112 Stufen, 49 Leidenschaft (Marie von Ebner-Eschenbach)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Sehr zwiespältig stehen die Dichter den Leidenschaften gegenüber. Sie fürchten sie und sie rufen sie an, als seien es Geister aus der Unterwelt. So dichtete Stefan Zweig in seiner Novelle „Der Amokläufer“ (1922), die 1931 als Volksausgabe im Inselverlag eine Auflage von 150 000 erreichte (und wenig später verbrannt wurde):

Isolde (Hedonie), Luise (Traumwesen), Danai (kniend) und Wilhelm (gestürzt) – Szene aus dem „Kleinen Welttheater“, Legebild

Stefan Zweig

Tu auf dich, Unterwelt der Leidenschaften:
Gestalten ihr, geträumt und doch empfunden,
lasst eure Lippen heiß an meinen haften,
trinkt Blut von Blut und Atem mir vom Munde!

Brecht vor aus euren Zwielichtfinsternissen
und schämt euch nicht der Qual, die euch umschattet!
Wer Liebe liebt, will nicht ihr Leiden missen,
was euch verstört, ists, was mich zu euch gattet.

Nur Leidenschaft, die ihren Abgrund findet,
lässt deine letzte Wesenheit entbrennen,
nur der sich ganz verliert, ist sich gegeben.

So flamm dich auf! Erst wenn du dich entzündet,
wirst du die Welt in deiner Tiefe kennen:
Erst wo Geheimnis wirkt, beginnt das Leben.

Tatsächlich können große Leidenschaften … Krankheiten ohne Hoffnung genannt werden. Was sie heilen könnte, macht sie erst recht gefährlich. So urteilte Goethe (Ottilies Tagebuch in Wahlverwandtschaften, 1809).

Wie Stefan Zweig zur geschilderten Leidenschaft seines Helden stand, kann ich nicht wissen. Genauso wenig weiß ich, ob Goethe mit seiner Heldin Ottilie übereinstimmt, vermute es aber, denn die „Wahlverwandtschaften“ schrieb er als abgeklärter Mann, der den Tollheiten des Werther höchst kritisch gegenüber stand. Ganz anders steht es mit Else Lasker-Schüler (1869 – 1945), die ihre eigenen Leidenschaften unermütlich in großartig-unterweltlichen Bildern vor unserer erstaunten Seele entfaltet.

Else Lasker-Schüler

Sinnenrausch

Dein sünd’ger Mund ist meine Totengruft,
betäubend ist sein süßer Atemduft,
Denn meine Tugenden entschliefen.
Ich trinke sinnberauscht aus seiner Quelle
und sinke willenlos in ihre Tiefen,
verklärten Blickes in die Hölle.

Mein heißer Leib erglüht in seinem Hauch,
er zittert, wie ein junger Rosenstrauch,
geküsst vom warmen Maienregen.
– Ich folge dir ins wilde Land der Sünde
und pflücke Feuerlilien auf den Wegen,
– wenn ich die Heimat auch nicht wiederfinde…

Nun habe ich aber weder Stefan Zweig noch Goethe noch auch Else Lasker-Schüler gewählt, um die Stufe „Leidenschaft“ zu vertreten. Stattdessen wählte ich eine Frau, die, unendlich weit vom unterweltlichen Irrsinn der Leidenschaften entfernt, sich im Leben und in der Dichtung um schönes Gleichmaß bemühte. Soviel ich weiß, fröhnte sie nur einer Leidenschaft: dem Sammeln von Uhren.

Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), wie Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) aus altem Adelsgeschlecht, beschritt ihren eigenen Weg in die Emanzipation und schaffte es schließlich, als „Dichter“ anerkannt zu werden. Schon mit 18 Jahren heiratete sie ihren 15 Jahre älteren Vetter – da blieb für Elses „Sinnenrausch“ nicht viel Raum. Aber sie blieb auch nicht, wie Annette, in der familiären Abhängigkeit stecken. Dafür sorgte sie, indem sie, gegen den Zeitgeist, eine Ausbildung zur Uhrmacherin absolvierte und in ihrer ersten großen Erzählung  „Lotti, die Uhrmacherin“ (1880) ein Handwerk und technische Wunderwerke zu Helden erhob.

Zum Glück ist diese Novelle im Projekt Gutenberg erschienen, und so kann ich euch Fräulein Lotti im Originalton vorstellen, genauso wie sie Marie von Ebner-Eschenbach damals, im Jahr 1880, vor Augen stand. Schon in diesem ersten Abschnitt wird klar, welcher Art Lottis Leidenschaft (und die der Autorin) ist:

Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetieruhr, die an einem zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des altertümlichen, reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechsmal an. Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers, von der Kommode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. – Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! – Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig ich’s an.

