112 Stufen, 39: betrübt (J.W.Goethe, Beethoven)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Clärchen und Graf Egmont, Glasscherben-Legebild

Die Zeile „himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ stellte sich sogleich in meinem Gedächtnis ein. Woher sie stammt und von wem? Na, von Johann Wolfgang natürlich! Wer sonst schrieb so prägnante Zeilen, die über die Jahrhunderte populär blieben und sogar Teil der Alltagssprache wurden? Klärchen, verliebt in den Grafen Egmont, singt es im gleichnamigen Trauerspiel („Egmont“), an dem Goethe in den Jahren 1775-1787 schrieb und das 1788 erstmals veröffentlicht, 1789 uraufgeführt wurde.  Dass in dem Stück auch ein „Macchiavell“ vorkommt, verbindet diese Stufe schön mit der vorangegangenen – auch wenn der „echte“ Macchiavelli schon lange tot war, als der Niederländische Krieg tobte. Das Drama spielt um 1566–1568.

Clärchens Lied

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Marcel Reich-Ranicki rühmt dieses Gedicht mit seinen dreiundzwanzig Worten als „das schönste, das vollkommenste erotische Gedicht in deutscher Sprache“. (zitiert nach Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007)

Weniger überzeugt ist Clärchens Mutter, die Clärchens Liebeslied schroff mit „Lass das Heiopopeio“ kommentiert. Als Bürgerin ist sie alles andere als begeistert über die Liaison ihrer Tochter mit dem Grafen.  „Die Jugend und die schöne Liebe, alles hat sein Ende; und es kommt eine Zeit, wo man Gott dankt, wenn man irgendwo unterkriechen kann.“ Ach, immer diese prosaischen Mütter! Clärchen nimmt lieber vom Leben als von der Liebe Abschied. Ach, diese unerbittliche jugendliche Verliebtheit! Drum ist das Stück auch ein „Trauerspiel“.

Goethe hatte von Anfang an Musik integrieren wollen, es gab auch mehrere kompositorische Anläufe, aber erst Beethoven schrieb 1809 im Auftrag des Wiener Burgtheaters die bekannte Bühnenmusik.

 

 

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112 Stufen 38, Beherrschung

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der Herrscher (Tarotkarte. Legebild)

Beherrscher oder Selbstbeherrschung? Das ist die Frage. Und als ich sie wälzte, tauchte eine verschüttete Liedzeile in mir auf:

Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.

Ich muss sie wohl während der Schulzeit oder auch im Germanistikstudium irgendeinmal aufgesammelt haben. Ich suchte und fand das gesamte Gedicht samt Autor, die Zeile stammt aus ein Sonett von Paul Fleming (1609-1640), Arzt und Dichter des Barock und Zeitgenosse des Dreißigjährigen Kriegs.

Das Sonett lautet:

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.

In seinem nach unseren heutigen Maßstäben kurz bemessenen Leben brachte der sächsische Pastorensohn Paul Fleming nicht nur eine beträchtliche Zahl wohlgestalteter Sonette in lateinischer und teutscher Sprache hervor, er absolvierte auch ein Medizinstudium und gelangte mit einer  Gesandtschaft des Herzogs Friedrich III von Schleswig-Holstein-Gottorf über Nowgrorod nach Moskau (1634-35) sowie Reval (Tallinn, schwedisch-Estland), 1637-1639 nach Persien (Isfahan). Er heiratete eine Hamburger Kaufmannstochter, deren Schwester er zuvor seine Liebessonette gewidmet hatte (diese heiratete ihren Hauslehrer), promovierte 1640 an der Universität Leiden (1575 im protestantischen Norden der Niederlande gegründet) und starb im selben Jahr an einer Lungenentzündung, die er sich von Leiden nach Hamburg reisend zugezogen hatte.

Die sechs Jahre im Ausland haben ihn wohl vor den größten Gräueln des 30jährigen Kriegs bewahrt, aber auch sie fanden in seine Lyrik Eingang.

