Führung arrangierte und kollaborierte. Die Gestapo führte ihn zusammen mit Stalin auf der Hauptliste der Feinde des Deutschen Reichs. Von seinen literarischen Werken geblieben ist vor allem die Geschichte von „Pinocchio mit dem goldenen Schlüsselchen“. Und das ist ja immerhin auch nicht wenig.

 

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Archivbild der Woche: 13. Juli 2017 (Feuerwellen, Wasserwellen)

Es macht Spaß, dank Heide von der Puzzleblume, ins Archiv hinabzusteigen und zu schauen, womit ich in früheren Jahren an einem Tag wie diesem befasst war. Diesmal ging ich ins Jahr 2017 zurück und fand unter dem 13. Juli eine Farbzeichnung mit dem Titel „Feuerwellen – Meereswellen“.

Pinsel, Pigmente und Kleister auf Pappe (13. Juli 2017)

Offenbar war der Juli 2017 viel heißer als der diesjährige, denn ich schrieb zum Bild: An Tagen wie diesen, an denen das Thermometer tagsüber um die 40-Grad-Marke herumschwankt, kühle ich mich in Meereswellen, sobald die Feuerwellen der Sonne meinem Organismus allzu heftig zusetzen. Im Bild stellte sich mir dieses Wechselbad so dar…

Und wie sind die Temperaturen in diesem Jahr? Sehr gemäßigt schwanken sie um die 30- Grad-Marke, und das soll auch so bleiben. Die nächste „Hitzewelle“ soll hier, in der südlichen Peloponnes, grad mal 33 Grad erreichen. In Athen werden es wohl 36 Grad, was, wenn man mich fragt, an der dichten Bebauung und den Orten, an denen gemessen wird, liegt. Hinzu kommt, dass jetzt Millionen Klimaanlagen laufen, die die Atmosphäre drinnen kühlen und draußen aufheizen. Klimaanlagen sind ja im Prinzip nichts anderes als Wärmetauscher.

Arbeitsprinzip des Platten-Wärmetauschers in Klimaanlagen: (Quelle)
Der Platten-Wärmetauscher ist ein entscheidendes Element im Betrieb eines Klimaanlagensystems. Sowohl der Verdampfer der Klimaanlage als auch der Verflüssiger der Klimaanlage, also die grundlegenden Geräte des Klimaanlagensystems, sind Platten-Wärmetauscher. Diese Wärmetauscher behandeln zwei Medien in unterschiedlichen Aggregatzuständen – Flüssigkeit und Gas.
Der Verdampfer der Klimaanlage ist für die Aufnahme von Wärme aus der Luft und die Verdampfung des Kältemittels verantwortlich, das durch seine Kanäle strömt. Auf diese Weise wird die Luft gekühlt und in den Raum geblasen.
Der Verflüssiger der Klimaanlage dagegen soll die im Gebäude aufgenommene Wärme nach außen ableiten. Dies ist durch physikalische Veränderungen im Verflüssiger möglich (die Verflüssigung des Kältemittels führt zu seiner Abkühlung, Änderung des Aggregatzustands von gasförmig zu flüssig und folglich zur Abgabe von Wärme an die Umgebung).

 

Wenngleich die Temperaturen angenehm gemäßigt sind,  werde ich mich jetzt zum Ausklang des Tages noch mal in die Meereswellen schmeißen. Kommt gut in die Woche!

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Mond und Meer im Zusammenklang

Bei diesem hellen Zusammenklang von Mond und Meer – wie soll ich da schlafen?

Nun, ganz so hell wie auf dem Foto ist es auf meinem luftigen Lager nicht, und der Mond verschwimmt nicht mit seinem Hof, sondern hat eine klare Kontur. Und so sind diese Sommernächte auf der Turmterrasse wirklich magisch.

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112 Stufen, 42: Warnung (Heinrich Heine)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Erstaunlich viele Dichter haben Warnungen an ihre Leser oder auch an im Gedicht Angesprochene ausgesprochen. Das stellte ich fest, als ich nach dem genauen Wortlaut eines Gedichts von Heinrich Heine, das in meiner Erinnerung aufschien, suchte. Da warnt der eifersüchtige Liebhaber die Liebste, sich ja nicht mit einem anderen erwischen zu lassen (Richard Dehmel), da warnt ein anderer vor dem „Tier in mir“ (F.W. Bernstein), eine warnt vor sich selber, dass sie, sobald sie alt und hässlich ist, einen lila Hut tragen und auch sonst allerlei Anstößiges treiben wird (Jenny Joseph), einer warnt, dass die Diskriminierung einer Thüringer Ortschaft böse Folgen fürs Commenwealth haben wird (Reinhard Lettau), Erich Kästner warnt davor, sich eine Kugel ins Hirn zu pflanzen, weil einem die Welt nicht gefällt, Goethe warnt sein Liebchen, ihn endlich zu erhören, da beim Jüngsten Gericht alle Wörter gerechtfertigt werden müssen, Karl May warnt vor der unvermeidlichen Reue im Moment des Sterbens, wenn man „ein Menschenherz gegrämt“ hat, Hilde Domin warnt vor dem Moment, wo

alles dich einläd,
das ist die Stunde
wo dich alles verläßt.