Eine kleine Pause – und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück der Repetier-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es gesungen.

Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Konzerte, das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlußgesang beinahe mit eingestimmt, so fröhlich war ihr zumute. An dem Lichte, das durch die herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, daß es heute einen schönen Tag gebe – war das nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen?

Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei mehr, als durchaus nötig war, in den Spiegel zu sehen, denn – sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Äußeres gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, daß ich anderen anders vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich niemand leiden.

Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah – einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier Häusern gebildet; doch war er luftig und hell und gewährte den Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer Vorzug war. Es will etwas heißen, im Herzen der Zivilisation zu wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer und das Studium des Sternenlaufes fast wie ein Chaldäer betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen….

Ja, ja, es liest sich gut, man möchte weiterlesen und nicht aufhören und erfahren, wie diese durchaus unschöne Jungfer ihr Herz gelehrt hat, das Leben auf eine solid-leidenschaftliche Weise zu lieben und ihm eine stabile Basis zu geben, weit stabiler, als es der vorübergehende Sinnesrausch vermag.

Bleistiftzeichnung mit Uhr und Eulen

 

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112 Stufen, 48: Anziehung (Annette von Droste-Hülshoff)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Vorhin zitierte ich Anais Nin: „Die stummen Frauen der Vergangenheit, die sich wortlos hinter ihren unausgesprochenen Gefühlen verbergen, und die Frauen von heute, die ganz in der Aktion aufgehen und den Mann kopieren. Und dazwischen: ich.“  

Waren sie aber alle so wortlos, die Frauen von damals? O nein. Es gab kräftige Stimmen, die in schwachen Körpern und unter schwierigen Familien- und Zeitverhältnissen lebten. Das Handeln war ihnen versagt, nicht aber die Stimme – zumindest nicht vollkommen.

Annette von Drosten-Hülshoff (1797-1848) war eine von diesen Stimmen, die sich beharrlich und gegen Widerstände zu Worte meldete und sich schließlich auch Gehör verschaffte. Berühmt würde sie zu Lebzeiten nicht werden, das war ihr klar, und es kümmerte sie wenig. In „hundert Jahren“ aber, da war sie sich sicher, würde man ihre Dichtung noch lesen.

Hundert Jahre nach ihr lebte Anais Nin, die ohne diese klaren Stimmen früherer Frauen niemals hätte hinaufgelangen können zu ihrer Form der Selbstverwirklichung, in der sie sich distanziert von den Frauen von heute, die ganz in der Aktion aufgehen und den Mann kopieren; und Anais, in den zwanziger Jahren mit ihrer radikalen sexuellen Befreiung, ist wiederum eine Stufe, die uns im folgenden Jahrhundert zu der Stufe weitertrug, auf der wir Heutigen immer noch mit denselben Dämonen um ein selbstverwirklichtes Leben ringen.

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An ***
Kein Wort, und wär’ es scharf wie Stahles Klinge,
Soll trennen, was in tausend Fäden Eins,
So mächtig kein Gedanke, daß er dringe
Vergällend in den Becher reinen Weins;
Das Leben ist so kurz, das Glück so selten,
So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!


Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze,
Auf feindlich starre Pole gleich erhöht,
So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze
Herrscht, König über Alle, der Magnet,
Nicht frägt er ob ihn Fels und Strom gefährde,
Ein Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde.


Blick’ in mein Auge – ist es nicht das deine,
Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?
Du lächelst – und dein Lächeln ist das meine,
An gleicher Lust und gleichen Sinnen reich;
Worüber alle Lippen freundlich scherzen,
Wir fühlen heilger es im eignen Herzen.


Pollux und Castor, – wechselnd Glühn und Bleichen,
Des Einen Licht geraubt dem Andern nur,
Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. –
So reiche mir die Hand, mein Dioskur!
Und mag erneuern sich die holde Mythe,
Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte.

*** Levin Schücking (1814-1883) behauptete, er sei der Addressat dieses Gedichts gewesen, aber das wird heute mit guten Gründen bezweifelt (siehe hier). Es ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich wurscht. Denn es geht im Gedicht ja viel grundsätzlicher um die „Anziehung“ zwischen Mann und Frau. Und die hat diese zarte, kleinwüchsige, durch Zeitumstände, Familientradition und Krankheiten eingeschränkte, aber höchst mutige, klarsichtige Dichterin in überpersönlicher Weise angesprochen: Im Dualismus der Geschlechter lebend, gesellschaftlich auf zwei „starre Pole“ verteilt, gibt es doch eine unwiderstehliche Macht, „König über alle“, „Magnet“, der die Scheidung aufhebt und das Widerstrebende zusammenzwingt. Wenn der „Strahl mitten durchs Herz der Erde fährt“, dann wird der eine zum Zwilling und Spiegelbild des anderen, und anstatt (als Frau oder Mann) zu „gelten“, dürfen wir ganz „sein“. 