Neu, so Hans-Georg Kemper, sei in Flemings Sonetten der „Ton eines erlebten und erlebend reflektierenden Ichs“ (zitiert nach Wikipedia). Das ist auch der Grund, warum ich dieses Gedicht nun hierher gestellt habe.  Die Sonne drehte sich zwar allmählich nicht mehr um die Erde, seit Kopernikus 1543 sein Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium veröffentlicht hatte, aber die Erde begann, sich ums Ich zu drehen. Und so ist es bis heute geblieben.

Oder?

Es gibt Stimmen, die behaupten: nicht der selbstbeherrschte Mensch, sondern Money makes the World go round.

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Dienstags-Drabble: Die Alte und der Soldat (kata-strophisch)

In hundert Worten eine Geschichte erzählen, dazu noch gereimt und unter Verwendung dreier vorgegebener Wörter – das ist nicht ganz einfach, zumal wenn die zu erzählende Geschichte sehr ernst ist. Ich habs trotzdem versucht. Die von Heide, Puzzleblume vorgegebenen Wörter sind: Willensfreiheit – unlustig – erleben.

„Warum ach warum erschießt du, Soldat

Den Menschen, der fremd dir, der gar nichts dir tat?“

 

Der Soldat dreht sich um, und er sieht eine Alte

Ihr Gesicht ist verdorrt, eine einzige Falte.

 

„Muss ich denn nicht töten, wie man’s mir befahl?

Ist dir denn, du Alte, die Heimat egal?

 

Ich schulde ihr alles, und so muss ich geben

Das, was ich erhielt, meine Jugend, mein Leben.“

 

„Die erhieltst du von Gott, und der gab dir Verstand

Und Willensfreiheit dazu, um zu dienen dem Land

 

Mit friedlichem Sinn, statt unlustig ergeben!

Nur so kannst den Sinn der Pflicht du erleben.“

 

Die Schnipsel stammen von Ulli Gau, oben im Original, unten farbverändert.

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112 Stufen, 37: beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Drunter und Drüber (Schnipsel von Marie Mandarin)

Dieser Treppenabschnitt geht mir grad ziemlich gegen den Strich: lauter negative Gefühle wollen da bedient sein, bisher schon „bösartig – Drohung – beschimpfen – Wut – Neid – Vorwurf“.  Und nun also „beleidigt sein“. In meinem privaten Bereich spielen alle diese Emotionen eine geringe bis gar keine Rolle, im literarischen Gedächtnis zu graben, bringt auch nichts zum Vorschein. Also wende ich mich der politischen Gegenwart zu, in der all das leider böse grassiert.

Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber mir scheint, dass die politische Sprache sich arg vergröbert hat, und zwar ausgehend von der Spitze der Pyramide („der Fisch stinkt vom Kopf“). Drohungen wechseln ab mit Beleidigungen, Beschimpfungen mit Lobhudeleien. Von den Drohungen und Beleidigungen wird dann auch schon mal übergegangen zu Bombenabwürfen und persönlichen Morden, wodurch sich die Atmosphäre nicht etwa bereinigt. Kaum schweigen die Waffen, gleich beginnt der Reigen von Beleidigungen und Drohungen von vorn.

Ist das klug? Der sonst durchaus nicht zimperliche italienische Staatstheoretiker Niccolò Macchiavelli (1469 – 1527) sagt: Nein. Klug ist, wer seinem Feind weder droht noch ihn beleidigt. Daran gemessen sind der heutige US-Präsident und die meisten der europäischen Politiker tatsächlich sehr dumm. Denn unablässig reizen sie ihre Gegner durch Drohungen und Beleidigungen, ohne sie schwächen zu können.

Ich halte es für einen der größten Beweise menschlicher Klugheit, sich in seinen Worten jeder Drohung oder Beleidigung zu enthalten. Weder das eine noch das andere schwächt den Feind, vielmehr machen ihn Drohungen nur vorsichtiger, und Beleidigungen steigern seinen Haß gegen dich und beflügeln ihn, nachhaltiger auf dein Verderben zu sinnen.

(zitiert nach Aphorismen.de)

Wie war das doch gleich? Der geistliche Führer der Iran wurde durch den US-Präsidenten beleidigt (fühlte sich beleidigt), und umgehend wurden zwei Fatwas aufgelegt, die jedem Gläubigen erlauben, den Beleidiger zu ermorden.