(Hilde Domin (2009) Sämtliche Gedichte, S. Fischer Verlag)

Ich aber bleibe beim Klassiker aller Warner, bei Heinrich Heine, der genaugenommen kein Warner, sondern ein ironischer Kommentator der Verleger ist, die oft genug nicht den Schneid hatten (und haben), „solche Bücher“ drucken zu lassen. Da weiß man doch, wovor er warnt, und hütet sich!

Legebild aus diversen eigenen Schnipseln und einer Zensur-Schere

Warnung

Solche Bücher läßt du drucken!

Teurer Freund, du bist verloren!

Willst du Geld und Ehre haben,

Mußt du dich gehörig ducken.

 

Nimmer hätt ich dir geraten,

So zu sprechen vor dem Volke,

So zu sprechen von den Pfaffen

Und von hohen Potentaten!

 

Teurer Freund, du bist verloren!

Fürsten haben lange Arme,

Pfaffen haben lange Zungen,

Und das Volk hat lange Ohren!

Legebild mit Schnipseln, die Hannah (Lyrikblog) mir schenkte.

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In der Zeichenschule 37: Modellzeichnen

Seit dem April war ich nicht mehr zeichnen, die Zeiten passten mir nicht, und ich hatte auch keine besondere Lust auf Gipsköpfe, wenn draußen der Sommer brütet. Gestern aber benachrichtigte man mich, dass es am Abend wieder Modellzeichnen gebe, und so eilte ich hin.

Eine junge Frau in Shorts, ein etwas verändertes Surrounding – nicht besonders inspirierend, aber für den fleißigen Zeichner spielt das keine Rolle. Er bemüht sich, und nach drei halbstündigen Sitzungen steht dann auch ein Ergebnis da.

Die Zeichnungen einer Mitstreiterin und des jungen Lehrers habe ich auch in der Endphase fotografiert.

 

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112 Stufen, 40: noch mal Trauma (Valeria Petkova)

Heute sah und hörte ich ein sehr sympathisches und interessantes Gespräch von Dr. Rüdiger Lenz mit Dr. Valeria Petkova. Frau Petkova ist gebürtige Bulgarin, Neurowissenschaftlerin und psychologische Psychotherapeutin, die in Berlin mit dem Schwerpunkt Traumaverarbeitung und Traumatherapie tätig ist. Man erfährt viel Wissenswertes über das, womit sie als Traumatherapeutin konfrontiert ist. Vor allem aber erläutert sie ihre Gedanken zum Artikel „The Bible revisited“, den sie kürzlich veröffentlichte.

Sehr empfehlenswert für Mitlesende, die sich für Trauma und Traumatherapie und für archäotypische Motive im menschlichen Werdegang interessieren.

https://apolut.net/m-pathie-zu-gast-heute-dr-valeria-petkova-mysterium-trauma/

 

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112 Stufen, 41: wirr (Christian Morgenstern)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Vieles fällt mir zu diesem Wörtchen ein, denn wir leben in zutiefst verwirrten Zeiten, wo mir sämtliche politischen und ethischen Begriffe auf den Kopf gestellt zu sein scheinen. Und so frage ich mich oft: Soll ich offen Stellung beziehen? soll i aus meim Hause raus, soll i aus meim Hause nit raus? Und weiß mir keine Antwort.

Christian Morgenstern
Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst

Soll i aus meim Hause raus?
Soll i aus meim Hause nit raus?
Einen Schritt raus?
Lieber nit raus?
Hausenitraus –
Hauseraus
Hauseritraus
Hausenaus
Rauserauserauserause …

Illustration zu ur-und-die-erschaffung-der-welt-abc-etuede-und-impulswerkstatt-

Natürlich bin ich nicht sooo verwirrt wie die Morgensternsche Hausschnecke und schaffe es stets, hinauszugehen und Freude zu suchen. Denn, wie ich in einer Sommerpausenetüde (hier) mal dichtete: bin weder Schnecke, weder Maus….

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Wer drin bleibt, hat es bald bereut

Vergällt die Lebensgeister

Drum schnell hinaus aus deinem Haus

Bist keine Schnecke, keine Maus

Bist Wasserläufer-Meister

 

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112 Stufen, 40: Trauma (Gerda Kazakou)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Trauma“ ist ein griechisches Wort und bedeutet „Wunde“. Die griechische Mythologie ist reich an Helden, die an einer schweren Wunde leiden und nicht sterben können. Diese Wunden werden freilich rein körperlich aufgefasst. Erst die neuere Psychologie erforscht die verwundete Seele „als solche“.

