Diese Etüde schrieb ich sozusagen auf dem letzten Loch pfeifend für Christianes Etüdensommerpausenintermezzo.
Zu bedienen waren sieben von zwölf Wörtern, als da wären:
Apfelkompott, Dürre, Gitarre, Häkeljacke, Hühnergott, Johanniskraut, Kugelfisch, Malheur, Schaumkrone, Sense, Stallknecht, Wasserflasche.
Tanz ums Sommerloch. Kata-strophischer Dialog mit einem Hühnergott.
Frau:
„Och, ein Loch!
das fehlte noch!
Die Leinwand, schau.
sie hat ein Loch!“
*

„Was schreist du, Frau?
So freu dich doch!
Was ist ne Leinwand ohne Loch?!
Weißt du nicht, dass das Loch das Tor
zum Weltruhm war schon lang bevor
du dieses hier und jetzt entdeckt?“
*
„Herrjeh, was hast du mich erschreckt!
Was kommentierst du mein Malheur?
Wer spricht da, wo bist du versteckt?
Komm raus, du weißt, dass mein Gehör
nicht mehr so gut ist wie’s mal war.
Und auch die Augen trübt der Star.
Am Ende täuschen mich die Sinne
Ιst möglich, dass ich auch schon spinne….“
*
„Du bist noch ganz gut bei Verstand,
Komm her und nimm mich in die Hand
So können wir ein bisschen plauschen
und über Löcher uns austauschen.“
*
„Ach, du bist es, Herr Hühnergott?!“

„Wer sonst? Etwa der Apfelkompott?
Zwar Löcher gruben sich die Maden
durch Äpfel auf verschlungnen Pfaden
bevor sie zu dem Mus verkocht.
Die Äpfel waren schön durchlocht.
Der Kompott aber hat verloren
weshalb die Äpfel auserkoren.“

„Wohl wahr, ein Kompott bist du nicht
du hast ein anderes Gewicht.“
„Ganz recht, Madame, ich bin gewichtig
nichtsdestotrotz zugleich durchsichtig
das macht das Loch in meiner Stirn
Das funktioniert alswie ein Hirn
und auch zugleich alswie ein Auge,
mit dem ich Wissenswertes sauge.“
*
„Und was wär das? Was wäre wert zu wissen?
was möchtest du auf keinen Fall vermissen?“
*
„Zum Beispiel deine Häkeljacke, die du leider
nicht gerne trägst, jetzt trägst du lieber Kleider.
Doch trugst du sie, als du IHM einst begegnet.
Sie ist mit schönen Löchern reich gesegnet.
Sie kleidet dich und lässt durchblicken
was selbst mein steinern Herze tät entzücken.
Sehr gerne hab ich auch das Instrument
das ihr Gitarre oder Geige nennt.
Es hat ein Schallloch, und ist innen hohl.
Warum klingt es, was meinst du wohl?
Wär es kompakt, könnt es dann klingen?
Und du, ganz ohne Loch, wie willst du singen?
Ganz ohne Loch, wie willst du lieben?
Wo wär die Menschheit ohne Loch geblieben?“
*
„Schon gut, schon gut, ich habe dich verstanden.
Du findest gut, wo Löcher sind vorhanden
und findest traurig, wo die Löcher fehlen.
Da staune ich, das will ich nicht verhehlen.
So wär der Stallknecht mit dem Loch im Wamse
mehr wert als seine Herrin die Madamse?
Und hat ein Loch die Wasserflasche
und ist zerlöchert meine Umhängtasche
dann sind sie wertvoll, dann sind sie komplett?
Meinst du es so? Erklärs mir, sei so nett.“
„Ich seufze. Dein Verstand ist mürbe.
Mich wunderts nicht, wenn er bald ganz erstürbe.
Die Flasche, gute Frau, die hat ein Loch
und hält das Wasser, das dadrinnen, doch!
Das ist, weil sie ums Loch herum gebaut
Dem Loche wird das Wasser anvertraut.
Der Stallknecht hat nen Loch zwar in dem Wamse
doch ein viel bessres Loch hat die Madamse.
Und deine Tasche, nun, sie ist entzwei
Ein Löchlein mehr, das ist schon einerlei.“
„So, ja, das stimmt, doch sag mir bitte
wieso das Loch in meinem Bild
das Tor zum Ruhm ist“ – „Solche Schnitte
die machten mal auf einen Streich
den armen Lucio Fontana reich!
Wie sprach er, als man ihn befragte?
War es nicht klug, was er da sagte?
„Meine Entdeckung ist das Loch,
Nun kann ich beruhigt sterben.“ (hier)
Er machte Löcher
noch und nöcher
Und starb dann auch
wie’s Menschenbrauch.

Lucio Fontana
„Schon schon, mein Lieber, das mag stimmen
doch ist nicht jedes Loch sich gleich
es gibt die guten und die schlimmen
Ein Loch macht arm, das andre reich.
Ein Loch bringt Leben, eins Verdruss,
eins bringt den Tod und dann ist Schluss.
Gerda Kazakou
„