Und wie war das in Bezug auf den russischen Präsidenten? Haben die gegen ihn ausgestoßenen Drohungen und Beleidigungen ihn etwa eingeschüchtert? Ganz im Gegenteil: sie haben ihn gewarnt und haben ihn beflügelt…

Der chinesische Präsident …. dito.

Wenn man mich beleidigt – ja, das ist auch schon mal vorgekommen -, wie ist dann meine Reaktion? Bin ich beleidigt? Nein, ich bin wütend und denke darüber nach, wie ich es dem Beleidiger heimzahlen kann. Oder ich zucke die Achseln und sage: was geht es mich an. Das ist übrigens die einfachste Lösung im privaten Bereich, im beruflichen und politischen aber wohl eher nicht. Denn lässt man sich da eine Beleidigung gefallen, finden andere den Mut, es ebenso zu halten. Der erfahrene Macchiavelli stellt fest:

Wer zu Unrecht jemand beleidigt, gibt anderen Anlaß, ihn zu Recht zu beleidigen.

(zitiert nach Aphorismen.de)

Die christliche Ermahnung ist freilich die, die am weitesten führt, wenn man sie denn beherzigen könnte. Denn dann würde Frieden auf Erden möglich sein.

Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.

Das Evangelium nach Lukas (Lk 6,27f), Bergpredigt

Zerreiße die Beleidigungen, mache einen Friedensvogel draus (Schnipsel von Marie Mandarin)

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Früh morgens Tanzen und Schwimmen

Unsere Paneurythmie-Tanzgruppe, die auf acht Frauen angewachsen ist, trifft sich jetzt ein-zweimal in früher Morgenstunde am Strand. Da wirft die Überdachung der Plattform vor dem Hotel noch Schatten, und die Zahl der Badenden ist gering. Als Erstes legen wir mit dort gefundenen und unterwegs gesammelten Steinen und Blüten einen Kreis und in dessen Mitte die Musikquelle, sammeln uns, verbinden uns mit der Erde und dem All, tanzen unsere Runden, machen unser „Familienfoto“ und gehen schwimmen.

Gegen neun Uhr wieder zu Hause frühstücke ich  – meistens einen Becher Natur-Ziegenjoghurt mit Honig, heute zur Abwechslung eine unterwegs beim Bäcker gekaufte warme Bougatsa mit Zimt und Puderzucker. Nach einer Weile werde ich meist müde und lege ich mich noch mal aufs Ohr, um fehlenden Schlaf nachzuholen.

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112 Stufen, 36: Vorwurf (Wilhelm Busch)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Vorwurf“. Legebild mit Schnipseln von Susanne Haun (Detail)

 

Die Welt der Menschen besteht zu großen Teilen aus gegenseitigen Vorwürfen. Sie sind überall. Gelegentlich schauen mich sogar Erde und Himmel vorwurfsvoll an, sei es, weil ich als Mensch an ihrer Zerstörung mitwirke, sei es, weil ich ihre Schönheit nicht ausreichend würdige, sei es, weil ich trotz all ihrer Angebote unzufrieden bin und sie eigentlich mehr Dankbarkeit erwartet hätten…

Vieles könnte ich über den Mechanismus des Vorwurfs schreiben, denn ich habe ihn in unzähligen Therapiestunden erlebt – aber ich habe keine Lust dazu. Stattdessen stelle ich nur eine Frage, die auch eine wissenschaftliche Studie beschäftigte: Ist es ein Beweis für die Schuld des Angeklagten, wenn er lauthals seine Unschuld beteuert? Viele, die einen Vorwurf erheben, und der andere wehrt sich lautstark, sehen darin einen Beweis für seine Schuld, ich aber nicht, denn ich habe schon früh meinen Wilhelm Busch verinnerlicht:

„Laut ertönt sein Wehgeschrei,

denn er fühlt sich schuldenfrei“

 „Max und Moritz“ kann ich auswendig. Doch diese Passage habe ich von wilhelm-busch.de übernommen.