Das für mich schönste ihrer Gedichte ist „am Thurme„. Da ist die ganze Sehnsucht nach einer nicht mehr auf die männlich-weiblichen Pole verteilten, sondern in einem freien wilden Sein zusammenklingenden menschlichen Seelenanteile ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht worden.

Am Turme

Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und laß’ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh’ ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht’ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh’ ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen,
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen.

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!

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Geschlechterturm in der Mani

 

zitiert nach wikipedia

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112 Stufen, 47: aufblühen (Anais Nin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Hedonie“, Legebild

Beim Betreten der ersten Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Brücke („erlauben“) habe ich mir erlaubt, an anderes zu denken und anderes zu tun. Beherzt steige ich weiter zur zweiten, oder insgesamt 47. Stufe der Treppe: „Aufblühen“. Da kam mir ein viel zitierter Satz von Anais Nin (1903-1977) ins Gedächtnis. Nicht, dass ich eine großartige Kennerin ihrer Tagebücher wäre – nein. Denn die wurden, wenngleich schon ab 1931 datiert, erstmals ab 1971 auf deutsch ediert – und da war ich schon lange keine Knospe  mehr und brauchte keine Hinweise auf die Notwendigkeit aufzublühen. Ich war in der Lebensphase der jungen berufstätigen Ehefrau und Mutter, deren Hauptsorge war, wie sie das alles unter einen Hut bringen konnte.

Das Zitat kursiert bis heute und hat zahlreiche Frauen motiviert, es zu kommentieren und mit Blumenfotos garniert ins Netz zu stellen.

*

Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko, zu blühen.

*

Nun fand ich ein zweites Zitat (hier: Anais Nin), dem ich viel abgewinne, ohne deshalb wie die Anais leben zu müssen.

»Was ich zu sagen habe, unterscheidet sich von Kunst und Künstlertum. Es ist die Frau, die spricht. Und es ist nicht nur die Frau Anais, vielmehr habe ich für viele Frauen zu sprechen. Während ich mich selbst entdecke, fühle ich, daß ich nur eine von vielen bin … Die stummen Frauen der Vergangenheit, die sich wortlos hinter ihren unausgesprochenen Gefühlen verbergen, und die Frauen von heute, die ganz in der Aktion aufgehen und den Mann kopieren. Und dazwischen: ich.«

„Hedonie“, interviewt von Dora, Legebild auf Gemälde, digital bearbeitet

 

 

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Ausstellung in Yioryitsa’s Backyard, Kardamili: Aufbauen, Eröffnen

Geschafft! Die Ausstellung ist aufgebaut und eröffnet, und geschafft bin auch ich, denn der gestrige Tag war zwar sehr schön, aber auch anstrengend.

Am Morgen schleppte ich die ausgewählten Bilder aus dem Atelier imUntergeschoss ins Auto, dazu auch Badesachen, Kleidung zum Wechseln und andere Dinge, die womöglich nützlich sein könnten. Dann gings in Begleitung meines Mannes los, über die sehr geliebte Gebirgsstrecke ins etwa 60 km entfernte Kardamili. Die Taverne, wo die Ausstellung stattfindet, liegt in einer engen Gasse – keine Zufahrt. Also galt es, die Bilder vom Auto zur Taverne zu schaffen. Diesmal hatte ich Hilfe.

Und nun: hängen. Doch wo? Nägel gabs nur drei, und neue Nägel sollten auch nicht eingeschlagen werden. Die Wirtin ging sehr kundig und sinnvoll vor, trug selbst Bilder herum, und so brachten wir tatsächlich die meisten Bilder unter. Ein paar blieben als Reserve im Stauraum.

Es ist eine schöne Ausstellung geworden – unkonventionell in der Hängung und passend zum Sammelsurium meiner Bilder, die ja aus ganz verschiedenen Epochen stammen. Jedes Bild hat sein eigenes besonderes Umfeld, das sich mit dem Bild zu einer Einheit verbindet. Die Gäste können die Bilder betrachten, haben eins oder das andere im Blickfeld, sind aber zu nichts gezwungen. Sie kommen ja nicht, um Bilder zu betrachten, sondern um sich mit Freunden zu treffen, gut zu speisen und sich zu unterhalten.

