„Geh aus, mein Herz“. Bebilderte Kata-Strophen (Sommerpausenetüde)

Zwölf Wörter hat Christiane aus der Lostrommel mit eingesandten Vorschlägen gezogen. Von denen sollen sieben in einer Geschichte Verwendung finden. Es dürfen auch alle zwölf sein. So erklärte uns Spielleiterin Christiane.

Etüdensommerpausenintermezzo 2021 – 7 aus 12 | 365tageasatzaday

Als ich gestern abend im Meere schwamm, kam mir ein Lied in den Sinn, das hat viele viele Stophen. Es singt vom Sommer und von Gottes Gaben, denn der Dichter Paul Gerhardt war ein frommer Mann und lebte zu einer Zeit ((1607–1676), als Gott noch nicht zum toten Mann erklärt worden war. Ich machte mich daran, schwimmend eigene Verse zu schmieden. Viele gingen auf dem Weg vom Meer nach Hause verloren, aber es kamen andere hinterher vagabundiert. Sie haben nicht die edle Form der Vorlage. Das wäre auch zu viel verlangt, denn wir leben in der Postmoderne, wo jede Art von Flickzeug aus alt und neu genehm ist und wo man endlos Sinnvolles und Sinnloses, Erhabenes und Banales aneinanderreimen darf. Oder etwa nicht?

Wenn nicht,  sagen dir vielleicht doch die Bilder zu, die ich aus meinem Archiv gezogen und dazugesetzt habe.

Geh aus, mein Herz

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Vergiss ein Weilchen alles Leid

In das du dich vergraben

Die Welt ist bunt, die Erde rund,

das singt die Amsel, bellt der Hund

willst du nicht Anteil haben?

 

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Zum Winter ist es ja noch weit

Ihr Mädchen und ihr Knaben!

Das Meer es lacht, hat hergebracht

Ne Muschel, schaut nur, welch Pracht!

Im Sand war sie begraben.

 

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Wer drin bleibt, hat es bald bereut

Vergällt die Lebensgeister

Drum schnell hinaus aus deinem Haus

Bist keine Schnecke, keine Maus

Bist Wasserläufer-Meister

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Hör nicht auf sorgenvolle Leut

Die Eigentore schießen

Die Glühwürmchen für teuflisch halten

Und gern mit Fliegenklatschen knallten

Die Unglück froh begrüßen.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Was gestern war, das ist nicht heut

Füll reich das Sommerloch

Mit Lachen, Bummeln, Streit und Singen

Mit Trauben, die zu hoch dir hingen

Kriegst sie am Ende doch!

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Und Heiterkeit, ist Sommerzeit!

Stört dich das Wetterleuchten?

Grollt auch der Donner, unbeirrt

Die Grillen riefen zum Konzert

Bis Schauer sie verscheuchten.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Noch steht der Sommer dir bereit

Mit allen seinen Gaben

Mit Hitze und mit schwerem Regen

Mit Stürmen die durch Bruchwald fegen

Auch Feuer kannst du haben

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Der Himmel lacht, denn er ist weit

Dem Menschentun entrückt

Er lächelt über Dachbegrünung

Genau wie über Meeresdünung

Durch nichts wird er zerstückt

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Vor allem meide jeden Neid

Denn Neid macht niemand heiter

Am Similaungletscher wärst du gern?

Ach lass ihn doch, den werten Herrn

Der kaxelt mühsamst weiter.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Wo immer unterm Himmelsweit

Dein Lager du gebreitet

Der Himmels Bau, sein Sternenmeer

Der Göttersitz von altersher

Hat Schutz uns stets bereitet.

 

 

Herrscht Willkür auch an jenem Thron

Wo Götter Sterblichen den Lohn

Für Lebensleistung zahlen

Was geht’s mich an, mir ist es recht

Denn mir geht’s heute auch nicht schlecht,

muss nicht mit Goldschmuck prahlen.

Geh aus mein Herz und suche Freud

Am liebsten gehst du wohl zu zweit?

Doch geht es auch alleine

Gehst du nicht aus, so gehst du ein

Egal zu zweit oder allein

Auf auf du hast zwei Beine!