Als die gute Witwe Bolte
Sich von ihrem Schmerz erholte,
Dachte sie so hin und her,
Daß es wohl das beste wär,
Die Verstorbnen, die hienieden
Schon so frühe abgeschieden,
Ganz im stillen und in Ehren
Gut gebraten zu verzehren.
Freilich war die Trauer groß,
Als sie nun so nackt und bloß
Abgerupft am Herde lagen,
Sie, die einst in schönen Tagen
Bald im Hofe, bald im Garten
Lebensfroh im Sande scharrten.

Ach, Frau Bolte weint aufs neu,
Und der Spitz steht auch dabei.
Max und Moritz rochen dieses:
„Schnell aufs Dach gekrochen!“ hieß es.

Durch den Schornstein mit Vergnügen
Sehen sie die Hühner liegen,
Die schon ohne Kopf und Gurgeln
Lieblich in der Pfanne schmurgeln.

Eben geht mit einem Teller
Witwe Bolte in den Keller,

Daß sie von dem Sauerkohle
Eine Portion sich hole,
Wofür sie besonders schwärmt,
Wenn er wieder aufgewärmt.
Unterdessen auf dem Dache
Ist man tätig bei der Sache.
Max hat schon mit Vorbedacht
Eine Angel mitgebracht.

 

 

Schnupdiwup, da wird nach oben
Schon ein Huhn heraufgehoben!
Schnupdiwup, jetzt Numro zwei!
Schnupdiwup, jetzt Numro drei!
Und jetzt kommt noch Numro vier:
Schnupdiwup, dich haben wir!
Zwar der Spitz sah es genau
Und er bellt: Rawau, rawau!

 

 

Aber schon sind sie ganz munter
Fort und von dem Dach herunter.
Na, das wird Spektakel geben,
Denn Frau Bolte kommt soeben;
Angewurzelt stand sie da,
Als sie nach der Pfanne sah.

Alle Hühner waren fort,
„Spitz!“ das war ihr erstes Wort.

„O du Spitz, du Ungetüm!
Aber wart, ich komme ihm!“

 

 

Mit dem Löffel groß und schwer
Geht es über Spitzen her;
Laut ertönt sein Wehgeschrei,
Denn er fühlt sich schuldenfrei.

Max und Moritz im Verstecke
Schnarchen aber an der Hecke.
Und vom ganzen Hühnerschmaus
Guckt nur noch ein Bein heraus.

Dieses war der zweite Streich,
Doch der dritte folgt sogleich.

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Spiegelungen, immer wieder schön

Still und faul lag der Segelhafen in der Mittagshitze da, der Anblick der Boote war der gewohnte, aber ihre Spiegelungen sind immer ein wenig anders und wollten daher auch heute fotografiert werden.

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Archivbild der Woche 6.7.2016: Sommerfarben

Vor neun Jahren an einem Tag wie diesem, am 6/7/2016 also, postete ich das Foto einer sorgfältigen Farb-Studie a la Paul Klee, die ich „Sommerfarben“ nannte. Das Aquarell selbst ist freilich weit älter. Es möge heute als „Archivbild der Woche“, zu dem uns Heide von Puzzleblume aufgefordert hat, noch einmal hier erscheinen.

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112 Stufen, 35: Neid (allerlei Mythen, Friedrich Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Als ich eben Cynthias heutigen Eintrag zu NEID las (hier), dachte ich: dieser „Neid“ klingt ja fast „NIEDlich“ und wird böse erst, wenn er sich mit Mißgunst verbindet. Allein und für sich könnte er ein Stachel sein, um sich mehr anzustrengen und die bisher anerkannten Grenzen des eigenen Wachstums zu sprengen. Nach einer „Todsünde“ klingt das eher nicht.

Dagegen das griechische Wort für Neid, ΦΘΟΝΟΣ (Phthonos), bei dem sich das dumpf zischende Θ/Th (wie im englischen „Thank you“) ins Wort ΦΟΝΟΣ (Mord) eingeschlichen hat. Da ist Neid ein böses, die Eingeweide zerschNEIDendes, mörderisches Gefühl, das erst nach der Vernichtung des Beneideten zur Ruhe kommt. Die erste uns davon erzählte Geschichte ist die von Evas Erstgeborenem Kain, der seinen jüngeren Bruder Abel erschlug.

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.

Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.

Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar;

auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer,

aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.

Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?