Nach dem Hängen – es war inzwischen zwei Uhr und sommerlich heiß – wollten wir zurück nach Haus fahren, um uns vor der abendlichen Eröffnung auszuruhen. Doch auf dem Weg zum Auto trafen wir einen alten Bekannten, ehemals Prof in Australien, jetzt Betreiber eines kleinen ökologischen Ladens, kamen ins Gespräch und landeten schließlich in seinem Gästezimmer, um dort unsere Siesta zu halten. Eine zauberhafte Wohnung von konsequenter Einfachheit.

Nach der Siesta ging ich schwimmen, duschte, und dann tranken wir noch einen Kaffee auf dem Dorfplatz, gleich neben dem Springbrunnen, der uns und einer Ringeltaube ein wenig Kühlung schenkte.

Dann noch mal umziehen (das Kleid stammt aus einer fair-trade-Fabrik in Nordindien, eine Freundin handelte mit diesen Sachen) und ab zur Ausstellung. Wir setzten uns an einen Tisch in der Gasse und aßen ausgezeichnet. Ein befreundetes Paar kam mit seinen zwei Hunden vorbei, und so war auch für Unterhaltung gesorgt.

Die eigentlich geplante Vorstellung und kleine Ansprache entfiel – vermutlich war zu viel Arbeit in der Küche -, so dass die Idee hinter der Ausstellung nicht erwähnt wurde. Egal. Ich freue mich, dass meine Bilder eine so freundliche Aufnahme gefunden haben und nun für zehn Tage das Licht der Sonne und der elektrischen Beleuchtung auf sie fällt.

Noch ein letztes Abschiedsfoto, und zurück gings über die nächtlichen Berge.

Das wars erst mal. Mal sehen, was sich noch ergibt.

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Portraitieren in der Galerie, Kalamata

Unsere Zeichengruppe traf sich heute anlässlich einer Fotoausstellung eines befreundeten Fotografen in der ausgezeichneten Galerie a49 in Kalamata, um nach Modell zu zeichnen. Als erstes beschaute ich mir die Ausstellung mit eindruckvollen Portrait- und Milieustudien des Fotokünstlers Manolis Jannios.  Obgleich er sich nur im Rollstuhl fortbewegen kann, ist er voll ins Kunstleben der Stadt integriert. Das Portraitfoto zeigt die Galeristin.

Dann machte ich ein paar Lockerungsübungen mit Bleistift im Blog. Niemand saß Modell, also zeichnete ich die anderen Zeichner.

Schließlich begriff ich, dass es in dieser locker unorganisierten Weise weitergehen würde, und setzte das Zeichnen mit Kohle auf großem Zeichenkarton fort. Die drei ersten merkten nichts davon, dass ich sie zeichnete. Die Vierte saß zwar Modell, doch bewegte sie sich nach Belieben und unterhielt sich, was beim Portraitieren eine ziemliche Herausforderung ist.

Es hat mir Freude gemacht, aber ich bin nun doch ziemlich erschöpft. Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, zumal es meinen Ruf als Zeichnerin in diesem erweiterten Kreis von Künstlern und Kunstbeflissenen gefördert hat. Morgen muss ich nun meine eigene Ausstellung in Kardamili aufbauen, am Abend ist die Eröffnung. Da werde ich kaum zum Bloggen kommen.

 

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112 Stufen: die ersten drei Treppenabsätze im Rückblick, 46 erlauben

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Diesen dritten Abschnitt der Holsteiner Treppe hinaufzusteigen, fand ich wegen der vielen negativen Konotationen beschwerlich, und ich erlaube mir ein Päuschen, um Atem zu schöpfen und zurückzuschauen, was ich da hinter mir gelassen habe, bevor ich mich wieder dem Aufstieg zuwende.

Zeitlich spannt sich der Bogen erneut von Homer bis zur Gegenwart. Dabei nehme ich oft einen politischen Blickwinkel ein. Ich bin eben das, was Aristoteles ein zoon politikon nannte – ein Lebenwesen/Tier, das ohne Polis/Gemeinschaft nicht existenzfähig wäre und sich dessen in jedem Augenblick bewusst ist. Ich glaube, das ist so, seit ich denken kann.

Dieses Mal habe ich hinter den Namen des Autors ein „Stichwort“ geschrieben, um mich zu erinnern, worum es bei der jeweiligen Stufe ging.

