Kaffeebecher, Händy, Buch – dem Beliebigen eine Ordnung geben (tägliches Zeichnen)

Immer noch bemühe ich mich, täglich ein wenig zu zeichnen, um nicht aus der Übung zu kommen. Und immer hilft es mir auch, meine Gedanken zu ordnen.

Diesmal skizzierte ich zweimal auf gegenüberliegenden Seiten dasselbe einfache Motiv: Kaffeebecher, Buch, Handy mit Kabel auf dem Couchtisch.

Die erste Zeichnung beschränkt sich auf die Umrisse der Gegenstände und Schatten…

die zweite führt Hell-Dunkel-Kontraste und Oberflächenstrukturen aus und bezieht auch die anderen in den Bildausschnitt hineinragenden Dinge – Obstschale, Teppich – mit ein. Dies Einbeziehen ist mir wichtig, denn es erinnert mich daran, dass die Welt nicht mit dem gerade ins Auge gefassten Bildausschnitt endet, sondern immer weitergeht.  Jeder Ausschnitt aus dem Weltganzen ist ein Willkürakt. Doch wenn ein Ausschnitt einmal gewählt ist, folgt er eigenen Gesetzen, was die Komposition, insbesondere die Gewichtungen von Formen, Licht und Dunkelheiten auf der Fläche betrifft.

In der Zeichnung strebt alles nach Verbindung und Ausgleich, und zwar schon deshalb, weil es sich auf einer begrenzten Fläche arrangieren muss. Ein „Ding“ mag nicht ohne das andere sein, eine Helligkeit nicht ohne das Dunkle, ein Rundes nicht ohne das Eckige, ein Kompaktes nicht ohne das Feingliedrige.

In der fotografischen Wiedergabe dieses Realitätsausschnitts (das Handy fehlt, weil ich es zum Fotografieren brauchte) gibt es diese Qualitäten der Komposition nicht. Da herrscht Beliebigkeit. Bestreben des Zeichners ist es, das Beliebige zu strukturieren und das Unterschiedliche, ohne es zu mindern, zum Ausgleich zu bringen.

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kuriositäten (geschnitzte Tür, gedrehter Baumstumpf, augenlose Heilige, Kalbsschaf.)

Heute machten wir einen Spaziergang in unserem Zentraldorf Kampos. Ich habe schon öfter von diesem lebendigen Bauerndorf berichtet, zum Beispiel hier und hier oder auch hier. Immer kann man Neues und Berkenswertes entdecken, etwa eine Tür, die schon bessere Zeiten gesehen hat.

Ich vermute, dass sie ursprünglich gar nicht zu diesem Haus gehörte, sondern hier eingesetzt wurde, um die Türöffnung der Ruine zu verschließen. Jedenfalls ist der Türsturz geradezu prächtig ausgestaltet.

Oder einen Baum, der sich aus einer Mauer herausgewunden hat, aber dann doch nicht überlebte.

Das Kirchlein des Hl Johannes, das mit einem Felsen zu einer Einheit verschmolzen ist, wollte ich unseren Besuchern zeigen.

Das Kirchlein auf dem Felsen

Wir konnten sogar rein und die Reste der Wandfresken mit den Heiligen, denen meistens die Augen fehlen, in Ruhe anschauen.

Warum die Augen fehlen? Darüber hörte ich zwei Theorien: die eine sagt, es seien die Türken gewesen. Die andere sagt, es waren fromme Gläubige, die die Augen rausschnitten, um sie als Amulett zu tragen. Ich vermute, im vorliegnden Fall waren es letztere, denn die Augen sind sehr sorgfältig und glatt herausgeschnitten und nicht, wie es in vielen christlichen Kirchen geschah, zerkratzt und wüst zerstochen.  Von den vielen Heiligen wurde nur einer  verschont.

Im Hof des Kirchleins roch es stark nach Schafen. Und da kamen sie auch schon an, traten von ihren Weiden herein in ihren Stall. Aber was waren das nur für merkwürdige Gestalten? Wir rätselten; ein Kalbsschaf? Als ich mich näherte, drehte das Tier mir den Kopf zu und sah mich mit einem riesigen Schafskopf an. Der Körper aber, ich kann mir nicht helfen, ist doch eher der einer irgendwie missratenen Kuh. Da es einen Euter hat, kann es trotz seiner gewaltigen Größe kein Widder sein….

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Regen!!