Der Bruder wird von mörderischem Neid gegen den Bruder ergriffen, sowie er sich mit diesem vergleicht und dabei den kürzeren zieht. Der Vergleich ist es, der tötet. Auch Götter ermorden Menschen, wenn diese erfolgreich mit ihnen konkurrieren („Neid der Götter“). Mythologische Erzählungen dafür gibts zu Hauf. Vom Unglück der schönen Arachne, die wundervoll weben konnte und mit Athene in einen Wettstreit trat, erzählt Ovid in seinen Metamorphosen (den Text kannst du bei mir hier nachlesen). Auch eine abc-etüde habe ich der schönen Weberin gewidmet (hier), die sich, um dem mörderischen Neid der Athene zu entkommen, aufhängt – vergeblich. sie wird in eine Spinne verwandelt.

Arachne, Detail

Arachne vor ihrer Verwandlung. Gemälde von Nikolaos Gyzi, Ausschnitt, gesehen 2018 in Athen

Noch schauerlicher ist das Martyrium des Marsyas, dem ich auch schon einen Beitrag gewidmet habe (hier): Er, der große Flötenspieler, wird von Apoll persönlich kopfüber aufgehängt und bei lebendigem Leib gehäutet, weil er im musikalischen Wettkampf gleichzog und Apoll das nicht dulden konnte.

Marsyas mit der Pansflöte

Solche Schrecknisse erwartet die Menschen, wenn sie mit den Göttern gleichzuziehen oder sie gar zu übertrumphen versuchen. Für ihre „Hybris“, was wörtlich „Beleidigung“ bedeutet, werden die besonders Begabten und/oder Strebsamen, die sich hohe Ziele setzen, fürchterlich bestraft. Diese Ansicht ist Allgemeingut und erfreut sich bis heute hoher Zustimmung. Akuell: Ich las „Musk, ein verglühender Ikaros“? Die neidische Menschheit reibt sich die Hände, weil dieser Überflieger sich womöglich-hoffentlich die Flügel verbrannte und abstürzt.  Wer war Ikaros? dazu hier.

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Herodot (5. Jh v.Chr) erzählte eine Anekdote zum „Neid der Götter“, die bei den antiken Autoren sehr beliebt war und die Schiller in seiner Ballade „Der Ring des Polykrates“ wortgewaltig ausgemalt hat. Die entscheidenden Zeilen der Ballade weiß ich bis heute auswendig:

Mir grauet vor der Götter Neide,
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.

Doch hatt ich einen teuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
Dem Glück bezahlt ich meine Schuld….

Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun….

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
„So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein,
Die Götter wollen dein Verderben,
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
Und sprachs und schiffte schnell sich ein.

Früh werden wir gewarnt, immer schön bescheiden zu sein. Wer allzu hoch strebt und sein Glück allzu sehr genießt, den strafen die Götter. Auch Polykrates fand ein schreckliches Ende – wie jederman wusste bzw sich zusammenreimen konnte. Herodot erzählt davon: Nachdem Oroites ihn „eines Todes hatte sterben lassen, den ich nicht erzählen mag, hängte er ihn ans Kreuz.“ Recht ist ihm geschehen – dem Glückspilz!

In dem Fall war der Vollstrecker, der Polykrates‘ Glücksserie beendete,  freilich kein Gott, sondern ein verräterischer Vasall. Und so ist es wohl meistens – um nicht zu sagen: in der Regel. Das Ergebnis aber schrieb und schreibt man den Göttern zu. Der „Neid der Götter“ ist – wie so manches andere – eine Projektion menschlicher Eigenschaften an den Himmel, der sich geduldig über uns ausspannt und als Projektionsfläche für all unsere frommen und bitterbösen Gedanken dient.

Die ganze Ballade lautet:

Friedrich Schiller

Der Ring des Polykrates

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir untertänig“,
Begann er zu Ägyptens König,
„Gestehe, daß ich glücklich bin.“

„Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deinesgleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
Doch einer lebt noch, sie zu rächen,
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
So lang des Feindes Auge wacht.“

Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesendet,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
„Laß, Herr! des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar.

Getroffen sank dein Feind vom Speere,
Mich sendet mit der frohen Märe
Dein treuer Feldherr Polydor.“
Und nimmt aus einem schwarzen Becken
Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
Ein wohlbekanntes Haupt hervor.