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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27 Antworten zu „Geh aus, mein Herz“. Bebilderte Kata-Strophen (Sommerpausenetüde)

  1. Toll gemacht. Da weiß man wirklich nicht was schöner ist, die Realität oder die Legearbeiten. Danke fürs Zeigen, und beste Wünsche für ein schönes Wochenende! LG Michael

    Gefällt 3 Personen

  2. finbarsgift schreibt:

    Großartig. Seeehr beeindruckend liebe Gerda. Form und Inhalt ganz wundervoll 🌟
    Dankeschön für deine feinen Worte und Bilder…
    Herzliche Abendgrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

  3. blaupause7 schreibt:

    Mir haben auch die Bilder sehr gut gefallen – eine richtig schöne Bereicherung des Gedichtes.

    Gefällt 1 Person

  4. Leela schreibt:

    Freude suchen, ein sehr schönes Thema und schön ausgestaltet. Passt auch sehr gut zu unsrem Automechaniker, von dem wir grade zurückkommen. Er strahlt immer. Ein echtes inneres Strahlen und das obwohl er fast Tag und Nacht arbeitet. Er ist ein wahrer Zauberkünstler. Immer findet er, woran es grade hakt. Heute in zwei Sekunden. Seine gute Laune und die Freude, die er ausstrahlt sind ansteckend. Einfach toll. Bei deinen schönen Bildern fiel mir vor allem die Tarotkarte auf. Darf ich fragen, ob da schon wieder weitere entstanden sind oder das Deck vielleicht doch noch fertig wird?

    Gefällt 2 Personen

  5. Christiane schreibt:

    „Geh aus, mein Herz“ rufen mir derzeit viele Litfaßsäulen zu: Es ist die Werbung für das Schleswig-Holstein-Musik-Festival, DAS renommierte Musikfestival hier im Norden. Von daher wandere ich schon einige Zeit mit diesem Aufruf durch die Gegend, und kann dir nur zustimmen. Geht raus, nehmt wahr, genießt, seid achtsam, vernetzt euch, haltet euch an das Leben! 🌳🧡🌼
    Danke auch für die Bebilderung und speziell die Tarotkarte. Deine Bilder sind immer ein Mehrwert.
    Wie schön, dass du mitgemacht hast! 😁🌞❤️
    Herzliche Abendgrüße 😁☁️🌳🌼🍷🥨🧀👍

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ist ja witzig, dass dieses alte schöne Lied nun auch wieder in Hamburg umgeht. Das Musikfestival kenne ich aus alten Tagen, am Jugendmusikfestival am Plöner Schloss durfte ich sogar mal mitmachen (Geige), was zu meinen schönsten Jugenderlebnissen gehört. Wie ich schon schrieb: Die Bebilderung der abc-etüden ist für mich genauso wichtig wie der Text, und ich freu mich, wenn sie gefällt. Du bist ja auch immer bemüht, jeder neuen Etüdenzeit durch die Bebilderung einen besonderen Pfiff zu geben – was dir meistens ausgezeichnet gelingt.

      Gefällt 1 Person

  6. Verwandlerin schreibt:

    Oh ja, Freude, Natur und Sonne sammeln! Tolle Legearbeiten und sehr symphatische Hippiehose! (Habe ja auch einige …)

    Gefällt 1 Person

  7. Gisela Benseler schreibt:

    Auf jeden Fall wunderschöne Bilder, am schönsten das von der Grille, finde ich.

    Gefällt 1 Person

  8. fundevogelnest schreibt:

    Rundum wunderschön.
    Ich mag das alte Lied auch so gerne

    Gefällt 1 Person

  9. Friedrich schreibt:

    Eine gelungene Anregung, mal wieder dieses schöne Lied zu singen – danke!
    Die Collagen gefallen mir sehr.

    Gefällt 1 Person

  10. Geh aus mein herz und suche Freud
    ich glaube, wir kennen es alle, liebe Gerda, aber Deine feinen Verse kannten wir nicht.
    Statt Freud finden wir in diesem Sommer unendlich viel Leid.
    Die Freude muß warten.
    Die Bilder, die Du zwischen die Verse setzt, passen gut und ich mag sie alle sehr.

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