Gestern donnerte es ein wenig und regnete dann fünf Minuten lang. Glückselig zückte ich mein Handy und fotografierte die Tropfen, die an der Fenstertür des Ateliers herunterrannen, und den Olivenbaum, der das lang entbehrte Nass aufsaugte.

Danach klarte es schnell wieder auf, und der Boden war trocken und rissig wie zuvor. Heute aber wiederholte sich das Schauspiel, und diesmal war es ein ordentliches Gewitter mit tüchtigem Regen, der nicht nur die Erde durchdrang, sondern sogar Pfützen hinterließ, in denen sich der orange Abendhimmel spiegelte.

Man brauchte sich nur ein wenig zu bücken, um sie ins Bild zu bringen.

Die Wolken lösten sich nicht gleich wieder auf, sondern blieben als feuchte Masse über uns hängen.

Ein Spaziergang mit unseren Besuchern durch die nach Bergtee duftende Natur komplettierte das Regenvergnügen.

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Doppelt gestreifte Theo (kleine Beobachtungen)

Theo ist eine goldgelbe getigerte Katze. Als sie mich gestern zusammen mit zwei Kumpaninnen auf der Turmterrasse besuchte, legte sie sich dekorativ in den Schatten, den das Geländer auf die Fliesen malte.

Die Schatten zeichneten sich nun nicht mehr wie zuvor flach auf den Fliesen und dem steinernen Treppenaufgang ab …

sondern nahmen einen Umweg über den Katzenpelz. Reizvoll finde ich, wie die Gitterschatten nun den runden dreidimensionalen Körper der Katze nachzeichnen und sogar den aufgerichteten Kopf mit ins Gemälde einbeziehen, der sich hell vom Schattenbereich des Treppenaufgangs abhebt. 

Dass ihr Tigermuster quer zum Schattenmuster verläuft, bringt weitere wittzige Effekte hervor.

Theo hat übrigens Junge, wie man an ihrem Bäuchlein sieht. Vorgestellt hat sie sie mir noch nicht.

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Besucherin

Wir haben grad liebe Besucher, und so komme ich nicht viel zum Bloggen. Ich freue mich, dass sich jetzt, am späten Abend, noch eine nichtmenschliche Besucherin gemeldet und an den oberen Rand meines Computers gesetzt hat, um sich in aller Ruhe von mir ablichten zu lassen. Sie möge die anderen Besucher hier stellvertreten.

Sie sieht aus wie ein Heupferdchen, finde ich, aber ich lasse mich gern belehren. Der lange Legestachel weist es als Weibchen aus.

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tägliches Zeichen: Keramiktopf, Eule und Horn

Kürzlich habe ich ihn schon einmal mit Kohle gezeichnet: den Tontopf mit den aufgemalten Spiralmustern.

Es ist eine der wenigen Keramikarbeiten, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich hebe normalerweise allerlei Krimskrams darin auf. Beim Aufräumen fiel sie mir in die Hände, ich leerte sie und stellte sie auf mein Bord.

Heute machte ich eine zweite Skizze, diesmal mit Kugelschreiber. Da sich eine Pelzeule, ein Horn und eine Kohleportrait im Bildausschnitt befanden, zeichnete ich auch die.

Und noch ein zweiter Anlauf. Diesmal nahm ich das ganze Portrait mit ins Bild, aber es gefiel mir nicht, ich schnitt es ab.

Schöne Zeiten waren das, als ich noch Portraits zeichnete! Aber nun, alles hat eben seine Zeit….

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Sonnenaufgang am 22. August in der Mani (kleine Beobachtungen)

Es ist Viertel vor sieben Sommerzeit (also eigentlich 5.45Uhr). Himmel und Meer bilden noch eine fast ununterscheidbare dunstige Einheit. Ein weiterer heißer Tag kündigt sich an.

Etwas besorgt schaue ich hinüber zu den Ausläufern des Taygetos, über denen schmutzig rötliche Schleier treiben – wie Rauch. Aber es sind wohl nur die Ausdünstungen der erhitzten Erde.

Hinter dem Gebirge bereitet die Sonne ihr Erscheinen vor….

und erscheint. Das Handy kann dem heftigen Strahlen beim Zoomen nicht standhalten und versetzt den Focus.

Noch werden Land und Meer kaum von den Strahlen berührt.

Das Olivgrün verfärbt sich golden. Auf dem hölzernen Gartentisch schläft der Sonnenkater, der uns gerne besucht. Siehst du ihn?

Na, hier habe ich ihn herangezoomt. Die Blätter gehören zum Aprikosenbaum.