Baum-Wunde

Als fürchterliches Beispiel eines Traumas erwähnt sei der griechische Held Philoktet, der sowohl auf der Argo mitfuhr, um das Goldene Vlies aus Kolchis zu rauben („heimzubringen“), als auch zur Belagerung von Troja aufbrach, aber nach einer bösen stinkenden Verwundung verraten und auf einer Insel ausgesetzt wurde. Erst als der Krieg ohne ihn nicht zu beenden war, erinnerte man sich seiner. Sein Leiden wurde in späteren Jahren immer wieder zum Thema der Maler und Dichter, so Sophokles (hier) oder auch Heiner Müller (hier).

Bild des Philoktetes von Germain-Jean Drouais, um 1786

Philoktet war es gewesen, der sich traute, den Holzstoß anzuzünden, den Herakles geschichtet hatte, um sich selbst darauf zu verbrennen. Alle anderen wichen zurück. Warum aber wollte Herakles sich selbst verbrennen? Weil auch er ein Verwundeter, ein Verbrennender war, der nicht sterben konnte. Darf ich ein wenig erzählen? Die folgende Unterhaltung findet in meinem Romanfragment „Schwanenwege“ in einem Lokal bei Genua statt, dessen Spezialität Perlhühner (Numida meleagris) sind.

***

….Elisabeth schaute zwischen zwei Bissen missbilligend auf ihre Kinder. Wie Harald sich benommen hatte, ganz ungehörig! Auch Gises Verhalten ließ zu wünschen übrig, wie sie kicherte und errötete, während ihr alter Freund sich – ungeachtet ihrer Sorgen – über diese lächerlichen Geschichten von einer Mutter verbreitete, die ihren Sohn umbringt. Ein bisschen geschmacklos war er ja immer schon gewesen, der gute Antonio.

Dieser ging unterdessen den Verzweigungen des Mythos weiter nach: „Es wird erzählt, dass Herakles, als er in die Unterwelt hinabstieg, um den Höllenhund zu holen, als erstes auf den Geist des Meleager traf. Die beiden kannten sich gut, denn Herakles hatte Meleagers Schwester Deianeira ein Heiratsversprechen gegeben: ‘Ich möchte dich an dein Versprechen erinnern’, sagte der Geist des Meleager. ‘Kümmer dich bitte um sie! Sie weint sich die Augen aus, weil sie dich für tot hält’“.

„Diese Schwester lebte also und wurde kein Perlhuhn?“ fragte Gise und kicherte nervös.

Herr Salieri lachte anerkennend: „Gut aufgepasst, Gise! Nein, diese Schwester blieb verschont. Sie war sogar sehr schön. Herakles heiratete sie wie versprochen – und besiegelte damit sein Schicksal.“

„Wieso?“ fragten Gise und Elisabeth gleichzeitig in die Pause hinein, die Herr Salieri kunstvoll eingelegt hatte.

„Was heißt hier: er besiegelte sein Schicksal?“ forschte Elisabeth. Der Wein hatte ihre Wangen gerötet, und ihre Augen glänzten fiebrig. „Ist die Ehe denn so etwas Schlimmes?“ Sie würde nie vor Antonio und den Kindern zugeben, dass sie genau das dachte: Damals, als sie Nils heiratete, hatte sie ihr Schicksal besiegelt.

„Wollt ihr wirklich die ganze Geschichte hören, meine Lieben? Kein Happyend a la Hollyood, leider..“

„Schlimmer als die mit Meleager wird sie schon nicht werden,“ meinte Gise zuversichtlich.

„Glauben Sie? Die Griechen waren unerhört einfallsreich, wenn es darum ging, kunstreich tragische Knoten zu knüpfen. Aber hören Sie selbst:

Es begann mit der Hochzeitsreise von Herakles und Deianeira. Das junge Paar musste unterwegs einen breiten Fluss überqueren. Als Fährmann war dort ein Zentaur namens Nessos tätig. Ihr wisst, was ein Zentaur ist? Gut. Also, die junge Frau setzt sich auf Nessos’ Rücken und lässt sich von ihm hinübertragen. Nessos gefällt seine reizende Last so sehr, dass er, kaum erreichen  sie das andere Ufer, mit ihr auf und davon galoppiert. Herakles schickt ihm einen seiner vergifteten Pfeile hinterher und trifft ihn. Sterbend flüstert Nessos der schönen Deianeira ins Ohr: ‘Tauche dein Tuch in meine blutende Wunde und mach eine Salbe daraus. Wenn Herakles dir einmal untreu wird, bestreiche damit sein Gewand, und du gewinnst ihn sicher zurück.’“.