Der König tritt zurück mit Grauen.
„Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen“,
Versetzt er mit besorgtem Blick.
„Bedenk, auf ungetreuen Wellen,
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen,
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“

Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Reede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen
Kehrt zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.

Der königliche Gast erstaunet:
„Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand.
Der Kreter waffenkundge Scharen
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren,
Schon nahe sind sie diesem Strand.“

Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht mans von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
Von Feindesnot sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg.“

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen:
„Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen,
Doch“, spricht er, „zittr ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide,
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.

Auch mir ist alles wohlgeraten,
Bei allen meinen Herrschertaten
Begleitet mich des Himmels Huld,
Doch hatt ich einen teuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.

Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun.

Und wenns die Götter nicht gewähren,
So acht auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her,
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergetzen,
Das nimm und wirfs in dieses Meer.“

Und jener spricht, von Furcht beweget:
„Von allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinnen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“
Und wirft das Kleinod in die Flut.

Und bei des nächsten Morgens Lichte
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
„Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen,
Dir zum Geschenke bring ich ihn.“

Und als der Koch den Fisch zerteilet,
Kommt er bestürzt herbeigeeilet
Und ruft mit hocherstauntem Blick:
„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
Ihn fand ich in des Fisches Magen,
O, ohne Grenzen ist dein Glück!“

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
„So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein,
Die Götter wollen dein Verderben,
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
Und sprachs und schiffte schnell sich ein.

 

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112 Stufen 34, Wut (Homer)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das erste große Epos von Homer, die Iliada, beginnt mit dem „Zorn des Achill“, im zweiten Epos wird Odysseus durch den „wütenden Poseidon“ zehn Jahre lang übers Meer getrieben. Wut/Zorn ist die Kraft, die die Geschichte in Gang setzt. Das griechische Wort für Zorn ist οργή, (orge), das du in anderen Zusammenhängen kennst – als Orgasmus und Organismus, Organ, organisch und Organisation… Wilhelm Reich entdeckte eine  „Lebenskraft“, die er Orgon nannte.

Achills Zorn lässt sich besänftigen, denn er ist ja nur ein Mensch (nun ja, auch ein Halbgott), die Wut des Gottes Poseidon aber ist unerbittlich, abgrundtief, gefährlich, tödlich. Und was ist der Grund, Anlass oder Auslöser für Poseidons Wut?

Ulisses and the Cyclop

Die Tat eines listenreichen Menschen, Odysseus genannt. Der stach Poseidons Sohn,dem Zyklopen Polyphem (dem „Weitberühmten“),  sein großes leuchtendes kreisförmiges Auge aus und machte sich dann mit seinen Genossen auf die Flucht. Der Schlauberger verbarg seinen Namen – er nannte sich κανένας / niemand, und als Poseidon seinen jammernden Sohn fragte, wer ihn so zugerichtet habe, schrie dieser: „Niemand hat es getan!“

Poseidon aber kennt seine Pappenheimer, und er war sehr sehr ergrimmt, so ergrimmt, wie nur er es vermag. Er, der Erderschütterer, der das Meer in Aufruhr versetzt und die Erde beben lässt, blieb unversöhnlich. Bis zuletzt verfolgte er den beklagenswerten Odysseus. Um zur Ruhe zu kommen, so erzählt man, sei er von Ithaka aufs Festland übergesetzt und so weit gegangen, bis man das Ruder seines Bootes für einen Dreschflegel hielt, weil man noch nie etwas vom Meer gesehen und gehört hatte. Dort hauchte er schließlich seine Seele aus.

Reise

Ich habe diese Geschichte (auf die Gegenwart bezogen) in zwei Legebild-Leporellos erzählt. Bei Interesse findest du sie unter dem Stichwort „Die Heimkehr des Odysseus“.

Natürlich ist Poseidon viel größer, als ihn die Odyssee erscheinen lässt. Seine Wut ist eben nur eine seiner vielen Eigenschaften – freilich seine gefürchtetste.

aus der Ausstellung „Odysseen“ im Archäologischen Nationalmuseum Athen, 2017

 

 

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