Ich sehe meinen Schatten auf die Wipfel der Oliven fallen, auch unser Turm hinterlässt dort seine Schattenform. Im Schatten haben die Olivenblätter die bekannte Farbe olivgrün, im Licht sind sie golden.

Die Sonne ist aufgegangen. Ein weiterer glutheißer Tag beginnt.

Für mich bedeutet das: im Haus bleiben, bis die Sonne sich wieder zum Gehen entschließt. Und dann werde ich, wenn alles seinen gewohnten Gang geht, im Meer schwimmen, wie jeden Abend.

 

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Grashalm-Hartung als Fotobearbeitungen

Noch in Gedanken bei Hans Hartungs Malerei, die mir heute Nacht in den Sinn kam, nahm ich auf meinem Spaziergang einen verblühten Grashalm mit nach Hause.  Er schien mir den zarteren gestischen Bildern von Hartung verwandt.

Zum Vergleich

auch anderen Werken mit feinerem Lineament (hier), auf die Copyright besteht.

Ich suchte einen passenden Hintergrund, um den Halm zu fotografieren, fand schließlich den schwarzen runden Tisch (obiges Foto, nachgeschwärzt) und die einheitliche Fläche des ausgeschalteten Fernsehers am besten geeignet.

So einheitlich wie ich dachte war der Screen dann doch nicht, sondern sehr belebt durch eine Menge Spiegelungen.

Ich machte mich dann an die Arbeit, mithilfe der wenigen Mittel, die mein uralter Fotoshop mir anbietet, ein paar neue Bilder zu schaffen.

Ausgangsfoto 1 und Abwandlungen:

Ausgangsfoto 2 und Abwandlungen

 

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Mit Hans Hartung träumen (kleine Beobachtungen)

Als ich heute Nacht draußen unter dem Moskitonetz lag, während die Lampe über der Tür noch brannte, meinte ich, ein Bild von Hans Hartung zu sehen.

Hartung ist zwar nicht so berühmt wie Paul Klee und El Greco, über deren Einfluss auf meine Sehgewohnheiten ich kürzlich berichtete („Mit Paul Klee sehen“ und „El-Greco-Wolken mit Mondaufgang“), aber seine breiten dunklen Pinselstriche haben sich mir ebenfalls tief eingeprägt. Wenn du Hartung nicht kennst, schau mal hier bei Maler des Informell. Die dortigen Beispiele enthalten natürlich auch viele andere Bilder von Hartung, die mich weniger interessieren. Für mich bleibt er der Künstler, der sich mit seinen breiten Pinselstrichen in mein motorisches Nervensystem eingegraben hat, so dass ich oft Lust bekomme, selbst mit einem Riesenpinsel über weite leere Flächen zu fahren, und sei es auch nur im Traum.

Untitled - Hans Hartung

Hans Hartung, gefunden bei Wikiart

Mein Moskitonetz mit den langen auslaufenden Faltungen regt den Pinseltraum sogar noch stärker an als die Reproduktion eines Hartung-Bildes, zumal das durchscheinende Blau des Parallelogramms einen fein kontrastierenden Grund bildet.

Noch ein Beispiel von Hartung aus dem Städelmuseum in Frankfurt, das ich letztes Jahr dort aufnahm.

 

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Wanzen-Geometrie (kleine Beobachtungen)

Rund oder eckig? Der Wanze dürfte die Geometrie, über die sie wandert, recht gleichgültig sein. Diesen Eindruck vermittelte sie mir jedenfalls, als ich sie zuerst am Fuße der batteriebetriebenen Tischlampe, dann am senkrechten Stab und schließlich am Rande des erleuchteten Schirms wandern sah.

Warum sie dort wanderte? Es muss wohl die Anziehungskraft des Lichts sein, die auch dieses Tier empfindet. Oder ist es die Wärme? Nun, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dieser gepanzerte Kerl, der mir immer wie ein altertümlicher Krieger von einem anderen Stern vorkommt, auch gern auf meinem Computerschirm rumwandert. Wo noch? Woher soll ich das wissen? 

Ihre Heim- und Brutstätte fanden die Wanzen in den zahlreichen Öffnungen in den Ziegelsteinen auf den Fensterbrüstungen, bis ich dahinter kam und sie rauswarf. Seither hält sich die Zahl der Besucher in Grenzen. Ich mag sie nur, solange sie mir nicht ins Kleid krabbeln. Dann muss ich sie entfernen, und zwar möglichst rasch, so dass sie keine Zeit haben, mich mit ihrer Drüse zu bespritzen.

 

 

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