Herr Salieri hatte diese Sätze so dramatisch in Gises Ohr geflüstert, dass diese, beschwipst von Wein und Übermüdung, aufgeregt gackerte: „Eine Liebessalbe!“

„Ja, Gise, das glaubte auch Deianeira. Und da sie bald Grund hatte, an Herakles’ Treue zu zweifeln, präparierte sie ein Untergewand mit der Salbe – und o weh: Herakles zog es an!“

Hier machte Herr Salieri wieder eine Kunstpause und blickte, die Augenbrauen über den hellblauen Augen dramatisch  hochgezogen, in die Runde.

„Na, und weiter?“ konnte Harald sich nicht enthalten zu fragen.

„Ach, Harald, die Frauen! Ihre Eifersucht ist uns Männern gefährlich! Das Gift seines eigenen Pfeils – es stammte vom Blut der Hydra, der er in einem früheren Abenteuer die Köpfe abgeschlagen hatte – kehrte über Nessos’ Wunde zu ihm selbst zurück und brachte ihn um. Das Hemd brannte sich nämlich in seine Haut ein. Unmöglich es zu entfernen. Herakles litt Höllenqualen. Um sie abzukürzen, ließ er einen Scheiterhaufen schichten, wie man ihn für die Toten machte, und ließ sich hinauftragen. Dann befahl er, den Holzstoß anzuzünden. Doch ehe er verbrannte, entführten ihn die Götter in die Unsterblichkeit.

Und was tat die Schwester des Meleager, die schöne Deianeira? Sie erhängte sich aus Gram über den Tod ihres Gatten.“

….

***

Und was wurde aus Philoktet? Herakles vermachte ihm wegen der Hilfe bei der Selbstverbrennung seinen Bogen und die vergifteten Pfeile. Drum galt er auch als unverzichtbar für den trojanischen Feldzug. Doch unterwegs wurde er von einer Schlange in den Fuß gebissen, die Wunde schwärte und stank fürchterlich, und der Held schrie Tag und Nacht vor rasenden Schmerzen. Die Genossen setzten ihn, um sein Geschrei nicht länger zu hören, auf der Insel Lemnos aus.  Als der Krieg sich hinzog und nach zehn Jahren immer noch nicht vorbei war, erinnerten sie sich an den Ausgesetzten und die Weissagung, dass nur mit den Pfeilen des Herakles der Krieg zu gewinnen sei. Die Geschichte, wie es gelang, den schwer kranken Philoktet zu bewegen, den verräterischen Genossen zu helfen und wie er geheilt wurde, will ich nicht auch noch erzählen. Jedenfalls erschoss er schließlich den trojanischen Prinzen Paris mit einem der vergifteten Pfeile. Sein Lohn für die Heldentat: 7 trojanische Jungfrauen und auch sonst noch allerlei Hübsches.

Er blieb, scheint es, trotz seiner Leidenserfahrung auch danach seinem kriegerischen Beruf treu, gründete aber auch Städte in Unteritalien und widmete schließlich die vergifteten Pfeile dem Apoll. Ob es diese mit dem Gift der Hydra* durchtränkten Pfeile des Sonnengottes oder der Ungeist des Krieges sind, die heute die Erde verbrennen, weiß ich nicht zu sagen. Vielleicht sind sie ja ein- und dasselbe.

*hydr-, gr. ὕδωr ist eine proto-indo-europäische Wurzel und bedeutet feucht, nass, Wasser. Herakles tötete die Hydra = er legte Sümpfe trocken. Im Deutschen als Hydraulik, Hydrat, Hydrolyse, Hydrografie, Hydrologie, hydrophil, hydrophob etc

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: mit wilden Gladiolen beschenkt werden

Viel war in den letzten Tagen hier los, denn ich hatte Besuch. Und mit dem Besuch besuchte ich einige meiner hiesigen Freundinnen. So waren wir auch bei Christina, Samenexpertin und Recyclingkünstlerin. Sie schenkte mir nicht nur selbst zubereitete Lotion und Schampoo für die Haare und Tomatenpflänzchen (alte Sorten) für den Garten, sondern auch drei Knollen wilder Gladiolen. Fasziniert betrachtete ich diese mir ganz unbekannten Knollen, fotografierte dann eine in Christinas Hand.

Morgen will ich sie eingraben und die Stelle markieren, in der Hoffnung, dass dort dann im Herbst die langstielige wilde Gladiole mit ihren feinen rötlichen Blüten erscheint.

Wilde Gladiole, Gladiolus communis byzantinus

Quelle dieses Blütenfotos: hier.

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