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma (selbst „Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, „Verliebtheit“) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „Unschuldig“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, „Poseidon“) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel) – 28 friedlich (Bertold Brecht) – 27 beruhigen (Natur) – 26 Freude (Friedrich Schiller) – 25 Verbot (Anatole France) – 24 wappnen (Martin Luther) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh) – 22 Zorn (Roman Herzog/Georg Trakl) – 21 Begeisterung (Hegel) – 20 Bruder (Karl König) – 19 Nähe (Christian Morgenstern) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz) – 17 Lachen (Günter Grass) – 16 Sprechen (Schiller) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch, Leo Tolstoi, Matthäus) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt) – 13 beschützen (Hermann Hesse) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe) – 10 Familie (David Cooper) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium) – 8 Angst (Mascha Kaléko) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche) – 6 Heimat (Theodor Fontane) – 5 Liebkosen (Leo Tolstoi) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky) – 2 Streicheln (John Steinbeck) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe).

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112 Stufen, 45: Achtung! (Gerda Kazakou)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Bei „Achtung“ fiel mir als erstes das gedoppelte „Achtung! Achtung!“ ein, gefolgt von „hier spricht die Polizei“, das mir als Kind immer ein wenig schaurig in den Ohren klang. Neuerdings aber wird uns auch das andere aus Wehrmachtszeiten bestbekannte „Achtung! Augen rechts! Gewehr über!“ wieder vorexerziert, und zwar an Orten, wo ich es nicht zu hören wünschte.  Ich hörte das menschliche Bellen bei der Parade der in Litauen installierten deutschen Brigade und mich schauderte.

Und mir fiel ein Text ein („Jetzt trommeln sie wieder!“), den ich 2015  (hier) vorahnend schrieb und der heute für das Wort „Achtung“ stehen mag. Achtung! Aufgepasst! Lasst euch nicht ein weiteres mal wie die dressierten Affen in einen Krieg mit den Nachbarn schicken! Achtung vor den Toten!  Achtung vor den Gefühlen und Erinnerungen der damals überfallenen Völker! Achtung! Fürchtet euch!

the descent of the drummers

Sie kommen von ihren Höhen herab und trommeln, und wer ihre Trommeln hört, kann nicht anders: Er muss tanzen. Sag JA, rufen die Trommeln, sag NEIN, sag JA, sag NEIN! – Der Rhythmus der Trommeln, er geht dir ins Blut. Tanz!

Wer sind sie, die Trommler? Wer kommt da herab aus den Höhen und trommelt? Hast du ihnen ins Gesicht gesehen? Hast du sie nach ihrer Herkunft gefragt? Ach was! Tanz! Sag JA!, Sag NEIN! Sag JA! Sag NEIN! Tanz! Tanz in ihrem Rhythmus, tanz!

Doch was ist das? Was geschieht da, mit ihnen, mit uns?

Ein Wind geht durch die flüchtigen Gestalten, der Wind der Geschichte!

Das sind die Trommler, die uns zum Tanz riefen? fragen erschrocken die Tänzer. Doch es ist schon zu spät. Zu spät.

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Ausstellen in Kardamili

Es galt, ein paar Hindernisse wegzuräumen, aber nun gehts los, und alles muss sofort geschehen. Eben machte ich ein i-Plakat, das ich euch nicht vorenthalten will. Ich habe es bereits an meine Freundinnenund Bekannten verschickt. Am Freitag werde ich die Ausstellung aufbauen, ab Sonntag dann auch noch einen Workshop mit Kindern machen.

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Hellow!

Müde winkt Lin von seinem Lieblingsplatz in die Runde.

Für Weiteres war es zu heiß. Ich ging ans Meer, um mich abzukühlen und zu schwimmen, bin eben zurückgekommen.

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Dienstagsdrabbel: damals (närrische Kata-strophen)

Heute gilt es, für das Puzzle-Drabble die drei Wörter  Musiknarr – betreten – wenigstens in einem Text von genau 100 Wörtern unterzubringen. Wie ich so überlege, fällt mir Doras Begeisterung für zwei Stockpuppen ein („Hihi, ja!“ schreit Dora und reißt sie mir aus der Hand. „Ich führe sie mal spazieren, während du dich um deinen Besucher kümmerst!“ Und weg ist sie.) Sie führte damit einen Dialog am Meeresstrand auf. während sich der Blumennarr davonschlich. Jedenfalls behauptete sie das. … War’s so? War es anders? Ich weiß es nicht. Ich war ja nicht dabei. Auch hörte ich nicht, welche Reden die Puppen miteinander austauschten. siehe hier ) Weiterlesen

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