Wozu reisen? tönt es aus deutschen Landen. Eben noch Weltmeister im Reisen*, lese ich dieser Tage, auch bei manchen von euch, dass die Herumreiserei ja eigentlich recht sinnlos sei, ja geradezu eine Plage, da sie die Umwelt belaste und die Sitten verderbe. Man tue besser vdaran, zu Hause zu bleiben und seinen kleinen Kreis zu pflegen.
Natürlich frage ich mich, ob es sich bei diesem plötzlichen Umdenken um eine tiefgreifende Einsicht oder nur um eine oberflächliche Anpassung an Corona-bedingte Misshelligkeiten und Gefahren handelt. Etwa nach dem Motto des Fuchses, der die unerreichbaren Trauben sowieso zu sauer findet.
Jedenfalls erinnert es mich an einen anderen Reisemüden: Gottfried Benn und sein Gedicht „Reisen“. Er veröffentlichte es 1950. Anstatt nun eine Interpretation des Gedichts zu versuchen, habe ich eine Text-Foto-Zeichnungs-Collage gemacht. Wer darüber hinaus eine Einordnung des Gedichts sucht, kann zB diese Interpretation lesen.

„Meinen Sie, aus Habana, weiß und hibiskusrot, bräche ein ewiges Manna für Ihre Wüstennot?“ (G. Benn)
Das Selbstportrait zeichnete ich vor vielen Jahren, und auch das eingeblendete tanzende Mädchen stammt aus einer früheren Zeit (Kuba, 2006).
*Statistika: „Die Deutschen reisen gerne und viel. Mit rund 55 Millionen Personen, die eine Reise von mindestens fünf Tagen unternommen haben, lag die Zahl der Urlaubsreisenden in Deutschland im Jahr 2019 so hoch wie nie zuvor. Dabei kamen sie auf rund 70,1 Millionen Urlaubsreisen. Insgesamt gaben die Deutschen im Jahr 2019 rund 73,1 Milliarden Euro für ihre Urlaubsreisen aus“.














































Ule: „Abweisend wirken die Gebäude auf mich, befestigt und verschlossen.
An das Erdbeben 86 habe ich gar keine Erinnerung…..“
Ich: „Danke, Ule. Das Erdbeben von 1986 hat bleibende Schäden hinterlassen — aber natürlich hat die Welt seither so viele andere Katastrophen erlebt, dass sich nur noch die Hiesigen daran erinnern.-
Den stehen gebliebenen Gemäuern fehlt der Charme der Bewohntheit, dazu die winzigen Armeleute-Anbauten und die überragenden unfertigen Neubauten. Dass manches nicht zuende gebaut wurde, liegt an der Krise, die Mensch und Land seit mehr als 10 Jahren plagt (Finanzkrise in Amerika, IMF, „Hilfspakete“ der EU und Folgen). Und nun ein erneuter Einbruch des BSP von über 10 %, aber das Licht, das Meer und die Art der Menschen lassen es einen leicht vergessen.“
Ule: „Ja, Europa hat Griechenland prima geholfen, das muss man sagen. Deine ruinenhaften Gebäudefotos könnten für die Wirkungen dieser Unterstützung gut als Symbol dienen. Vielleicht könntest du noch ein paar Heuschrecken hineinmontieren?“
Ich: „Eine ausgezeichnete Idee, liebe Ule! Werde ich gleich mal machen…..“
Ule bezieht sich hier auf einen Heuschrecken-Beitrag, den ich 2015 zuerst veröffentlichte und der aktueller denn je ist. Nicht nur Griechenland – auch Deutschland, ja die ganze Welt wird von einer Heuschreckenplage heimgesucht. Die schweren wirtschaftlichen Einbrüche im Gefolge der Shutdowns haben ideale Bedingungen für Hedge-Fonds und Geierfonds („Heuschrecken“*) geschaffen, um all die Unternehmen, die eben noch prächtig gediehen, nun aber mit dem Rücken zur Wand stehen, für lächerliche Beträge aufzukaufen, auszuweiden und weiterzuziehen.
*„Der Begriff Heuschreckendebatte wurde im April und Mai 2005 geprägt. Auslöser war eine Äußerung des damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Münterfering. Er verglich das Verhalten mancher anonymer Investoren mit Heuschreckenplagen. Heuschrecken gelten im deutschen politischen Sprachgebrauch seitdem als eine abwertende Tiermetapher für Private-Equity-Gesellschaften und andere Formen der Kapitalbeteiligung mit mutmaßlich zu kurzfristigen oder überzogenen Renditeerwartungen, wie Hedge-Fonds oder sogenannte Geierfonds.“
Wie sagte Münterfering der BILD-Zeitung?
„Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten – sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter.“